In der Krippe berühren sich Himmel und Erde

Kantaten-Gottesdienst am 1. Weihnachtstag, Stadtkirche Karlsruhe am 25.12.2008

Zu Kantate II des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

„Ihr Hirten, geht!“

Liebe Gemeinde,
wunderbar wurden wir zu Beginn des Gottesdienstes eingestimmt auf das Weihnachtsfest. Keine Trompeten, keine Posaunen erklangen. Kein mächtiger Chor sang. Flöten und Streicher nahmen uns hinein in ein sensibles Musizieren mit Oboen, die an Schalmeien, das alte Instrument der Hirten erinnern. Mit den ersten Tönen also wurde in diesem Gottesdienst Hirtenmusik angestimmt. Diese Hirtenmusik hat uns eingestimmt auf einen Hirtenton, der sich durch diesen Gottesdienst zieht.
Dennoch ist das, was wir heute hören, noch mehr. Schon dass die einleitende Sinfonia nicht in der für Hirtenmusiken aller Zeiten typischen weichen F-Dur-Tonart erklang, ließ erahnen: Hier geht es um mehr als um eine reine Hirtenmusik. Hier geht es um ein himmmlisch-irdisches Geschehen. Mit den ersten Klängen in diesem Gottesdienst wurden wir hinein genommen in ein wechselseitiges Musizieren von Engeln und Hirten. Die göttliche Dreiheit verbindet sich in dem - für eine Pastorale typischen - schwingenden 12/8-Takt mit der irdischen Vier, die durch vier Oboen dargestellt wird. So werden wir angerührt von einer himmlischen Vision. Und ohne es vielleicht näher begründen zu können, spüren wir bei dieser Musik: „Da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.“

Die Welt gerät aus den Fugen

Aber wo ist der Ort dieser Berührung von Himmel und Erde? Es ist nicht der Palast des Herodes. Es ist nicht die Schaltzentrale des Kaisers Augustus in Rom. Es ist nicht die Burg des Satthalters Cyrenius in Jerusalem. Es ist das Hirtenfeld von Bethlehem. Nicht wahr, das ist doch eigenartig: der mächtige Kaiser Augustus, der brutale Herrscher Herodes, der gewalttätige Statthalter Cyrenius – sie alle kommen im Stall von Bethlehem nicht vor. An diesen Herren geht die Geburt unseres Herrn vorbei. Nicht ihnen wird ein himmlischer Gesang angestimmt, sondern den Hirten, den Vergessenen der Weltgeschichte. Die Herren der Welt haben bei der Geburt Gottes im Stall von Bethlehem nichts verloren – außer dass sie sich diesem Geschehen mit Gewalt widersetzen. Hirten sind es, die durch himmlische Botschafter herausgerissen werden aus ihrer Bedeutungslosigkeit. Sie werden für würdig erachtet, als erste die himmlische Botschaft von Gottes Kommen in dieser Welt zu hören. So gerät die Welt an Weihnachten aus den Fugen. Nicht menschliche Hoheit und Macht ist gefragt, sondern Bedürftigkeit, die um ihr Angewiesensein auf die „heilsame Gnade“ Gottes weiß.

"Gott aber kommt nicht hinein in eine Scheinwelt, sondern er kommt an einen unscheinbaren Ort zu unscheinbaren Menschen."

So sind die Orte, an denen sich Himmel und Erde berühren, eben nicht die Machtzentren der Welt, sondern all jene Orte, an denen Menschen sich ihrer Bedürftigkeit bewusst werden und sich dem Himmel Gottes öffnen. Viele Zentren, die wir vor wenigen Monaten noch für unangreifbar hielten, haben in diesen Wochen ihre Bedürftigkeit grausam plötzlich und schmerzlich erkennen müssen. Wie vieles, was hoch zum Himmel ragte, stürzte doch zusammen und entpuppte sich als eine Scheinwelt. Gott aber kommt nicht hinein in eine Scheinwelt, sondern er kommt an einen unscheinbaren Ort zu unscheinbaren Menschen. Er kommt an all jene unscheinbaren Hirten-Orte, die er uns in unserem Leben zuweist. Deshalb ist es so gut, einen Weihnachtsgottesdienst mit einer himmlischen Hirtenmusik zu beginnen. Denn dies erinnert uns daran, dass die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung des himmlischen Gottes gerade jenen gilt, die sich in dieser Welt all zu oft benachteiligt oder an den Rand gedrängt fühlen. Und von ihnen gibt es in diesen Wochen auch in unserem Land sehr viele – auch unter uns.

