Keine Sorge!

Gottesdienst in Karlsruhe am 20.09.2009

Predigt über Mt 6,25-34 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde,
nach den Sommerferien, nach verdientem Urlaub und wohltuender Ruhepause holt uns das Leben wieder ein. Wir tauchen ein in den Alltag, und dieser Alltag lehrt uns wieder die Sorge um unser Leben. Da ist nicht nur die Sorge um die tägliche Gestaltung der Arbeit oder um den Arbeitsplatz, die Sorge um die Kinder oder um die politische Zukunft in unserem Land. Da holen uns auch die ganz großen Sorgen wieder ein – die Sorgen um eine Wirtschaftsordnung, die sich als sehr zerbrechlich erwiesen hat, die Sorge um eine Welt, die durch Umweltzerstörung höchst gefährdet ist, oder auch die große Sorge um das eigene Leben, das durch eine schwere Krankheit bedroht ist. Wie kann ich mich nicht sorgen um mein Leben, wenn ich es liebe? Wie kann ich mich nicht sorgen um diese Welt, wenn ich sie erhalten will?

Sorgen sind die Begleiterinnen unseres Lebens. Das wusste auch Jesus, als er - nach dem Zeugnis des Matthäusevangeliums - seine Bergpredigt hielt. Jesus wusste, dass vor ihm Menschen saßen, für welche die Sorge um das tägliche Brot grausame Realität war. Er kannte die Situation der Kleinbauern, die täglich neu ums Überleben kämpfen mussten. Er wusste um die wirkliche Not der Menschen, die ihm zuhörten. Und dennoch spricht er zu ihnen diese Worte:
„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, indem er sich Sorgen macht? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er dies nicht viel mehr für euch tun, Ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

So redet Jesus an jenem Berg in Galiläa. Nicht um Verharmlosung der schwierigen Lebenssituation sorgenbefrachteter Menschen geht es ihm. Er will ihre Not und ihre Sorgen durchaus ernst nehmen. Aber er will helfen, dass diese Sorgen in einem neuen Licht erscheinen, von einer anderen Perspektive her beleuchtet werden. Die Sorgen seiner Hörerschaft am Berg von Galiläa ebenso wie unsere Sorgen heute. Den täglichen Kampf ums Überleben, den kämpfen auch heute unzählige Menschen in der sog. Dritten Welt. Und sage niemand, dass in unserem Land nicht auch viele Menschen von der Sorge um die alltägliche Sicherung der Existenz umgetrieben werden, nicht nur jene, die von Hartz IV leben müssen, auch viele andere mit niedrigem Einkommen, das kaum reicht, die Familie zu ernähren. Aber selbst jene, die abgesichert sind, die mit ihrem Einkommen gut auskommen, auch jene sind getrieben von täglicher Sorge um Sicherung des Lebens. Im Blick auf all diese vielfältigen unterschiedlichen Sorgen mahnt Jesus: „Lasst euch nicht von ihnen niederdrücken! Bewahrt euch einen aufrechten Gang - ohne dass euch die alltäglichen Sorgen krumm machen!“

Die Sorgenlast ablegen

Leichter gesagt als getan, denken wir. „Alle Eure Sorge werfet auf Gott, denn er sorgt für euch!“ Ja, wenn dies so einfach wäre! Die Sorgen, die wir auf Gott werfen sollen, die kleben oft so fest an unseren Händen - und an unseren Herzen. Freiheit von diesen Sorgen wollen wir schon, aber wir erreichen sie nicht. Was hilft, um die Last der Sorgen ablegen zu können? Der Bergprediger gibt vier Hilfestellungen:

Zunächst ruft er eine Lebensweisheit in Erinnerung, die gebietet, die Reichweite der Sorgen besser einzuschätzen: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, indem er sich Sorgen macht?“ Ja, niemand kann sein Leben durch das eigene Sorgen auch nur um einen einzigen Tag verlängern. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber eine, die nur selten beachtet wird. Ärztliche Kunst mag manche Lebenszeit verlängern, und das ist auch wichtig. Aber unsere Sorgen sind keine Lebensverlängerer. Mit unseren Sorgen können wir unser Leben nicht sichern. Sorgen als Mittel der Lebenssicherung einzusetzen, ist dumm.

Wichtiger als diese Binsenweisheit ist die zweite Hilfestellung, die Jesus gibt: Gegen das Aufgefressenwerden von den Sorgen hilft es, den Blick offen zu halten für Gottes Fürsorge: „Seht die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ Die Lilien auf dem Felde, gemeint sind die ganz normalen Feldblumen, die wir alle kennen, und die Vögel unter dem Himmel werden uns von Jesus nicht vor Augen gestellt als Vorbilder des Nichtstuns, sondern als Zeugen der Fürsorge Gottes. Die Schönheit der Blumen und die Freiheit der Vögel - an ihnen ist die Fürsorge Gottes für seine Schöpfung abzulesen. Der Blick auf die Blumen und die Vögel zeigt uns, wie sehr auch unser Leben getragen ist von der Fürsorge Gottes. Unsere Sorgen sind eingebettet in Gottes Fürsorge für uns. Ohne das Wurzeln im Boden der Fürsorge Gottes erdrücken uns die Sorgen, wuchern sie das Herz zu. Wo wir aber Vertrauen in die Fürsorge Gottes wagen, da wird Freiheit von den eigenen Sorgen erfahrbar.

