Eine Liebes- und Enttäuschungsgeschichte Gottes mit seinem Volk

Predigt beim Pfarrertag in Mannheim am 12.10.2009

Predigt zu Markus 12,1-12 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Schwestern und Brüder,
eine Geschichte - nach dem Zeugnis des Markusevangeliums einst von Jesus erzählt in Jerusalem, kurze Zeit vor seinem Leiden und Sterben. Eine Geschichte - heute für uns erzählt an diesem Tag der badischen Pfarrerinnen und Pfarrer, an diesem Fest der Ordinationsjubiläen. In gleichnishafter Weise wird diese Geschichte erzählt, mit Bildern aus der Umwelt Jesu. Anschaulich - wie einst beim Propheten Jesaja - beginnt die Erzählung: „Mein Freund hatte einen Weinberg. Und er grub ihn um und pflanzte darin edle Reben. Er baute einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.“ Die Zuhörenden damals verstanden, und wir heute verstehen: Hier wird eine Liebesgeschichte erzählt, die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk. Die Geschichte Gottes, der sich so intensiv um sein geliebtes Volk sorgt wie ein besorgter Weinbergbesitzer um seinen edlen Weinberg.

Enttäuschte Liebe

Ganz unromantisch geht die Geschichte weiter. Der Weinberg bringt keine gute Frucht. Die Weingärtner, die den Weinberg als Pächter überlassen bekamen, verweigern dem Weinbergbesitzer die Pacht. Gott sendet Propheten - immer wieder, immer neu - um gute Früchte einzusammeln, Taten der Gerechtigkeit. Aber die Propheten werden nicht gehört. Sie werden von den Führenden des Volkes, den Weinbergpächtern, verspottet, brutal misshandelt - wie Jeremia - und einige gar kaltblütig getötet. So wird Gott immer wieder in der Geschichte mit seinem Volk enttäuscht. Und so wandelt sich diese Liebesgeschichte in eine Geschichte der Treulosigkeit und Enttäuschung, in eine Geschichte zunehmender Gewalt. Gewalt erfahren zunächst jene, die Früchte der Liebe Gottes einfordern. Immer unentrinnbarer wird die Spirale der Gewalt gegen die Boten Gottes. Schließlich sendet Gott Jesus Christus, seinen geliebten Sohn als letzten Anwalt seiner Liebe. Aber auch ihn töten sie, verscharren seinen Leichnam draußen vor der Stadt. Damit hat die Gewalt so überhand genommen, dass auch Gott sich hineinziehen lässt in die unentrinnbare Spirale der Gewalt: Er tötet die gewalttätigen Eliten seines Volkes, die so grausam versagt haben. Den Weinberg nimmt er ihnen weg. Sie werden verworfen, nicht aber der Weinberg, das geliebte Volk Gottes. Die Geschichte Gottes mit seinem geliebten Volk geht auf wundersame Weise weiter. Das Wunder des Ostermorgens eröffnet ein neues Kapitel in der Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk. Der getötete Sohn bleibt nicht im Tode. Er eröffnet dem geliebten Gottesvolk eine neue Zukunft: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.“

"Gott lässt sich in seiner Treue zu seinem Volk nicht beirren. Größer als alle Untaten ist Gottes Treue."

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die klärende Pointe dieser brutalen, von Gewalt nur so triefenden Liebes- und Enttäuschungsgeschichte Gottes mit seinem Volk: Gott kündigt seine Liebe zu seinem geliebten „Weinberg Israel“ nicht auf. Gott lässt sich in seiner Treue zu seinem Volk nicht beirren. Größer als alle Untaten ist Gottes Treue. Gottes Liebe ist stärker als die Menschen, die meinen, mit ihrer Bosheit sich gegen ihn durchsetzen zu können. Gottes Treue ist so stark, dass aus ihr Neues wachsen kann. Ein fester Bau, gegründet auf den Stein, der zum Eckstein geworden ist, zum Eckstein des Volkes Gottes. Und wenn wir uns heute als Kirche Jesu Christi - gemeinsam mit Israel, dem Volk des Alten Bundes, zum Volk Gottes gehörig wissen, dann gründet diese Gewissheit gerade nicht auf der Verwerfung des von Gott geliebten Weinbergs, sondern auf Gottes Treue und Liebe, die sich an Ostern stärker erwiesen hat als der Tod.

Stärker als der Tod

Die einst von Jesu erzählte und heute neu gehörte Gleichnisgeschichte bleibt nicht stehen bei der Schilderung von Gewalt und unbändiger Tötungswut. Nein: Dies Gleichnis setzt „noch einen drauf“ - den Schlussstein, den die Bauleute verworfen haben. Den Schlussstein der unbesiegbaren Liebe Gottes. Den Schlussstein, der durch keine menschliche Bosheit zu überwindenden Treue Gottes. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.“ Darauf gründet Gottes Geschichte mit seinem Volk aus Juden und Christen. Der Weinberg bleibt Gottes geliebter Weinberg, seit Ostern fest gegründet auf einer Liebe, die stärker ist als der Tod.

Weinberg, Weingärtner oder Gesandte?

