Weihnachten ist eine Herzenssache

Kantaten-Gottesdienst am 1. Weihnachtstag, Stadtkirche Karlsruhe am 25.12.2009

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zur 3. Kantate des Weihnachtsoratoriums von J.S.Bach (Lk 2,15-20)

Liebe Gemeinde,
heute auf den Tag genau vor 275 Jahren erklang in Leipzig zum ersten Mal diese Musik, die bis heute Millionen Menschen in aller Welt die Weihnachtsbotschaft ins Herz trägt: Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wurde im Jahr 1734 uraufgeführt. Bach hat bekanntlich für sein Weihnachtsoratorium viele Arien und Chöre aus früheren weltlichen Kantaten parodiert und mit religiösen Texten geistlich neu gedeutet. So hat er auf musikalische Weise verdeutlicht, was Sinn der Weihnachtsbotschaft ist: Gott wird Mensch. Himmel und Erde verbinden sich, damit wir Menschen auf der Erde ganz himmlisch leben, selig werden können. Auch nach 275 Jahren wird diese himmlische Botschaft durch die Töne des Weihnachtsoratoriums uns so nahe gebracht, dass sie uns anrührt und hier auf Erden in Bewegung setzt.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.... Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids... (Schriftlesung: Lk 2,1-14)

Nach dem wir den Beginn des Weihnachtsevangeliums bis zur Botschaft der Engel an die Hirten von Bethlehem als Schriftlesung gehört haben, lauschen wir nun auf den Fortgang der himmlisch-irdischen Geschichte von der Weihnacht in J.S.Bachs Weihnachtsoratorium.

Auf geht's!

Mit schnellen Achtelnoten werden die Worte „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem!“ eingeleitet und begleitet. Wir hören förmlich die hurtigen Schritte der Hirten, die sich im Abstand von jeweils einem Takt einer nach dem anderen in Bewegung setzen. Rasende 16tel Noten in den Geigen und Flöten erinnern an klappernde Hufe der Schafe und an trippelnde Schritte der kleinen Hirtenbuben. Davoneilende Hirten, die es gar nicht eilig genug haben können auf ihrem Weg nach Bethlehem.

Ja, so klingt es, wenn Menschen sich aufmachen. Wenn sie aufbrechen und suchen. Wenn sie eingetretene Wege verlassen und sich mutig neue Pfade erschließen. So klingt es, wenn Menschen sich auf die Suche machen nach Bethlehem, dem Ort des Heils. Wenn sie ihren Visionen Füße machen. Der Weg vom Hirtenfeld zum Stall von Bethlehem ist der Weg des Glaubens, wie ihn jeder vollziehen muss, der sich auf die frohe Botschaft Gottes einlässt. Die Hirten machen uns vor, wie wir uns in unserem persönlichen Leben wie in unserem politischen Denken von Visionen her leiten lassen können. Die Geschichte der Hirten ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Menschen durch himmlische Botschaften bewegt, sich aufmachen und Heil und Heilung finden.

"Der Aufbruch der Hirten erinnert uns daran, dass unser Leben ein Unterwegssein ist zum Heil, eine Bewegung des Glaubens."

Die Hirten werden nach Bethlehem geschickt: dieser Ort macht skeptisch. Jerusalem, das ist die Stadt der Könige. Da gibt es Verlässliches: Mauern, Tempel, Priester, Herrscher, Ordnungen, die Bestand haben. Aber Bethlehem, was ist schon Bethlehem? Übersetzt „Brothausen“. Trotzdem! Bethlehem, nicht Jerusalem ist der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren. Bethlehem ist der Ort, wo man das Unsichtbare so sieht, als wäre es das Eigentliche. Wo es möglich ist, in einem kleinen Kind eine große Zukunft zu erkennen und im Unscheinbaren das, was wirklich gelten wird. Bethlehem ist der Ort, an dem Menschen durch ein Kind gelockt werden ins Vertrauen zu Gott, dem Vater. Sie müssen schon von göttlichem Geist berührt sein, diese Hirten, wie sie eilig und hurtig vom Ort ihrer Vision hinübergehen und sehen wollen. Und in diesem Gehen finden sie ihr Heil, im Aufbruch kommt ihnen ihre Rettung. Und nur dieser Weg der Hirten kann auch unser Weg sein: „Der sieht Gott nimmermehr, noch dort noch hier auf Erden, der nicht ganz inniglich begehrt, ein Hirt zu werden“, dichtet Angelus Silesius. Der Aufbruch der Hirten erinnert uns daran, dass unser Leben ein Unterwegssein ist zum Heil, eine Bewegung des Glaubens.

