Liebe Gemeinde,
als ich bei der Vorbereitung auf diese Predigt nach einem geeigneten Bibelwort suchte, das zum Thema „Lernende Jugendhilfe“ in Beziehung gesetzt werden kann, stieß ich auf folgendes Wort aus dem 5. Buch Mose:
„Wenn dich dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand (Dt 6,20f)".
Diese Worte gehören zu den Zentraltexten des Alten Testaments. In ihnen wird eine Grundstruktur der Glaubensvermittlung festgehalten, die für das Volk Israel wie für die Kirche von Anbeginn an von zentraler Bedeutung war und bis heute ist. Glaube wird vermittelt durch das Gespräch der Generationen miteinander, genauer: durch das Fragen der Kinder und Jugendlichen und das Antworten der Eltern und Großeltern. Mit der Neugier des Kindes beginnt das Erzählen vom Glauben. Aus den Fragen der Kinder entwickelt sich Glaubensvermittlung. Alle gute Religionspädagogik und Theologie setzt bei den Fragen der Kinder an!
Glaubens- und Wertevermittlung
Glaubensvermittlung geschieht durch Weitergabe der Erzählungen von Gottes Geschichte mit seinem Volk, durch Weitergabe der Gebote und der religiösen Traditionen und durch Einweisung in den Gottesdienst. So wächst eine Generationen übergreifende Gedächtnis- und Glaubenskultur: „Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, dass ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes zu halten und zu tun...Durch dieses Wort werdet ihr lange leben in dem Land, in das ihr zieht über den Jordan, um es einzunehmen (Dt 32,46)“. Diese Worte des sterbenden Mose vor dem Einzug in das Gelobte Land sprechen in großer Grundsätzlichkeit aus, worum es in der Glaubensvermittlung geht: Die Weitergabe des in Gottes Worten und Geboten begründeten Glaubens sichert das lange Leben der kommenden Generationen. In diesem biblischen Grundverständnis des Miteinanders der Generationen steckt viel Weisheit. Erkennen wir etwa, wie wichtig die Einübung in die „10 herrlichen Freiheiten Gottes“ (E. Lange) zu einem gelingenden Leben ist und wie im Dekalog die Wurzeln liegen für das, was wir heute Menschenrechte nennen, dann kann die Weitergabe der Tora für die Zukunftssicherung der Menschheit und für eine nachhaltige Entwicklung der Humanität nicht gleichgültig sein.
...den Glauben nicht nur vom Hörensagen kennen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen Antworten wagen, die von den Kindern und Jugendlichen als „interessant“ erfahren, aber auch „in Frage“ gestellt werden dürfen.
Weitergabe des Glaubens und der durch ihn vermittelten Werte kann nur gelingen, wenn die Erwachsenen es wagen, mit ihrer Lebensgeschichte für das einzustehen, was sie glauben. Wenn sie zu Zeuginnen und Zeugen werden, die den Glauben nicht nur vom Hörensagen kennen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen Antworten wagen, die von den Kindern und Jugendlichen als „interessant“ erfahren, aber auch „in Frage“ gestellt werden dürfen. Solche Erwachsenen braucht es nicht nur in der Familie, sondern auch im Religionsunterricht und in den Kindergärten, in der Gemeinde und in der Jugendhilfe. Was aber, wenn Mütter, Väter und Großeltern, aber auch Erzieherinnen und Sozialarbeit nicht mehr in der Lage sind, die Fragen der Kinder und Jugendlichen nach dem Glauben zu beantworten? Dann hat auch unsere Kirche es schwer mit der Glaubensvermittlung.
Fragen über Fragen
Jugendliche fragen. Vielleicht nicht so, wie wir es als Kirche erwarten. Vielleicht nicht so, dass wir ihre Fragen immer gleich verstehen. Ganz gewiss nicht so, wie jener Sohn, von dem die Überlieferung im 5. Buch Mose spricht. Aber wichtig ist: In Jugendlichen begegnen wir Menschen, die Fragen haben an das Leben, Fragen an sich selbst, Fragen an die Erwachsenen, die sie begleiten, Fragen auch an die Kirche.