Wo kommen wir eigentlich selbst vor in dieser Geschichte? Finden wir uns wieder im Weinberg? Oder haben wir vielleicht manches gemeinsam mit jenen Weingärtnern, die sich dem Anspruch Gottes gewaltsam widersetzen? Oder verstehen wir uns als Gesandte Gottes, die in seinem Weinberg Frucht suchen? In jeder dieser drei Fragerichtungen ist jene gleichnishafte Geschichte für uns von Bedeutung:

Wir sind getauft. Damit sind wir hinein genommen in den Bund, den Gott mit seinem geliebten Volk geschlossen hat. Als Getaufte sind wir sozusagen Gewächse in Gottes Weinberg geworden. Auch für uns hat Gott diesen Weinberg gepflanzt. Auch für uns hat er um diesen Weinberg Zäune gezogen. Hat er uns mit seinen Geboten Vorgaben gegeben. Hat er unserer Zügellosigkeit Grenzen gesetzt. Hat er uns mit seinen Geboten Normen und Werte für unser Leben vorgegeben. Und natürlich erwartet er auch von uns Früchte der Gerechtigkeit, die seinen Geboten entsprechen.- Auch für uns hat Gott in seinem Weinberg einen Turm gebaut als Verbindung zwischen Himmel und Erde, so dass wir uns nicht verlieren im irdischen Getümmel, sondern uns immer wieder auch an Gottes Himmel orientieren. Seit unserer Taufe gehören wir zu Gottes geliebtem Volk, zu seinem Weinberg - und dies eben gerade nicht in exklusiver Weise, so als wäre für das jüdische Volk kein Platz mehr in diesem Weinberg. Nein: Als Juden und Christen gemeinsam bewohnen wir den Weinberg Gottes.

"Was tragen wir dazu bei, dass es im Weinberg Gottes blüht und grünt, dass schöne Früchte der Gerechtigkeit wachsen?"

Aber wir haben eben auch Verantwortung übernommen im Weinberg Gottes - als Pfarrerinnen und Pfarrer wie auch als im Pfarrdienst mitarbeitende Ehepartnerinnen und Ehepartner. Wir haben für unseren jeweiligen Verantwortungsbereich die Aufgabe der Weingärtner übernommen. Und als solche müssen wir alle - muss auch ich selbst mir - die Frage gefallen lassen: Was für Pächterinnen und Pächter im Weinberg Gottes sind wir? Tragen wir mit dafür Sorgen, dass im Weinberg des Herrn Früchte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung geerntet werden? Gott hat uns seine Kirche anvertraut. Er macht uns für die Menschen in dieser Kirche verantwortlich. Was tragen wir dazu bei, dass es im Weinberg Gottes blüht und grünt, dass schöne Früchte der Gerechtigkeit wachsen? Gott gibt uns für die Arbeit in seiner Kirche freie Hand. Nutzen wir diese Hand zum Pflegen und Hegen, oder um unsere eigene Position auszubauen, wenn nötig mit sanfter oder anderer Gewalt? Die Weingärtner in jener gleichnishaften Geschichte hatten ja auch ein intensives Verhältnis zum Weinberg. Aber sie vergaßen, dass sie eben nur Pächter waren und nicht Herren über den Weinberg. Wie steht es mit uns: Nehmen wir unseren Dienst im Weinberg Gottes so wahr, dass wir - um mit Paulus zu sprechen - anderen zu Gehilfen der Freude werden, oder verstehen wir uns lieber als Herren über den Glauben anderer?

Und schließlich kommen wir in dieser Gleichniserzählung auch vor als die Gesandten. Die von Jesus erzählte Geschichte ist im Grund eine Geschichte eines nimmermüden Sendens Gottes. Immer wieder sendet Gott Boten in seinen Weinberg, um Frucht einzufordern. In der Liebesgeschichte Gottes mit seinem Weinberg treten die Boten auf als Anwälte der nicht müde werdenden Liebe Gottes. Besser kann ich unseren Auftrag, den wir mit unserer Ordination übernommen haben, gar nicht beschreiben: Wir sind berufen zu Anwälten der Liebe Gottes. Wir sollen als Botinnen und Boten Gottes den im Weinberg des Herrn lebenden Menschen die unerschütterliche Liebe Gottes bezeugen. Dabei müssen wir - wie die Propheten und wie Jesus selbst - manche Widerstände aushalten (wenngleich Gewalttat an Pfarrerinnen und Pfarrern hierzulande selten geworden ist). Wir müssen Widerstände aushalten,

etwa wenn es gilt, auch einmal in politisch schwierigen Zeiten prophetisch zu reden,
etwa wenn es gilt, in unserer Finanzkrise jene zu mahnen, die immer noch meinen, sie könnten sich diese Welt als ihren Privatbesitz aneignen,
etwa wenn es gilt, jeder Diffamierung jüdischer Geschwister deutlich entgegenzutreten.
Als Anwältinnen und Anwälte der Liebe Gottes prophetisch wirken, das sollen wir in unserem Amt. Und das können wir, weil wir wissen, dass sich unser Auftrag gründet auf jenem Stein, den die Bauleute verworfen hatten, und der an Ostern zum Eckstein geworden ist, zum Eckstein der Kirche, aber auch zum Grundstein unseres eigenen Lebens. Fest stehend auf diesem Grundstein, stets hinweisend auf diesen in der Kirche alles zusammenhaltenden Eckstein sind wir durch unsere Ordination eingereiht in die lange Reihe der Botinnen und Boten Gottes. Welch ein Auftrag und welch eine Verheißung für unseren Dienst! Amen.