Christus spricht: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen."

Andacht über Johannes 6,37 zum Jahreslbeginn 2022 im EOK am 11.01.2022

Liebe Hausgemeinde!
Warum ich meine Kirche liebe? Weil sie ein Haus mit vielen Wohnungen ist, durch das immerzu ein frischer Heiliger Geist weht. Wie eine gute französische Concierge weiß er über fast alles Bescheid, ist da, wenn man ihn braucht, hält sich aber sonst freundlich zurück und respektiert die Freiheit der Mitbewohnerinnen und -bewohner. Ständig ist er unterwegs, um die Türen zum Haus und zwischen den Wohnungen offen zu halten und Verbindungen zwischen den Menschen zu knüpfen.
 
I
 
Gerade in diesen Corona-Zeiten kennen wir die anderen Geschichten: Tür zu, jeder und jede für sich. Die Abgrenzungen nehmen zu. Nicht nur wegen des Virus, sondern weil die Anspannung steigt und die Unsicherheit wächst. Die Briefe und Mails, die ich bekomme, werden polemischer, härter. Wer anderer Meinung, wer anders ist, gehört nicht dazu, soll draußen bleiben.
 
Dagegen setzt die Jahreslosung ein doppeltes Zeichen. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, nicht hinausstoßen.“
 
  1. Jesus hält die Tür offen und respektiert zugleich meine Freiheit, draußen zu bleiben. Er drängt sich nicht auf, sondern signalisiert: „Du kannst gerne kommen.“

  2. Jesus schließt nicht ab, so dass die, die draußen sind, draußen bleiben. Er lacht nicht mit den anderen über den Außenseiter, weil er zur Mehrheit gehören will. Er hält die Tür offen: „Wer zu mir kommt, kann eintreten. Er muss sich keine Sorgen machen, was ich mit dem mache, was er mitbringt, was sie mir anvertraut. Wer zu mir kommt, kann sich auf mich verlassen.“
II
 
Wer eintritt, erlebt eine andere, eine neue Welt: Eine Welt, in der alle Geschlechter und Altersgruppen, Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, verschiedenen körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten und Belastungen, unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen an einen Tisch geladen sind. Sie teilen, was sie haben, unter dem Segen Gottes – und alle werden satt. Sie reden und lachen, sie streiten und versöhnen sich. Sie nehmen einander in den Arm (das geht, trotz Corona-Virus). Sie haben ein besonderes Auge auf die, die traurig sind und die es schwer haben mit sich und anderen. An diesem Tisch möchte ich auch sitzen.
 
III
 
Die Tür ist schon offen, aber ich stehe noch hier. In einer Welt, in der ich Angst habe, allein zu sein, nicht anerkannt oder gebraucht zu werden. In einer Welt, in der ich mich frage: Was wird mir zugetraut? Sind es meine Leistungen im Beruf, die mich ausmachen? Ist es meine Beliebtheit im Freundeskreis? Mein Erfolg?
 
Noch stehe ich an der Tür. „Was können wir tun, um zu Gott zu gehören?“ (6, 28), haben seine und meine Freundinnen und Freunde damals an der Tür Jesus gefragt. „Nichts, das ist Gottes Werk!“, hat er geantwortet und sie eingeladen: „Kommt, denn es ist alles bereit!“
 
Es ist eine Einladung in Freiheit. Sie lässt uns die Freiheit, ja zu sagen oder nein. Jesus baut keinen Druck auf nach dem Motto: „Nur wenn du das machst, dich so anziehst, diese Musik gut findest, so betest und singst, dich so engagierst, gehörst du zu mir!“ Ohne Zwang, ohne Hintergedanken, ohne zu rechnen, was für ihn dabei herausspringt, ringt Jesus um mich und mein Kommen! „Kommt, denn es ist alles bereit!“
 
IV
 
Schon die biblischen Geschichten zeigen, was für eine Herausforderung es ist, dass Jesus nicht nur mich einlädt, sondern auch die anderen. Die Freundinnen und Freunde von Jesus verdrehen die Augen als er einen Zöllner hereinlässt, als die Frau mit dem schlechten Ruf ihn salbt, als er mit der ungläubigen Frau aus Samaria spricht. Wir sortieren: Wer gehört dazu, und wer nicht. Wer ist oben, und wer unten. Wir wollen alles richtig machen – und merken manchmal nicht, dass wir dabei so gegen die Tür drücken, dass andere nicht mehr hineinkönnen.
 
V
 
Jesus weist niemanden ab, der kommt, stößt niemanden hinaus, wie Luther ein bisschen drastischer und handgreiflicher übersetzt. Jesus öffnet die Tür und auf einmal stehen wir in dem Licht, das unser Leben froh und reich macht. Wir spüren: Wir sind mehr als das, was andere oder auch wir selbst in uns sehen oder von uns erwarten. Wir gehören zu Christus mit dem, was wir können, aber auch mit unserer Verletzlichkeit und unseren Grenzen. Mit allem, was wir sind, können wir zu ihm kommen; er weist uns nicht ab. Wir können mit unserer Kraft, Freude und Ausstrahlung kommen, aber auch mit dem, was wir einander und Gott schuldig geblieben sind, mit allem Verquerem, ja Bösen.
 
Vielen Menschen ist in den Corona-Jahren 2020 und 2021 die eigene Endlichkeit neu deutlich geworden, auch das Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Ich denke noch oft an die Frau, die uns im Gottesdienst in Pforzheim erzählte, dass sie es nicht verwinden kann, dass sie ihren Vater nicht im Sterben begleitet hat: „Für ihn, der immer für uns da war, konnten wir nicht da sein.“ Traumatisch sind diese Erfahrungen für viele Menschen. Ob das Licht, das durch die von Jesus geöffnete Tür in unsere Welt fällt, sie aufrichten und versöhnen kann? Ob die Hoffnung auf eine Zukunft in Gottes neuer Welt sie freier macht?
 
Auch wenn wir noch nicht im Saal bei Jesus sind: Wo wir gehen oder stehen, begleitet uns ein Strahl des Lichtes, der durch die Tür aus Gottes Welt in unser Leben fällt. Er geht uns nach, wie ein Spotlight im Theater. Sein Glanz richtet uns auf und macht uns frei und mutig. „Hier stehe ich, von Gott geliebt, gestärkt, getrost und voller Lebensmut!“ Christus lädt mich ein und traut mir etwas zu. Ich kann schon jetzt in dem Glanz leben und diesen Glanz weitergeben: an Menschen, die auf eine offene Tür hoffen.
 
Gebet
Jesus Christus,
du hältst die Tür offen,
die uns in Gottes Liebe führt.
Lass uns schon hier in dem Licht wandeln,
das durch diese Tür in unsere Welt fällt.
Lass uns auch im neuen Jahr die Kraft und die Liebe spüren,
mit der du uns durch die Zeiten trägst.
Hilf uns, Türen zu öffnen,
besonders für diejenigen, die vor hohen Schwellen stehen,
die Ablehnung erfahren und einsam sind.
Hilf uns, eine Kirche der offenen Türen zu werden,
die deine Liebe in die Welt trägt,
damit das Leben auf dieser Erde gedeiht.