"Und ich entdecke, dass dies mir von Gott geschenkte Leben mit seinen vielen Möglichkeiten nicht sorgenvoll gesichert, sondern nur vertrauensvoll gelebt werden kann."

Drittens hilft uns der Bergprediger, indem er einen weiten Horizont für das Leben aufzeigt: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Das ist kein leeres Versprechen, das ist ein lebensrettender Perspektivwechsel. Wir dürfen und wir sollen unser gegenwärtiges Leben im Horizont der Zukunft Gottes sehen. Wir dürfen zuleben auf Gottes endgültige Ankunft in dieser Welt. Wenn wir dies tun, dann entdecken wir, dass das Entscheidende in unserem Leben nicht von uns besorgt wird, sondern ausgerichtet ist auf sein Kommen, das er allein besorgen wird. Jesus öffnet den Blick für den weiten Horizont des Reiches Gottes. So bekommen unsere Sorgen ihren rechten Platz. Sie werden eingeordnet. Ich entdecke: Nicht das, was ich in meinen scheinbaren Realismus für Leben gehalten habe, macht den Horizont meiner Sorgen aus, sondern das, was Gott verheißen hat. Wo ich mein Leben ausrichte am Reich Gottes, da erhalten meine Sorgen einen neuen Stellenwert. Unter dem Horizont des Reiches Gottes entdecke ich viele neue Möglichkeiten des Lebens. Und ich entdecke, dass dies mir von Gott geschenkte Leben mit seinen vielen Möglichkeiten nicht sorgenvoll gesichert, sondern nur vertrauensvoll gelebt werden kann. So lädt Jesus ein zu einer Lebensplanung im Vertrauen auf Gott, der uns das Leben mit seinen vielen Möglichkeiten unter der Ausrichtung auf sein Reich geschenkt hat.

Daraus ergibt sich unmittelbar die vierte Hilfestellung Jesu gegen das falsche Sorgen. Sie ist kurz zusammengefasst in den Worten: Leben ist mehr! Leben ist mehr als unser Tun, ist mehr als unsere Sorgen. Leben hat eine Ausrichtung auf das Reich Gottes und auf seine Gerechtigkeit. Das ist die Platzanweisung für unsere Sorgen, aber auch die Platzanweisung für das, was wir dann wirklich auch tun sollen, um dieses Leben zu gestalten: Nicht niederdrücken lassen von den Sorgen, aber aufrecht arbeiten für Gottes Gerechtigkeit. Das gegenwärtige Leben gestalten im Licht des Reiches Gottes, das ein Reich der Gerechtigkeit ist. Das wird für uns alle schon sehr bald konkret, denn am nächsten Sonntag ist die Bundestagswahl. Zum gerechten Handeln ohne verzehrende Sorge gehört es, die demokratische Pflicht des Wählens wahrzunehmen. Gehört es auch, sich ganz bewusst zu fragen, welche der zu wählenden Parteien nach der eigenen Einschätzung für ein Höchstmaß an Gerechtigkeit in unserem Land eintritt. Denn es kann nicht egal sein, wenn in unserem Land Gerechtigkeitslücken aufbrechen, auf Grund derer immer mehr Menschen unter immer größeren Sorgen zu leiden haben. Die Ausrichtung an Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit befreit zu einem nüchternen, sorglosen Einsatz für die Gerechtigkeit - hier und jetzt.

"Freiheit von Lebensangst ist die königliche Freiheit der Kinder Gottes. Freiheit von kleiner bedrückender Sorge ist der „heilige Leichtsinn der Kinder Gottes“."

In unserem Urlaub waren wir vor wenigen Wochen in Washington. Wir haben das Lincoln-Memorial besucht, auf dessen Stufen Martin Luther King einst seine berühmte Rede gegen die Rassentrennung hielt. Auf den Stufen des Lincoln-Memorials erinnerte ich mich der Worte, die Martin Luther King wenige Tage vor seiner Ermordung im Blick auf seinen Kampf für die Gerechtigkeit gesagt hat: „Ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird…Wie jedermann möchte ich gern leben, lange leben,…aber darüber mache ich mir jetzt keine Sorgen. Ich will nur Gottes Willen tun. Und er hat mir gewährt, dass ich auf dem Berggipfel stehen durfte. Ich habe hinuntergesehen, und ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht komme ich nicht mit euch zusammen dorthin. Aber ich erhoffe mir heute Abend von unserm Herrn, dass wir als ein Volk ins Gelobte Land kommen.“ Wie eine ermutigende Antwort auf die Worte Jesu aus der Bergpredigt klingen diese Worte. Ja, so kann jemand reden, der gelernt hat, sein Sorgen einzuordnen in den Horizont der Verheißungen Gottes. Der gelernt hat, seinen Kampf für die Gerechtigkeit ohne Angst zu führen - im Getümmel stehend, Partei ergreifend, aber zugleich wissend, dass alles Sorgen, alle Angst, auch der Tod nicht das Letzte ist. Freiheit von Lebensangst ist die königliche Freiheit der Kinder Gottes. Freiheit von kleiner bedrückender Sorge ist der „heilige Leichtsinn der Kinder Gottes“. Zu ihm lädt Jesus uns ein. Amen.