Predigt über Jes 53 von Landesbischof Dr. U. Fischer
„Der Messias! Jesus – der Messias. Der Gesalbte Gottes. Der Erlöser. Der Retter. Der Sohn Gottes. Der Christus.“
Liebe Gemeinde, was tun wir eigentlich, wenn wir das in unserem Glauben bekennen? Georg Friedrich Händel gibt eine klare Antwort. In seinem Oratorium „Der Messias“ konzentriert er sich auf drei Motive: Im ersten Teil des Oratoriums auf die Geburt Jesu, also auf die Menschwerdung Gottes. Im zweiten Teil auf das Sterben und Auferstehen Jesu. Im dritten Teil schließlich auf das ewige Leben, das Jesus uns durch die Auferstehung eröffnet. Jesus, der Messias – das ist für Händel der Mensch gewordene Gott. Der leidende Gottesknecht. Und der Sieger über Tod und Vergänglichkeit.
Jesus, der Messias - der leidende Gottesknecht. Wenn Händel sein Bekenntnis entfaltet, dann schließt er sich ganz eng an jenes Lied vom leidenden Gottesknecht aus dem 53. Kapitel des Jesajabuches:
„Er ward verschmähet und verachtet, ein Mann der Schmerzen und umgeben von Qual. Den Rücken bot er den Peinigern, hielt die Wange dar der rohen Feinde Wut; er verbarg nicht sein Antlitz vor Schmach und Schande“, so besingt der Alt in seiner Arie den Messias Jesus als den leidenden Gottesknecht.
Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, so erscheint dieser Gottesknecht den Vielen, die im Chor singen: „Seht an das Gotteslamm, es trägt in Geduld die Sünde der Welt.“ Und sie bekennen: „Wahrlich, er trug unsre Qual und litt unsere Schmerzen. Er ward verwundet um unsre Sünde, ward zerschlagen um unsre Missetat. Unsre Strafe liegt auf ihm zu unserm Frieden. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
In diesen wenigen Worten der Chöre ist das ganze Bekenntnis zu Jesus, dem Messias zusammengefasst – einzigartig und eindrucksvoll!
Sündenbock
Um dieses Bekenntnis wirklich mitsprechen zu können, müssen wir uns jenes Lied vom leidenden Gottesknecht aus dem Jesajabuch etwas näher ansehen. Den Hintergrund dieses Liedes bildet ein altes Ritual, das in Israel große Bedeutung hatte, das Ritual des Sündenbocks: Am großen Versöhnungstag wurde im alten Israel ein Bock herbeigebracht. Ein Priester stemmte seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes und bekannte über ihm alle Sünden des Volkes. Anstelle des schuldig gewordenen Volkes wurde dann der Bock - beladen mit der Sünde des Volkes - in die Wüste geschickt. Damit war die Sünde des Volkes weggeschafft. Wenn wir mit Georg Friedrich Händel dies Lied und die ihm zugrunde liegende Sündenbocktradition als Schlüssel zum Verständnis Jesu als des Messias ansehen, müssen wir uns fragen: Betrachten wir Jesus, wenn wir ihn als unseren Messias, als unseren Retter, als unseren Erlöser bekennen, betrachten wir ihn dann als unseren Sündenbock, auf den wir all unsere Schuld abladen?
Schauen wir noch einmal genauer hinein ins Gottesknechtslied. Dann entdecken wir, dass in diesem Lied eigentlich drei Personengruppen vorkommen, die sich wie in drei konzentrischen Kreisen um den Gottesknecht herum gruppieren. Da sind im engsten Kreis zunächst jene, die den gerechten Gottesknecht persönlich kennen. Die zuerst erschaudern vor seiner hässlichen Gestalt, die dann aber plötzlich zu der Erkenntnis gelangen: „Wahrlich, er trug unsre Qual und litt unsere Schmerzen. Der Herde gleich, vom Hirten fern, so irrten wir zerstreut und es wallte jeder seinen eignen Weg.“ Die Betrachtung des leidenden Gerechten führt bei diesen Menschen, bei den direkt Betroffenen zur Erkenntnis der eigenen Schuld.
Da sind im zweiten, dem erweiterten Kreis, am Ende des Liedes jene „Vielen“, die noch nicht begriffen haben, warum der gerechte Gottesknecht leidet. Sie warten noch darauf, dass sich das Geschick des Gottesknechtes zum Guten wenden wird. Dann erst werden sie erkennen, dass er ihnen Gerechtigkeit schafft.
Als dritte Gruppe bilden den äußersten Kreis schließlich am Anfang des Liedes die „Völker der Welt“, die als letzte durch das Zeugnis „der Vielen“ weltweit erkennen werden, dass der leidende Gerechte Gerechtigkeit für alle Welt schafft.
