Die Bedeutung Melanchthons für die Ökumene

Vortrag in Karlsruhe am 13.10.2009 von Landesbischof Dr. U. Fischer

Sehr geehrte Damen und Herren,
im kommenden Jahr gedenken wir des Todestages von Philipp Melanchthon, der sich um 450. Mal jährt. Das Melanchthonjahr ist eine Station auf dem Weg hin zum großen Reformationsjubiläum 2017 und es wird ganz vom Gedenken an den großen Humanisten, den praeceptor germaniae geprägt sein und vom Nachdenken darüber, was Melanchthon für die Entwicklung evangelischer Bildungsarbeit bedeutet.
Am kommenden Reformationsfest werden wir das Melanchthonjahr mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche von Bretten eröffnen. Erzbischof Zollitsch und ich werden die Predigt in diesem Gottesdienst halten – ein Hinweis darauf, dass Melanchthon nicht nur als großer Humanist, Reformator und Gelehrter bedacht werden sollte, sondern auch als ein großer Ökumeniker seiner Zeit. Und in der Tat scheint der Versuch, Philipp Melanchthon als den großen Ökumeniker der Reformationszeit darzustellen, auf den ersten Blick einfach und folgerichtig; so wurde Melanchthon gerade auch im Umfeld des Jubiläums seines 500. Geburtstages im Jahr 1997 als größte ökumenische Gestalt der Reformationszeit bezeichnet. Dafür spricht vor allem sein Bemühen, mit dem Augsburger Bekenntnisdie gemeinsame theologische Grundlage, also einen Konsens in den wesentlichen Fragen des Glaubens und der Lehre zu erzielen. Dass ihm dies damals und auch später nicht gelungen ist, muss für uns eine Mahnung sein, jene Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen, die bei allem ökumenischen Bemühen zu erwarten sind.


1. Zur Ekklesiologie Philipp Melanchthons

Das Denken Philipp Melanchthons weist in vielerlei Hinsicht auf das ökumenische Gespräch unserer Tage voraus. Um sich eine Vorstellung vom ökumenischen Denken Melanchthons zu machen, ist es jedoch nötig, sich zunächst einen Eindruck von seiner Theologie, insbesondere seiner Ekklesiologie zu verschaffen. Im Zentrum der Ekklesiologie Melanchthons steht seine Sicht von der Einheit und Katholizität der Kirche. So schreibt Melanchthon:
„Ich unterstreiche entschieden: Unsere Kirchen sind wahrhaft Glieder der katholischen Kirche Gottes. Ich nehme für mich in Anspruch, unter die Mitbürger der Kirche zu zählen, und lade auch andere zur Gemeinschaft mit unseren Kirchen ein, damit wir eines seien in Gott“ (MSA 6, 366).

"Die Trias von Evangelium, Sakrament und Amt bilden demnach für Melanchthon den Kernpunkt des Kirchenverständnisses."

Im Zentrum des Glaubens stand für Melanchthon das Evangelium, verstanden als doctrina, als Lehre, an deren Reinheit alles hängt. Glaube wird daher bei Melanchthon als ein unaufhörlich fortschreitender Lernprozess verstanden, der bis in die Ewigkeit andauert. Aufgrund der Nähe des Glaubens zu Studium, Schule und Bildung nennt Melanchthon die Kirche oft coetus – das bedeutet Schar oder Häuflein. Auch Schüler oder Studenten bilden einen coetus. Die Glieder der Kirche bilden nach CA VII eine congregatio, eine Versammlung, oder eine societas fidei (Apol. VII), eine Glaubensgesellschaft. Dies weist darauf hin, dass für die Reformation das Nicänische Glaubensbekenntnis entscheidend war, das die Rede von der „Gemeinschaft der Gläubigen“ nicht kennt, sondern stattdessen die una sancta catholica et apostolica ecclesia bekennt. Martin Luther hat den Begriff ecclesia im NT konsequent mit Gemeinde übersetzt. Im Anschluss daran spricht Melanchthon von unseren Gemeinden. Kirche ist dort, notiert Melanchthon, „wo diese zeichen gefunden werden, die nicht verborgen sein können, Sondern mit ohren und augen zu mercken sind, Nemlich, reine lere des Euangelij, rechter brauch der Sacrament und der gehorsam gegen dem Ministerio in göttlichen geboten“ (Exam. Ord. MSA 6, 21, Z. 30ff.). Die Trias von Evangelium, Sakrament und Amt bilden demnach für Melanchthon den Kernpunkt des Kirchenverständnisses.