Gottes Geschichte mit uns - eine Geschichte der Bewegungen

Doch dann scheint die Musik stehen zu bleiben bei den Worten „und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Lange verweilt J.S.Bach dabei, die von den Hirten geschaute Geschichte im Rezitativ, im Choral und im Duett zu entfalten. Diese Geschichte, mit der Gott sein Volk getröst und Israel erlöst hat. Mit der er Hilfe aus Zion hergesendet und unser Leid geendet hat. Und dann die Zuspitzung: „Dies hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an.“ Für uns ist all dies geschehen damals in Bethlehem. Wir kommen selbst vor in dieser Weihnachtsgeschichte. In dieser Geschichte der Hirten. In dieser Geschichte Gottes mit den Menschen. Wie in einem Liebeslied wird Gottes Geschichte mit uns besungen, diese Geschichte von seiner holden Gunst und Liebe und von seiner Vatertreu. Diese Geschichte, mit der er uns tröstet und frei macht.

"Dann können wir mit den Hirten wahrnehmen, was da geschehen ist, weil uns die Augen geöffnet werden, die inneren Augen mit denen wir erkennen, dass Gott da ist, mitten in dieser Welt als ein Mensch wie unsereiner."

Wenn wir mit den Hirten stehen bleiben an der Krippe von Bethlehem, wenn wir die Geschichte sehen, die da geschehen ist, dann geschieht Heilvolles für uns. Dann wird der Dunstschleier des Vordergrundes und des oberflächlichen Lebens geöffnet für das geheime Wirken Gottes inmitten unserer Menschenwelt. Dann können wir mit den Hirten wahrnehmen, was da geschehen ist, weil uns die Augen geöffnet werden, die inneren Augen mit denen wir erkennen, dass Gott da ist, mitten in dieser Welt als ein Mensch wie unsereiner. Und mit den Hirten erinnern wir uns daran, dass wir Gott nicht erkennen können ohne die Demut, uns zu beugen vor dem vermeintlich Geringen, das in Wirklichkeit das Antlitz Gottes trägt, ohne die Bereitschaft zur Geduld, das Kleine reifen zu lassen und zwischen den Zeilen unseres Schicksals die Handschrift Gottes zu lesen. Der Weg der Hirten, unser Weg zum Heil. Ein Weg, der aus der Bewegung hinführt zum stillen Schauen.

„Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesaget war. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte der Bewegungen. Die Hirten eilen. Sie sehen. Sie breiten das Wort aus. Und Maria bewegt alle diese Worte in ihrem Herzen. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte solcher Bewegung. Sie taugt deshalb nicht für feste Standpunkte. Allein durch ihre Bewegung in unseren Herzen wird sie bedeutsam für uns.

Herzenssache

Die Bewegung der Hirten will darin zum Ziel kommen, dass Herzen bewegt werden. Diese Bewegung des Herzens entfaltet J.S.Bach in der wunderbaren, höchst innigen Arie „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinen Glauben ein.“ Begleitet von der Solo-Violine besingt die Altstimme das, was die Weihnachtsgeschichte im Herzen an Bewegung auslöst.

Sängerin und Violine können gar nicht genug bekommen darin, sich gegenseitig die Bewegung des Herzens zuzusingen und zuzuspielen. Und wenn dann im nachfolgenden Rezitativ und Choral das gläubige Ich spricht, „Ja, ja, mein Herz soll es bewahren“ und „Ich will dich mit Fleiß bewahren“, dann ist die Bewegung der Hirten ganz in unseren Herzen angekommen.

"Die Weihnachtsbotschaft will und soll unsere Herzen erreichen. Denn nur was in unseren Herzen ankommt, entwickelt Kraft zu neuem, verändertem Tun."

