Alles ist möglich

Gottesdienst zur Visitation im KB Wertheim am 12. Juli 2009 in Tauberbischofsheim; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde,
heute ist Sonntag. Wir feiern Gottesdienst. Wir feiern. Der Bischof ist zu Gast. Eine Bezirksvisitation geht zu Ende.Anlass genug für eine Festtagsstimmung. Und morgen wird wieder der Alltag einkehren. Alltag, wie Sie alle ihn kennen, und dieser Alltag ist oft von anderen Stimmungen, anderen Tönen, anderen Klängen geprägt. Nicht immer ist Sonntag, nicht immer ist Fest, nicht immer scheint die Sonne. Im Alltag erklingt oft eine andere Melodie, und sie wird oft gesungen auf den Text „Es ist alles umsonst!“ Die Festtagsmelodie des „Alles ist möglich!“ und die Alltagsmelodie „Es ist alles umsonst!“ - sie bilden in ihrem Zusammenklang unsere Lebensmelodie. Diese Lebensmelodie im Ohr hören wir auf den Predigttext aus dem 5. Kapitel des Lukas-Evangeliums.

Da wird berichtet von der ersten Begegnung Jesu mit den Fischern am See Genezareth. Als eine große Menge Jesus hören wollte, stieg er ins Boot und lehrte sie vom Boot aus. Nach seiner Rede sprach er zu Simon Petrus: „Fahre hinaus, wo es tief ist. Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ Simon antworte ihm: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische. Sie winkten ihren Gefährten im andern Boot und gemeinsam füllten sie beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst. Und Jesus sprach zu Simon: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde, zunächst einmal ist dies die Geschichte des Petrus, der führenden Gestalt der urchristlichen Gemeinde. Aber Petrus steht hier stellvertretend für die ganze Christenheit aller Zeiten. Und so ist diese Petrus-Geschichte, ist diese Fischer-Geschichte eigentlich eine Geschichte von der Kirche. In dieser Petrus-Fischer-Kirchengeschichte nun werden beide Melodien angestimmt - die Alltagsmelodie des „Es ist alles umsonst!“ und die Festtagsmelodie des „Alles ist möglich!“ Hören wir ein wenig genauer auf diese Melodien.

Alles umsonst?

„Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Das Gefühl, das aus diesen Worten spricht, kennen wir gut. Dieses Gefühl, sich abzumühen und doch nichts zustande zu bringen. Täglich erleben wir es, dass vieles, was wir anfangen, keinen Erfolg zeigt. Diese Erfahrung des „Umsonst“ setzt uns zu. Wir hören auf, etwas zu riskieren, werden stumpfsinnig in der Routine des Alltags. Wir tun unsere alltägliche Arbeit, ohne noch recht zu erwarten, dass sie sich doch einmal lohnen könnte. Arbeit ohne Risiko. Beruf ohne Erwartung, Leben ohne rechte Freude - wem wäre diese Erfahrung fremd?

"Aber dennoch, wie oft denken sie wie Petrus: „Wir haben uns abgemüht und all unser Tun zeigt keinen Erfolg.“"

Was für den Berufsalltag gilt, das gilt auch im Blick auf das Engagement in der Gemeinde. Sicher, da ist schon so viel los. Ich kann mir vorstellen, dass vieles in dieser Gemeinde Freude macht und Erfolg hat. Ja, manche Mühe wird schon belohnt. Das wissen auch viele ehrenamtlich Mitarbeitende in dieser Gemeinde. Aber dennoch, wie oft denken sie wie Petrus: „Wir haben uns abgemüht und all unser Tun zeigt keinen Erfolg.“ Frust statt Lust - das kennen viele, die sich in der Gemeinde engagieren. Wie viele Erfahrungen von Erfolglosigkeit haben sie schon hinter sich! Genau wie damals am See Genezareth.