Bei der Frühjahrstagung wurde unserer Landessynode ein erster Entwurf für einen Bildungsgesamtplan vorgestellt. In diesem Bildungsgesamtplan sind unter anderem die Lebensbedingungen dargestellt, die den Fragehorizont Jugendlicher darstellen. Vergegenwärtigen wir uns:
das Jugendalter weitet sich aus zu einer längeren Phase mit eigener Würde und eignen Lebensaufgaben,
die Vielfalt der Lebensformen Jugendlicher nimmt zu,
einerseits steigt das Armutsrisiko unter vielen Jugendlichen, während andererseits die Kaufkraft etlicher Jugendlicher zunimmt,
das Älterwerden unserer Gesellschaft erfahren Jugendliche als eine zunehmende Belastung,
das immer noch hohe Engagement Jugendlicher in Vereinen, Jugendverbänden und Kirchen wird massiv erschwert durch die Ausweitung des schulischen Alltags,
schließlich wird jugendliches Leben in einem nie da gewesenen Maße dominiert durch Medien und durch verschieden geprägte Jugendkulturen mit ihrer je eigenen Musik.
In diesem Kontext haben wir als Kirche Jugendlichen Hilfestellung zu leisten, damit sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können.
In dieser für Jugendliche außerordentlich komplexen Situation müssen Jugendliche lernen,
sich von ihrer Kindheit zu verabschieden und das Verhältnis zu den Eltern neu zu bestimmen,
die eigene Geschlechtsrolle als Frau bzw. Mann zu finden und eine persönliche und soziale Identität zu finden,
sich eine Deutung des Lebens aufzubauen und sich ein eigenes Wertesystem zu erarbeiten.
In diesem Kontext haben wir als Kirche Jugendlichen Hilfestellung zu leisten, damit sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können. Und in diesem Kontext hat auch unsere Glaubensvermittlung ihren Ort. Dabei wissen wir, dass Jugendliche zur Kirche meist in einer selbst bestimmten Distanz leben. Jedenfalls legen sie Wert darauf, dass es sich bei ihren Wert- und Glaubensvorstellungen um ihre eigenen Vorstellungen handele, die von denen der Kirche doch zu unterscheiden seien. Deshalb ist es wichtig, dass gewagte Antworten des Glaubens nicht uns Erwachsenen gefallen, sondern von den Jugendlichen als für sie hilfreich verstanden werden. Am Beispiel der Jugendmusikszene will ich verdeutlichen, worauf es ankommt, wenn wir als Erwachsene den Jugendlichen in der Entwicklung eigenen Glaubens hilfreich begegnen wollen auf ihrem mühsamen Weg in die Welt der Erwachsenen. Dabei knüpfe ich daran an, dass wir am vergangenen Sonntag in unseren Kirchen den Sonntag Kantate (Singet) gefeiert haben.
Musik
Ganz besonders in ihrer Jugendkultur, in ihrer Musik sprechen Jugendliche ihre Fragen aus. Dabei ist vieles, was da so scheinbar säkular daherkommt, beim näheren Hinhören viel frommer, als wir es erwartet hätten. Jugendliche leben von ihrer Musik, wie verschiedenartig sie auch sei. Ihr Leben würde verarmen ohne Musik. Musik aber wird nicht einfach nur konsumiert, sicherlich dies auch. Aber in der Musik wird Wesentliches an unserem Menschsein gepflegt, nämlich die Fähigkeit, anzusingen gegen alle Welterfahrungen, die so scheinbar gar keinen Anlass zum Singen geben. Zu singen, auch wenn die Musik übertönt wird von der Angst, die in diesen Tagen durch unser Land geht, wenn wir an die düsteren Aussichten für unsere Wirtschaft denken. Zu singen auch, wenn wir erleben müssen, dass wir Menschen etwas schuldig geblieben sind. Zu singen auch in Zeiten der Trauer, wenn durch den Tod eines Menschen uns die Kehle zugeschnürt erscheint. Ansingen gegen alle Welterfahrung, die uns eigentlich den Mund stopfen müsste,
singen, ohne das Belastende und Bedrängende einfach zu verdrängen,
singen mit einem fröhlichen und trotzigen „dennoch“ in der Stimme und auf den Lippen,
singen, schuldbeladen und dennoch befreit, sterblich und dennoch voller Hoffnung - wie soll das gelingen?
