Liedpredigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über EG 308 Mein Seel, o Herr, muss loben dich
Liebe Gemeinde,
wenn ein Posaunenchor in der Adventszeit den Abschluss seines 100jährigen Jubiläums feiert, dann liegt es nahe, ein Stück Musik in den Mittelpunkt des Festgottesdienstes zu rücken. Dies umso mehr, als das Evangelium zum heutigen 4. Advent selbst ein Stück Musik ist. Noch dazu eines der schönsten und aufregendsten, welches die Bibel überliefert hat, nämlich den Lobgesang Marias, wie er im 1. Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist. Unzählige Male wurde Marias Lobgesang in der Geschichte der christlichen Kirche vertont, so auch in dem Lied, das in unserem Gesangbuch unter der Nummer 308 zu finden ist.
Magnificat
Zu Unrecht gehört Maria in der evangelischen Kirche zu den Vergessenen. Denn es lohnt sich, Maria für uns neu zu entdecken als eine Frau, von deren Glauben wir vieles lernen können. Kein Text der Bibel spricht so eindrucksvoll vom Glauben der Maria wie ihr Lied, das sie in Erwartung der Geburt ihres Kindes anstimmt. In der Vorbereitung auf die Geburt Jesu ist dieses Lied ein Adventslied. Weithin bekannt ist es als das „Magnificat“. Seinen Namen hat es erhalten durch seinen lateinischen Textanfang „Magnificat anima mea = Meine Seele erhebt den Herrn.“ So wie es uns im Lukasevangelium überliefert ist, ist es das Lied, das Maria nach ihrer Begegnung mit Elisabeth, der Mutter Johannes‘ des Täufers, anstimmt. Aber schon ein erster Blick auf dieses Lied zeigt, dass es ganz im Stil alttestamentlicher Psalmen abgefasst ist. Und wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass dieses Adventslied der Maria jenem Lobpsalm nachgebildet ist, den im 1. Buch Samuel Hanna nach der Geburt ihres Sohnes Samuel anstimmt.
"Mit dem „Magnificat“ also drücken Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Not aus, aber eben auch ihre Hoffnung auf Gottes gerechte, verändernde Kraft."
In seinem Inhalt ist das „Magnificat“ ein typisches Beispiel der Armenfrömmigkeit der Bibel. Wie oft schreien die von den Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen in den Psalmen klagend zu Gott! Und wenn diesen Armen das Heil zugerufen wird „Selig seid ihr, denn das Reich Gottes ist euer“, dann wissen sie, dass sie in ihrer Niedrigkeit angesehen sind. Dass ihnen die Königsherrschaft Gottes zugesprochen ist. Sie vertrauen darauf, dass ihr gegenwärtiges Leiden durch Glück im Reich Gottes ausgeglichen wird. Mit dem „Magnificat“ also drücken Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Not aus, aber eben auch ihre Hoffnung auf Gottes gerechte, verändernde Kraft; auf seine „große Macht“, wie es in der dritten Strophe unseres Liedes heißt. Das Magnificat besingt die Hoffnung auf radikale Veränderung der sozialen Lage der Armen, die Hoffnung auf eine gute Zukunft bei Gott. Lasst uns einstimmen in diesen Hoffnungsgesang:
Lobpsalm der Armen
In den Kreisen armer Menschen ist das „Magnificat“ als ein Lobpsalm entstanden. In den Gottesdiensten der Armen wurde es gesungen. Auch Maria selbst hatte in diesen Kreisen ihren Platz. Mit den Armen ihrer Zeit zusammen singt sie von dem Gott,
der Barmherzigkeit übt an denen, die Gott fürchten, und der den Armen in Gefahr aufhilft (Str. 4),
der dem Hochmut der Menschen ein Ende bereitet (Str. 5) und menschlichen Rat zunichte macht (Str. 6),
der an den Niedrigen und Kleinen seine göttliche Macht erweist, der Reiche arm und Arme reich macht (Str. 7).
Indem dieses Lied der Maria, dieser Psalm der Armen, nun vom Evangelisten Lukas eingefügt wird in die Kindheitsgeschichte Jesu, wird der Psalm Marias zu einem Adventslied. Wird die Sehnsucht der Armen in Beziehung gesetzt zur Geburt Jesu: Gottes einmalige Erbarmungstat in der Geburt Jesu bringt endgültiges Heil für die Armen aller Zeiten. Gottes Handeln in Jesus bewirkt, dass Hungrige satt und Demütige erhöht werden, während Mächtige, Hochmütige und Reiche ihre Macht und ihren Reichtum verlieren. All dies geschieht in der Geburt des Retters Jesus, des Messias. Diese Geburt ist die revolutionäre Erbarmungstat Gottes, der Anfang der Herrschaft Gottes, die die Not der Armen beendet. In der Geburt Jesus beginnt die Zukunft. Jetzt will Gott nicht nur die Niedrigkeit seiner Magd Maria ansehen, sondern er will allen in dieser Welt zu kurz Gekommenen zu ihrem Recht verhelfen. Mit dem Erbarmen über Maria hat die Erfüllung der Verheißungen Gottes begonnen. Genau darin ist das „Magnificat“ das Lehrstück für den Lobgesang der christlichen Gemeinde bis heute, ein Lied, mit dem die christliche Gemeinde jeden Tag neu das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt.