1.1 Die wahre Kirche ist verborgene Kirche

Dabei ist die wahre Kirche wie auch für Martin Luther verborgene Kirche. Sie ist jedoch keine bloße und abstrakte Idee. Sondern Kirche ist ein sichtbares Phänomen überall dort, wo sich sichtbare Kirche ereignet. Dabei sind Glaube und Kirche aufs engste miteinander verbunden. Denn für Melanchthon bezeichnet die Grundereignung von Kirche den Moment und den Vorgang, in welchem das von Gott her gefüllte und legitimierte Wort den Glauben schafft. Insofern ist Kirche creatura verbi. Melanchthon schreibt: „Gott möchte, dass wir erkennen, dass das Menschengeschlecht nicht zufällig entstanden, sondern von Gott geschaffen ist; aber geschaffen nicht auf ewigen Tod hin, sondern weil Gott sich im Menschengeschlecht eine Kirche sammeln wollte, welcher er für alle Ewigkeit seine Weisheit, seine Güte und seine Freude kommunizieren wollte“ (MSA 6, 119, Z. 19ff.).

"Kirche [ist] für Melanchthon ein durch und durch personales Geschehen, das eine Verheißung auf Jesus Christus hin hat."

In diesem Sinne ist Kirche für Melanchthon ein durch und durch personales Geschehen, das eine Verheißung auf Jesus Christus hin hat. Die durch Christus selbst verbürgte Verheißung seiner Wirksamkeit im ergehenden Wort wirkt die Vergebung der Sünden und macht der Zuwendung und Liebe Gottes gewiss. Hierin besteht der Kernpunkt der Theologie Melanchthons. Insofern beginnt Kirche nicht erst mit dem Pfingstwunder, sondern bereits bei Adam. Melanchthon schreibt von der „ … ersten Predigt im Paradis, die der Son Gottes selb gethan hat … Und diese Predigt ist fur und fur in Gottes kirchen gewesen. Und ist der Son Gottes dadurch krefftig und samlet jm also ein ewige Kirchen“ (MSA 6, 206, Z. 14-35).

1.2 Kirche - Fortdauerndes Schöpfungshandeln Gottes und endzeitliches Ereignis

Alles zusammen genommen ist Kirche im Sinne Philipp Melanchthons ein fortdauerndes Schöpfungshandeln Gottes. Sie ist im Kern ein endzeitliches Ereignis, nämlich das Versetztwerden in die vollständige Christusförmigkeit. In der Realität des Lebens ist davon freilich oft nicht die Rede – das wusste auch schon Philipp Melanchthon. Deshalb trägt die Kirche in diesem Leben den Charakter der Verheißung. Die Grundhaltung der Kirche ist für Melanchthon die Bußfertigkeit. Deshalb ist Kirche für Melanchthon immer zuerst betende Kirche.


2. Die ökumenische Wirkung Melanchthons

Obwohl Melanchthon, Bucer und später auch Calvin sich um eine Einheit in den wesentlichen Punkten der reformatorischen Lehre bemühten, kam es zu gegenseitigen Verurteilungen und zu weiteren Spaltungen. Auch die von Bucer und Melanchthon in der Wittenberger Konkordie von 1536 herbeigeführte Einigung im Abendmahlsstreit konnte diesen Prozess nicht aufhalten und brachte Bucer wie Melanchthon in den Verdacht des Verrats an der so genannten wahren Lehre. Erst viel später, beginnend mit den Unionsbemühungen im 19. Jahrhundert und schließlich dann mit dem Beginn der ökumenischen Bewegung, entfaltete sich das ökumenische Potential Melanchthons, als man begann, die reformatorischen Lehrverurteilungen zu hinterfragen.

