Gottes grenzenlose Gnade

Gottesdienst zum 100jährigen Jubiläum der Stadtkirche Engen, 28. Juni 2009

Erzählpredigt zu Lk 15,1f.11-32

Pfarrer Zansinger:
Die Erzählung vom verlorenen Sohn gehört zu den bekanntesten Texten der Bibel. Jesus erzählt dieses Gleichnis, als er von seinen Gegnern angegriffen wird mit den Worten: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Auf diesen Vorwurf antwortet er mit jener Geschichte, die wie keine andere das Glaubensleben unzähliger Generationen von Christenmenschen geprägt hat.
Landesbischof Ulrich Fischer wird uns dieses Gleichnis Jesu aus drei unterschiedlichen Perspektiven näher bringen.

Hören wir zunächst, wie Gott diese Geschichte mit seinen Kindern berührt:

Landesbischof Fischer:
Ja, das ist meine Geschichte mit meinen Menschenkindern. Ich habe sie alle geschaffen und ins Leben gerufen. Zu jedem von ihnen habe ich am Anfang ihres Lebens mein „Ja“ gesprochen. Alle sind mir gleich wichtig, gleich lieb, gleich wertvoll. In ihnen entdecke ich mich selbst wieder. Mit meiner Liebe umhülle ich sie von morgens bis abends. Über allen lasse ich täglich meine Sonne aufgehen, über den Gerechten wie über den Ungerechten.

Ja, so ist das mit meinen Menschenkindern. Die einen schaffen es, ihr Leben zu meistern, und andere sind ganz arme Würmer. Die einen erwidern meine Liebe, indem sie ein Leben voller Zuwendung und Liebe führen. Sie hören auf meine Gebote und setzen sich ein für Recht und Gerechtigkeit. Andere wollen ihr Leben unbedingt selbst in die Hand nehmen. Sie meinen, auf mich verzichten zu können, auf meine Liebe und auf meinen Rat. Sie entfernen sich von mir. Vergessen mich. Manche von denen, die sich auf meinen Namen haben taufen lassen, kündigen die Gemeinschaft mit mir auf, die Gemeinschaft mit mir und mit meiner Kirche. Und das tut mir richtig weh. Manche meinen sogar, mich verleugnen zu können. Neuerdings fahren sie sogar mit einem Bus durch die Gegend, auf dem steht „Mit einiger Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Gott.“ Wie dumm!

Dabei gebe ich mir solche Mühe, mich immer wieder bei meinen Menschenkindern in Erinnerung zu bringen, so wie in dieser Kirche. In dieses Haus lade ich ein. Seit hundert Jahren rufen die Glocken dieser Kirche meine Einladung den Menschen zu, laden ein in mein Haus. Sonntag für Sonntag können die Menschenkinder in diesem Haus von mir hören. Hier spreche ich zu ihnen. Hier rufe ich ihnen zu: „Lasst euch versöhnen mit mir, ihr Menschenkinder. Lasst euch anstecken von meiner Liebe. Ich helfe euch, Spuren von mir in eurem Leben zu entdecken. Ich schenke euch Geborgenheit – nicht nur in diesem Kirchenraum, nein: Geborgenheit für euer Leben.“

Aber so sind eben meine Menschenkinder. Manche wollen mich hören, manche nicht. Manche machen sich daran, ihr Leben ganz allein zu gestalten – ohne mich. Sie versumpfen und bekommen ihr Leben einfach nicht in den Griff. Oder sie werden übermütig und meinen, meine Gebote missachten zu können. Sie verlieren jedes Maß, jede Orientierung. Sie halten sich selbst für Götter oder machen sich ihren eigenen Gott, mag er nun Erfolg, Geld oder Macht heißen. Und was dabei herauskommt, sehe ich in diesen Monaten deutlich. Es wäre gewiss nicht so weit gekommen mit der Unordnung dieser Welt, wenn die Menschen sich besser ausgerichtet hätten an dem, was ich ihnen geboten habe. Aber das passiert eben, wenn meine Menschenkinder meinen, leben zu können ohne jede Erinnerung an mich und mein Wort.