Gottes Kraft ist in den Schwachen

Der in der Sinfonia angestimmte Grundton bestimmt die ganze Kantate aus Bachs Weihnachtsoratorium. So wird das strahlende G-Dur der Sinfonia in fast allen Sätzen der Kantate aufgenommen – besonders strahlend im Choral „Brich an, du schönes Morgenlicht!“, mit dem für mich in jedem Jahr Weihnachten erst eigentlich richtig beginnt. Mit diesem Choral wird nicht nur den Hirten, sondern uns allen die himmlische Botschaft der Weihnacht so zugesungen, dass helles Licht im Dunkel anbricht, Trost und Freude unser Herz erfüllen. Dabei könnte die Quelle dieses Lichtes, der Grund dieses Trostes und jener Freude unscheinbarer nicht sein: Die Geburt eines schwachen Knäbleins, der Satan besiegt und letztlich Frieden bringt. Strahlend und hell wird davon gesungen. Kürzer und prägnanter, eindrucksvoller und Mut machender kann die Botschaft der Weihnacht gar nicht vermittelt werden. Gottes Kraft erscheint in einem schwachen Knaben. Deshalb dürfen wir uns an Gottes Gnade genügen lassen, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Gott begibt sich nicht in die Zentren der Macht, seien dies nun die militärischen oder die wirtschaftlichen, er begibt sich an die tiefsten Orte, um Menschen an diesen Orten zu ermächtigen.

Wie wunderbar ist dies in der Musik von Johann Sebastian Bach abgebildet! Bei den Worten „und in einer Krippe liegen“, lässt er den Engelsboten – übrigens hier als Tenor und nicht als Sopran – auf einem tiefen Ton enden. Und bei dem anschließenden Choral „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall“ erreichen wir mit C-Dur den harmonischen Tiefpunkt der ganzen Kantate. Tiefer kann Gott nicht hinabsteigen. In einem finsteren Stall kommt er ans Ziel. So weit erniedrigt sich Gott, um Menschen aus ihrer Erniedrigung herauszuhelfen. Welch eine ermächtigende, befreiende, Freude stiftende Botschaft!

"Ja, die frohe Botschaft der Weihnacht macht Beine. Sie kann nicht ohne Konsequenzen bleiben."

Freude aber setzt in Bewegung. Wie Kummer und Schmerz unsere Glieder bleischwer machen, so macht Freude die Beine schnell. Und so wird den Hirten in der Arie des Tenors mit halsbrecherischen 32stel Noten Beine gemacht. „Eilt, ach eilet!“ Ja, die frohe Botschaft der Weihnacht macht Beine. Sie kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Aufbruch ist angesagt, schneller Aufbruch, wo Gottes Ruf mich trifft. Nachfolge ist angesagt, schnelle Nachfolge – nicht langes Verharren. „Geht, die Freude heißt zu schön!“ Weihnachten setzt in Bewegung. In Bewegung hin zu den Orten der Niedrigkeit. In Bewegung hin zu Menschen, die bedürftig sind. In Bewegung hin zu Hirten-Orten, in die hinein Gott selbst sich erniedrigt hat..

Himmlischer Lobpreis Gottes und Sehnsucht nach irdischem Frieden

Aber immer nur Eilen und Laufen, das überfordert uns. Darum erklingt in herrlichem Kontrast zur Hirten-Arie jene wunderbare Schlummerarie, die dem Kind in der Krippe gilt. Im Grund ist es ein vorweggenommenes Schlaflied, denn noch sind die Hirten gar nicht an der Krippe angekommen. Und keine Männerstimme könnte wohl jene Zärtlichkeit ausdrücken, wie sie die Altstimme in ihr Schlaflied hineinlegt. Wie ein meditierendes Innehalten klingt diese Arie „Schlafe, mein Liebster“. Aber sogleich wird wieder der himmlisch-irdische Wechselgesang der einleitenden Sinfonia aufgenommen und damit der Höhepunkt der Kantate erreicht.

Diesmal ist es der Chor, dem es vergönnt ist, in erregter, fast rauschhafter Weise das Gotteslob „Ehre sei Gott in der Höhe“ zu singen, ehe er in verhaltener, stiller Weise den „Frieden auf Erden“ besingt und bei den Worten „und den Menschen ein Wohlgefallen“ die Spannung zwischen himmlischem Lobpreis Gottes und Sehnsucht nach irdischem Frieden musikalisch auflöst. In großartiger Weise macht dieser Chorsatz deutlich, dass das Lob Gottes und der Wunsch nach irdischem Frieden und Wohlgefallen Gottes zwei Seiten derselben Medaille sind. Nur wer für den Frieden auf Erden eintritt, hat das Recht jubelnd das „Ehre sei Gott in der Höhe“ anzustimmen.

" ...wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was uns einst erwartet, wenn Gottes himmlisches Reich anbricht für immer."

Noch einmal werden himmlischer und irdischer Gesang zusammengeführt, wenn im Schlusschoral das ganze Heer der Musizierenden aus aller Kraft Gott Lob, Preis und Ehr singen. Nochmals wird ein musikalisches Motiv aus der einleitenden Sinfonia aufgenommen. Nochmals erklingt dieselbe Choralmelodie wie beim Choral „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall“, aber nun ist alles höher gestimmt, fünf Töne höher gar. In höchsten Tönen wird Gott verherrlicht. Das Musizieren der Engel und Menschen verschmilzt. Menschen- und Engelsgesang werden eins, und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was uns einst erwartet, wenn Gottes himmlisches Reich anbricht für immer. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Sinfonia sein wird, die dann erklingt. Aber gewiss werden Hirtenklänge dabei sein. Denn weil Gott sich für uns erniedrigt hat, wird das Niedere und Bedürftige seinen Platz bei Gott haben - für immer.