Und wenn ich an die großen Herausforderungen unserer Zeit denke, an die Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, dann erklingt diese Melodie des „Es ist alles umsonst!“ besonders schrill. Was können wir noch wirksam tun gegen das Zugrunderichten der Schöpfung Gottes? Kommen nicht alle Klimaschutzmaßnahmen und alles, was wir selbst an ökologisch sinnvollen Maßnahmen ergreifen, zu spät? Und der Kollaps der Weltwirtschaft – ist er wirklich schon abgewendet oder nur aufgeschoben? Und welche Lasten bürden wir durch immer neue Schuldenaufnahmen unseren Kindern und Enkeln auf? Abwrackprämien für Autos und Schutzschirme für Banken – sind auch sie umsonst? Aber wer wüsste in dieser Situation wirklich zu sagen, was wirksam helfen könnte?

Wagemutig

Wir alle also kennen die Melodie des „Es ist alles umsonst!“ nur zu gut. Aber in der Petrus-Fischer-Kirchengeschichte erklingt doch auch die andere Melodie. Jene Melodie, die Mut macht. Es ist schon überraschend, wie diese Melodie angestimmt wird. Denn zunächst unterbreitet Jesus dem Petrus den wirklich widersinnigen Vorschlag, am helllichten Tag nochmals auf den See zum Fischen hinauszufahren. Das wäre etwa so, als wenn Ihnen, liebe Gemeinde, jemand raten würde, die Einladungen zu den Weihnachtsgottesdiensten heute bereits auszusprechen. Oder wenn Ihnen, die Sie noch kundig sind in der Landwirtschaft, jemand raten würde, die Wintergerste bereits im Juli auszusäen oder mit der Weinlese bereits im August zu beginnen. Aber was tut Petrus auf den wenig fachkundigen Rat Jesu hin? Er sagt zu Jesus: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Petrus begibt sich am hellen Tag zum Fischen und macht sich damit zum Narren. Er wagt es, als Narr Gottes gegen alle Resignation anzurudern. Sicher hat er es getan, weil er eines gespürt hast: Der Auftrag, den Jesus mir gibt, wiegt schwerer als alles Fachwissen, wiegt schwerer als alle Erfahrungen von Frust und Misserfolg. Ertappen wir uns nicht oft dabei, dass wir uns durch Misserfolge und schlechte Erfahrungen festlegen lassen und den klaren Auftrag unseres Herrn dabei vergessen? Ja, und ist es nicht wirklich so, dass Misserfolge und Frustrationen uns erdrücken müssten, wenn wir nicht immer wieder das Wort unseres Herrn, seinen Auftrag hören würden? Kann jemand überhaupt auf Dauer und wirkungsvoll engagiert sein, wenn er oder sie sich dieses Wort Christi nicht immer wieder sagen lässt, dieses aus der Lähmung befreiende Wort: „Wage etwas, auch wenn es unsinnig scheint! Lass dich nicht totkriegen vom lähmenden ‚Umsonst!’ Geh neue Wege!“

"All seine Enttäuschungen werden als Ausdruck eines mangelnden Gottvertrauens bloßgestellt... So wie es vielen von uns geht, dass sie nicht mehr glauben können, dass sich ihr Engagement einmal lohnen wird, so geht es offensichtlich auch Petrus."

