Das Gesetz des Weizenkorns

Gottesdienst am 22. März 2009 in der Stadtkirche Karlsruhe

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Joh 12,20-26

Liebe Gemeinde,
vier Wochen nun schon gehen wir durch die Passionszeit und begleiten Jesus auf seinem Weg durchs Leiden hin zu Tod und Auferstehung. Heute genau vor vier Wochen sind wir gestartet mit den Worten Jesu: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ Heute kommen wir mit Jesus in Jerusalem an. Seinen triumphalen Einzug in die Stadt hat er hinter sich. Begeistert ist er empfangen worden von den Massen, die ihm jubelnd zuriefen: „Hosianna in der Höhe! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ Viele haben ihn als Helden gefeiert, als großen Retter. Und auch einige Griechen, die nach Jerusalem gekommen waren, um dort anzubeten, sind neugierig geworden. Sie treten an Jesus heran, um ihn zu sehen. An diese Griechen wendet sich Jesus mit seiner letzten öffentlichen Rede, die er nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums vor seinem Weg ins Leiden hält. Er wendet sich an sie - wissend, dass nun „seine Stunde gekommen“ ist, die Stunde der Vollendung seines Lebens. Und so beginnt Jesus seine letzte öffentliche Rede mit den Worten:
„Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Amen, Amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, wird’s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“

Eigenartig: Kein König der Ehren, sondern ein unscheinbares Weizenkorn! Kein Stolz über den Jubel der Massen, sondern ein eindringlicher Hinweis auf das naturgegebene Gesetz von Leben und Sterben. Mit einem Bild aus der Natur deutet Jesus „seine Stunde“, die Stunde seines Todes. Jesus weiß sehr wohl: Würde er sich als scheinbar erfolgreicher Held feiern lassen, dann wäre alles vergeblich - wie so mancher Erfolg, der schnell vergeht. Als ruhmreicher Held wäre er bald vergessen, aber als Weizenkorn kann er Frucht bringen. Nach dem Gesetz des Weizenkorns gibt es Frucht nur, wenn etwas in die Erde fällt und stirbt. Leben bleibt fruchtlos, unerfüllt, wenn es sich dem Tod entzieht. Leben wie ein Weizenkorn, das heißt: Verzicht auf schnelle Erfolge. Heißt: Erfüllt leben für andere, damit andere immer wieder von diesen Früchten dieses Lebens kosten können.

"Erfülltes Leben finde ich im Mich-Verschenken, nicht im Mich-Behaupten."

Nach diesem Gesetz des Weizenkorns ist Jesus gestorben und hat sein Sterben Frucht gebracht für viele Menschen. Viele Menschen haben sich in die Nachfolge Jesu berufen lassen, hinein in eine Weizenkorn-Existenz, in der eine neue Gewinn- und Verlustrechnung gilt: Leben wird kostbar, wenn ich aus meiner Selbstbezogenheit befreit werde. Erfülltes Leben finde ich im Mich-Verschenken, nicht im Mich-Behaupten. Im Loslassen gewinne ich - das ist Gottes wunderbare Mathematik, die ich als Christ dieser Welt bezeugen muss. Allerdings muss ich ehrlich bleiben. Ist nicht tief in mir verwurzelt das Bedürfnis, mein eigenes individuelles Leben zu lieben und sichern zu wollen? Ich kreise gern um mich selbst. Denke ständig darüber nach, wie ich mich selbst verwirklichen kann. Will gern im Mittelpunkt meines Lebens stehen. Der eigene Vorteil ist mir immer noch näher als das Wohlergehen anderer. Das Verliebtsein in mich selbst ist mein ständiger Begleiter. Wenn ich mich in die Nachfolge Jesu rufen lasse, der eine Weizenkorn-Existenz lebte, dann muss mir klar werden, dass damit keine Steigerung des bisherigen Lebens gewonnen wird. Aber anderes gewinne ich: Ein Leben, bei dem ich frei werde von meinen eigenen Prinzipien, vom ständigen Beharren auf der eigenen Meinung und vom immerwährenden Schielen nach eigenem Vorteil und von der Sucht nach immer neuem Erfolg. In der Nachfolge Jesu, der lebte und starb wie ein Weizenkorn, werde ich frei vom ewigen „für mich selbst“ und finde Erfüllung im „Leben für andere“.

Leben für andere statt Selbstverwirklichung

Wenn ich mir dies klar mache, dann verstehe ich auch das harte Wort Jesu, das er in seiner Weizenkorn-Rede anfügt: „Wer sein Leben lieb hat, verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, wird’s erhalten zum ewigen Leben.“ Mit diesen Worten wendet sich Jesus gegen eine egoistische Selbstliebe, bei der ich nur noch auf mich selbst schaue und die Mitmenschen und Gott aus den Augen verliere. Zu diesem selbstbezogenen Leben, bei dem ich immer nur um mich selbst kreise, zu diesem „Leben für mich selbst“ soll ich auf Abstand gehen. So sehr, dass ich es hassen lerne. Stattdessen darf und soll ich mich einlassen auf ein Leben für andere. Befreit aus meinem ständigen Kreisen um mich selbst kann ich Frucht bringen und kann ich ein erfülltes Leben finden – jetzt und in Ewigkeit. „Wer sein Leben auf dieser Welt hasst, wird’s erhalten zum ewigen Leben.“

