Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Psalm 74
Liebe Gemeinde,
Wie erregend anschaulich wird die Demütigung durch grausame Feinde. Die Schändung heiliger Orte. Die Verwüstung des Tempels. Die Beschädigung der Ehre Gottes durch das mörderische Treiben Gottloser. Nicht wie ein Klagelied aus vorchristlicher Zeit klingt dieser Psalm. Nein, seine Worte und Bilder nötigen uns, einen anderen Text mit zu hören: Das Unheil, das am 9. November 1938 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Deutschland zugefügt wurde.
"Hier klagen die Opfer von Unrecht und Gewalt. .... Sie und nur sie allein haben das Recht, so zu klagen."
Können wir angesichts dieses Subtextes den Text jenes alten Klagepsalms wirklich mitbeten? Nein, das können wir nicht, weil wir dann die Perspektive von Opfern und Tätern verfälschen würden. Hier klagen die Opfer von Unrecht und Gewalt. Hier klagen die Opfer, die den Verlust all dessen beweinen, was ihnen wichtig war. Hier klagen die Opfer, die Gottes Ehre in den Schmutz gezogen sehen. Sie und nur sie allein haben das Recht, so zu klagen. Sie und nur sie allein haben das Recht, ein Klagelied des geschundenen Volkes anzustimmen. Und ich will auch nicht über diese Worte der Klage predigen, denn all zu leicht würde ich mich – und damit uns alle - beim Reden über diese Worte der Klage in die Rolle des distanzierten Betrachters begeben. Aber nicht das Leid des jüdischen Volkes zu betrachten, nicht dem zuzuschauen, was diesem Volk angetan wurde, ist unsere Aufgabe, sondern vielmehr unseren Ort in der Leidensgeschichte dieses Volkes zu finden.
Ehrliche Bilanz ziehen
Wir finden unseren Ort in der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes nur, wenn wir den Weg der Buße beschreiten. Das klingt einfacher als es ist. Dieses Beschreiten beginnt damit, dass wir bereit sind, an Haltepunkten des Lebens ehrlich Bilanz zu ziehen. Ein solcher Haltepunkt ist in jedem Jahr der Bußtag. Nicht erst an unserem Lebensende, auch an den durch das Kirchenjahr geschenkten Haltepunkten sind wir aufgefordert, über eine bestimmte gelebte Zeiteinheit Bilanz zu ziehen. Und bei einer solchen Bilanz kommt für alle, die das eigene Leben in Verantwortung vor Gott zu führen versuchen, das Gericht Gottes in den Blick - auch das letzte Gericht Gottes über unser Leben und über unser Volk. An dem heutigen Haltepunkt werden wir schmerzhaft dessen gewahr, was in unserem Land und im Leben unseres Volkes geschehen ist. Dieses schmerzliche Wahrnehmen ist Voraussetzung dafür, dass wir unsere Schuld vor Gottes Richterstuhl bekennen können.
"Wir können uns nur erinnern aus der Perspektive der Täter, deren Nachkommen wir sind. Nur wenn wir uns aus dieser Perspektive erinnern, kann das Bekennen von Schuld gelingen..."
Ehrliche Lebensbilanz ist nicht möglich ohne genaues Erinnern. Der Bußtag fordert von uns ein genaues Erinnern, das nicht vorschnell die Perspektive von Tätern und Opfern unter einem pauschalen „Wir“ verunklart. Wir können uns nur erinnern aus der Perspektive der Täter, deren Nachkommen wir sind. Nur wenn wir uns aus dieser Perspektive erinnern, kann das Bekennen von Schuld gelingen, kann der Weg der Buße als Weg in die Zukunft gegangen werden. Nicht die Frage nach der jeweils individuellen Schuld darf uns dabei leiten. Vielmehr haben wir danach zu fragen, wie wir angesichts einer gemeinsamen Schuld- und Tätergeschichte unseres deutschen Volkes heute wieder zu einer nationalen Identität finden können.
