Willkommen auf der Großbaustelle im Haus der lebendigen Steine!

Gottesdienst zur Visitation in Mannheim-Schönau am 11.10.2009

Predigt zu 1 Petrus 2,4-9 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Beim Nachdenken darüber, welcher Bibeltext hilfreich sein könnte, das Geschehen des heutigen Tages in geistlicher Weise zu bedenken, stieß ich auf ein Wort aus dem 1. Petrusbrief, das seit einiger Zeit auffällig häufig in unserer Landeskirche zitiert wird. Und dies ist kein Zufall. Denn wir haben in den letzten Jahren für die Zukunft unserer Landeskirche auf die Bibel gegründete Leitbilder formuliert. Und das zweite Leitbild handelt vom Haus der lebendigen Steine, wie es im 1. Petrusbrief folgendermaßen entwickelt ist:
„Kommt zu Jesus Christus als dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause. Darum steht in der Schrift: ‚Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden.' Für euch nun, dir ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist der ‚Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses'; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben“.

Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das „Haus der lebendigen Steine“ auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut und umgebaut werden.

Wer an einen Hausbau oder -umbau geht, muss zuerst grundlegend bedenken, auf welchem Fundament das Haus errichtet werden soll. Dann können jene Fragen geklärt werden, welche die Zweckmäßigkeit eines Hauses oder seine Einrichtung betreffen: Welche Steine oder Baustoffe sollen verwendet werden? Welche Farbe soll das Haus erhalten? Welche Buntheit hätten wir gern? All das sind Ermessensfragen, Fragen vielleicht auch des Zeitgeschmacks. Beim Bau der Kirche und auch bei ihrem Umbau ist das nicht anders. Auch hier gilt es zu unterscheiden zwischen Fragen zweckmäßiger Gestaltung und Fragen nach dem tragenden Fundament. Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das „Haus der lebendigen Steine“ auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut und umgebaut werden.

Fundamental

Nun sagt der Text aus dem 1. Petrusbrief sehr schön bildhaft, dass das Fundament des Hauses der Kirche Jesus Christus selbst ist. Er ist der von den Bauleuten verworfene Stein, der zum Eckstein geworden ist. Den einen gilt er als ein weggeworfener Stein, der unbrauchbar ist für den Bau des Reiches Gottes. Anderen ist er zum Eckstein ihres Lebens geworden, zum alles zusammenhaltenden Schlussstein, zum Maßstab für ihr Leben. Den einen ist Christus ein Stolperstein auf ihrem Lebensweg, ein Stein des Anstoßes, den sie lieber aus der Welt schaffen würden. Anderen, die aus dem Hören auf sein Wort Kraft, Trost und Weisung schöpfen, ist Christus zum Grundstein geworden, auf dem ihr Leben ruht. Der auferstandene Christus, dessen Wirken Anstoß erregte, er ist das Fundament der Kirche. Er ist es, auf dem allein die Kirche gründet.

Dieses Fundament der Kirche darf niemals angetastet werden, wenn die Kirche wirklich Kirche Jesu Christi bleiben will. Ist dieses Fundament klar, dann kann überlegt werden, wie die Kirche als ein „Haus der lebendigen Steine“ darauf gebaut oder umgebaut werden kann.

"Durch die Taufe werden wir als lebendige Steine in das geistliche Haus der Gemeinde Christi eingefügt."

Aber noch etwas Anderes: Zum Fundament der Kirche gehört auch, dass Menschen durch die Taufe hinein genommen werden in eine ewige Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, dem Eckstein, dem Fundament der Kirche. Die Gemeinde hier wie die Gemeinschaft der ganzen Christenheit ist eine Gemeinschaft „lebendiger Steine“, die durch die Taufe dem Grundstein Jesus Christus zugeordnet wurden. Durch die Taufe werden wir als lebendige Steine in das geistliche Haus der Gemeinde Christi eingefügt. Als Getaufte sind wir nicht auf uns selbst gestellt, sondern von Anfang an anderen zugewiesen. Als Christenmenschen sind wir kein Haufen Zusammengeworfener ohne Beziehung zueinander. Wir sind vielmehr durch die Taufe zu einem Ganzen zusammengefügt, zu einem Haus, das gegründet ist auf Christus und zusammengehalten ist durch ihn als den Eckstein. Als Glieder der Gemeinde Jesu Christi sind wir nicht totes Gestein ohne Nutzen für andere, sondern wir sind eingefügt in einen großen Organismus als lebendige Zeuginnen und Zeugen Christi.

Lebendiger Stein im Mauerwerk

„Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause.“ Das ruft Ihnen der Verfasser des 1. Petrusbriefes zu. Das ist kein bloßer Appell. Nein: Das ist eine kräftigende und stärkende Tauferinnerung. Ihr seid getauft auf den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen. Durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu ist der Grundstein für das Haus der Gemeinde gelegt. Und Ihr habt Euch durch die Taufe einfügen lassen in sein „Haus der lebendigen Steine“. „Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause.“ Das ist besonders Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden zugerufen. Ob Ihr nun schon getauft seid oder Euch erst im Konfirmandenunterricht auf Eure Taufe vorbereitet, jeder und jede von Euch ist ein lebendiger Stein im Bauwerk der Kirche. Wie lebendig Ihr seid, das wird die Gemeinde noch erleben. Manchmal wird sie sich auch über Eure Lebendigkeit ärgern. Aber wichtig ist, dass Ihr Euch mit Eurer Lebendigkeit einbringt in die Kirche. Die Kirche ist kein starres Bauwerk, das unverändert über Jahrhunderte hinweg besteht. Ihr könnt ja selbst jetzt auf der Schönau sehen, dass an der Kirche immer wieder weitergebaut werden muss. Eure Lebendigkeit brauchen wir auch beim Umbau der Kirche. Konfirmandenunterricht ist deshalb auch so etwas wie eine riesige Baustelle, in der Ihr als lebendige Steine gebraucht werdet.

"Das Bauen macht auch die Lebendigkeit der Kirche aus."

Und so möchte ich Euch alle, liebe Gemeinde, vor allem aber Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, herzlich willkommen heißen auf der Großbaustelle im Haus der lebendigen Steine. Das Bauen macht auch die Lebendigkeit der Kirche aus. Hier auf der Schönau wurde der Bauplan für den Umbau der Kirche fertig gestellt. Viele Umbauarbeiten warten noch darauf, in Angriff genommen zu werden. Weitere Gewerke sind noch zu vergeben, bis die Gemeinden wirklich zusammengewachsen sind. Aber Sie können diese Arbeiten getrost und fröhlich in Angriff nehmen, denn der Grund der Kirche ist längst gelegt in Jesus Christus. Willkommen im „Haus der lebendigen Steine!“ Amen.