Predigt zu Röm 13,8-14 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
endlich ist sie wieder da - die Zeit des Advents, die Zeit der Freude nach den stillen Tagen am Ende des Kirchenjahres. Endlich ist sie da, die Adventszeit, die in das Dunkel dieser immer kürzer werdenden Tage Licht bringt. Leider haben wir uns fast schon daran gewöhnt, dass adventliche Vorfreude verlängert und hineinverlagert wird in die Monate Oktober und November. Vorweihnachtlicher Rummel erfüllt schon viele Geschäfte zur Unzeit. Aber wie wichtig sind doch verlässliche Rhythmen des Lebens, die uns gut tun! Gerade ihre Begrenzung macht die Adventszeit zu einer besonderen Zeit. Zu einer Zeit des Wartens. Nach altkirchlicher Tradition ist die Adventszeit eine Bußzeit, deshalb auch die violette Farbe an den Antependien des Altars. Sie ist eine Zeit des Singens und Erzählens, der Einkehr und der Besinnung. Zu den schönsten adventlichen Bräuchen gehört für mich der Adventskalender. Jeden Tag wird eine Tür geöffnet, und hinter ihr wird Neues sichtbar: Ein Bild, ein kurzer Text zum Nachdenken, ein Impuls für den Tag oder auch eine Süßigkeit. Ich habe Ihnen einen Adventskalender der besonderen Art mitgebracht, genauer: Drei Türen eines Adventskalenders, und hinter jeder Tür finden Sie einen Abschnitt aus dem Predigttext zum heutigen ersten Adventssonntag aus dem 13. Kapitel des Römerbriefes des Apostels Paulus. Schauen Sie mit mir in die drei Türen des Adventskalenders.
In wacher Erwartung
Beginnen will ich, indem ich mit Ihnen die mittlere Tür unseres Adventskalenders öffne. Dort lesen wir:
„Das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“
"Leben aus der Taufe ist Leben in adventlicher Haltung. Leben zwischen dem „Schon“ und dem „Noch nicht“."
Das ist eine adventliche Zeitansage: Unser Heil ist nahe, ja, es ist näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Paulus erinnert an die Taufe, an den Beginn des Glaubensweges. Damals bei unserer Taufe wurden wir hinein genommen in den Bereich des Heils, das uns durch Jesus Christus geschenkt wurde. Und jeder Schritt auf unserem Glaubensweg ist ein Schritt näher hin zum endgültigen Heil. Als getaufte Menschen leben wir unter der Zusage und in der Gewissheit der geschenkten Rettung, aber wir leben zugleich auch immer in der Erwartung der endgültigen Rettung. Leben aus der Taufe ist Leben in adventlicher Haltung. Leben zwischen dem „Schon“ und dem „Noch nicht“. Leben auf den kommenden Tag, auf das endgültige Kommen Gottes zu. Deshalb sind getaufte Menschen wache Menschen. Menschen voller Erwartung und Hoffnung. Getaufte Menschen sind keine Schlafmützen, sondern Menschen, die den Weckruf nicht überhören: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag nahe herbeigekommen.“ Wer diesen Ruf hört und aufsteht vom Schlaf, wendet sich dem neuen Tag zu. Getaufte Menschen leben in wacher Erwartung des Kommenden. Daran erinnert die Adventszeit in besonderer Weise.
"Die Strahlen der Ewigkeit, das Leuchten des neuen Tages, besonders des Tages, an dem Gott in diese Welt kommt, wirft Licht auch auf die irdischen Tage unseres Lebens."
Leben aus der Taufe ist ein Leben in Vorfreude auf den Tag des Kommens Gottes. Diese Vorfreude lässt das mittlere Türchen unseres Adventskalenders in hellem Licht erstrahlen. Deshalb habe ich diese mittlere Tür auch die „Tür zur Ewigkeit“ genannt. Das Licht dieses Türchens strahlt aus auf die beiden anderen Türen des Adventskalenders. Die Vorfreude des Advents bringt auch die beiden anderen Türen zum Leuchten, die ich „Türen zum Alltag“ nenne. Oder anders ausgedrückt: Die Strahlen der Ewigkeit, das Leuchten des neuen Tages, besonders des Tages, an dem Gott in diese Welt kommt, wirft Licht auch auf die irdischen Tage unseres Lebens, die in den beiden anderen Türen des Adventskalenders dargestellt sind.
Leben in der Liebe
Öffnen wir das linke seitliche Alltagstürchen unseres Adventskalenders. Dort lesen wir:
„Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Satz zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“
Merkwürdig unadventliche Worte sind dies. Für das Leben im Alltag der Getauften ermahnt Paulus zu einem Leben nach den Geboten Gottes, zu einem Leben in der Nächstenliebe. Diese Nächstenliebe sieht er als Erfüllung des Gesetzes, als Summe der Gebote Gottes. Liebe findet ihre Gestalt im Befolgen der Gebote Gottes. Wie Liebe konkret wird im Handeln an anderen Menschen, das erfahren wir aus Gottes Geboten. Und was diese Gebote im Letzten von uns fordern, ist im Gebot der Nächstenliebe zusammengefasst. Liebe braucht, um konkret zu werden, das Geländer der Gebote Gottes, an dem wir uns orientieren können. Und Gottes Gebote brauchen, um nicht gesetzlich zu werden, den Geist der Nächstenliebe. Leben im Alltag eines Christenmenschen, Leben aus der Taufe, Leben in adventlicher Erwartung ist also ein Leben in der Liebe, ein Leben im Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes.
