Predigt zu Lk 11,11-13 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
zu einem Männergottesdienst haben Sie mich heute eingeladen. Zu einem Gottesdienst, an dem natürlich in gleicher Weise Frauen teilnehmen, der aber eine männerspezifische Thematik hat. Dies wurde uns eben bereits im Bericht von der im Oktober durchgeführten Männerfreizeit angedeutet. In der Vorbereitung zu diesem Gottesdienst haben Sie mir einige Fragen niedergeschrieben, die Sie auf dieser Freizeit beschäftigen sollten:
Wie war mein Vater zu mir, welches Verhältnis hatte ich zu ihm?
Was bedeutete mir mein Vater, wie und wo war er mir Vorbild?
Prägte er mein Vater- und Gottesbild oder war er das Gegenteil?
Wo hat mein Vater mein Leben bereichert, wo oder wie negativ geprägt?
Wie bin ich als Vater zu meinem Sohn, was habe ich übernommen, was mache ich anders?
Sehr persönliche Fragen sind dies, und Sie werden diese Fragen auf der Freizeit sehr persönlich beantwortet haben. Weil Sie so persönliche Fragen gestellt haben, wage ich es heute in meiner Predigt, auch einmal ganz persönlich zu beginnen: An meinen Vater habe ich außerordentlich gute Erinnerungen. Er prägte mich mit seinem Pflichtbewusstsein und seiner Arbeitshaltung, mit seiner Güte und Ehrlichkeit. Er war ein sehr guter Pädagoge, der mich großzügig und einfühlsam ins Leben hinein begleitete. Er vermittelte mir die Liebe zur Musik und machte mich mit kirchlichem Leben vertraut. Mein Vater hat es nicht leicht gehabt im Leben. Früh schon litt er an Folgen einer leichten Kriegsverletzung, oft plagten ihn Kopfschmerzen. Am meisten aber litt er darunter, dass im Alter von 20 Jahren mein zweitältester Bruder psychisch erkrankte. Damals war mein Vater gerade 50 Jahre alt. Die sich im Laufe der Jahre immer weiter verschlimmernde Krankheit meines Bruders erlaubte zwar immer wieder einmal ein Durchatmen für einige Zeit, niemals aber konnte mein Vater im Blick auf den gesundheitlichen Zustand meines Bruders entspannt sein. In höchstem Maße setzte er sich für meinen Bruder ein, wenn es galt, eine Ausbildung abzuschließen, eine Arbeitsstelle zu finden oder finanzielle Unregelmäßigkeiten zu beheben. Im Jahr 1974, im Alter von 34 Jahren, starb mein Bruder. Mein Vater hatte sich über Jahre in der Sorge um meinen Bruder verausgabt und ihn in ein Pflegeheim eingewiesen, wo er am Tag nach seiner Einweisung starb. Dieser unerwartete Tod meines Bruders rief existenzielle Fragen bei meinem Vater wach: „Habe ich wirklich genug für meinen Sohn getan? War ich ihm ein guter Vater?“ so fragte sich mein Vater. Irgendwie muss er diese Fragen auch dem Pfarrer vorgetragen haben, der die Beerdigung meines Bruders vornahm. Ich erinnere mich genau an diesen Beerdigungsgottesdienst, den wir in kleinstem Familienkreis begangen haben. Als Predigttext wählte der Pfarrer ein Wort aus dem 11. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Im Anschluss an jene bekannte Passage, in der Jesus seine Jünger mit den Worten des Vaterunsers das Beten lehrt, fügt der Evangelist folgende Worte Jesu an seine Jünger hinzu: „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch anbiete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür anbiete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“
Damals sprach der Pfarrer im Beerdigungsgottesdienst meinem Vater auf den Kopf zu: „Herr Fischer, bitte vertrauen Sie doch darauf, dass Sie Ihrem Sohn mehr gegeben haben als einen Fisch, als er sie darum bat, und mehr als ein Ei, als er es verlangte. Sie haben ihm alles gegeben, was Sie ihm geben konnten.“ Wenn ich mich recht erinnere, hat diese Zusage meinem Vater viel Trost gegeben in der Trauer um seinen verstorbenen Sohn. Und es war ein Wort, das würdigend zum Ausdruck brachte, was mein Vater für seinen Sohn, nein: für alle seine fünf Kinder getan hat.
Eine persönliche Beziehung
Die Worte dieses Gleichnisses Jesu sind für mich seit dem Jahr 1974, also seit mehr als 35 Jahren, ein Schlüsseltext zum Verstehen meiner Vaters-Sohn-Beziehung und zur Deutung meiner Beziehung zu Gott. Die Beziehung, die ich als Sohn zu meinem Vater hatte – und ich könnte nun genauso gut auch von meiner Mutter reden – hat darin eine Entsprechung zu meiner Gottesbeziehung, dass sie eine persönliche Beziehung ist. Keine Beziehung zu einem abstrakten Etwas; nein: Die Beziehung zu einer Person, die ich ansprechen kann mit einem vertrauten „Du“. Zu der ich voller Vertrauen „Vater“ sagen kann, oder liebevoll, „Papa“ oder „Vati“, so wie Jesus seinen himmlischen Vater vertrauensvoll "Abba" nannte. Die Beziehung zum Vater ist wie die Beziehung zu Gott eine Beziehung in persönlicher Zuwendung. Eine Beziehung, in die ich mich bergen kann – voller Vertrauen. Und konkret wird diese Vertrauensbeziehung darin, dass ich als Sohn meinen Vater um etwas bitten kann. Die Bitte ist Ausdruck grenzenlosen Vertrauens. Und nichts kennzeichnet die Beziehung zu Gott als eine Vertrauensbeziehung so sehr wie das Gebet, das beginnt mit den Worten „Vater unser im Himmel“. Deshalb lehrt Jesus seine Jünger das Beten mit diesen Worten. Er will sie einladen zu einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott. Jesu Gebet zum himmlischen Vater ist das Ur-Gebet aller christlichen Gebete. Mit der schnörkellosen, schlichten und direkten Gebetsanrede „Vater“ vertraut sich Jesus, vertrauen sich nach ihm Christenmenschen aller Konfessionen Gott an – wie einem Vater.