2.1 Leuenberger Konkordie - Gemeinsames Verständnis des Evangeliums

So haben in der Konkordie der reformatorischen Kirchen in Europa von 1973 die Kirchen der Reformation erklärt, dass sie das gemeinsame Verständnis der Botschaft und Lehre des Evangeliums wieder neu entdeckt haben und bezeugen wollen: Die dieser Konkordie zustimmenden Kirchen „stellen aufgrund ihrer Lehrgespräche unter sich das gemeinsame Verständnis des Evangeliums fest…Nach reformatorischer Einsicht ist darum zur wahren Einheit der Kirche die Übereinstimmung in der rechten Lehre des Evangeliums und in der rechten Verwaltung der Sakramente notwendig und ausreichend. Von diesen reformatorischen Kriterien leiten die beteiligten Kirchen ihr Verständnis von Kirchengemeinschaft her“ (Konkordie 1+2).
Mit diesen Worten der Leuenberger Konkordie war eine Kirchengemeinschaft reformatorischer Kirchen erreicht.

2.2 Verhältnis zur katholischen Kirche

Der nächste Schritt betraf das Verhältnis zur katholischen Kirche. Auch hier zeigte sich das ökumenische Potential der CA von 1530, in der Melanchthon das Gemeinsame und Verbindende herausgestellt und betont hatte. Ein erstes sichtbares Zeichen war das 450. Jubiläum der CA im Jahr 1980. Beim Festakt in der St. Anna Kirche in Augsburg wurde ein Grußwort von Papst Johannes Paul II verlesen, in dem der Papst feststellt:
"Wir müssen erkennen, dass es trotz ehrlichen Willens und ernsthaften Ringens aller Beteiligten damals nicht gelang, die drohende Spaltung zwischen den Vertretern der römisch-katholischen Kirche und den Vertretern der evangelischen Reformation abzuwenden. Der letzte kraftvolle Versuch einer Versöhnung auf dem Reichstag zu Augsburg scheiterte. Bald danach kam es zur sichtbaren Trennung. Mit umso größerer Dankbarkeit erfahren wir heute, dass damals zwar der Brückenbau nicht gelang, dass aber wichtige Hauptpfeiler der Brücke im Strom der Zeit erhalten geblieben sind. Der langjährige intensive Dialog mit den Lutheranern, zu dem das Zweite Vatikanische Konzil aufgefordert und die Wege gewiesen hat, hat uns neu entdecken lassen, wie breit und fest die gemeinsamen Fundamente unseres christlichen Glaubens gegründet sind."

Melanchthons leidenschaftliches Kämpfen für die Einheit der Kirche wurde auch an seinem 500. Geburtstag im Jahr 1997 gewürdigt als der damalige Freiburger Erzbischof Oskar Saier in seiner Rede beim Festakt in der Brettener Stiftskirche feststellte:
"Wenn wir an dieser Stelle auf die Ergebnisse des ökumenischen Studienprozesses zu den Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts und den sich abzeichnenden Konsens in der Rechtfertigungslehre zwischen Lutherischem Weltbund und Römisch-Katholischer Kirche blicken, so erscheint in diesem Licht Melanchthon als der wohl größte Ökumeniker seiner Zeit."

