Befreit zum Gotteslob

Kickoff für den Gospelkirchentag 2010 – Gottesdienst in St. Stephan Karlsruhe am 11.9.2009

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Gemeinde, was Musik doch bewirken kann!
Da habe ich einen schlechten Tag erwischt, und dann ist es ein Song in SWR 3, der mich wieder fröhlich stimmt.
Da erlebe ich einen herrlichen Sommertag und verleihe meiner Dankbarkeit Ausdruck mit dem Lied „O God, what a morning“.
Da treffen sich Zehntausende in Freiburg oder Sinsheim - leider derzeit nicht in Karlsruhe - zu einem Spiel der ersten Fußball-Bundesliga oder heute Nachmittag bei der Rückkehr der siegreichen Frauennationalmannschaft auf dem Frankfurter Römer und sie grölen ihre Begeisterung hinaus „So ein Tag, so wunderschön wie heute“.
Da versammeln sich in den bewegenden Monaten des Herbstes 1989 in Leipzig Hunderttausende bei Friedensgebeten und sangen ihren Friedenswillen hinaus „Dona nobis pacem - Gib uns Frieden.“
Was Musik doch bewirken kann! Sie kann trösten, sie kann frei machen. Sie kann Menschen miteinander verbinden. Sie kann zu politischem Tun ermutigen. Sie kann – wie in der Geschichte von David und Saul - die Seele eines Menschen gesund machen.

Wir können uns vorstellen, wie es Saul erging nach der musiktherapeutischen Behandlung durch David, den begnadeten Harfenspieler und Sänger, der in der Bibel als Dichter vieler Psalmen angegeben wird. Davids Singen hatte eine heilende, eine therapeutische Wirkung auf Saul. Die Enge seines Herzens war gewichen. Er konnte wieder aufatmen. Sein Blick in die Welt war wieder klar. Sein Kopf war frei. Und sein Mund öffnete sich zum Singen. Zum dankbaren Singen. Zum Gotteslob. Und so stimmte Saul in seiner Dankbarkeit für die Heilung, die er durch Davids Singen erfahren hatte, nun selbst einen jener Psalmen an, die David ihm vorgesungen hatte: „Your word is a lamp unto my feet“, das waren die Worte dieses wunderbaren Psalmliedes. Natürlich damals nicht in Englisch, auch nicht in Deutsch. Aber so mag es geklungen haben:
„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“

Ja, so geht es zu, wenn unser Herz befreit ist. Wenn wir neu entdecken, wie reich unser Leben ist. Wenn wir spüren, was wir Gott zu verdanken haben. Dann kommen uns Lieder in den Sinn – Lieder der Zuversicht und des Dankes. Dann sehen wir wieder Licht auf unserem Weg und spüren, wie Gott uns durch sein Wort Orientierung schenkt – das gilt auf den ganz persönlichen Lebenswegen ebenso wie auf den Wegen eines Volkes. Die Erinnerung an den Oktober vor 20 Jahren kann uns darin immer neu gewiss machen.

Eines Tages, als Saul wieder einmal in grübelndes Nachsinnen verfiel, fiel ihm ein anderes Lied ein, das David ihm vorgesungen hatte. In diesem Lied hatte David Bilder von seinem Alltag auf den Hirtenfeldern von Bethlehem aufgenommen. Von grünen Auen und frischem Wasser hatte er gesungen, von den rechten Wegen, auf denen Schafe geführt werden müssen, vom Stecken und Stab des Hirten, von der Bewahrung vor großem Unglück. Als Saul dieses Lied einfiel, wurde ihm klar: Ich kann meinem Volk ein guter König nur sein, wenn ich den guten Hirten nicht vergesse, der mir schenkt, was ich zum Leben brauche. Der mich bewahrt vor Unglück und Gefahr. Ich kann mein Volk nur gut regieren, wenn ich mich auf Gott verlasse, auf den großen König der Welt, der mir meine Regierungsgewalt geschenkt hat. Übrigens ist das ein gutes Lied nicht nur für Saul, sondern auch für alle, die in unserem Land nach der Bundestagswahl vom 27. September Regierungsgewalt innehaben werden. Auch sie verdanken sich und das, was sie tun, Gott, dem guten Hirten. Ihn zu loben, ihm zu danken, daran wurde Saul damals erinnert, dazu werden wir heute aufgefordert. Und so klingt es, wenn wir Gott als unseren guten Hirten besingen:
Der Herr ist mein Hirte, halleluja, es wird mir nichts mangeln, halleluja

Seit den Zeiten Sauls wurden immer wieder Menschen durch Musik angerührt, wurden ihr Herz und ihr Mund zum Gotteslob befreit. Vielfältig können die musikalischen Ausdrucksformen des Gotteslobs sein. Zunehmend ist es die Gospelmusik, die das Lebensgefühl vor allem jüngerer Menschen ausdrückt. Die ihrer Dankbarkeit, ihrem Bedürfnis, Gott zu loben, den rechten Ton vorgibt. Ich bin mir sicher: Hätte es damals, vor 3000 Jahren schon Gospel gegeben, hätte Saul gewiss einen Gospel angestimmt, vielleicht hätte er sogar an seinem Hof einen Gospelchor gegründet, die „Saul Gospel-Singers“. Und die hätten das Gotteslob ihres Königs aufgenommen und gemeinsam gesungen: „Give thanks with a grateful heart!“ Das lasst uns nun tun als die Gospel-Sängerinnen und Sänger unseres Herrn, die wissen, was sie Gott zu verdanken haben. „Give thanks with a grateful heart!“ Amen.