Liebe Gemeinde,
wir sind getauft. An die eigene Taufe können sich nur die wenigsten von uns erinnern. Aber unzählige Male schon haben wir Taufen miterlebt. Vieles mag bei solchen Taufen unterschiedlich gestaltet werden, ein Bibelwort aber wird bei jeder Taufe gesprochen, nämlich das Wort des auferstandenen Christus, auf das sich die Kirche bei jeder Taufe bezieht. Auf dieses Wort des Auferstandenen aus dem letzten Kapitel des Matthäusevangeliums hören wir heute:
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geiste und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Bei der Taufe werden diese Worte Christi unkommentiert gesprochen, so als wären sie in sich selbst verständlich. Das ist auch angemessen, denn liturgische Texte sollen selber wirken und nicht im Gottesdienst pädagogisierend erklärt werden. Nun wird aber jede Taufe vorbereitet mit einem Taufgespräch, das mit den Eltern geführt wird. Wenn ich solche Taufgespräche führte, war es mir wichtig, dass die Eltern den Sinn dieses Taufbefehls Christi auch wirklich verstanden. Ein solches Taufgespräch, wie es nicht selten so oder ähnlich abläuft, will ich Ihnen heute schildern.
Der "Missionsbefehl"
Ich betrete die Wohnung der Familie Meyerhofer. Am hübsch gedeckten Kaffeetisch haben Herr und Frau Meyerhofer Platz genommen, um mit mir die Taufe ihrer Tochter Anja zu besprechen. Auch der 11-jährige Sohn Daniel ist dabei, den ich noch aus dem Religionsunterricht an der Grundschule kenne. Nachdem einige organisatorische Fragen im Zusammenhang der Taufe besprochen sind, erläutere ich den Ablauf des Taufgottesdienstes: „Wissen Sie, seit Anfängen der christlichen Kirche wird bei jeder Taufe ein Wort Jesu gelesen, genauer: das letzte Wort des Matthäusevangeliums, sozusagen Matthäi am Letzten. Es ist das einzige Wort, das nach dem Zeugnis dieses Evangeliums Jesus Christus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern gesagt hat. Diese hatten Jesus verraten und waren geflohen. Als Frauen ihnen mitteilten, dass sie das Grab leer gefunden hatten, und dass Jesus ihnen in seiner Heimat Galiläa erscheinen würde, brachen die elf Jünger nach Galiläa auf und gingen dort auf einen Berg. Als sie den Auferstandenen sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber zweifelten. Da sprach Jesus jene Worte, die wir den ‚Missionsbefehl‘ nennen.“
„Oh, den haben wir in der vierten Klasse in Reli gelernt“, ruft Daniel dazwischen. „Den kann ich noch auswendig“. Während Daniel die Worte des Taufbefehls aufsagt, schauen sich Herr und Frau Meyerhofer an. Offenkundig sind sie schwer beeindruckt von den Reli-Kenntnissen ihres Sohnes. Ich nutze die Chance der familiären Aufmerksamkeit: „Wenn wir uns den Text ganz genau anschauen, dann müsste er eigentlich folgendermaßen übersetzt werden: ‚Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und indem ihr sie lehrt, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.‘ Wichtigstes Wort in dem ganzen Abschnitt ist die Aufforderung Jesu ‚macht alle Menschen zu meinen Jüngern’. Das soll geschehen durch Taufe und Lehre.“
"Für Jesus und für die christliche Gemeinde war zunächst das Allerwichtigste, dass Menschen zu bewussten Jüngerinnen und Jüngern Jesu werden."
„Deshalb wurden in der ersten christlichen Gemeinde auch keine Kinder getauft, weil sie noch nicht gelehrt werden konnten, sagt unsere Lehrerin“, weiß Daniel, der zur Hochform aufläuft.
„Richtig. Für Jesus und für die christliche Gemeinde war zunächst das Allerwichtigste, dass Menschen zu bewussten Jüngerinnen und Jüngern Jesu werden. Das Taufen und das Lehren sind nichts anderes als die Art und Weise, wie ihnen das neue Leben in der Jüngerschaft Jesu angeeignet wird.“
„Unsere Lehrerin hat auch gesagt, dass ‚Taufen‘ von ‚Tauchen‘ kommt. Stimmt das?“ fragt Daniel.
„Ganz recht, man kann also auch übersetzen: Taucht ein in das neue Leben. Taucht ein in die Kraft des Auferstandenen. Lasst euch anstecken mit seiner Kraft des Lebens. Dann wird sich die Herrschaft Christi ausdehnen über alle Welt.“
Machtmissbrauch?