So ist Weihnachten in aller erster Linie eine Herzenssache. Die Weihnachtsbotschaft will und soll unsere Herzen erreichen. Denn nur was in unseren Herzen ankommt, entwickelt Kraft zu neuem, verändertem Tun. Nur was wir in unseren Herzen bewegen, kann uns zu einem anderen Umgang miteinander in unseren Familien, in unseren Freundes- und KollegInnenkreisen bewegen. Maria bewegt alle diese Worte in ihrem Herzen. Nicht in ihrem Kopf. Nein: Sie bewegt die Worte der Weihnachtsbotschaft ganz drinnen bei sich. Dort, wo aus tiefen Gefühlen Motive zu einem veränderten Tun entspringen. Nichts wird die Weihnachtsbotschaft bewirken, wenn sie nicht unser Herz erreicht. Alles kann sie bewirken, wenn wir ihre Worte in unseren Herzen bewegen.

Kraftvoll

Alles, wirklich alles. Da können wir Kraft gewinnen, die Worte der Weihnachtsbotschaft umzusetzen in eigenes Tun. Da können wir Kraft gewinnen, für den Frieden auf Erden einzutreten, den Gott an Weihnachten uns Menschen zugesagt hat. Da können wir Kraft gewinnen, jener Resignation im Blick auf die Zukunft unseres Planeten Erde zu wehren, die sich gerade in diesen Tagen nach dem Klimagipfel von Kopenhagen breit macht. Da können wir jene Kräfte stärken, die nach Auswegen aus der deutschen Verstrickung in den Krieg in Afghanistan suchen. Da können wir Kraft gewinnen, angesichts aller Verunsicherungen durch die noch immer anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise von der Zukunft zu reden, die Gott uns eröffnet hat. Da können wir Kraft gewinnen, bedingungslos einzutreten für ein friedliches Zusammenleben mit Fremden und ja zu sagen zu verlässlichen Bleiberechtsregelungen für jene, die als Asylsuchende in unser Land kamen.

Was in unseren Herzen ankommt, das hat Kraft, im heilenden Tun an dieser Welt seinen Ausdruck zu finden. Was wir in unseren Herzen bewegen, das kann nicht in unseren Herzen eingesperrt bleiben. Das will hinaus in diese Welt, um heilend und Heil bringend in ihr zu wirken. Darum ist Weihnachten nur in erster Linie eine Herzenssache. In zweiter Linie ist es eine Sache von öffentlichem Interesse, von weltweiter Bedeutung. Darum heißt es am Ende der Weihnachtsgeschichte von den Hirten: „Sie kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ Genau genommen geht mit dieser Bewegung der Hirten Weihnachten im Alltag der Welt weiter.

"Das Geschehen der Weihnacht hat die Hirten in Bewegung gesetzt und ihren Alltag verändert. Auch unser Alltag bleibt nicht derselbe, wenn die Worte der Weihnacht unsere Herzen bewegen."

Die Hirten kehren der Krippe den Rücken zu und kehren wieder zurück. Vor Augen haben sie ihren rauen Alltag: die Kälte auf den Feldern, die mühselige, schlecht bezahlte Arbeit rund um die Uhr, den Gestank ihrer Herden. Auch für uns ist am 1.Weihnachtstag die große Spannung, mit der wir Weihnachten erwartet haben, vorbei. Der Alltag rückt schon wieder in den Blick. Vielleicht mühselige Arbeit wie bei den Hirten, vielleicht auch drohende Arbeitslosigkeit, Stellensuche und Bewerbungen - vielleicht die Arbeit im Haushalt und in der Familie oder die Arbeit am Schreibtisch. In ihren Alltag gehen die Hirten als veränderte Menschen, frohlockend und jubelnd: „Seid froh dieweil, seid froh dieweil.“ Und während sie so singen, spüren wir förmlich den drängenden Schritt ihrer Füße. Den eilenden Schritt zurück in den Alltag, der jetzt verändert ist durch die jubelnde Verkündigung dessen, was an Weihnachten für sie geschehen ist. Das Geschehen der Weihnacht hat die Hirten in Bewegung gesetzt und ihren Alltag verändert. Auch unser Alltag bleibt nicht derselbe, wenn die Worte der Weihnacht unsere Herzen bewegen.

Darauf sprechen wir: Amen. Und der Friede Gottes, der unsere Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.