Unerwarteter Glaube

Gottesdienst in Königshofen zum 25jährigen Jubiläum des Nikolaus-Höniger-Gemeindehauses am 25.1.2009; Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer übe

In diesem Festgottesdienst hören wir auf ein Wort der Heiligen Schrift aus dem 8. Kapitel des Matthäusevangeliums:
Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm, der bat ihn und sprach: Herr, mein Sklave liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Soll ich kommen und ihn gesund machen? Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Sklave gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der unter einem Kommando steht, und ich habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Sklaven: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reiches werden hinaus gestoßen in die Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hat. Und sein Sklave wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde, an welchem Gedanken dieser Geschichte sind Sie eben beim Hören hängen geblieben? Bei der wundersamen Heilung eines Gelähmten durch Jesus, bei dieser Heilung, die dadurch noch wundersamer wird, dass sie aus der Ferne geschieht, weil Jesus als frommer Jude das Haus eines heidnischen Römers nicht betreten durfte? Oder haben Sie sich gewundert über die Tatsache, dass überhaupt ein Mitglied der verhassten römischen Besatzungsarmee, immerhin im Rang eines Befehlshabers einer Hundertschaft, mit einem Juden Kontakt aufnimmt und diesen um Hilfe bittet. Oder sind Sie gestolpert über die Worte des Hauptmanns, die vielen von Ihnen in einer ganz ähnlichen Formulierung aus der katholischen Messliturgie vertraut sind: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Oder sind Sie erschrocken bei dem furchtbaren Wort von der Finsternis, in der Heulen und Zähneklappern sein wird?

Militärischer Gehorsam

Liebe Gemeinde, beim Nachdenken über diese wundersame Geschichte und bei der Vorbereitung meiner Predigt blieb ich immer wieder hängen bei der Einlassung des Hauptmanns und der Reaktion Jesu auf dieselbe. Der Hauptmann sagt zu Jesus: „Wenn ich zu einem Untergebenen sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu einem dritten: Tu das!, so tut er’s.“ Dieser Hauptmann ist – wen wundert’s - ganz gefangen in seiner militärischen Welt, auch in seiner militärisch geprägten Gedankenwelt. Er denkt in den Kategorien von Befehl und Gehorsam. Er ist es gewohnt zu befehlen. Und er ist es gewohnt, Befehle entgegenzunehmen und zu befolgen. Und mit diesem Denken tritt er an Jesus heran. Mich erinnert dies an einen recht unreflektierten, blinden Gehorsam. Der Hauptmann betrachtet Jesus als den Oberbefehlshaber aller dämonischen Mächte, auch jener, die für Krankheiten verantwortlich sind. Jesus ist für ihn so etwas wie ein Oberkommandierender mit unbeschränkten Vollmachten, ein Barack Obama der alten Welt. Der Hauptmann will sich dem Kommando Jesu, dieses Oberbefehlshabers über alle Mächte unterstellen. Eine für einen Militär ganz verständliche Haltung.

"Aber niemand von uns käme doch auf die Idee, eine solche Haltung des militärischen Gehorsams als Glauben, als Vertrauen in Gott zu bezeichnen. Jesus tut genau dies."

Nun hat militärischer Gehorsam fürwahr mit Glauben nichts zu tun. Militärischer Gehorsam ist ein Regelwerk zum Funktionieren eines bestimmten Teils gesellschaftlichen und politischen Lebens. Aber niemand von uns käme doch auf die Idee, eine solche Haltung des militärischen Gehorsams als Glauben, als Vertrauen in Gott zu bezeichnen. Jesus tut genau dies. Und das ist das eigentlich Erregende an dieser Geschichte. Wo wir nur ein Denken in ganz weltlichen Kategorien sehen, sieht Jesus tiefer. Er schreibt diesem ganz in seinem militärischen Gehorsamsdenken gefangenen Hauptmann einen vorbildlichen Glauben zu. „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ Was in unseren Augen ein kalkuliertes Denken nach weltlichen Maßstäben ist, das ist in den Augen Jesu Ausdruck eines grenzenlosen Glaubens, Ausdruck eines unbedingten Vertrauens.

Anerkennung des Glaubens

Und damit sind wir beim Kern dieser Geschichte: Zentral geht es nicht um einen Beweis der Macht Jesu als eines großen Wunderheilers. Nein, hier geht es zentral um diese Zuschreibung des Glaubens, die Jesus gegenüber diesem Hauptmann vornimmt. Wo wir meinen, nur ein Denken nach menschlichen Maßstäben feststellen zu können, da entdeckt Jesus ein Höchstmaß an vertrauendem Glauben. Das muss uns sehr vorsichtig machen bei allen Versuchen, den Glauben von Menschen beurteilen zu wollen. Es kommt offenkundig nicht darauf an, dass wir ein Glaubensbekenntnis korrekt sprechen können, um als Glaubende bei Jesus Christus anerkannt zu werden. Es kommt offenkundig nicht darauf an, dass wir der richtigen Konfession angehören, um Gnade in den Augen Christi zu finden. Es kommt offenkundig noch nicht einmal darauf an, in einer Glaubensgemeinschaft zu leben und deren Regeln korrekt zu befolgen, wenn wir bei Jesus Christus als Glaubende erkannt werden wollen.

"Oft kommt Glaube in Formen daher, die uns ungewohnt sind."

Überall, wo Glaubensgemeinschaften in der Minderheit sind, scheint Abgrenzung und Überbetonung der eigenen Glaubensüberzeugungen die Lösung zu sein. Das war damals in Israel nicht anders, als sich die jüdische Glaubensgemeinschaft strikt von ihrer heidnischen Umwelt abschirmte. Und das ist heute in unserem Land nicht anders, wenn Abgrenzung gegenüber dem muslimischen Glauben für viele Christenmenschen oberste Priorität hat. Jesu Begegnung mit dem römischen Hauptmann muss uns nicht nur vorsichtig, sondern im wahrsten Sinne des Wortes hellhörig machen: Oft kommt Glaube in Formen daher, die uns ungewohnt sind. Oft können wir in Äußerungen und Haltungen der Menschen keinen Glauben entdecken, und doch spricht sich in ihnen etwas aus, das auf ein tiefes Vertrauen zu Gott hinweist. Wir alle im Pfarrberuf wissen dies von Tauf- und Traugesprächen, von Beerdigungsbesuchen und Kontakten mit Konfirmandeneltern. Glaube verbirgt sich oft unter Formen, die zu entschlüsseln uns nicht leicht fällt. Unsere Kultur, z.B. auch die ganze Popkultur ist viel frömmer, als wir denken. Was da alles als Glaube erkannt werden kann, das ist nicht begrenzt auf den Bereich der Kirche, auch nicht unserer evangelischen Konfession und schon gar nicht auf den Bereich der Kerngemeinde, die sich Woche für Woche in einem Gemeindehaus wie diesem trifft. „Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“ Ja, liebe Gemeinde, wir werden uns einmal wundern, wer mit uns im Reiche Gottes am Tisch sitzen wird. Gewiss nicht nur die in unseren Augen Frommen. Und hoffentlich auch wir, deren Glaube Jesus Christus erkannt hat.

Lassen wir uns deshalb das Jubiläum dieses Gemeindehauses so begehen, dass wir uns immer wieder neu für die Überraschung des unerwarteten Glaubens offen halten. Dass wir dieses Gemeindehaus als ein Haus der offenen Türen verstehen – offen für immer neue Überraschungen des Glaubens. Bei Jesus Christus gelten unsere Grenzziehungen des Glaubens nicht. Gottes Volk ist größer als wir denken, denn „viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“ Amen.