Lebendige Steine

Gottesdienst zum Deutschlandtag der Jungen Union am 8. November 2008 in Rust

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über 1 Petr 2,1-10

Liebe Delegierte, liebe Schwestern und Brüder,
wir feiern diesen Gottesdienst am Vorabend zum 9. November. Am Vorabend eines Tages, in dem sich Glanz und Grauen deutscher Geschichte wie an keinem anderen Tag verdichtet. Für meine Predigt haben Sie mir jenes Wort aus dem 1. Petrusbrief vorgegeben, das Wort vom Haus der lebendigen Steine, dem Christus als der lebendige Eckstein Fundament und Halt gibt. Setze ich dieses Wort zunächst in assoziativer Weise in Beziehung zum Datum dieses Tages, dann fällt mir ein, dass gleich zweimal an einem 9. November in der Geschichte unseres Landes Steine eine bedeutende Rolle gespielt haben. Am 9. November 1938 waren es die tödlichen Steine, mit denen die Scheiben jüdischer Synagogen und Geschäfte zertrümmert wurden, jene mörderischen Steine, durch die unzählig viele jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihrer Ehre verletzt und in Angst und Schrecken versetzt wurden. Und am 9. November 1989 waren es die Steine der Mauer, die West- und Ostberlin voneinander trennte. Am Abend dieses 9. Novembers wurden die ersten Steine aus der Berliner Mauer herausgeschlagen von Menschen, die man später „Mauerspechte“ nannte. Das Herausbrechen der Steine aus der Mauer von Berlin war das Ende der schmerzlichen Trennung Deutschlands und der Anfang seiner Wiedervereinigung.

Das Fundament ist entscheidend

Schon dieser assoziative Zugang zu unserem Bibelwort zeigt, dass Steine sehr Unterschiedliches sein können: Sie können Leben vernichten, sie können aber auch als Symbol für neues Leben stehen. So erschließt sich uns auch das Bild vom „Haus der lebendigen Steine“ sofort in seiner Symbolik: Wir alle, die wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, sind lebendige Steine im Haus der lebendigen Steine, dessen Fundament und Eckstein Jesus Christus selbst ist.

Wir alle wissen es: Wenn man an einen Hausbau geht, dann gibt es Fragen, die betreffen das Fundament des Hauses. Das Fundament muss sicher gelegt sein. Daneben aber gibt es Fragen der Zweckmäßigkeit hinsichtlich der Einrichtung einzelner Räume. Welche Baustoffe wir verwenden, welche Farbe wir dem Haus geben, wie durchsichtig das Haus sein soll oder wie kompakt - all das sind Ermessensfragen. Beim Bau eines Hauses gilt es zu unterscheiden zwischen Fragen zweckmäßiger Gestaltung und Fragen nach dem tragenden Fundament. Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das Haus auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut werden.

"Den einen ist Christus ein Stolperstein auf ihrem Lebensweg, den sie lieber aus der Welt schaffen würden. Anderen, die aus dem Hören auf sein Wort Kraft und Weisung schöpfen, ist Christus zum Grundstein geworden, auf dem ihr Leben ruht."

Dies gilt in gleicher Weise für unser Lebenshaus wie für das Haus der Kirche: Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das „Haus der lebendigen Steine“ auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut werden. Das Wort aus dem 1. Petrusbrief erinnert daran, dass das Fundament des Hauses der Kirche wie unseres Lebenshauses Jesus Christus selbst ist. Jesus Christus ist der von den Bauleuten verworfene Stein, der zum Eckstein geworden ist. In diesem einen Satz, der dem 118. Psalm entnommen ist, ist ganz anschaulich ausgesprochen, wie unterschiedlich Christus von den Menschen wahrgenommen wird: Den einen gilt er als ein weggeworfener Stein, der unbrauchbar ist für den Bau des Reiches Gottes. Anderen ist er zum Eckstein ihres Lebens geworden, zum alles zusammenhaltenden Schlussstein, zum Maßstab ihres Lebens. Den einen ist Christus ein Stolperstein auf ihrem Lebensweg, den sie lieber aus der Welt schaffen würden. Anderen, die aus dem Hören auf sein Wort Kraft und Weisung schöpfen, ist Christus zum Grundstein geworden, auf dem ihr Leben ruht. Dieser so missverständliche Christus, der Auferstandene, er ist das Fundament der Kirche und des Lebens eines jeden Christenmenschen. Der auf dem Hügel von Golgatha Verworfene und am Ostermorgen Auferstandene, er ist es, auf dem allein die Kirche und unser Leben gründet. Ist dieses Fundament klar, dann kann überlegt werden, wie die Kirche als ein „Haus der lebendigen Steine“ darauf gebaut oder umgebaut werden kann.

Kein totes Gestein

In dieses auf Jesus Christus als Fundament gegründete Haus sind wir durch die Taufe hinein genommen. Wir sind hinein genommen in eine ewige Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, dem Eckstein, dem Fundament der Kirche. Jeder Christenmensch, jede Gemeinde vor Ort wie die Gemeinschaft der ganzen Christenheit ist eine Gemeinschaft „lebendiger Steine“, die durch die Taufe dem Grundstein Jesus Christus zugeordnet wurde. Als Glieder der Gemeinde Jesu Christi sind wir nicht totes Gestein ohne Nutzen für andere, sondern wir sind eingefügt in einen großen Organismus als lebendige Zeuginnen und Zeugen Christi. „Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause.“ Das ruft euch der Verfasser des 1. Petrusbriefes zu. Das ist kein bloßer Appell. Nein: Das ist eine kräftigende und stärkende Tauferinnerung. Ihr seid getauft auf den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen. Durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu ist der Grundstein für das Haus der Kirche wie für euer Lebenshaus gelegt. Der verworfene Stein wurde zum Eckstein. Und ihr habt euch durch die Taufe einfügen lassen in sein „Haus der lebendigen Steine“. Und nun lebt auch als „lebendige Steine“.

Ihr, liebe Schwestern und Brüder, seid angesprochen, als „lebendige Steine“ zu wirken in der Kirche Jesu Christi, in unserer Gesellschaft. Macht nicht mit, wenn Steine gebraucht werden, um Leben anderer Menschen zu vernichten, damit niemals wieder mit mörderischen Steinen das geschieht, dessen wir am morgigen Tag voller Scham gedenken. Macht nicht mit, wenn Menschen meinen, diese Gesellschaft nur auf Steine aus totem Kapital bauen zu können. Mischt euch lebendig ein bei der Gestaltung der Kirche, beim Bau dieser Gesellschaft, beim Bau des Reiches Gottes. Damit in unserem Land vieles geschieht, das Leben befördert. Seid wie „Mauerspechte“, die tote Steine heraus klopfen aus allem, was Menschen trennt und tretet ein für ein Zusammenleben vieler Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Helft mit, dass in unserem Land nicht eine tote Christenheit den Schlaf der Sicherheit schläft. Helft mit, dass viele Verantwortung tragende Christenmenschen dieses Land als ein Haus der lebendigen Steine gestalten. Amen.