Wie ein Vater ist Gott, und doch ist er weit mehr. Mein Vater hat meinem Bruder das gegeben, um das er gebeten hat – und vielleicht noch etwas mehr. Und das erwarten wir zu Recht von jedem Vater: Kein Vater käme auf die Idee, seinen Kindern, wenn sie um das Lebensnotwendige bäten, das zu geben, was Leben bedrohen oder zerstören kann. So wie Fisch und Ei in diesem Gleichnis stellvertretend für alles Lebensnotwendige stehen, so Schlangen und Skorpione für das Lebensbedrohliche schlechthin. Einst geleitete Gott sein Volk auf dem Weg durch die Wüste, in der Schlangen und Skorpione sie als schlimmste Gefahren bedrohten. Und bei der Aussendung seiner Jünger verheißt Jesus ihnen, Macht zu geben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, also alle Lebensgefahren zu bestehen. Nein: Welcher leibliche Vater gäbe seinen Kindern statt der Mittel zum Leben das, was ihnen den Tod bringen kann? Was der Vater in Jesu Gleichnis tut, ist einfach selbstverständlich, oder sollte es zumindest sein. Die Pointe des Gleichnisses nun aber liegt genau darin, dass es bei Gott über diese Selbstverständlichkeit hinaus noch eine Steigerung gibt: Wenn vom leiblichen Vater, der doch auch böse sein kann, schon so viel Gutes dem Kind gegeben wird, wie viel mehr muss dann Gott, der das Gute schlechthin ist, seinen Kindern Gutes zukommen lassen! Was bei den Menschen schon selbstverständlich ist, das muss bei Gott noch viel selbstverständlicher sein.
Gott gibt uns noch viel Besseres...
Was aber gibt uns Gott als unser himmlischer Vater? Zwei Fische und drei Eier? Das Erbetene im Überfluss? Nein! Vielleicht sind Sie beim Lesen des Gleichnisses schon über den letzten Satz gestolpert: „…wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ Nicht das von uns Menschen Erbetene erhalten wir von unserem himmlischen Vater, wenn wir vertrauensvoll zu ihm beten. Nicht das von uns erdachte Gute ist das Ziel unserer Gebete. Gott gibt uns noch viel Besseres, als wir erbitten können. Gott gibt nicht das von uns Erbetene, er gibt uns seinen Heiligen Geist, oder wie es andere Handschriften an dieser Stelle als Wort Jesu überliefern „seinen guten Geist“. Das ist mehr, als wir erbitten können. Gott gibt nicht nur das, was wir Menschen von ihm als unserem himmlischen Vater erbitten, sondern das, was wir weit über das erbetene Maß hinaus zu einem Leben in Fülle brauchen.
"So gibt Gott mehr als wir erwarten können – als unser himmlischer Vater, der uns an unseren leiblichen Vater erinnert und zugleich jedes Vaterbild übertrifft."
Der heilige, gute Geist ist das höchste Gut, das wir als Kinder Gottes erlangen können. Nicht Brot für den nächsten Tag – das auch, sondern Geist Gottes. Der heilige, gute Geist Gottes hat Jesus sein Leben lang bewegt. Er wurde an Pfingsten der Gemeinde Jesu Christi geschenkt. Dieser Geist weist voraus auf das Reich Gottes – das Reich, in dem es Leben gibt in Fülle. Insofern ist der heilige gute Geist ein adventlicher Geist, ein Geist nämlich, der immer neu auf Gott wartet. Ein Geist, der auf das Reich Gottes warten lehrt, von dem die Adventszeit kündet, wenn sie – wie im Evangelium zum 3. Advent – von dem erzählt, der da kommen soll, von Jesus. Der heilige gute Geist hatte als eine gewaltige Kraft Jesus umgetrieben, wenn er Kranke heilte und Ausgestoßene aufnahm und damit Zeichen des Reiches Gottes aufrichtete. Und dieser heilige gute Geist macht uns für unsere Nächsten zu Nachfolgerinnen und Nachfolgern Christi, die heilend wirken. Mit seinem heiligen guten Geist schenkt Gott uns seine Liebe, mit der wir wiederum gute Väter und Mütter sein können. Er schenkt uns seinen Geist als ein Feuer in unser Herz, das uns entflammt zum Loben und Danken. Und mit seinem heiligen guten Geist stärkt er in uns immer neu das Vertrauen, so dass wir „Vater unser“ beten und „Abba“ schreien können. So gibt Gott mehr als wir erwarten können – als unser himmlischer Vater, der uns an unseren leiblichen Vater erinnert und zugleich jedes Vaterbild übertrifft. So gibt er uns, was wir zum Leben in Fülle brauchen. Amen.