2.3 Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Der Dialog auf vielen Ebenen und die Arbeit in den Fachkommissionen führte zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die nach langwieriger und komplizierter Meinungsbildung schließlich am 31. Oktober 1999 in Augsburg von Vertretern der katholischen Kirche und des lutherischen Weltbundes unterzeichnet werden konnte. Mit dieser gemeinsamen Erklärung war eine Einigung in einer Grundfrage des Glaubens nach evangelischem Verständnis gefunden, und zwar in der Lehre von der Rechtfertigung. Aber in vielen anderen Fragen gibt es noch Unterschiede. Gerade für diesen Prozess ist aber nach Meinung vieler das Augsburger Bekenntnis hilfreich, weil es schon damals die gemeinsame Grundlage herausgearbeitet hat. Im Rückblick auf diesen langen Weg wird man unweigerlich an Philipp Melanchthon erinnert und an sein Bemühen um Einheit, die ihm auch immer ein wichtiges Gebetsanliegen war. So in seinem letzten Lebensjahr:
"Ich bitte den Sohn Gottes, unseren Herrn Jesus Christus, er möge unsere Wunden heilen und sich gnädigst eine ewige Kirche unter uns sammeln und er möge es bewirken, dass alle unsere Kirchen eins seien in ihm (Ich rufe zu dir, S.34)."

"Der Streit um die Rechtfertigung wird sich mit der Zeit beruhigen. Denn in vielen Fragen besteht unter den Gelehrten bereits Einigkeit, über die anfänglich noch großer Streit war. (MBW 1467)"

Melanchthon war schon 1530 in Augsburg der Meinung, in der Frage der Rechtfertigung gebe es keine grundlegenden Unterschiede (CA 4). Auch noch 1534 in einem Brief an einen französischen Diplomaten schreibt er:
"Der Streit um die Rechtfertigung wird sich mit der Zeit beruhigen. Denn in vielen Fragen besteht unter den Gelehrten bereits Einigkeit, über die anfänglich noch großer Streit war. Keiner verteidigt mehr das Absurde, was man bei den Scholastikern lesen kann, dass nämlich die Menschen dem Gesetz Genüge tun könnten, dass sie die Vergebung der Sünden durch die Würdigkeit ihrer Werke sich verdienen könnten und dass sie gerecht und also angenommen seien wegen eigener Würdigkeit und der Erfüllung des Gesetzes. Alle bekennen jetzt, dass der Glaube notwendig sei." (MBW 1467)

"Auch nach der Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre haben wir also noch einen weiten ökumenischen Lernweg vor uns, der für neue gemeinsame Erkenntnisse offen sein muss."

Eine Einigungsformel zur Rechtfertigungslehre gab es bereits bei dem Religionsgespräch auf dem Reichstag in Regensburg 1541. Sie hatte nicht lange Bestand und wurde bald verworfen. War es vielleicht eine Wiederholung jener Fehleinschätzung, wenn man geglaubt hatte, mit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg 1999 eine tragfähige Basis für den weiteren Weg gefunden zu haben? Zwar wurde die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung im Jahr 1999 von den Unterzeichner als ein „entscheidender Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung“ betrachtet und es wurde der Erwartung Ausdruck gegeben, durch einen weiteren Dialog „zu voller Kirchengemeinschaft, zu einer Einheit in Verschiedenheit zu gelangen, in der verbleibende Unterschiede miteinander ‚versöhnt’ würden und keine trennende Kraft mehr hätten.“ Dieser optimistischen Einschätzung kann nach 10 Jahren nicht ohne weiteres gefolgt werden. Unbestreitbar war die Einigung im Verständnis der Rechtfertigungslehre ein wichtiger Schritt zum gemeinsamen Verständnis des Evangeliums und zur Überwindung der konfessionellen Gegensätze, die das gemeinsame Zeugnis der Kirchen verdunkeln. Aber leider wurden aus der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in den zurückliegenden 10 Jahren keine positiven Folgerungen für das Verständnis des Kirchenseins und für die wechselseitige Anerkennung als Kirche Jesu Christi gezogen. Das Problem wird deutlich in Verlautbarungen der Römisch-katholischen Kirche wie der Erklärung „Dominus Iesus“ vom 6. August 2000 und der Bekräftigung des Selbstverständnisses der Römisch-katholischen Kirche in den „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ durch die Glaubenskongregation vom 29. Juni 2007. Beide Verlautbarungen verweigern den evangelischen Kirchen die Anerkennung als Kirche Jesus Christi. Hierin sehe ich einen deutlichen Widerspruch zum erreichten Konsens in der Rechtfertigungslehre. Auch nach der Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre haben wir also noch einen weiten ökumenischen Lernweg vor uns, der für neue gemeinsame Erkenntnisse offen sein muss.