„Das klingt alles ganz gut und schön“, wendet Herr Meyerhofer ein, der mit der Kirche nur wenig am Hut hat. „Was Sie da über den Missionsbefehl Jesu ausführen, ist ja interessant. Aber Sie dürfen auch nicht verschweigen, wie übel dieser Missionsbefehl missbraucht wurde. Unter Berufung auf diesen Missionsbefehl wurden Zwangsmissionierungen vorgenommen. Ein Indianer hat einmal im Blick auf die Indianer-Mission gesagt: ‚Eure Brüder lehrten uns zum Himmel aufschauen, damit ihr Weißen uns dann den Boden unter den Füßen wegstehlen konntet’. Und dann denken Sie nur an die Kreuzzüge oder auch daran, wie die Kirche in ihrer langen Geschichte immer wieder die Macht Christi mit ihrer eigenen Macht verwechselt hat. Also die Geschichte der Kirche hat mir zumindest dieses Wort aus dem Matthäusevangelium höchst verdächtigt gemacht.“
"Müssen wir nicht ganz neu auf die missionarischen Herausforderungen unserer Zeit reagieren? Müssen wir als Kirche nicht viel mehr zu den Menschen hingehen und sie lehren, was Jesus uns geboten hat?"
Das ist starker Tobak! Offenkundig hat Herr Meyerhofer einiges an geschichtlichem Wissen drauf. Und was er sagt, ist ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ehe ich antworten kann, meldet sich Frau Meyerhofer zu Wort, die bisher dem Gespräch stumm gefolgt war. Frau Meyerhofer ist mir gut bekannt, da sie seit einiger Zeit im Besuchsdienst der Gemeinde mitarbeitet. „Hans“, wendet sie sich an ihren Mann, „immer wieder argumentierst du damit, dass die Geschichte der Kirche gegen ihre Botschaft spricht. Aber guck doch nicht immer nur nach hinten. Schau doch, in welcher Zeit wir heute leben. Viele Menschen wissen fast gar nichts mehr vom Christentum. Viele sind aber auf der Suche nach einem erfüllten Leben. Sollten wir diesen Menschen denn wirklich die Botschaft Jesu vorenthalten? Müssen wir nicht ganz neu auf die missionarischen Herausforderungen unserer Zeit reagieren? Müssen wir als Kirche nicht viel mehr zu den Menschen hingehen und sie lehren, was Jesus uns geboten hat? Wir wollen doch niemandem Gewalt antun. Wir wollen nur ernst nehmen, was Jesus gelehrt hat. Und dies wollen wir all den Menschen sagen, die Mühe haben, heute ihr Leben zu gestalten. Wir müssen ihnen doch sagen, dass sie dafür auf Jesus nicht verzichten können. Darum haben wir doch auch Daniel getauft. Darum wollen wir auch Anja taufen.“
„Ja, ich will auch ein Jünger von Jesus sein. Und Anja soll auch eine Jüngerin werden“, quakt Daniel dazwischen.
"Am Anfang der Mission stehen Flucht, Verrat und Zweifel. Das heißt doch wohl: Jesus braucht zur Ausbreitung des Evangeliums Menschen mit Fragen und Zweifeln."
„Ich finde besonders schön“, fährt Frau Meyerhofer fort, „dass die Jünger, denen Jesus seinen Missionsbefehl gegeben hat, keine Glaubenshelden waren. Sie hatten ihn verraten und verlassen. Und Matthäus schreibt, dass einige von ihnen, als sie auf dem Berg in Galiläa vor ihm niederfielen, zweifelten. Am Anfang der Mission stehen Flucht, Verrat und Zweifel. Das heißt doch wohl: Jesus braucht zur Ausbreitung des Evangeliums Menschen mit Fragen und Zweifeln. Auch Menschen wie dich, Hans. Die Kirche war von Anfang an eine Kirche voller Zweifler. Das macht mir Mut. Wenn ich zum Beispiel Menschen in unserer Gemeinde besuche, dann muss ich nicht mit einem perfekten Glauben auftreten, dann darf ich auch über meine Zweifel sprechen. Und manchmal gewinne ich damit viel leichter Menschen für den Glauben an Jesus.“
Gewalt Christi - Gewalt der Menschen
„Na ja, das mag schon sein“, antwortet Herr Meyerhofer. „Aber dennoch klingt mir dieser ganze Missionsbefehl zu gewalttätig. ‚Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Was unterscheidet denn diese Gewalt Christi von der Gewalt, die täglich die Mächtigen der Erde anwenden? Guck dir doch nur die Tagesschau an. Gewalt kann nie etwas Gutes sein. Sie tötet, da kannst du noch so viel schönreden.“
An dieser Stelle mische ich mich wieder ins Gespräch ein: „Ich will ja gern gestehen, dass die Kirche immer wieder dieses Wort von der Gewalt Christi missbraucht hat. Aber ich finde doch ganz interessant, dass an dieser Stelle der Evangelist nicht einfach nur von der Gewalt Christi, von der Macht des Menschensohnes spricht, wie man sie im Judentum seit dem Propheten Daniel kannte.“
„Oh, es gab einen Propheten Daniel, wie toll!“, ruft Daniel dazwischen.
