Ganz oder gar nicht

Gottesdienst zur Visitation in Karlsruhe-Knielingen am 15.3.2009; Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Lk 9,57ff

Liebe Gemeinde,
als Wort der Schrift ist uns für diesen 3. Sonntag der Passionszeit ein Abschnitt aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums gegeben:

Als sie auf dem Weg waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Dieses Evangelium zum heutigen Sonntag Okuli ist ein Wort, das trifft und trennt, das ärgert und erregt. Das ist ein messerscharfes Wort, das mit nichts weniger zufrieden ist als mit dem Ganzen. Ein radikales Wort, das an die Wurzeln geht. Wer ärgert sich nicht über das Leitbild der Heimatlosigkeit, das Jesus entwickelt? Wer ärgert sich nicht über Jesu pietätlose Verspottung der Beerdigungssitten? Wer schüttelt nicht den Kopf über Jesu Wort von dem Menschen, der nicht zurückschauen darf? Ärger und Unmut sind eigentlich keine guten Voraussetzungen für das Hören einer Predigt. Bitten wir Gott, dass er unsere Ohren und Herzen öffne und so unseren Ärger fruchtbar mache und unseren Unmut in Mut wandle: Wir bitten, Gott, um deinen Geist zum rechten Reden und Hören. Lass diese Worte der Bibel für uns dein Wort werden, das uns trifft und tröstet, Wege zeigt und Hoffnung gibt. Amen.

Heimatlos

Liebe Gemeinde, ich lenke unsere Aufmerksamkeit zunächst auf einen Satz, den wohl fast alle beim Vorlesen überhört haben, dem aber besondere Bedeutung zukommt. Lukas lässt nämlich - im Unterschied zum Evangelisten Matthäus - Jesus zu einem der drei Gesprächspartner sagen: „Gehe hin und verkündige das Reich Gottes!“ Mit diesen Worten beauftragt Jesus einen Menschen mit der Verkündigung des Reiches Gottes. Diese Beauftragung ist das alles Entscheidende, und alle anderen Worte Jesu sind im Licht dieser Beauftragung zu verstehen. Jesu Worte sind also keine zeitlosen Sprüche, die wir bei Gelegenheit aus dem Ärmel ziehen können, so etwa, wenn wir - um eine Nichtbeteiligung an einer Beerdigung zu rechtfertigen - sagen: Schon Jesus hat erklärt „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Nein! Die Worte Jesu, die wir bedenken, sind Berufungsworte. Es sind Worte, mit denen Jesus Menschen in seinen Dienst ruft. In diesen Worten spricht der, der gerade seinen Weg nach Jerusalem begonnen hat, seinen Weg ins Leiden und ans Kreuz. Einen Weg, auf dem ihm Aufnahme verweigert werden und Hohn und Spott bevorstehen. Jesus, dieser Mann auf dem Weg zum Kreuz, ruft Menschen in seinen Dienst. Und dies tut er auf eine Weise, die Ärger und Unmut bei uns auslöst.

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlege.“ Mit diesen Worten beruft der heimatlose Jesus in seinen Dienst. Und damit lädt er ein, teilzunehmen an seiner Heimatlosigkeit. Diese Einladung ist für uns ärgerlich, spüren wir doch die ungeheure Distanz zwischen Jesus, diesem heimatlosen Prediger des Reiches Gottes, und uns, die wir eine irdische Heimat haben, die uns etwas wert ist. Wie sollen wir teilhaben können an der Heimatlosigkeit Jesu? Zum einen wohl dadurch, dass wir in allen Heimatlosen dieser Welt Jesus selbst entdecken - in den Menschen, die in unserem Land entwurzelt leben, ebenso wie in den Asylsuchenden, die vor Gewalt und Krieg in ihrem Land fliehen. In den Heimatlosen dieser Erde begegnet uns der heimatlose Jesus selbst. Begegnet uns der, der nicht wusste, wohin er sein Haupt hinlegen konnte.

"Er lädt uns ein zu einem Leben, in dem wirtschaftliche und politische, völkische und militärische Sicherheiten als Scheinsicherheiten entlarvt werden. Diese Einladung ist eine Zumutung zum Leben."

Zum anderen können wir teilhaben an der Heimatlosigkeit Jesu, indem wir uns selbst von ihm einladen lassen zu einem Leben, in dem die einzige Sicherheit die der Gemeinschaft mit ihm ist, dem Heimatlosen. Er lädt uns ein zu einem Leben, in dem wirtschaftliche und politische, völkische und militärische Sicherheiten als Scheinsicherheiten entlarvt werden. Diese Einladung ist eine Zumutung zum Leben. Sehen wir doch gerade in diesen Monaten der Finanzkrise, wie scheinbare Sicherheiten in wenigen Wochen wie Seifenblasen zerplatzten und wie Menschen, Banken und nun auch die reale Wirtschaft in schwere Not geraten. Wohl selten wurden in so kurzer Zeit so viele Sicherheiten eines Wirtschaftssystems so gründlich als Scheinsicherheiten entlarvt. Jesu Berufung in seinen Dienst, seine Einladung zur Heimatlosigkeit kann neu unseren Blick schärfen für die vielen Unsicherheiten des Lebens, die wir gern für Sicherheiten halten.