2.4 Größte Hindernisse bestehen im Verständnis von Kirche, Amt und Eucharistie

Tatsächlich war sich Melanchthon schon damals bewusst, wo die größten Hindernisse zu suchen waren, nämlich im Verständnis von Kirche, Amt und Eucharistie. Gerade die scheinbar so allgemein gehaltene Aussage in CA 7 zur Kirche
„Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden“
erweist sich hinsichtlich der Wertung des kirchlichen Amtes als Gegenprogramm zum Kirchenverständnis der römischen Kirche bis heute.

Dies lässt sich an vielen Einzelaussagen Melanchthons verdeutlichen, hier nur zwei Beispiele: Die Kirche ist nicht gebunden an die geordnete (apostolische) Sukzession sondern an das Evangelium (Loci 1559, MSA 5/2, S. 493). Tiefer noch geht der Widerspruch, wenn er formuliert, nicht der Kirche ist zu glauben sondern dem Wort allein (de ecclesia et de auctoritate verbi dei 1539, MSA 1,336).

"Wir können jedenfalls der Position nicht zustimmen, dass für die Gemeinschaft der Kirchen eine einzige, historisch gewachsene Form des kirchlichen Amtes zur Bedingung gemacht wird."

Hier sehe ich auch heute noch einen der Grundunterschiede zwischen den Konfessionen. Der Behauptung und dem Anspruch der römisch-katholischen Kirche, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil bekräftigt wurden, dass die Kirche Christi in der römischen Papstkirche subsistit, d.h. in ihr die konkrete Existenzform hat, muss die evangelische Kirche widersprechen. Und auch die Wertung des kirchlichen Amtes als eines Konstitutivums für das Kircheseins kann die evangelische Kirche – im Gefolge Melanchthons – nicht folgen. Wir können jedenfalls der Position nicht zustimmen, dass für die Gemeinschaft der Kirchen eine einzige, historisch gewachsene Form des kirchlichen Amtes zur Bedingung gemacht wird.


3. Melanchthon – der Ökumeniker unter den Reformatoren

Auf weitere Lehrunterschiede will ich jetzt nicht eingehen sondern nur erwähnen, dass Melanchthon z.B. in der Frage des Verständnisses der Eucharistie und in der Anrufung der Heiligen grundsätzliche Unterschiede gesehen hat. Dennoch kann man sagen, Melanchthons Theologie ist ökumenisch ausgerichtet wie kaum eine andere Theologie der Reformatoren.
Ich möchte dies in folgenden vier Punkten erläutern:

  • Ökumenisch ist Melanchthons Theologie, indem sie das Gespräch sucht. Bei aller Kritik an einzelnen Lehrentscheidungen von Päpsten und Konzilien war er doch immer auf der Suche nach dem Konsens und bereit zu Zugeständnissen dort, wo es nicht um das Zentrum des Evangeliums ging. In diesen Zusammenhang gehört auch die Bereitschaft, das Amt der Bischöfe und des Papstes als Leitungsamt anzuerkennen, allerdings in den Grenzen des Evangeliums und nicht als göttliches Recht.