"Unbußfertigkeit dagegen zerbricht die Brücke zu unseren Mitmenschen. Wo Buße aufhört, dort ist es auch mit der Humanität zu Ende."
Und damit werden wir dem Anliegen des Bußtages gerecht, der ja als ein nationaler Bußtag einst von der Obrigkeit eingerichtet wurde und dessen Thema eigentlich immer die Buße für das ganze Volk war. Durch ein nichts verschleierndes Erinnern an höchst belastende geschichtliche Ereignisse in der Geschichte unseres Volkes können wir über Grenzen der Generationen hinweg neu zueinander finden – dies umso leichter, als unter uns kaum noch jemand lebt, der am 9. November 1938 persönliche Schuld auf sich geladen hätte. Das ist die große Chance eines solchen Gottesdienstes am Bußtag, diesem Haltepunkt des Jahres, dass wir im Eingestehen der Schuld unseres Volkes vor Gott auch den Weg zueinander finden. Die gemeinsame Buße kann Brücken zueinander bauen. Unbußfertigkeit dagegen zerbricht die Brücke zu unseren Mitmenschen. Wo Buße aufhört, dort ist es auch mit der Humanität zu Ende. Da zerbricht menschliche Gemeinschaft. So ist unser genaues Erinnern, das uns zur gemeinsamen Buße führt, ein wichtiger Beitrag für die Gestaltung einer humanen Zukunft unseres Volkes.
Hinsehen
Den Weg der Buße kann nicht beschreiten, wer nicht genau hinschaut, was gewesen ist. Schauen wir auf den 9. November des Jahres 1938. Dieser Tag markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 hin zur systematischen Verfolgung des europäischen Judentums. Der 9. November 1938 hatte eine Vorgeschichte der Ausgrenzung und er hatte eine Nachgeschichte der Vernichtung. Noch in anderer Hinsicht markiert dieser Tag einen Übergang, denn am 9. November 1938 wurde ungehemmt außer Kraft gesetzt, was bis dahin als anständig galt. Biedere Menschen verwandelten sich in grausame Bestien. Wie tief der Mensch in satanischem Hass und teuflischer Wut fallen kann, das wurde an diesem Tag deutlich.
Wir alle haben in den zurückliegenden Tagen viele Augenzeugenberichte über die Geschehnisse der Reichspogromnacht hören und sehen können. Sie alle lassen deutlich erkennen: Das Unrecht, das in jener Nacht begangen wurde, geschah in aller Öffentlichkeit. Manche machten aktiv mit, viele andere sahen zu. Übermächtig war die Angst, „Ich nicht“ zu sagen und aus der Menge zu treten. Bequemlichkeit und Feigheit, Vorübergehen und Schweigen, Trägheit des Herzens und verfluchte Vorsicht gingen mit bösem Tun ein verhängnisvolles Bündnis ein. Die Bosheit war in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ein öffentlich sichtbares Ereignis. Hier wurde eine Saat des Hasses gesät, die in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Treblinka tödlich aufgehen sollte. Aber nicht nur wurde in dieser Nacht Menschen schwerstes Unrecht und Leid zugefügt. In dieser Nacht wurde auch die Ehre Gottes verletzt. Indem das Wort Gottes in zahllosen Synagogen verbrannt wurde, wurde Gottes Ehre selbst auf dem Scheiterhaufen menschlichen Hasses geopfert.
