Helfende Gespräche gegen die Angst

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am 17. Mai 2009

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Joh 16,23b-26.33

Am heutigen Sonntag Rogate hören wir auf ein Wort Christi aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündige von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Liebe Gemeinde!
„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das sind die letzten Worte, die Jesus nach der Überlieferung des Johannesevangeliums vor seinem Abschied aus dieser Welt an seine Jünger richtet. Vielen von uns sind diese Worte vertraut. Oft haben wir sie schon gehört: als Worte des Trostes am Grab eines Menschen. Als Worte der Ermutigung bei Taufen oder Konfirmationen. Als Worte der Zurüstung für den Alltag bei der Feier des Heiligen Abendmahls.

Ermutigung zur Angst

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Mich beeindrucken diese Worte des Abschied nehmenden Christus immer wieder. Ja, es fasziniert mich, wie nüchtern Jesus Christus hier feststellt: „In der Welt habt ihr Angst.“ Wie war es damals, als Jesus von seinen Jüngern Abschied nehmen musste? Damals, als sich die kleine Schar der Jünger verloren fühlte, alleingelassen von ihm – voller Sorge um ihre Zukunft? Damals erfüllte Angst ihre Herzen. Und diese Angst macht Jesus Christus seinen Jüngern nicht zum Vorwurf. Nein: Er ermutigt seine Jünger, er ermutigt seine Gemeinde, ermutigt mich zur Angst in der Welt. Diese Ermutigung tut gut. Sie tut gut, weil sie der harten Wirklichkeit der Welt nicht ausweicht und sie doch überwindet.

Angst ist nichts, dessen sich ein Christenmensch schämen muss. Im Gegenteil: Angst zeigt an, dass ich noch wahrnehme, wie gefährdet mein Leben ist.

Ich finde es einfach großartig, wie realistisch der scheidende Christus von seiner Gemeinde in dieser Welt denkt. Er weiß, dass Angst meine Lebensbegleiterin ist. Er weiß, dass ich oft Schwierigkeiten habe, mir meine Angst einzugestehen. Und er sagt: Angst ist nichts, dessen sich ein Christenmensch schämen muss. Im Gegenteil: Angst zeigt an, dass ich noch wahrnehme, wie gefährdet mein Leben ist. Dass ich mir nicht einbilde, Herr über das Leben zu sein. Wen beschleicht denn angesichts der aufgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise keine Angst? Wer ängstigt sich nicht angesichts drohender Insolvenzen und des Verlustes zahlloser Arbeitsplätze? Wer ängstigt sich nicht mit den massenhaft verarmenden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent? Wer verspürt denn nicht angesichts der unglaublichen Entwicklungen in der Gentechnik in sich Gefühle der Angst? Wer hat denn keine Angst, wenn er an die Zukunft unseres blauen Planeten und an die sich rasant verändernden Lebensbedingungen für unsere Kinder und Enkel denkt?

Wie gut tun mir da die Worte Christi „In der Welt habt ihr Angst.“ Diese Worte sagen mir doch: Du sollst nicht versuchen, deine Angst zu verdrängen. Du brauchst nicht abzulenken von ihr. Du sollst deiner Angst einen Namen und einen Ort geben. Du kannst und sollst deine Angst zur Sprache bringen und dadurch Kräfte gegen die Angst entwickeln. Nicht Verdrängung der Angst ist angesagt, sondern bewusstes Aussprechen der Angst. Gefragt sind helfende Gespräche gegen die Angst.

Helfende Gespräche

Wie aber kann ich helfende Gespräche gegen die Angst führen? Das ist im Grund die zentrale Frage, auf die Christus in seiner Abschiedsrede eine Antwort gibt: Helfende Gespräche gegen die Angst - das können und sollen meine Gebete sein. Sicherlich sind sie dies aber nicht, wenn ich mich in solchen Gesprächen nur mit mir selbst beschäftige. Nein: Gebete als helfende Gespräche gegen die Angst sind Gespräche mit Gott, keine Selbstgespräche, wie ich sie oft führe. Helfende Gespräche gegen die Angst sind Gespräche, in denen ich – herkommend von meiner Angst – mein Leben und meine Welt in den Horizont der Verheißung Gottes stelle: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen.“ Als christliche Gemeinde glauben wir, dass sich diese Verheißung an Ostern erfüllt hat. Seit Ostern hat sich der Horizont des Lebens erweitert. An Ostern hat Gott durch den Sieg Christi über den Tod neue Möglichkeiten für unsere Welt aufgezeigt, neue Wege auch für mich in meiner Angst. An Ostern hat Jesus Christus einen neuen Zugang zu Gott eröffnet. Seit Ostern ist es mir in ganz neuer Weise möglich, mich im Namen Jesu dem Gott zuzuwenden, der sich in Jesus Christus mir ganz zugewandt hat. An Ostern hat sich ein neuer Zugang zum Herzen Gottes eröffnet. Gott öffnet sein Herz für mich und für mein angsterfülltes Bitten. Deshalb kann ich seit Ostern das Gespräch mit Gott auf eine ganz neue Weise führen - als Bruder des lebendigen und auferstandenen Christus begegne ich Gott nun als sein Kind. Mein Gespräch mit Gott wird zum Gespräch im Namen Jesu Christi, mein Beten zu einem Beten in seinem Namen.