Kampf gegen die Dunkelheiten des Lebens
Diesen Gedanken fasst Paulus dann im rechten Alltagstürchen unseres Adventskalenders zusammen. Dort lesen wir:
„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ein geachtetes Leben führen, das dem Tag entspricht: ohne Fressen und Saufen, ohne Unzucht und Ausschweifungen, ohne Hass und Eifersucht. Zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib so, dass ihr nicht den Begierden verfallt.“
Ja, liebe Gemeinde, so ist das mit dem Leben im Advent. So ist das mit dem Leben unter der Erwartung des Kommens Gottes. Der Advent Gottes in Jesus Christus bleibt nicht folgenlos für unser Leben. Das Licht des kommenden Tages führt in unserem Alltag die Morgendämmerung der Liebe herauf. Und diese Liebe ist nicht einfach nur eine adventliche Stimmung oder ein schönes Gefühl. Diese Liebe ist ein spürbares Tun, das Leben gelingen lässt. Wer aufgeweckt wurde vom adventlichen Weckruf „die Nacht ist vorgerückt, der Tag nahe herbeigekommen“, zieht sich anders an, um das Leben in dieser Welt zu gestalten. Zieht Christus an - wie eine Rüstung -, um gegen Dunkelheiten in unserer Welt anzukämpfen. Wer aufgeweckt lebt als Christenmensch, kämpft gegen das, was das Leben ruiniert. So kann das helle Licht adventlicher Erwartung hineinstrahlen in den Alltag.
"So sind adventliche Vorfreude, waches Leben in liebender Zuwendung zum Nächsten und Kampf gegen die Dunkelheiten des Lebens nicht voneinander zu trennen."
So gehören das „Ewigkeitstürchen“ und die vielen „Alltagstürchen“ im Adventskalender unseres Lebens untrennbar zusammen. So sind adventliche Vorfreude, waches Leben in liebender Zuwendung zum Nächsten und Kampf gegen die Dunkelheiten des Lebens nicht voneinander zu trennen. Genau deshalb ist es auch richtig und sachgemäß, dass wir jedes Jahr wieder am 1. Advent die Aktion „BROT FÜR DIE WELT“ eröffnen. Sie ist doch nichts anderes als eine Aktion, in der unsere durch die Vorfreude des Advents erweckte Hinwendung zu unseren Nächsten und unser Kampf gegen Dunkelheiten des Lebens konkret wird. Oder anders ausgedrückt: Durch die Arbeit von BROT FÜR DIE WELT dringt etwas vom Glanz des Adventslichtes hin zu jenen, die im Dunkeln wohnen,
- hin zu den Bauern auf den Philippinen, die mit Kleinkrediten in die Lage versetzt werden, ihre Landwirtschaft so zu betreiben, dass sie davon ihre Familien ernähren können,
- hin zu den Jugendlichen in Südafrika, die unter Perspektivlosigkeit leiden und denen in Schulen mit besonderen Bildungsprogrammen geholfen wird, damit sie berufliche Chancen bekommen.
Alles, was wir in diesem Jahr der Aktion BROT FÜR DIE WELT unter dem Motto „Es ist genug für alle da“ an Mitteln zur Verfügung stellen, bringt Licht in das Dunkel von Menschen, hilft, dass es auch für diese Menschen einen Advent, Hoffnung auf Gottes Kommen zu ihnen gibt.
Dem Licht der Ewigkeit entgegen
Drei Türchen an unserem Adventskalender habe ich mit Ihnen geöffnet. Wir haben einen Blick getan hin auf die Ewigkeit, auf Gottes Zukunft, und auf unseren Alltag in der liebenden Hinwendung zum Nächsten und im Kampf gegen das Dunkle in der Welt. Ewigkeit und Alltag, adventliche Erwartung und Leben in der Liebe, adventliches Wachsein und Kampf gegen alles Dunkle gehören für alle Menschen, die auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden, zusammen. Sehr schön hat diesen Zusammenhang Jochen Klepper zum Ausdruck gebracht in seinem Adventslied (EG 16):.
“Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld,
doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Licht, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichtes kam euch die Rettung her.“
"Als getaufte Menschen bleiben wir dem Dunkel des Lebens ausgesetzt. Aber als getaufte Menschen wissen wir, dass wir im Dunkel unseres Lebens nicht allein sind."
Durch unsere Taufe hat mit uns ein neues Leben begonnen, ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Aber so wenig wie durch das Adventslicht schon alle Dunkelheit verschwindet, so wenig wird durch die Taufe unser Leben verwandelt zur Vollendung. Als getaufte Menschen bleiben wir dem Dunkel des Lebens ausgesetzt. Aber als getaufte Menschen wissen wir, dass wir im Dunkel unseres Lebens nicht allein sind: Gott hat in der Taufe ja zu uns gesagt, darum können wir das Dunkel unseres Lebens getrost durchleben und - gerüstet von Jesus Christus - gegen das Dunkle beharrlich und liebevoll ankämpfen. Gehalten von Gott, der in seiner Gnade an Weihnachten zu uns Menschen kam, können wir das Dunkel unseres Lebens ertragen und durch dies Dunkel hindurchschauen auf das Licht der Ewigkeit, dem wir entgegengehen.
Von solchem Leben in adventlicher Erwartung strahlt etwas aus hinein in unsere Welt. Darum ist die Adventszeit nicht nur für uns etwas Segensreiches. Sondern wache Menschen voller adventlicher Erwartung,
getrost im Dunkel dem Licht der Ewigkeit entgegengehend,
in liebender Hinwendung zu ihrem Nächsten lebend
und gegen das Dunkle ankämpfend,
braucht unsere Welt. Danken und bitten wir Gott, dass er uns zu solchen aufgeweckten Menschen macht durch seinen Weckruf: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag nahe herbeigekommen!“ Amen.
