Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Mk 8,31-38
Als Wort der Schrift ist uns heute ein Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Markusevangeliums gegeben:
Jesus fing an, sie zu lehren: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“ Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu bedrohen. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: „Hinter mich, Satan!, denn du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und sein Leben einbüßte? Denn was kann der Mensch als Gegenwert für sein Leben geben?“
Liebe Gemeinde,
was für ein Wort der Schrift! Kein lieber Jesus, der uns hier begegnet, sondern ein streitbarer. Was für einen Streit führt er da mit Petrus! Sie bedrohen einander mit Worten, auch mit Schimpfworten: „Satan!“ Und gar nicht freundlich klingt es, wenn Jesus befiehlt: „Hinter mich!“ Ein erbitterter Streit. Hier werden keine freundlichen Nettigkeiten ausgetauscht wie bei einem small talk auf dem Sofa. Hier geht’s zur Sache! Hier geht’s ums Ganze.
Dieses Ganze will ich mit Ihnen von drei Seiten beleuchten, immer unter der Überschrift, die Jesu Worte selber liefert: „Was hülfe es dem Menschen!“
Missverständnisse
„Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“
Das will Petrus nicht hören. Gerade eben erst hat er sein Bekenntnis zu Jesus abgelegt: „Du bist der Christus! Du bist der, der uns Erlösung bringen wird.“ Und nun diese Antwort Jesu: „Ich muss leiden, sterben und auferstehen.“ Diese Antwort passt nicht in das Bild, das Petrus sich vom Christus, dem Retter, gemacht hat. Einen leidenden Christus konnte sich niemand vorstellen. Einen gekreuzigten Messias konnte es nach menschlicher Vorstellung nicht geben. Petrus hatte gemeint, mit dem Titel „Christus“ sei schon alles Wichtige über Jesus gesagt. Aber weit gefehlt.
"Gott kann, was Menschen meist nicht können; er kann auf seinen Titel verzichten und dabei doch Gott bleiben."
Was hülfe es dem Menschen, den richtigen Titel für Jesus zu finden, wenn er nicht begriffe, wer Jesus wirklich ist. Der Christustitel, der Hoheit und Macht verspricht, dieser Titel steht einem wirklichen Verständnis des Wirkens Jesu im Wege. Er verbirgt mehr als er aussagt. Das kennen wir aus vielen Lebenszusammenhängen. Ein Titel kann zum nichtssagenden Etikett werden. Titel reduzieren eine Person auf das mit dem Titel gegebene Vorverständnis. Ein Titel kann sich zwischen mich und den Angesprochenen schieben. Wenn ich weiß, vor mir steht ein Pfarrer oder gar ein Bischof, dann hindert es nicht selten, die Person wirklich wahrzunehmen, wie sie ist. Dasselbe gilt übrigens ähnlich für den Persönlichen Referenten eines Bischofs. Genau so war es bei Petrus. Sein Bekenntnis „Du bist Christus“ hindert ihn, zu verstehen, wer Jesus wirklich ist. Petrus steht stellvertretend für alle, die Jesus missverstehen. Die meinen, sie könnten seine Würde an Kreuz und Leiden vorbei erkennen. Er steht stellvertretend für alle, die meinen, es wäre damit getan, Gott große Namen zu geben. Gott kann, was Menschen meist nicht können; er kann auf seinen Titel verzichten und dabei doch Gott bleiben. Er kann sich erniedrigen lassen und gerade darin seine Macht erweisen. Bei Menschen führt Erniedrigung meist zu Minderwertigkeitskomplexen, weil sie ihr Leben an große Titel hängen. Gott kann sich eine Umdeutung seines Titel leisten: Nicht mehr der allmächtige Gott, sondern der gekreuzigte.
Das ist das erste Missverständnis, das Jesus mit harten Worten heftig bekämpft. Was hülfe es, ihm einen großen Titel zu geben und dabei nicht zu verstehen, dass Gott sich in Jesus Christus ganz klein macht.
„Was hülfe es dem Menschen!“
Befreiende Selbstverleugnung
„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Dies ist eines der wichtigsten Worte Jesu. Sechsmal finden wir es in den Evangelien. Es ist so etwas wie das Codewort für eine neue Art zu leben. Diese neue Art zu leben beginnt mit einer Platzanweisung in der Nachfolge Jesu: „Hinter mich!“ Mit diesem Wort entreißt Jesus Menschen ihrer eigenen Verfügungsgewalt: Ich gehöre nicht mir selbst. Ich gehe hinter Jesus her und richte mich an ihm aus. Ich orientiere mich an seinem Leben der Hingabe. In seiner Nachfolge lerne ich, von mir selbst abzusehen. Ich gewinne Freiheit von mir selbst, indem ich mich an Jesus binde und das Kreuz auf mich nehme. Nicht sein Kreuz, das ist getragen, ein für allemal. Nein: Ich muss nicht das Leiden und Sterben Jesu nochmals nachvollziehen. Ich muss mich nicht in Leidenssehnsucht verzehren. Ich muss mich nicht klein machen und zugrunde richten. Jesus fordert kein Menschenopfer von mir. Nein: Ich soll nur mein eigenes Kreuz tragen. Soll ja sagen zu einem Leben in Hingabe. Soll lernen, von mir selbst abzusehen und offen werden für andere. Offen für ein Leben in unbedingtem Vertrauen auf Gott.
"Sich verleugnen – das ist der Gegenentwurf zum ständigen Kreisen um mich selbst. Ich spüre doch, wie das ständige Kreisen um mich selbst meinem Leben einen tiefen Sinn raubt."