"Die Gewalt Christi ist also die Macht dieses Immanuel. Es ist im Grunde die Macht eines Machtlosen, die Macht des Kindes von Bethlehem, die Gewalt des Mannes am Kreuz von Golgatha."
„Der Evangelist fügt dem Satz von der Gewalt Christi den anderen hinzu: ‚Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt’. Ich bin bei euch. In diesen Worten versteckt sich eine Anspielung auf einen anderen Titel Jesu: „Immanuel“ - Gott bei uns. Der mächtige Menschensohn ist zugleich der Begleiter der Menschen. Er ist der ‚Gott bei uns‘, wie ihn Matthäus in der Geschichte von der Geburt Jesu bezeichnet. Da fallen die Weisen aus dem Morgenland vor Jesus nieder, diesem hilflosen Kind und beten ihn an als den Immanuel, als den ‚Gott bei uns‘. Die Gewalt Christi ist also die Macht dieses Immanuel. Es ist im Grunde die Macht eines Machtlosen, die Macht des Kindes von Bethlehem, die Gewalt des Mannes am Kreuz von Golgatha.“
Gewalt der Wahrheit, der Liebe und der Geduld
„Ja“, fährt Frau Meyerhofer fort, „Jesus war kein mächtiger Mann nach den Maßstäben weltlicher Macht. Er war erfüllt von der Suche nach Wahrheit. Er war erfüllt vom Bemühen um liebende Zuwendung. Er war erfüllt von Geduld mit den Unbelehrbaren. Seine Gewalt ist die der Wahrheit, der Liebe und der Geduld. Und in seinem Namen andere Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern machen, das geht dann wohl nicht anders als dadurch, dass wir seine Wahrheit, seine Liebe, seine Geduld weitergeben. Wo man an uns etwas spürt von Jesu ‚Gewalt des Friedfertigen‘, da werden Menschen angezogen von Jesus. Wo man bei uns etwas spürt von der Wahrhaftigkeit, der Liebe und der Geduld Christi, da geschieht Mission durch uns - auch in unserer Familie. Das Leben von uns Eltern ist das Buch, das unsere Kinder lesen.“
„So habe ich das noch nie gesehen“, antwortet Herr Meyerhofer. „Mit unserem Lebensbeispiel, mit unserer Art, auch unsere Kinder zu erziehen, meinst du also, geben wir weiter, was Jesus uns gelehrt hat?“
„Ich weiß sogar, was er gelehrt hat“, ruft Daniel dazwischen. „In der letzten Woche haben wir in Reli Worte aus der Bergpredigt lernen müssen. Soll ich mal aufsagen? ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
„Wir brauchen ja noch einen Taufspruch für Anja“, fällt Herrn Meyerhofer ein. „Wäre das nicht ein schöner Taufspruch, Herr Pfarrer?“
„Und ob“, antworte ich, „und dann lese ich im Taufgottesdienst noch einen Text, der besser als viele Predigten aussagt, was Jesu Missionsbefehl wirklich meint. Soll ich Ihnen den noch vorlesen, bevor ich gehe?“
Zustimmendes Kopfnicken, und dann lauschen alle den Worten, die ich lese:
„In dem Wort aus Gottes Mund ist Jesus Christus bei uns, selig sind alle, die es hören und auch tun.
In dem Menschen, der uns braucht, ist er bei uns, selig sind alle, die einander Gutes tun.
In dem Frieden, der gelingt, ist er bei uns, selig sind alle, die verzichten auf Gewalt.
In dem Glück, das uns erfüllt, ist er bei uns, selig sind alle, die wie Kinder fröhlich sind.
Im Heil der neuen Welt ist er bei uns, selig sind alle, die zum Leben auferstehen.“
Das wurde am Sonntag drauf ein schöner Taufgottesdienst! Amen.
