Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister in der badischen Landeskirche,
zum Reformationsfest 2020 grüße ich Sie herzlich! Die reformatorische Bewegung wollte die Kirche nicht spalten; sie wollte den Glauben stärken und die Kirche für ihre Aufgabe erneuern. Fünf ihrer Impulse erscheinen mir in diesen Wochen besonders wichtig:
- Fürchte dich nicht
In der Reformationszeit waren viele Menschen ängstlich und verunsichert wie heute: Was damals Kriege, Pest und Hungersnot waren, sind heute Klimawandel, Corona-Pandemie und die große Zahl von inner- und zwischenstaatlichen Konflikten, die zu eskalieren drohen und die Gesellschaft spalten. In diese kritische Lage hinein predigte die Reformation: „Fürchtet euch nicht!“ Schaut auf das Kreuz, da seht ihr, wie Gott für euch eintritt und euch einen Weg in das Leben eröffnet!
Der Christus am Kreuz auf dem Isenheimer Altar in Colmar trägt an seinem Körper die Wunden des Antoniusfeuers, eine Krankheit, die vielen wie die Pest galt; solchen Kranken begegneten die Menschen damals auf den Straßen. In Angst und Not ist Christus auch heute da: Heute trägt er die Schläuche und Maske eines Intensivpatienten; er arbeitet in der Altenpflege, um den Einsamen im Heim beizustehen; er geht zu Familien, in denen Gewalt den Alltag bestimmt.
Von diesem Christus wollen wir zum Reformationstag reden und mit ihm denen beistehen, die ängstlich und belastet sind. Auf ihn trauen wir, wenn wir nüchtern und gelassen Verantwortung dafür übernehmen, dass Leben geschützt wird und niemand verloren geht; ihm vertrauen wir das an, was wir nicht im Griff haben, wo wir an unsere Grenzen kommen.
- Gesicht zeigen und persönlich Verantwortung übernehmen
Das erste „Fürchte dich nicht!“ ist vielen von uns in der Taufe zugesagt worden. Es gilt mir persönlich und verbindet mich mit Christus – es ruft mich aber auch persönlich in die Verantwortung. Ich bin gerade in diesen Krisenzeiten gefragt, mein Gewissen vor Gott zu prüfen und Gesicht zu zeigen, auch mit Maske!
Viele gerade junge Leute nehmen diese Herausforderung zurzeit an: Bei Fridays for Future oder auch bei den Demonstrationen gegen Antisemitismus und rechte Menschenfeindlichkeit zeigen sie, dass sie keine Ellenbogengesellschaft des „Hauptsache ich“, aber auch keine Mutlosigkeit à la „Irgendwie kommen wir schon durch“ wollen. Sie übernehmen persönlich Verantwortung für das Gemeinwohl und wollen die Zukunft gestalten. Ein Aufbruch, so wie damals in der Reformation!
- Spannungen aushalten
Das Kreuz Christi deckt die Not auf und bringt sie vor Gott. Damit verschwinden die Herausforderungen nicht, vor denen wir in diesen Corona-Zeiten stehen. Wir wissen, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Aber im Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht, werden wir frei uns den drängenden Fragen zu stellen und sorgfältig abzuwägen:
Welche Beschränkungen von Kontakten sind notwendig, um das Überleben von Menschen zu schützen? Welche Maßnahmen gegen die Pandemie isolieren z.B. Ältere oder Menschen mit Behinderungen so, dass ihre Würde bedroht ist? Wie können wir verhindern, dass belastete Familien noch mehr unter Druck kommen oder dass junge Leute auf dem Weg in den Beruf das Gefühl haben, nicht gebraucht zu werden? Was können wir tun, damit z.B. die Beschäftigten im Gaststättengewerbe, Künstlerinnen oder Selbstständige nicht wirtschaftlich in ihrer Existenz gefährdet sind?
Spannungen und Konflikte aushalten, dazu hat Martin Luther seiner Gemeinde Mut gemacht. Der Blick auf das Kreuz und das Vertrauen in Gottes Zusage „Ich bin mit euch!“ machen uns frei und kreativ, Wege zu finden, die verschiedenen Interessen auszubalancieren und auch die Dilemmata auszuhalten und zu gestalten, die wir nicht auflösen können: etwa das physische Überleben von Menschen zu sichern und zugleich ihre Würde nicht durch eine totale Isolation zu gefährden.
- Glaube und Wissen, Herz und Vernunft gehören zusammen
Die Reformation hat uns eingeschärft, dass auf der Suche nach dem besten Weg Herz und Vernunft, Glaube und Wissen zusammengehören. Auch damals schürten manche die Angst, indem sie böse Mächte groß redeten und die Schuld an Krankheiten anderen Menschen zuwiesen, so wie das heute manche etwa in Richtung China tun.
Die Vernunft ist eine gute Gabe Gottes, die uns hilft, unser Leben verantwortungsvoll zu gestalten. Deshalb war der Reformation die Bildung so wichtig, die eine Vernunft fördert, die sich an Gottes Güte bindet, die wir in Jesus Christus erleben: Sie ist nicht gleichgültig gegenüber dem Leben der Anderen, der Schöpfung und zukünftiger Generationen. Sie hat nicht nur die eigene Freiheit im Blick hat, sondern die der Anderen. Ihr geht es um Versöhnung, gerade auch mit den Feinden. Sie übernimmt Verantwortung für die, die nicht für sich selbst sorgen können.
Die Reformation war eine Bewegung, die davon lebte, dass viele sie mitgetragen haben. Wer Krisen verantwortlich gestalten will, muss möglichst viele mitnehmen und beteiligen: in der Kirche in Synoden und Gemeinden, politisch in den Parteien und Parlamenten, aber auch in Kliniken und Heimen, in Betrieben, Schulen und Universitäten, überall da, wo wir die schwierige Lage durch die Corona-Pandemie nur gemeinsam lösen können und jeder und jede von uns gefragt ist, Verantwortung zu übernehmen.
- Polarisierungen durchbrechen
Der Populismus setzt auf Vereinfachungen und Polarisierungen. Der Glaube widersetzt sich solchen Sortierungen und unserem Streben nach Identität durch Abgrenzung. Viele biblische Geschichten führen uns heraus aus dem „Entweder-oder“ ins „Dazwischen“. Für die Reformation war die wichtigste Unterscheidung nicht die zwischen uns und den anderen, sondern die zwischen Gott und Mensch: Ich bin ein von Christus geliebter Mensch, aber ich bin nicht Gott; ich bin auf andere angewiesen, auf den Austausch und die gemeinsame Suche nach dem richtigen Weg. Der oder die andere ist ebenso Geschöpf Gottes und Ebenbild Christi wie ich. Das verändert den Blick auf jeden Streit um die richtigen Maßnahmen in der Corona-Pandemie.
Aus dieser Unterscheidung und dem Vertrauen auf Gottes Güte wachsen Kraft, Liebe und Besonnenheit, diese drei Grundkompetenzen christlichen Lebens: Wir übernehmen mutig Verantwortung. Wir sehen die Anderen als uns von Gott anvertraute und zugemutete Geschwister. Wir agieren in Konflikten besonnen und in der Gelassenheit, die Martin Luther geholfen hat, die Freude am Leben zu behalten: Ich habe es gepredigt; ich habe für das gestritten, was mir wichtig ist; am Ende vertraue ich auf den Heiligen Geist. Er wird’s wohl machen!
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Reformationsfest,
herzliche Grüße,
Ihr
