Verbundenheit von Juden und Christen in Baden

Gruß an die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana am 19.09.2009

Sehr herzlich grüße ich die jüdischen Gemeinden in Baden zu Rosch ha-Schana und wünsche Ihnen Gottes Segen für das neue Jahr.

Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken, wird Ihnen als Höhepunkt sicherlich der Festakt zum 200-jährigen Jubiläum des Oberrats der Israeliten in Baden am 8. März 2009 in Karls­ruhe vor Augen stehen. Dieser Festakt war nicht nur ein wichtiges und bewegendes Ereignis für die ca. 5000 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Baden, sondern auch für alle anderen Menschen, die dem Festakt beiwohnten oder über die Presse von ihm erfuhren. Ich selbst erlebte den Festakt als ein ganz besonderes Ereignis, an das ich immer wieder zurück denke. Zum einen gingen von den Ansprachen wertvolle Impulse aus, die weit über die Grenzen der jüdischen Gemeinden hinaus Beachtung fanden. Besonders wichtig hieran scheint mir, dass auf diesem Weg jüdisches Leben in Baden in der Öffentlichkeit wahrgenommen und als etwas Bereichern­des, ja sogar Selbstverständliches verstanden werden kann. Zum anderen halte ich es für unver­zichtbar, an die Geschichte der jüdischen Gemeinden und Menschen in Baden zu erinnern und gemeinsam an einer Aufarbeitung mitzuwirken. Zu beidem haben der Festakt und das Jubiläum maßgeblich beigetragen, was durch die gelungene und lesenswerte Festschrift „Jüdisches Leben in Baden 1809 bis 2009“ dokumentiert wird. Auch die Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg „Gleiche Rechte für alle?“, die ebenfalls am 8. März im Regierungspräsidium in Karls­ruhe eröffnet wurde, bot einzigartige Einblicke in die Geschichte der Juden in Baden vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Besonders beeindruckte mich das intensive Bemühen der badi­schen Juden im 19. Jahrhundert um ihre rechtliche Gleichstellung und parallel dazu die Diskus­sion über neue Formen der jüdischen Liturgie und einer veränderten Gestaltung der Synagogen. Dies machte mir noch einmal neu deutlich, welch lebendige, lebensnahe und zugleich gläubige jüdische Kultur in Baden mit dem Nationalsozialismus und der Deportation der meisten badischen Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940 grausam zerstört wurde.

Neben der Rückschau bot der Festakt zum 200-jährigen Jubiläum des Oberrats auch ein Schlag­licht auf die gegenwärtige Situation der zehn jüdischen Gemeinden in Baden. Die große Aufgabe, eine immense Zahl zugewanderter Glaubensgeschwister in das Leben der Gemeinden in Baden zu integrieren, bestimmt den Alltag. Ich freute mich sehr, von vielen gelungenen Beispielen der Integration zu hören, auch wenn die Lasten dieser Aufgabe unverkennbar sind.

Daher wünsche ich den Mitgliedern des Oberrats und den jüdischen Gemeinden in Baden im neuen Jahr weiterhin viel Kraft und Gottes Segen für die anstehenden Aufgaben der Integration und der Kommunikation gegenwärtigen jüdischen Lebens in die Öffentlichkeit. Hierin möchte ich Sie der engen Verbundenheit von Juden und Christen in Baden und der Vorfreude auf künftige Begegnungen versichern und grüße ich Sie in herzlicher Verbundenheit
Schana tova!

Ihr Dr. Ulrich Fischer