Jesus lädt mich ein zu einem Leben in unbedingtem Vertrauen zu Gott. Zu einem Leben, in dem ich mich selbst verleugnen kann, in dem ich mich nicht mehr sklavisch an mich und meine Wünsche klammern muss. Sich verleugnen – das ist der Gegenentwurf zum ständigen Kreisen um mich selbst. Ich spüre doch, wie das ständige Kreisen um mich selbst meinem Leben einen tiefen Sinn raubt. Weil ich mich ständig bedroht fühle, kreise ich nur noch um mich selbst und versuche mein Leben um jeden Preis zu sichern. Wo ich versuche, ständig voller Angst mich mit allen Mitteln vor eventuellen Gefahren zu schützen, da gerät die Welt um mich herum aus dem Blick. Befreit daraus werde ich durch ein unbedingtes Vertrauen, das den Taumel der Angst beruhigt. Zu diesem Vertrauen lädt Jesus mich ein, wenn er mir zuruft: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“
Sich selbst behaupten führt zum Verlust, sich selbst verleugnen zum Gewinn des Lebens. Wieder einmal hat es Dietrich Bonhoeffer in der ihm eigenen Sprache auf den Punkt gebracht: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst. Dann wacht man mit Christus in Gethsemane. So wird man ein Christ.“ Eine Umkehrung der Werte in der Nachfolge Jesu. Wer sich auf dem Weg der Nachfolge zu Jesus Christus bekennt und sich im Vertrauen ganz auf ihn einlässt, für den vertauschen sich Gewinn und Verlust.
Das ist das zweite Missverständnis, das Jesus mit harten Worten heftig bekämpft, das Missverständnis einer falsch verstandenen Nachfolge. Was hülfe es dem Menschen, das Leben um jeden Preis sichern zu wollen und sich dabei selber zu verlieren! In der Nachfolge Jesu jedenfalls ist dies keine Möglichkeit.
„Was hülfe es dem Menschen!“
Gewinn durch Verlust
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und sein Leben einbüßte? Denn was kann der Mensch als Gegenwert für sein Leben geben?“ Damit sind wir beim dritten Missverständnis, mit dem sich Jesus auseinandersetzt. Wer sich selbst durchsetzt um jeden Preis, kann vielleicht die Welt gewinnen, wird sich dabei aber selbst verlieren und an der Möglichkeit eines wahrhaft erfüllten Lebens vorbeigehen. Die Zugewinne an Lebensmöglichkeiten in der Moderne können den Menschen um sein Leben bringen. Es klappt einfach nicht, jede gebotene Möglichkeit des Lebens nutzen zu wollen und dabei zur Fülle des Lebens zu gelangen. Die ganze Welt gewinnen – das ist der cantus firmus des widergöttlichen Versuchers. Dieser cantus firmus erklingt an vielen Orten unseres Lebens. Und wie oft haben wir dann schon erleben müssen, dass wir Leben eingebüßt haben beim Versuch, die Welt zu gewinnen.
Wir hatten doch alles, und dann ging unsere Ehe plötzlich auseinander.
Wir hatten doch alles, und plötzlich hatten wir uns nichts mehr zu sagen.
Wir hatten doch alles, und dann ging die Erziehung unserer Kinder daneben.
Wir hatten doch alles, und dann konnten wir unsere Position nur noch durch Intrigen sichern.
Wir hatten doch alle Sicherheiten, und dann kam der Bankencrash.
Wir hatten doch alles, und dann nahte die Klimakatastrophe.
Wir hatten doch alles, und dann begannen wir in der medizinischen Forschung mit unsäglichen Menschenexperimenten.
Wir hatten doch alles, und dann hatten wir den Sonntag als Tag der Ruhe beschädigt.
Wir hatten doch alles, und merkten plötzlich, dass wir das wahre Leben verloren haben.
"Im Loslassen gewinnen wir - das ist Gottes wunderbare Mathematik."
Der Weg Jesu zeigt uns die Alternative: Leben ist nur in der Hingabe zu finden. „Mein Leben ist viel zu kostbar, als dass ich es für mich allein verschwende“, hat einmal ein im Jahr 1968 ermordeter Missionar gesagt. Ja, so ist es. Leben wird dann kostbar, wenn wir aus der Selbstbezogenheit befreit werden zu einem Leben voller Hingabe. Das wirkliche Leben finden wir im Sich-Verschenken, nicht im Sich-Behaupten. Im Loslassen gewinnen wir - das ist Gottes wunderbare Mathematik. Das ist die neue Gewinn- und Verlustrechnung des Lebens, die wir als Christenmenschen immer wieder dieser Welt bezeugen müssen.
Das ist das dritte Missverständnis, das Jesus mit harten Worten heftig bekämpft, das Missverständnis eines Gewinnenwollens um jeden Preis, das letztlich Verlust bedeutet.
Liebe Gemeinde, es geht zur Sache, wenn wir Jesus als den gekreuzigten Gott richtig verstehen wollen.
Es geht zur Sache, wenn wir verstehen wollen, wie wir ihm nachfolgen können auf dem Weg der Hingabe.
Es geht zur Sache, wenn wir für unser Leben eine neue Gewinn- und Verlustrechnung aufmachen.
Es geht zur Sache - mit deftigen Streit. Aber mit einer großartigen Einladung in ein neues Leben in der Nachfolge Jesu, das es wert ist gelebt zu werden – um unsretwillen, um Jesu willen und um des Evangeliums willen. Amen.