  • Ökumenisch ist Melanchthons Theologie insofern, als sie mit dem umfassenderen Verständnis von Kirche im Sinne von CA 7 den Weg für eine Einheit in der Verschiedenheit frei macht. Dass sie damit in Widerspruch gerät zum Selbstverständnis der römischen Kirche bis heute, spricht nicht dagegen, sondern sorgt im Gegenteil für Klarheit. Und solche Klarheit ist eine Voraussetzung für einen Fortgang des ökumenischen Prozesses.

  • Ökumenisch wirksam ist Melanchthons Theologie, weil sie sich ihrer Verantwortung vor Christus und der Gesamtkirche bewusst ist. So wird nach Meinung Melanchthons die Kirche auch durch leichtfertiges Reden von Theologen gefährdet, die zu unnötigem Streit führen, er schreibt:
    "Wir müssen bedenken, auf welchem Schauplatz wir uns befinden: Als Richter haben wir Christus, als Zuschauer die Engel und als Zuhörer die Schwachen, deren Geist leicht verletzt wird." (Vorrede Loci 1535, CR 2, 928)
"Melanchthon hatte in seinen späteren Jahren keine Hoffnung auf eine sichtbare Wiederherstellung der Einheit. Dennoch war diese Einheit für ihn keine Illusion..."

  • Ökumenisch ausgerichtet ist Melanchthons Theologie letztlich darum, weil sie den Willen und das Vermächtnis von Christus selbst in seinem hohepriesterlichen Gebet ernst nimmt. Melanchthon hatte in seinen späteren Jahren keine Hoffnung auf eine sichtbare Wiederherstellung der Einheit. Dennoch war diese Einheit für ihn keine Illusion; er sah sie gegeben in der Einheit der wahren katholischen Kirche, die durch die Geschichte hindurch immer gegeben war, als Einheit in Christus selbst.

3.1 Lernen von Melanchthon - Ökumenische Arbeit heute

Was können wir für unsere ökumenische Arbeit heute von Melanchthon und seiner Theologie lernen? Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch betonte in seinem Vortrag vom 28. März 2009 in Karlsruhe:
"In der Ökumene ist derzeit nicht der Kairos für große Aufbrüche sondern eher die Zeit zum Innehalten, zur Konsolidierung und Bestandsaufnahme. Von einer ökumenischen Eiszeit kann nach dem Gesagten nicht die Rede sein. Richtig ist aber auch, dass es eine gewisse Ernüchterung gibt. Der große ökumenische Enthusiasmus, der sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einstellte, ist so nicht mehr vorhanden. Durch die größere Nähe der christlichen Kirchen, die eine Frucht der ökumenischen Bewegung ist, sind umso deutlicher auch tief greifende Differenzen sichtbar geworden, die wohl kurzfristig nicht überwindbar sind."

Bevor ich diese Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz kommentiere, erlauben Sie mir einen kleinen Exkurs. In der Presse wird derzeit ein internes Papier aus dem Kirchenamt der EKD diskutiert, das in sehr abschätziger, jede geschwisterliche Verbundenheit vermissenden Weise den derzeitigen Zustand der römisch-katholischen Kirche kommentiert. Dass dieses für den internen Gebrauch verfasste Papier öffentlich wurde, ist ärgerlich. Viel ärgerlicher, ja geradezu beschämend aber ist die Tatsache, dass es überhaupt verfasst wurde. Ich habe in der Kirchenkonferenz diesem Papier und der in ihr zum Ausdruck kommenden Grundhaltung heftig widersprochen und sage auch hier: Über Geschwister im Glauben redet man so nicht, selbst wenn die römisch-katholische Kirche sich weigert, uns Evangelische als „Schwesterkirche“ zu bezeichnen. Ich jedenfalls werde nicht nachlassen, die Geschwisterlichkeit unserer Kirchen deutlich zu betonen, und ich werde gerade in dieser Betonung der Geschwisterlichkeit Philipp Melanchthon auf meiner Seite wissen.