Unbürgerlichkeit

„Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Mit diesen Worten beruft uns der die Freiheit von den Gesetzen und Sitten seiner Zeit lebende Jesus in seinen Dienst. Er lädt uns ein zur Unbürgerlichkeit. Solch eine Einladung löst Unmut in uns aus, weil sie uns an einer sehr empfindlichen Stelle trifft. Nicht nur im alten Israel, auch heute bei uns gilt die Totenbestattung als eine der höchsten bürgerlichen Pflichten. Diese Pflicht stellt Jesus an die zweite Stelle. Zuerst beruft er uns in den Dienst am Reich Gottes, dann erst kommen unsere bürgerlichen Pflichten. Es gibt für Jesus keine Pflicht, die nicht hintangestellt werden muss, wenn es gilt, der Verkündigung des Reiches Gottes zu dienen. Jesus geht es eben ums Ganze. Darin liegt seine Radikalität, die beeindruckt, aber auch Unmut erzeugt. Die Pflicht zum Gehorsam gegenüber dem Staat, die Gehorsamspflicht gegenüber den Eltern, die Pflicht zur Einhaltung sittlicher und religiöser Spielregeln - all diese Pflichten finden ihre Begrenzung und Einschränkung durch den Ruf Jesu in den Dienst am Reich Gottes.

Wenn wir uns im Dienst am Reich Gottes glaubwürdig für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen wollen, dann müssen wir bereit sein, quasi Bürgerinnen und Bürger einer anderen Welt zu sein. Als Menschen, die im Dienst des Reiches Gottes stehen, wird uns unsere „Staatsangehörigkeit“ in der Gegenwart fremd. Bei allem bürgerlichen Engagement, das von uns verlangt wird, sind wir immer doch auch Fremde, die wissen, dass sie hier keine bleibende Stadt haben. Sind wir Fremde, welche die zukünftige Stadt suchen und von ihr her sich die Maßstäbe ihres Handelns vorgeben lassen. Jesus verbietet uns, zu Hause zu sein im falschen Leben. Er lädt ein zu einer Unbürgerlichkeit, die immer auch Fremdheit bedeutet. Die bürgerliche Pflichten dort in Frage stellt, wo sie uns hindern, das zu tun, was Gott in seinem Reich von uns erwartet.

Blick nach vorn

„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Mit diesen Worten beruft uns der das Reich Gottes verkündigende Jesus in seinen Dienst. Er lädt uns ein, nach vorn zu schauen auf sein Reich. Es liegt in unserer Natur, eher zurückzuschauen. Wir neigen dazu, uns dadurch treu zu bleiben, dass wir immer wieder nur die Vergangenheit wiederholen und zurückwünschen. Bei diesem Blick zurück verfälschen wir die Vergangenheit. Durch verfälschende Träume vom Gestern retten wir eine schöne Vergangenheit, die so schön nie war. So werden wir Leibeigene einer geschönten Vergangenheit. In diesen Tagen der Visitation des Kirchenbezirks Karlsruhe und Durlach erinnerte ich mich der letzten Visitation, während welcher wir die Strukturreform für diesen Kirchenbezirk auf den Weg gebracht haben. Ich weiß, wie schwer sich die Gemeinden in diesem Kirchenbezirk taten, diesen Weg zur Bildung einer Stadtkirchengemeinde zu gehen. Besonders schwer haben sich die ehemals selbständigen Gemeinden getan, die auf eine sehr lange Tradition der Selbständigkeit zurückschauen. Aber der Blick zurück in die Vergangenheit der eigenen Gemeinde ist nur bedingt hilfreich. Um zukunftsfähige Strukturen für die Kirche in der Stadt zu schaffen, sind auch Abschiede notwendig, die schmerzen. Der Blick in die Vergangenheit jedenfalls kann auch unfrei machen, die Herausforderungen der Zukunft mutig anzugehen. Dies gilt nicht nur im privaten Leben, das gilt auch für die Gestaltung der Kirche.

"Die Ausrichtung auf das Reich Gottes macht unversöhnt mit der Gegenwart. Wer den Traum vom Reich Gottes träumt, wird in der Gegenwart fremd und nestlos."

Gegen den unfrei machenden, schönenden Blick in die Vergangenheit setzt Jesus seine Einladung, den Blick nach vorn zu lenken auf das Reich Gottes. Die Ausrichtung auf das Reich Gottes macht unversöhnt mit der Gegenwart. Wer den Traum vom Reich Gottes träumt, wird in der Gegenwart fremd und nestlos. Wenn wir den Blick nach vorn richten auf das Reich Gottes, wenn wir uns anstecken lassen von diesem Traum, dann sind wir schon weggegangen aus unseren alten Häusern, auch wenn wir noch nicht angekommen sind im versprochenen Reich.

Und dieser Traum ist eben nicht nur Schaum. Wir wissen, dass einer aufgeräumt hat mit seiner Vergangenheit, gründlich aufgeräumt. Er hat mit sich gebrochen und wurde einer von uns: Gott, der Immanuel, der Gott mit uns. Indem er in Jesus sich ganz eingelassen hat auf uns, hat er gebrochen mit seiner Vergangenheit des Für-Sich-Seins. Er wurde heimatlos, ein Fremder in dieser Welt, ganz ausgerichtet auf das Reich seines Vaters, das mit ihm angebrochen ist und dessen Vollendung aussteht. Und weil sein Leben gelungen ist, kann in uns die Hoffnung auf das Leben wachsen. Mehr noch: Weil sein Leben gelungen ist, bekommen wir selbst auch einen Vorgeschmack eines erfüllten Lebens in seiner Nachfolge. Die Erinnerung an das Gelungene nährt unsere Hoffnung. Schenkt uns die Kraft, die Einladung Jesu zu seinem Dienst anzunehmen. Folgen wir ihr? Amen.