Liebe Gemeinde, lassen Sie mich auf dem Hintergrund dieser Jesusworte einen Blick auf jenes Ereignis werfen, das uns in diesen Tagen tief erschüttert. Gestern wurde in Winnenden mit einem Gottesdienst und Staatsakt der Opfer des Amoklaufs gedacht, durch den 16 Menschen auf grausame Weise den Tod fanden. Was den 17jährigen Täter zu dieser Untat getrieben hat, werden wir nie erfahren. Was in der Seele dieses jungen Menschen kaputt gegangen sein muss, dass er diesen Entschluss zur Tötung unschuldiger Menschen fasste, wird sich unserem Begreifen immer entziehen. Aber sicher ist doch: Dieser junge Mann hat sein Leben und das seiner vielen Opfer weggeworfen. Er hat sein Leben gehasst, aber eben nun gerade nicht in dem von Jesus gemeinten Sinn, sondern im Sinne eines zerstörerischen Selbsthasses. Andererseits war er in einer Weise in sich selbst gefangen, dass er Rücksicht auf andere und Verantwortung vor Gott nicht mehr verspüren konnte. Zugespitzt gesagt: In seiner brutalen Untat kreiste er nur noch um sich selbst, und sein Morden wurde zu einem Akt grausamer Selbstverwirklichung, durch die er traurige Berühmtheit erlangt. Noch in vielen Jahren wird man von Tim K. und seiner Untat reden, während die Opfer namenlos bleiben werden. Wer wird sich dann noch jener Lehrerin und jenes Lehrers erinnern, die sich dem Täter auf dem Flur der Schule entgegenstellten, um ihn am weiteren Schießen zu hindern. Möglicherweise haben sie den Tod weiterer Schülerinnen und Schüler verhindert und ihr Leben geopfert für andere. Für mich haben diese Lehrerinnen und Lehrer mit dem Einsatz ihres Lebens die Wahrheit jenes Wortes Jesu eingelöst: „Wer ein Leben für sich selbst hasst und sich einem Leben für andere öffnet, der wird sein Leben erhalten zum ewigen Leben.“ Das Wirken und das Sterben dieser Lehrerinnen und Lehrer bringt Frucht.

"Frucht gibt es allein über das Kreuz, über das Sterben. Das mag zunächst traurig stimmen, ist aber das Geheimnis eines erfüllten Lebens."

Auf grausame Weise erinnert uns die Untat von Winnenden an das Gesetz des Weizenkorns: Frucht gibt es allein über das Kreuz, über das Sterben. Das mag zunächst traurig stimmen, ist aber das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Wenn ich den Weg des Weizenkorns gehe, dann lebe ich nicht für mich allein. Dann kommt mein Leben anderen zugute. Dann bin ich nicht allein. Dann habe ich all jene zur Seite, die den Weg der Weizenkorn-Nachfolge gegangen sind. Dann habe ich zur Seite nicht nur die großen Märtyrer der Kirchengeschichte von Stephanus bis Dietrich Bonhoeffer, nein: auch die vielen Unbekannten und Ungenannten, die Erfüllung in einem „Leben für andere“ gefunden haben. Sie haben sich dabei nicht etwa selbst aufgegeben. Nein: Sie haben zu sich gefunden.

Nachfolge ist Freude

Wenn ich den Weg des Weizenkorns gehe, dann habe ich vor allem den zur Seite, der nicht nur selbst den Weg des Weizenkorns bis zu seinem Tod am Kreuz gegangen ist, sondern der als Weizenkorn mich ständig und immer wieder neu zu einem „Leben für andere“ einlädt und stärkt. Dann habe ich den zur Seite, der mich immer wieder an seinen Tisch einlädt, um die Frucht des Weizenkorns zu schmecken, das Brot des Lebens. An seinem Tisch stärkt er mich zu einem Leben in seiner Nachfolge. Ja, von der Weizenkorn-Existenz Jesu führt ein direkter Weg zu seinem Sterben am Kreuz. Führt ein direkter Weg hin zum Abendmahl. Führt ein direkter Weg zum Leben in seiner Nachfolge. Wenn ich an seinem Tisch das Brot empfange, diese Frucht des Weizens, dann erfahre ich innigste Gemeinschaft mit ihm. Dann werde ich von ihm gestärkt zu einem Leben in seiner Nachfolge. Und weil ich so von ihm begleitet und gestärkt werde, ist das Leben in seiner Nachfolge etwas, das mich mit tiefer Freude erfüllt. Nachfolge ist Freude. In der Nachfolge des Weizenkorn-Jesus erfahre ich die Freude eines erfüllten Lebens und die Vorfreude auf ewige, himmlische Gemeinschaft mit ihm. Denn auch mir gilt die Verheißung Jesu: „Wo ich bin, da sollen auch die sein, die mir dienen. Wer mir dienen will, den wird mein Vater ehren.“ Und was gibt es Besseres als zu wissen: Meinen Lebensmut, meine Zuversicht muss ich mir nicht durch eigene Erfolge erarbeiten, sondern Lebensmut und Zuversicht, Freude zu einem tätigen Leben für andere empfange ich von Gott her, der mich ehrt, indem er mich liebt.

Mit einem Lied vom Weizenkorn, das mich seit vielen Jahren begleitet, will ich uns abschließend für den Weg der Nachfolge Jesus Mut machen:
Weizenkörner, Trauben, hört von unserm Glauben.
Wer nicht aufgerieben wird, wer sich das erspart, der bleibt hart.
Weizenkörner, Trauben, hört von unserm Glauben.
Wer nicht in die Mühle fällt, leidet keine Not, wird kein Brot.
Weizenkörner, Trauben, hört von unserm Glauben.
Wer nicht in die Kelter fällt, wird auch nicht gepresst für das Fest.

Möge das Weizenkorn, das im Tod Jesu in die Erde gefallen ist und das Weizenkorn, das uns am Tisch des Herrn zum Brot des Lebens wird, Frucht bringen auch in unserem Leben. Amen.