Petrus wagt etwas scheinbar Unsinniges. Sein Fischzug am helllichten Tag hat übermäßigen Erfolg. Mit prallvollen Netzen erreicht er das Ufer des Sees. Sein Risiko lohnt sich. Er macht den größten Fang seines Lebens. Gegen alle Erfahrung und gegen alles Fachwissen gelingt der Fang. Jesu Auftrag an Petrus sprengt den Rahmen von Wissen und Erfahrung. Und plötzlich steht Petrus beschämt da. All seine Enttäuschungen werden als Ausdruck eines mangelnden Gottvertrauens bloßgestellt. Elend fühlt er sich vor Jesus, elend wie ein armer Mensch, der erschreckt angesichts der Heiligkeit Gottes. So wie es vielen von uns geht, dass sie nicht mehr glauben können, dass sich ihr Engagement einmal lohnen wird, so geht es offensichtlich auch Petrus. Und so wie er beschämt wird durch den Fischzug am Mittag, so werden wir in unserem Kleinglauben immer wieder beschämt. Obwohl wir fast nichts mehr erwarten für unsere Kirche, für unsere Gemeinde, gehen uns doch plötzlich Fische ins Netz. Dann erkennen wir: Dort, wo unser Glaube an seine Grenzen kommt, hilft uns unser Herr, die Netze neu auszuwerfen und einen Fang zu tun. „Alles ist möglich!“

Umschulung

Petrus wird durch die Begegnung mit dem Wort Jesu ein anderer Mensch. Er selbst wird gefangen von Jesu Wort. „Auf dein Wort hin...“ Damit beginnt die Veränderung des Petrus. Petrus wird umgeschult - vom Berufsfischer zu einem, der Menschen lebendig fängt. Das griechische Wort, das Lukas hier verwendet, um die Umschulung des Petrus zu markieren, ist ein schillerndes Wort. Anders als das Fischen, bei dem Fische gefangen werden, um getötet zu werden, handelt es sich beim Fangen der Menschen um ein Einfangen zum Leben. Petrus soll hinfort Menschen angeln, kapern, sie auf den Weg des Lebens locken. Er soll als einer, der sich selbst von Jesus hat einfangen lassen, Menschen den rettenden Weg zum Leben schmackhaft machen. Mit dieser Umschulung zum „Menschenfänger“ beginnt die Veränderung des Petrus. Nun erklingt nicht mehr die Melodie „Es ist alles umsonst!“. Jetzt kann Petrus singen: „Alles ist möglich.“ Ja, wer sich von Jesu Wort gefangen nehmen lässt, wird ein anderer Mensch. Wer sich von Jesus Christus gewinnen lässt für die Arbeit im Reich Gottes, der findet heraus aus der Routine des Alltags - hin zu den Menschen. Die Melodie des „Umsonst“ verstummt, wo Menschen sich gefangen nehmen lassen von Jesu Zusage „Fürchte dich nicht!“ Jetzt erklingt die neue Melodie des Festes, jene Melodie, die singt von der Fülle des Lebens, von Verheißungen, die in Erfüllung gehen. Jetzt erklingt die neue Melodie des Festes - gesungen von der Gemeinde derer, die sich immer neu gefangen nehmen lassen von Jesu Wort, von seinem „Fürchte dich nicht!“ und die so auch immer neu Menschen einfangen können in das Netz des Lebens.

"„Fürchte dich nicht!“ können wir uns erinnern, wenn dann wieder die Melodie des Alltags auf die Worte „Es ist alles umsonst!“ erklingt."

Liebe Gemeinde, heute singen wir an diesem Sonntag die Melodie „Alles ist möglich!“ Wir können diese Melodie aber nicht singen, weil wir alle so tolle Menschen sind. Vielmehr singen wir diese Melodie, weil wir uns von Jesus Christus haben einfangen lassen in sein Netz, das unser Leben trägt. Weil wir uns haben ermutigen lassen durch das „Fürchte dich nicht“, das Jesus Christus zu uns gesprochen hat. Das Wort Jesu Christi war, ist und bleibt der Grund unserer Umschulung zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Reich Gottes. Auf dieses Wort Jesu können wir uns berufen, an sein Mut machendes „Fürchte dich nicht!“ können wir uns erinnern, wenn dann wieder die Melodie des Alltags auf die Worte „Es ist alles umsonst!“ erklingt. Jetzt aber ist nicht Alltag, sondern Festzeit. Deshalb singen wir „Alles ist möglich!“, ermutigt durch Jesu Ruf an uns „Fürchte dich nicht!“ Amen.