Gottes Ehre wiederherstellen
Gottes Ehre wurde beschädigt, wurde geopfert, wurde zerstört. Genau an diesem Punkt können wir selbst nun einstimmen in die Worte des 74. Psalms. Denn in seinen Schlussversen mündet dieser Psalm ein in eindrucksvolle Bitten um die Wiederherstellung der Ehre Gottes:
„So gedenke doch, Gott, wie der Feind schmäht. Gib deine Taube nicht den Tieren preis; das Leben deiner Elenden vergiss nicht für immer. Gedenke an den Bund. Lass den Geringen nicht beschämt davongehen, lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen!“ Mit diesen Worten wird darum gebeten, dass Gottes Ehre wieder hergestellt werde. Sein Name soll wieder gerühmt werden können von jenen, die auf seine Hilfe vertrauen. Genau das wollen wir tun: Gottes Ehre wieder herstellen - nach all dem, was im Namen des deutschen Volkes jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern an Entehrendem angetan wurde.
Gottes Ehre wieder herstellen, das können wir nur, wenn wir um Gottes Gedenken, um sein Erbarmen bitten, wie dies in den Schlussversen des 74. Psalms geschieht.
Gottes Ehre wieder herstellen, das können wir nur,
wenn wir den Weg der Buße beschreiten,
Lebensbilanz ziehen,
genau erinnern und hinschauen,
begangenes Unrecht beim Namen nennen,
Schuld erkennen und bekennen.
Indem wir dies tun, eröffnet sich uns Zukunft.
Wie anders könnten wir diesen Bußtag begehen, als wenn wir Gott unsere Schuld bekannten? Wie anders könnten wir den Weg echter Buße beschreiten, als mit der Bitte um Gottes Erbarmen in seinem Gericht? Darum soll auch meine Predigt an diesem Tag einmünden ins Gebet.
Gebet
Mit den Worten des Volkes Israel bitten wir Gott um die Wiederherstellung seiner Ehre:
"So gedenke doch, Gott, wie der Feind schmäht.
Gib deine Taube nicht den Tieren preis;
das Leben deiner Elenden vergiss nicht für immer.
Gedenke an den Bund.
Lass den Geringen nicht beschämt davongehen,
lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen!"
Und mit unseren eigenen Worten beten wir:
Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, du Vater Jesu Christi,
wir erschrecken, wenn wir zurückdenken
an Unrecht und Hass, Unbarmherzigkeit und Brutalität,
die jüdische Menschen in unserem Land vor 70 Jahren erlitten haben.
Wie konnten Menschen so unmenschlich werden gegenüber ihren Mitmenschen?
Wir spüren die Kälte des Herzens und erschrecken.
Du Gott Saras, Rebekkas und Rahels, du Vater Jesu Christi,
wir erschrecken über das Schweigen unserer Kirchen.
In den Synagogen wurdest doch du, unser Gott, angerufen!
Dein Wort wurde verachtet, als die Torarollen verbrannt wurden:
Wir erschrecken über die Entehrung deines Namens
und die Lästerung deines Bundes und
deiner Verheißungen, die du deinem Volk Israel gegeben hast.
Dreieiniger Gott, wir erschrecken über die Unbußfertigkeit in unserem Land:
Immer wieder müssen Menschen,
die in unserem Land Zuflucht und Heimat gefunden haben,
Gewalt erleiden – und viele schauen zu.
Tief sitzt die Angst vor Fremden – auch bei uns.
Allzuleicht sucht sie sich ihr Ventil in brutaler Gewalt.
Wir erschrecken über das Maß an Ausgrenzung in unserem Land.
Dreieiniger Gott,
wir erschrecken über unsere eigene Unbußfertigkeit,
die uns geradewegs ins Elend führt:
Gewalt tun wir anderen an,
nicht mit Steinen und Brandbomben,
wohl aber durch unseren unmäßigen Lebensstil.
Die Opfer dieser Gewalt leben nicht unter uns.
Sie verhungern und verdursten in der so genannten Dritten Welt.
Sie kommen um vor Gibraltar und Lampedusa,
weil wir Europa zur Festung ausgebaut haben.
Führe du uns zur Buße, damit wir den Weg zu dir
und zu den Menschen im gemeinsamen Haus der Erde finden.
Erneuere unser Volk und fange bei uns an.
Amen.