Deshalb verwundert es nicht, dass das „Magnificat“ in der Geschichte der Kirche immer wieder große Bedeutung gefunden hat. Im Mittelalter wurde dieses Lied beim Faschingsgottesdienst gesungen: An diesem Tage spielten die Knechte König und Herren. Sie erschienen in der Kirche mit Tiermasken und als Gaukler. Höhepunkt des Festes war der Lobgesang der Maria „Er stürzt die Mächtigen vom Thron.“ Bis heute findet das „Magnificat“ besondere Beachtung überall dort, wo Arme und Unterdrückte ihre Rolle im Lichte des Evangeliums zu deuten beginnen. Welch eine Hoffnung liegt für diese Menschen in dem Leitmotiv vom gerechten Gott, der die Niedrigen erhöht! Welch eine Kraft entfaltet für die Armen der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird! Und umgekehrt: Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde zittern lassen! Der „revolutionäre Keim“ des „Magnificat“ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben und spricht heute unmittelbar hinein in die soziale Not vieler Christenmenschen in der sog. Dritten Welt. So ist das „Magnificat“ zum Hoffnungslied für alle geworden, die nach gleichberechtigter Teilhabe am Leben hungern und dürsten. Und so wird Maria zum Urbild der Magd, die auf Befreiung wartet. Die Kraft findet, ihre äußerlich betrachtet jämmerliche Situation mit Gottes Hilfe in etwas Starkes zu verwandeln. Singen wir dieses Lied der Ermutigung.
Ermutigung
Bis heute ist Marias Lied ein Lied der Ermutigung aller Gedemütigten. Ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen. Ein Lied, das uns schützt vor hündischer Kriecherei. Der im „Magnificat“ beschriebene Umbruch ist darin aber von allen bisherigen revolutionären Umstürzen der Weltgeschichte unterschieden, dass hier nicht nur Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Nicht die Schadenfreude über die Entthronung der Machtbesessenen, sondern die Freude darüber, dass die Gedemütigten aufrecht gehen lernen, bestimmt das Lied der Maria. Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Und diese Herrschaft geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. Das macht das Revolutionäre dieses Liedes aus, dass es nicht aufruft zur Gewalt, sondern dass es ermutigt zu einer Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit.
Diese Zuspitzung auf die Rettungstat Gottes im Zeichen der Liebe, diese Zuspitzung auf das gewaltlose, rettende Wirken Christi, des Kindes in der Krippe und des Mannes am Kreuz, diese Zuspitzung wird in unserer Nachdichtung des Magnificats in den Strophen 8 – 10 besonders herausgehoben. Darin zeigt sich, wie evangelische Frömmigkeit dieses Lied der Maria weiter gedeutet hat. In der 8. Strophe wird – anders als in der biblischen Vorlage – ausdrücklich auf Jesus Christus hingewiesen: „Israel willst du Hilfe tun durch deinen auserwählten Sohn“. Und in der 9. und 10. Strophe wird das „Ich“ Mariens zum „Wir“ der christlichen Gemeinde geweitet:
Wir haben’s nicht verdient um dich
dass du mit uns fährst gnädiglich.
Auch Abraham hast du geschworn,
dass wir nicht sollten sein verlorn;
uns zugesagt des Himmelreich
und unsern Kindern ewiglich.
Und auch dies entspricht kirchlicher - übrigens nicht nur evangelischer - Tradition, dass Psalmgesänge der Bibel mit dem trinitarischen Lobpreis „Ehre sei Gott Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist“ abgeschlossen werden.
"In diesem Sinn ist es das Lied der Glaubenden, die Gottes Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren haben."
So singen wir heute als christliche Gemeinde das „Magnificat“ der Maria als ein Adventslied, das gegen jede adventliche Gemütlichkeit und unbeschwerte Feierstimmung eines solchen Posaunenchorjubiläums die anstößigen Fragen unserer Zeit schrill markiert: Wo sind wir schwach? Wo erfahren wir Ohnmacht? Wie können wir Erniedrigte auf ihre Würde und auf ihren Wert aufmerksam machen und sie ehren? Auf welche Weise bin ich in der Lage, meine eigene Hoffnung auf Gerechtigkeit für die Armen zu leben?
Aber wir singen das „Magnificat“ auch als ein wohlklingendes Adventslied, d.h. auf einem Grundton, auf den sich alles bezieht: Gott erhebt die Niedrigen, nicht wir. In Jesus kommt er in diese Welt, um ihr sein revolutionäres Erbarmen zu erweisen. In Jesus kommt er, um sein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten. Nicht ein menschliches Reich ist im Kommen, sondern es gilt: „Dein Reich komme!“ In diesem Sinne ist das „Magnificat“ ein Revolutionslied Gottes, das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte. In diesem Sinn ist es das Lied der Glaubenden, die Gottes Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren haben. So singen wir das „Magnificat“ heute als unser Adventslied – schrill und zugleich wohlklingend. Die Machtverhältnisse in dieser Welt in Frage stellend und zugleich auf Gottes Barmherzigkeit vertrauend.