Es gibt einen größeren Horizont des Lebens, als ich ihn wahrnehme. Diese Grenzüberschreitung wage ich im Namen Jesu hin zu Gott, der mit seiner Liebe alles umgibt.

Beten im Namen Jesu macht damit Ernst, dass mich nichts, aber auch gar nichts, scheiden kann von der Liebe Gottes. Diese Zuversicht haben Menschen Jesus abgespürt und nachgeglaubt. Beten in dieser Zuversicht, dass Gott unverbrüchlich da ist auch über den Tod hinaus, das heißt „Beten im Namen Jesu“. Wenn ich im Namen Jesu bete, dann vertraue ich mich ganz der Weite Gottes an. Dann überschreite ich Grenzen. Dann wage ich den Schritt über mich hinaus, unendlich über das hinaus, was ich will und was mir vor Augen liegt. Dann hoffe und vertraue ich darauf, dass nicht alles in dem aufgeht, was ich vor Augen habe. Es gibt noch mehr. Es gibt ein Reich Gottes hinter meinen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt einen Willen Gottes hinter meinem Willen. Es gibt einen größeren Horizont des Lebens, als ich ihn wahrnehme. Diese Grenzüberschreitung wage ich im Namen Jesu hin zu Gott, der mit seiner Liebe alles umgibt. Im vertrauensvollen Gebet zu ihm erfahre ich eine neue Weite des Lebens.

Beten im Namen Jesu

Allerdings: Solch ein Beten im Namen Jesu – das ist nicht leicht. Schon Martin Luther sagte: „Unter den Werken der Christen ist das allerschwerste das Beten. Wenn Christus nicht selbst in uns betet, so ist unser Beten umsonst.“ Ja, Beten im Namen Jesu, das ist letztlich der Versuch, Jesus Christus in mir beten zu lassen. Die Übereinstimmung mit seinem Willen zu suchen. Seinen Vater-Ruf zu meinem Vater-Ruf zu machen. Mich hinein nehmen zu lassen in seine vertrauensvolle Beziehung zu Gott, dem Vater. Beten im Namen Jesu, das ist der Versuch, mit ihm zusammen den Willen Gottes, des Vaters, zu verstehen. Wie schwer ist das doch! Wie oft meine ich doch beim Beten, dass Gott meine Wünsche erfüllen müsse. Lasse ich mich beim Beten leiten von dem Gebet Jesu „Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe“? Lasse ich mich bei meinem Beten hinein nehmen in das Gebet Jesu in Gethsemane „Mein Vater, ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“? Sehe ich es wirklich darauf ab, dass ich in meinem Beten bei Jesus bleibe?

Beten im Namen Jesu aber ist nicht möglich ohne das Hinhören auf ihn.

Genau solchem Beten ist Erhörung verheißen. Natürlich gibt es auch ein unerhörtes Beten, und zwar im doppelten Sinn des Wortes. Unerhört bleiben viele Gebete, weil sie unerhört sind. Weil ich von Gott Vorteil und Nutzen für mich erbitte auf Kosten anderer. Weil ich Gott meinen Willen aufzwingen will. Solch ein Beten bleibt unerhört und ist unerhört. Wie oft meine ich doch beim Beten, dass Gott meine Wünsche erfüllen müsse, dabei erfüllt er doch nicht meine Wünsche, sondern seine Verheißungen. Beten im Namen Jesu aber ist nicht möglich ohne das Hinhören auf ihn. Erst wenn ich auf Jesus Christus höre, kann ich in seinem Namen beten. Darum ist Beten zu allererst nicht Reden, sondern Schweigen und Hören. Darum heißt Beten im Namen Jesu nicht: sich selbst reden hören. Es heißt: still werden und still sein und warten, bis ich als Betender ein Hörender werden.

Wenn ich in dieser Weise in meinem Beten mit Christus übereinstimme, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott mich erhört, dass er als mein Vater in mein Beten einstimmt. Dann erfahre ich Gemeinschaft mit ihm inmitten der Angst. Gewiss: Ich darf nicht erwarten, dass Gott dann alles aus dem Wege schafft, was mir Angst macht. Aber ich darf darauf vertrauen, dass er mich mit der Enge meiner Angst hinein nimmt in die Weite seines Lebens. Ich darf darauf vertrauen, dass er mich unter dem Horizont seiner großen Verheißungen als mein Vater trägt inmitten dieser Welt, in der ich Angst habe. Und solche Erfahrung des Getragenseins - sie macht mein Gebet zum erhörten Gebet, zum helfenden Gespräch gegen die Angst. Solche im Gebet geschenkte Erfahrung des Getragenseins lässt mich vollkommene Freude erfahren inmitten aller Angst. So kann ich, so können wir als betende Menschen vertrauen auf das Wort Christi: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Amen.