Über das, was Menschen da anrichten, wenn sie mich vergessen, bin ich sehr traurig. Aber ich bin nicht nachtragend. Ich habe ein weites Herz. Sonst wäre es ja auch schon längst um diese Erde geschehen. Ich habe ein weites Herz. All diese Menschenkinder, die sich verirren in ihrem eigenen Stolz – all diese Menschenkinder jammern mich. Ich will, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden. Ja, und das geschieht dann auch immer wieder. Manche kommen zur Besinnung. Sie entdecken, was sie falsch gemacht haben in ihrem Leben und wenden sich mir zu. Es ist, als ob sie nach langem Schweigen endlich einen Brief an mich schreiben. Dann öffne ich ihnen mein Herz. Ich laufe ihnen entgegen. Ich falle ihnen um den Hals und begrüße sie sogar mit einem „Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss“. Dann lade ich sie ein an meinen Tisch. Feiere mit ihnen das Abendmahl - wie ein Fest nach langer Trauer.

Ihr meint, das dürfe ein großer Gott nicht tun? Doch, denn größer als all euer Denken von mir ist mein Erbarmen über meine Menschenkinder.

Pfarrer Zansinger: Hören wir, wie der jüngere Sohn seine Geschichte mit Gott erzählt:

Landesbischof Fischer:
Das ist meine wunderbare Geschichte. Ich kann sie noch immer selbst kaum glauben. Meine Startbedingungen ins Leben waren gut. Alles hatten mir meine Eltern mitgegeben, was ich zum Leben brauchte. Für mein Leben war eine gute Spur vorgegeben – anders als bei vielen, die es von Lebensbeginn an schwer haben. Wenn ich nur an die Kinder denke, die eine andere Sprache sprechen und die in der Schule größte Mühe haben mitzukommen. Oder an die Aidswaisen im Süden Afrikas, über die mit ihrer Geburt fast schon ein frühes Todesurteil gesprochen ist. Oder an die vielen Kinder in der Welt, deren ständiger Lebensbegleiter der Hunger ist. Oder an jene Kinder, die in Angst vor Terror und Krieg aufwachsen oder gar als Kindersoldaten selbst in Kriege verwickelt werden. Wie schwer haben sie es doch in ihrem Leben zu begreifen, dass sie in Gott einen guten himmlischen Vater haben.

Bei mir aber war das ganz anders. Ich wuchs in behüteten Verhältnissen auf, so wie viele von Euch. Gemeinsam mit meinem Bruder. Und liebevoll umsorgt von meinen Eltern, die es gut mit mir meinten. Was will man mehr? Ja, was wollte ich mehr? Ich wollte Ich werden. Endlich ein selbstständiger Mensch. Nicht mehr abhängig von meinen Eltern. Nicht mehr zurückstehen hinter meinem älteren Bruder. Ich denke, Ihr könnt das gut verstehen. Es ist nicht schön, wenn man immer nur angeredet wird als der Sohn von „Sowieso“ oder als der jüngere Bruder vom tüchtigen „Na, ihr wisst schon.“ Ich wollte Ich werden. Wer will das nicht? Es ist doch wichtig, dass wir irgendwann herauswachsen aus der Rolle des Kindes. Dass wir unseren Kinderglauben ablegen. Dass wir uns nicht ständig definieren über unsere Familie. „Ich“ sagen können – das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu.

Darum habe ich mir mein Erbteil auszahlen lassen. Endlich konnte ich auf eigenen Beinen stehen. Das tat gut. Ein wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben war gewagt. Aber dann passierte eben das Furchtbare. Aus lauter Sucht nach Selbstständigkeit vergaß ich mein Zuhause. Vergaß ich, wohin ich gehörte. Meine Familie vergaß ich, meinen Heimatort und meine Gemeinde, meine Kirche und meinen Glauben. Nur noch Ich, immer wieder Ich. Das wurde der Maßstab meines Lebens. Und darüber vergaß ich, was mir von Zuhause mitgegeben war an Maßstäben für ein gutes Leben. Ich vergaß alles, was ich im Religionsunterricht von der Lehrerin und im Konfirmandenunterricht vom Pfarrer gelernt hatte. An die Stelle früheren Gehorsams trat der Stolz auf mich selbst. Und bitter lernte ich die Lektion „Übermut kommt vor dem Fall“, die ihr alle aus eigener Anschauung genauestens kennt.