"Nimmt man den Ansatz Melanchthons ernst, dass Kirche ein fortdauerndes Schöpfungshandeln Gottes ist und Kirche deshalb in diesem Leben den Charakter der Verheißung trägt, dann bleibt unser ökumenisches Denken nicht auf das Hier und Jetzt beschränkt."

Diese Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ist meines Erachtens nicht nur realistisch, sondern auch weiterführend, obwohl sie zunächst ernüchternd klingt. Während die großen Unterscheide zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche mittlerweile klar vor Augen stehen, scheinen die vielen unstrittigen Gemeinsamkeiten etwas in den Hintergrund zu treten. Dabei sind gerade dort Ansatzpunkte der Konsolidierung und der Verbesserung ökumenischer Zusammenarbeit zu finden, die weiterführen können. Freilich darf uns die größere Nähe der christlichen Kirchen zueinander nicht über kurzfristig unüberwindbare Gegensätze hinweg täuschen. Aber von Philipp Melanchthons Theologie und Ekklesiologie her bekommen diese kurzfristig unüberwindbaren Gegensätze eine andere Qualität. Nimmt man den Ansatz Melanchthons ernst, dass Kirche ein fortdauerndes Schöpfungshandeln Gottes ist und Kirche deshalb in diesem Leben den Charakter der Verheißung trägt, dann bleibt unser ökumenisches Denken nicht auf das Hier und Jetzt beschränkt. Das Besondere an Melanchthons ekklesiologischem Denken erkenne ich gerade in seiner Offenheit auf eine Zukunft hin, die nicht in unserer Hand liegt. So wie Kirche nicht erst mit dem Pfingstwunder beginnt, sondern bereits im Paradies bei Adam und Eva, so beginnt auch die Einheit und Katholizität der Kirche nicht erst mit unseren ökumenischen Bemühungen. Gerade indem wir das Bruchstückhafte unseres gegenwärtigen Diskutierens und Handelns erkennen, können wir uns davon lösen, um eine Zukunft zu erkennen, die außerhalb unserer derzeitigen Handlungsmöglichkeiten liegt.

3.2 Ökumenische Handlungsbereiche pflegen und weiter entwickeln

Praktisch heißt dies aus meiner Sicht: In der Nachfolge Philipp Melanchthons und seines theologisch-ökumenischen Denkens ist Kirche nicht anders als ein fortdauerndes Schöpfungshandeln Gottes zu verstehen. Daher gilt es in besonderem Maße, die uns bereits jetzt möglichen ökumenischen Handlungsbereiche zu pflegen und weiter zu entwickeln. Wir sollten uns also weiterqualifizieren als Gärtnerinnen und Gärtner im Paradiesesgarten der Ökumene. Das können wir nicht nur bei unseren intensiven Kontakten und Gesprächen auf kirchenleitender Ebene. Daneben sind auch die vielen Möglichkeiten der konkreten Zusammenarbeit in den Kirchengemeinden und Kirchenbezirken und im diakonischen Bereich wesentliche Beiträge zur Förderung ökumenischen Verständnisses. So wie Melanchthon zwar zu seinen Lebzeiten nicht mehr mit einer Einigung der Kirchen rechnen konnte, deshalb aber nicht den Glauben an die Einheit der Kirche verlor, so sollten auch wir uns nicht nur von dem leiten lassen, was uns vor Augen liegt. Ein für mich besonders eindrücklich Beispiel dieser Einstellung ist das 20-jährige Jubiläum der Bewahrung der Montagsandachten in Leipzig am 9. Oktober. Diese Andachten waren nicht nur friedlich, sondern auch ökumenisch. In diesem Geist haben sie die friedliche Revolution und den Fall der Mauer bewirkt, an den wenige Jahre zuvor kein Mensch geglaubt hätte.

In diesem Sinne kann uns Philipp Melanchthon nicht nur ein beispielhaft ökumenisch denkender Theologe sein, sondern auch ein Vorbild in Sachen Geduld und Weitsicht.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.