Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Lk 14,16-24
„Es war ein Mensch, der machte eine großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte einen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken werden.“
Liebe Gemeinde,
so geht es zu im Reiche Gottes. Da wird eingeladen wie zu einem Festmahl. So geht es zu im Reiche Gottes. Und so muss es zugehen in einer Kirche, die hinweisen will auf dieses Reich Gottes. Kirche in der Ausrichtung auf das Reich Gottes muss einladende Kirche sein. Nun wissen Sie alle, dass es Einladungen gibt, über die Sie sich freuen, und andere, auf die Sie mit irgendeiner faulen Ausrede reagieren. Bei manchen Einladungen spüren Sie förmlich, dass sie nicht von Herzen kommen. Oder mit anderen Einladungen sind Bedingungen verknüpft, die anzunehmen nicht leicht fällt. Da wird mit der Einladung eine Kleiderordnung erlassen, und dann schleicht sich sogleich ein Unbehagen bei der Annahme der Einladung ein.
Woran mag es denn liegen, dass Kirche heute von vielen Menschen nicht als einladend empfunden wird? Mag es vielleicht daran liegen, dass wir zu unseren Gottesdiensten manchmal auch nur der Form halber einladen, dass aber von Herzlichkeit wenig zu spüren ist? Verknüpfen wir mit der Einladung zum Gottesdienst nicht oft Bedingungen: Kinder müssen sich still verhalten, Spontaneität und Lebensfreude sind beim Kirchendiener am Eingang abzugeben. Gibt es in unseren Gemeinden nicht manchmal auch ein ausgrenzendes Kuschelgefühl, das andere nicht willkommen erscheinen lässt? Sind wir wirklich offen und herzlich einladende, missionarisch werbende Kirche?
Maßstäbe der Einladung
Mit seiner Erzählung vom großen Gastmahl setzt Jesu uns als Kirche Maßstäbe der Einladung. Hier wird erzählt, dass ein Mensch zu einem Festessen einlädt. Er lädt nicht ein zu einer trockenen Vortragsveranstaltung. Er lädt ein zu einem Fest mit Musik und Tanz, mit Gesprächen und Gelegenheit zum Austausch untereinander. Und diese Einladung ist eine von Herzen kommende offene Einladung. Nachdem einige geladene Gäste der Einladung nicht folgen, werden andere eingeladen: Arme und Verkrüppelte, Blinde und Lahme, Wohnsitzlose und Herumziehende. So herrlich lädt Gott ein! Gott lädt ein - ohne Kleiderordnung, offen und herzlich lädt er ein, um mit allen ein Fest zu feiern. Das Faszinierende an seiner Einladung ist dies: sie entgrenzt und öffnet. Der ausgesandte Knecht geht hinaus über die Ränder der bürgerlichen Gemeinde, er geht auf die Landstraßen und an die Zäune, um das Haus Gottes voll zu bekommen.
Diese Einladung Gottes ist Maßstab jeder Einladung für unsere Kirche. Sie fordert uns auf, gerade die ausgefransten Ränder unserer Kirche in den Blick zu nehmen. Viele Gemeinden unserer Landeskirche erlebe ich bei meinen Besuchen als einladend. Viel Mühe um eine herzliche Einladung an die Menschen ist da zu entdecken. Viele Mitarbeitende in unserer Kirche treibt die Frage um: Wie können wir Menschen einladen, um miteinander das Leben zu teilen? Wie können wir Platz schaffen für jene, die sonst allzu sehr am Rande stehen und die es in unserer Gesellschaft schwer haben, weil sie anders sind als andere? Welche Phantasie könnten wir noch entwickeln, so dass wirklich Gottes große Einladung an alle gehört wird?
So ist Jesu Geschichte vom großen Gastmahl eine Geschichte, die Maßstäbe für unser Kirchesein setzt. Zugleich aber ist sie eine Trostgeschichte für alle, die sich täglich abmühen in unserer Kirche. Denn das ist die andere Botschaft jenes Gleichnisses: Mag unsere Kirche noch so sehr als einladende Kirche in Erscheinung treten, es wäre eine Illusion zu meinen, alle würden der Einladung Gottes folgen. Wir hören, welche Gründe Menschen haben, die Einladung Gottes auszuschlagen. „Ich habe einen Acker gekauft und muss ihn ansehen“, sagt der eine. „Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und muss sie ansehen“, meint ein anderer. „Ich habe eine Frau genommen“, entschuldigt sich der dritte. Ja, wenn Gottes offene Einladung den Menschen wirklich ganz nahe kommt, dann stellt sich für die Eingeladenen die Frage: Wo setze ich Prioritäten?
Nüchterne Erwartung
Das ist das Tröstliche und großartig Entlastende an dieser Geschichte Jesu: Sie leitet uns an zu einer nüchternen Erwartung. Wir sollen alles tun für eine herzliche Einladung, durch die sich Menschen angesprochen fühlen, und zugleich sollen wir wissen: Dass alle sich einladen lassen, kann nicht realistisches Ziel unserer Arbeit sein. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass es Menschen gibt, welche die Einladung in die Kirche nicht gern annehmen. Sie wollen sich nicht nötigen lassen. Sie wollen zwar zur Kirche dazugehören, sie mit ihrer Kirchensteuer gern unterstützen, sie wollen aber zum kirchlichen Leben lieber auf Distanz bleiben. Sie denken gar nicht daran, der Kirche „Lebwohl“ zu sagen. Sie denken aber auch nicht daran, sich in der Kirche in irgendeiner Weise zu engagieren. Ich möchte um Verständnis für jene werben, die ihre Kirche lieben, und dennoch in mittlerer Distanz zu ihr leben. Die selbst entscheiden wollen, wann sie die Einladung der Kirche einmal annehmen wollen. Immer wieder sollen wir auch diese Menschen einladen. Wir sollen aber nicht gekränkt sein, wenn sie mit guten Gründen unserer Einladung allenfalls mal „bei Gelegenheit“ folgen.
So können wir uns durch die Geschichte Jesu vom großen Gastmahl einerseits anstecken lassen von der Großzügigkeit Gottes. Aber wir dürfen uns zugleich trösten lassen angesichts mancher Erfahrung von Distanzierung. Solchermaßen ermutigt und entlastet können und sollen wir uns mühen um Gottesdienste, die erfüllt sind von einladender Freude. Dann wird vielleicht jenen, die unsere Einladung ausschlagen, klar, wie sie sich selbst oft abschneiden vom Leben in der Gemeinschaft Gottes. Denen aber, die sich einladen lassen, wird deutlich, was sie beim Fest des Herrn empfangen: Freude, die ansteckt und trägt. So lasst uns unsere Einladung singen: Kommt her, ihr seid geladen.