Mit dieser Frage kommt die religiöse Dimension der Musik ins Spiel. In der Musik, im Singen bleiben Menschen nicht bei sich. Sie werden verbunden mit Gottes Welt. Das Singen ist nicht nur eine irdische, sondern auch eine himmlische Angelegenheit. Tiefster Grund für das Singen in der jüdisch-christlichen Tradition ist das, was Paul Gerhardt in einem seiner Lieder so ausgedrückt hat: „Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“ Mit ihrer Musik machen Jugendliche neue Erfahrungen. Sie entdecken etwas von einer anderen Wirklichkeit, die ihnen Neues erschließt. Wo Menschen aber neue Erfahrungen machen, da kann ihre Musik, können ihre Lieder nicht alt bleiben. Unabhängig davon, ob die Texte oder Melodien alt oder neu sind, wird ein Lied dann zu einem neuen Lied, wenn es mein Lied wird, ein Lied, das mir aus dem Herzen kommt. Wenn es ein Lied wird, das etwas ausspricht von meinen Erfahrungen, auch von meinen Erfahrungen mit dem Gott. Neue Lieder entstehen, weil es neue Erfahrungen mit Gott gibt und weil diese Erfahrungen danach drängen, hinaus gesungen zu werden.
Jugendliche suchen nicht die Eintönigkeit jenes kläglichen Liedes, das beginnt mit den Worten „Man kann ja doch nichts machen“. Dies ist das gottloseste aller Lieder, weil es nicht rechnet mit den Möglichkeiten Gottes.
Neue Lieder können deshalb nicht eintönig sein. Eintönige Musik ist eine ärmliche Musik, eine Musik arm an Erfahrung. Und eintönige Menschen sind arme Menschen, Menschen arm an Erfahrung. Als eintönig werden von Jugendlichen jene erlebt, die ihnen gebetsmühlenartig ihre Rezepte zur Heilung der Welt anbieten, selbst wenn diese Rezepte, wie wir es nun in der Wirtschaftskrise sehen, nichts taugen. Eintönig erleben sie aber auch die Verweigerinnen und Verweigerer, die jede Einmischung in diese Welt ablehnen, um sich nicht die Finger schmutzig machen zu müssen. Und eintönig sind für sie schließlich jene, die immer nur ihre alten Erfahrungen zitieren und sich neuen Erfahrungen verweigern. Eintönige Lieder sind langweilige Lieder, eintönige Menschen sind langweilige Menschen. Jugendliche suchen nicht die Eintönigkeit jenes kläglichen Liedes, das beginnt mit den Worten „Man kann ja doch nichts machen“. Dies ist das gottloseste aller Lieder, weil es nicht rechnet mit den Möglichkeiten Gottes. Neue Lieder dagegen, die interessant sind, sind immer auch Lieder, die für neue Erfahrungen mit Gott aufschließen und die ermutigen, an der Gestaltung dieser Welt mitzuwirken.
Meine Frage zum Schluss: Hören wir diese Musik der Jugendlichen und sind wir bereit, ihren in dieser Musik verschlüsselten Fragen mit unserem Zeugnis des Glaubens zu antworten? Das wäre lernende und zum Leben befähigende Jugendhilfe. Amen.