Schuld Erkenntnis
Das Auftreten dieser drei Gruppen von Menschen macht deutlich, wie der Prophet das Sündenbock-Denken in seinem Gottesknechtslied verändert. Es ist eben nicht so, dass hier eine Gruppe von Menschen einen einzelnen als Sündenbock gebraucht. Nein, es ist gerade umgekehrt: Konfrontiert mit dem unschuldigen Leiden eines Gerechten gelangen hier einige wenige Menschen aus seinem engeren Umfeld zur Erkenntnis ihrer eigenen Schuld. Und sie erkennen in dem unschuldig Leidenden einen, der sein Leiden ihnen zugute erträgt - für sie. Er trägt die Last ihrer Schuld mit, die ihnen zu schwer ist. Befreit von der Last der Schuld können diese Menschen nun ihre Schuld annehmen. Mehr noch: Befreit von der Last der Schuld lernen sie, selbst stellvertretend für andere zu handeln, anderen zugute, so dass zunächst die „Vielen“ und später alle Völker erkennen, was hier ihnen zugute geschehen ist.
"Nicht wir entledigen uns am Kreuz von Golgatha unserer Schuld, indem wir Jesus als Sündenbock gebrauchen. Sondern indem er auch unsere Schuld mit ans Kreuz trägt, werden wir befreit, unsere Schuld anzunehmen."
Beim Leiden Jesu, das Händel in seinem Messias besingt, dreht es sich also gerade nicht um ein herkömmliches Sündenbock-Geschehen. Kein zorniger Gott muss durch das Opfer eines Sündenbocks gnädig gestimmt werden. Im Leiden Jesu wird nicht einem grimmigen Gott ein blutiges Opfer dargebracht, um ihm Genugtuung zu verschaffen. Jesus gibt sich freiwillig, aufopfernd hin. Er trägt alle Schuld, alles Leid der Welt hinauf aufs Kreuz. Und indem er dies stellvertretend für uns Menschen tut, tut er es uns zugute. Indem er sich verwunden lässt, öffnet er uns die Augen für unsere Wunden und hilft sie zu heilen. Nicht wir entledigen uns am Kreuz von Golgatha unserer Schuld, indem wir Jesus als Sündenbock gebrauchen. Sondern indem er auch unsere Schuld mit ans Kreuz trägt, werden wir befreit, unsere Schuld anzunehmen. Wir erkennen, dass wir in unserer Sünde alle wie Schafe umherirren und jeder seinen, jede ihren eignen Weg geht: in unseren Familien, in unseren Ehen, in unseren Gemeinde, in unserer Kirche, in unserem Staat, im Miteinander der Weltfamilie. Wohin wir schauen: Jeder geht seinen, jede geht ihren eigenen Weg. Dies ist unsere Sünde. Und diese Sünde erkennen wir im Blick auf den leidenden Gottesknecht, der gerade nicht seinen eigenen Weg geht, sondern einen Leidensweg, der anderen zugute kommt.
Versöhnung der ganzen Welt
Bei dieser - zunächst nur von wenigen vollzogenen - Selbsterkenntnis bleibt das Gottesknechtslied eben nicht stehen. Auch die „Vielen“, auch alle Völker sollen hineingezogen werden in das rettende Handeln des gerechten Gottesknechtes. In der Versöhnung der ganzen Welt kommt das Leiden Jesu an sein Ziel. Indem er die ganze Welt durch sein Leiden versöhnt, wird Jesus zum Messias. Das bekennen wir, wenn wir uns zu ihm bekennen. Das mit dem Leiden Jesu begonnene Geschehen ist ein langer Prozess, ein Prozess weltweiter Befreiung. Die Annahme unserer eigenen Schuld macht uns frei zu verantwortlichem, stellvertretendem Handeln für andere. Zu einem Handeln, das anderen zugute kommt. Jesu Stellvertretung befreit zur Stellvertretung für jene vielen, die sich nicht selbst befreien können.
Vor 20 Jahren, am 9. Oktober 2009, versammelten sich in der Leipziger Nikolaikirche die Menschen zum Friedensgebet. Sie ließen sich anstecken vom stellvertretenden Versöhnungshandeln Jesu. Und angesteckt von seinem Versöhnungshandeln gingen sie hinaus aus der Kirche auf die Straße zu den mehr als 70.000 Montagsdemonstranten. Stellvertretendes Eintreten für andere war der Anfang der friedlichen Revolution. Hier wurde niemand als Sündenbock missbraucht, sondern Menschen wurden durch das, was Jesus für sie getan hatte, frei, stellvertretend für andere einzutreten.
Dies Beispiel zeigt uns, wie das Leiden des gerechten Gottesknechtes, das Leiden Jesu Kreise ziehen kann: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ Wenn wir dies erkennen, wiegt unsere Schuld nicht mehr so schwer. Wir können sie annehmen und unter dem Kreuz Jesu ablegen. Und wir werden befreit zu verantwortlichem stellvertretendem Handeln für andere. Der am Kreuz von Golgatha Gestorbene nimmt stellvertretend das Leiden auf sich, um uns und alle Menschen zu befreien von der Last unserer Schuld. So befreit er uns zu lebensrettenden Akten der Stellvertretung, auf dass wir Frieden haben – durch ihn, den Messias. Amen