Ohne jede Erinnerung an Gott, ohne jede Erinnerung an all jene, die mich ins Leben hinein begleitet hatten, geriet ich in schlechte Gesellschaft. Mit meinem Geld konnte ich Eindruck schinden. Aber wie schnell Geld vernichtet werden kann, das erlebt ihr ja alle im Augenblick in diesem Land. Und so begann mein Abstieg. Ich bin versumpft, im wahrsten Sinne des Wortes. Auf den Hund gekommen. Schlimmer noch: aufs Schwein. Da erinnerte ich mich an mein Zuhause. Erinnerte mich an Gott, meinen himmlischen Vater. An seine Liebe. Aber ich war mir sicher: Meine Sünde war größer als seine Liebe. Denn ich fühlte mich wertlos. Ich war nicht mehr wert, mich Sohn dieses Vaters nennen zu dürfen. Aber als ich ganz unten war, ganz am Boden, wie tot, da half er mir auf.

Ja, so ist Gott, mein himmlischer Vater. Er ist sich nicht zu schade, es mit mir aufzunehmen, wenn ich ganz klein bin. Ganz am Boden. An jenem Tag, als ich nach Haus kam, hatte ich nichts, wirklich gar nichts vorzuweisen, was mich noch liebenswert machte. Nein: Gestunken habe ich vor Dreck und vor Sünde. Aber er hat mich in die Arme genommen, mich geküsst und ein Fest mit mir gefeiert. Ich habe mich unglaublich geschämt – und noch mehr gefreut. Denn so wurde mir ein neues Leben geschenkt. Als ich heimkehrte zu Gott, da war es mir, als würde ich „Heimatklänge für Vermisste“ hören. Es war mir, als würde jemand an der Gefängnistür zu meinem Ich einen Schlüssel im Schloss umdrehen und die Tür öffnen. Nach langen Jahren des Umherirrens wie in höchster Seenot war es mir als würde ich „Land in Sicht“ sehen, als würde sich mir ein Weg aus der Bedrängnis öffnen. Und ich sah in das strahlende Gesicht Gottes.
Das ist Gnade pur. Die Gnade eines neuen Lebens.

Pfarrer Zansinger: Und nun hören wir, wie der ältere Sohn diese Geschichte erlebt hat:

Landesbischof Fischer:
Ja, das ist wirklich eine ärgerliche Geschichte. Die ärgerlichste Geschichte meines Lebens. Da habe ich mich über viele Jahre zusammengerissen. War schon als kleines Kind wohlerzogen. Habe oft den Kindergottesdienst besucht und jahrelang eine Jungschargruppe geleitet. In der Schule war ich ein ordentlicher Schüler. Habe meinen Eltern kaum Ärger bereitet, wenn man mal von bestimmten Dingen absieht… Ihr wisst schon??! In den elterlichen Betrieb bin ich eingestiegen, obwohl ich lieber etwas anderes gelernt und studiert hätte. Dann habe ich geheiratet. Wir haben inzwischen zwei Kinder, ganz der Stolz der Großeltern. Und natürlich habe ich inzwischen auch wieder Verantwortung in der Kirchengemeinde übernommen, bin Obmann im Kirchenchor, habe die Festschrift zum 100jährigen Jubiläum unserer Kirche mitgestaltet. Meine Frau hilft in der Gemeinde, wo sie nur kann. Auch unsere Kinder sind schon engagiert.

Und dann muss ich erleben, wie Menschen, die doch unsere Kirche nur gebrauchen, um sich ein schönes Familienfest zu machen, von unserem Pfarrer bei Taufen und Trauungen mit größter Freundlichkeit behandelt werden. Da muss ich miterleben, wie darüber nachgedacht wird, wie wir in der Gemeinde noch größere Anstrengungen unternehmen können, jene anzusprechen, die der Kirche die kalte Schulter zeigen. Sollen sie doch wegbleiben, wenn sie unsere Kirche nicht schön finden oder unsere Gottesdienste ihnen nichts sagen. Und dann jedes Jahr diese große Mühe um die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ja im Grunde mit dem Glauben gar nichts anfangen können, oder? Mir passt das alles nicht. Irgendwie muss es sich doch lohnen, dass ich mich immer zu Gott halte, zu ihm, zu seiner Kirche und zu seiner Gemeinde.

Aber was das Schlimmste ist: Nun taucht plötzlich auch noch mein Bruder auf. Jahrelang habe ich ihn nicht gesehen. Untergetaucht ist er im Rotlichtmilieu und hat sein ganzes Geld durchgebracht. Jetzt taucht er auf und findet sogleich Aufmerksamkeit und Zuwendung. Das hat er nicht verdient. Ich werde richtig zornig. Ich hadere mit Gott: „Wie kannst du dich so freuen über die Rückkehr dieses verlotterten Jungen. Dabei diene ich dir doch schon so viele Jahre. Ich habe deine Gebote beachtet. Wenn alle so wären wie ich, sähe die Welt besser aus. Ich habe mich immer ausgerichtet an Glaubenszeugen, wie sie hier in unserer Kirche zu sehen sind. Bei jedem Besuch des Gottesdienstes habe ich sie mir angeschaut, wie sie hier in den Fenstern dargestellt sind. An ihnen habe ich mir ein Beispiel genommen, an Martin Luther und Philipp Melanchthon, an Jan Hus und Ulrich Zwingli. Dafür wurde ich nie gelobt von dir. Und gefeiert hast du mit mir schon gar nicht. Was nützen mir da deine beschwichtigenden Worte: ‚Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, alles, was mein ist, ist auch dein.’ Gott, ich kann deine himmlischen Phrasen nicht mehr hören. Ich kann nicht fröhlich sein und guten Mutes. Wäre doch mein Bruder fort geblieben. Gestorben. Dann würde es mir gut gehen mit dir, himmlischer Vater.“

So, jetzt habe ich mal gesagt, was ich wirklich denke. Und während ich so rede, werde ich doch sehr nachdenklich. Vielleicht hatte ich ja viel Glück in meinem Leben, dass ich all das tun konnte, was Gott von mir erwartet. Sollte ich nicht dankbar sein dafür, dass er mir Gestaltungsräume des Lebens eröffnet hat, die ich nutzen konnte: In meiner Familie, in dieser Gemeinde, in meinem Beruf. Dass mein Leben gelungen ist, habe ich dies wirklich mir zuzuschreiben? Oder ist das nicht auch Gnade Gottes, für die ich jeden Morgen nur dankbar sein kann? Und sollte ich, der ich soviel Gnade Gottes erfahren habe, diese meinem Bruder nicht gönnen? Er hat diese Gnade Gottes nicht verdient, bestimmt nicht. Aber habe ich sie denn verdient? Ist nicht jeder neue Tag auch für mich ein von Gott geschenkter Tag mit gnädig gewährten Möglichkeiten?

Ja, Gottes Gnade ist eigenartig, aber sie ist nicht ungerecht. Sie ist eben grenzenlos. Jedem Menschen kann Gott in seiner Gnade neues Leben eröffnen, wie ein Wort von toten Lippen. Jeden Menschen schaut Gott an mit einem Blick, der Hoffnung weckt. Jedem kann er in seiner Gnade einen neuen Morgen schenken, neues Leben. Über jedem Menschen kann Gottes Liebe erstrahlen wie das wahre Licht.

Als ich dies verstanden hatte, konnte ich mich mit meinem Bruder freuen - und mit meinem himmlischen Vater. Ist das nicht schön!?