Tür auf! Kirchen als Lebensräume neu entdecken

Gottesdienst zur Eröffnung der „Nacht der offenen Kirche“ in Schopfheim am 31.10.2008

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Psalm 24,7-10

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Es ist der Herr stark und gewaltig, der Herr mächtig im Kampf.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Es ist der Herr der Heerscharen; er ist der König der Herrlichkeit.“

So sang einst des Gottesvolk, wenn es in einer festlichen Prozession die Bundeslade mit den 10 Geboten hinauf zum Tempel von Jerusalem trug. Am Tor des Tempels angekommen stießen die an der Spitze der Prozession Gehenden den Ruf aus: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, denn es kommt der König der Herrlichkeit.“ Von innen wurde ihnen geantwortet: „Wer ist der König der Herrlichkeit?“ Darauf die Antwort jener, die Einlass in den Tempel begehrten: „Es ist der Herr stark und gewaltig, der Herr mächtig im Kampf.“ Dasselbe Fragen und Antworten wiederholte sich noch einmal, ehe sich die Tore des Tempels öffneten und die Festgemeinde in den Tempel einziehen konnte.- „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so singt die christliche Gemeinde, wenn sie – in Aufnahme jenes alten Psalms – mit dem 1. Advent die Ankunft Jesu, den Advent des Herrn der Herrlichkeit begrüßt. Nicht zufällig steht dieses beliebte Adventslied ganz am Anfang unseres Gesangbuches: Es eröffnet das neue Kirchenjahr und stimmt ein auf den kommenden Herrn.

Liebe Gemeinde,
keine Angst: ich habe nicht etwa das Manuskript meiner Predigt mit dem einer Adventspredigt verwechselt. Nein: Wenn wir heute Abend, am Abend des evangelischen Reformationsfestes und am Vorabend des katholischen Allerheiligenfestes die „Nacht der offenen Kirche“ mit einem ökumenischen Gottesdienst beginnen, dann geht es genau um diese Botschaft, die uns mit den Worten jenes alttestamentlichen Psalms und jenes Adventslieds zugerufen wird: „Machet die Tore weit und Türen in der Welt hoch! Macht die Kirchentüren auf, damit Gott einziehen kann in die geöffnete Kirche!“ In dieser „Nacht der offenen Kirche“ will Gott einziehen in seine Kirche – hier in diesem Gottesdienst. Dazu vor allem öffnen wir die Kirchentüren, damit im Singen und Tanzen, Musizieren und Meditieren Gott selbst einzieht in sein Haus.

Und wir tun dies bewusst in dieser Nacht, die wie keine andere die Brücke von einem evangelischen zu einem katholischen Feiertag schlägt, um in ökumenischer Verbundenheit diesen beiden Feiertagen etwas von ihrer Würde zurückzugeben, die durch die Ausbreitung des Gruselspektakels um Halloween allzu leicht in Vergessenheit geraten könnte: Am Reformationsfest gedenken wir des Thesenanschlags Martins Luthers an der Schlosskirche von Wittenberg am 31. Oktober 1517; damit besinnen wir uns zugleich auf die evangelische Grunderkenntnis, dass es Gott der Herr allein ist, der unabhängig von all unserem Leistungsvermögen unserem Leben Würde und Wert beimisst. Und am Allerheiligenfest geht es um den letzten Trost im Leben und im Sterben; er gründet in unserem Glauben, dass unsere Verstorbenen mit dem Tod nicht verloren sind, sondern bewahrt in Gottes Hand. Mit unseren Verstorbenen gemeinsam bilden wir die Gemeinschaft der Heiligen, die geheiligt ist durch die Liebe Gottes, des „Königs der Herrlichkeit“. Darum erklingt in dieser Nacht vom 31. Oktober zum 1. November der Ruf, der an den kommenden Herrn über Leben und Tod erinnert: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, denn es kommt der König der Herrlichkeit.“

Lockruf zur Gottesbegegnung

„Machet die Tore weit!“ In einer zweiten Hinsicht verstehe ich diesen Ruf zum Öffnen der Kirchentüren als einen Lockruf für die Menschen: Menschen, die nicht selten Schwellenängste beim Betreten von Kirchen haben, sollen angelockt werden, durch die geöffneten Kirchentüren zu gehen. Es ist ein Lockruf zur Gottesbegegnung in der Kirche, im Haus Gottes - besonders in dieser „Nacht der offenen Kirche“, aber dann auch darüber hinaus. Menschen sollen eingeladen werden, den Kirchenraum als einen besonderen Raum zu erfahren. Als einen durchbeteten und durch das Gebet geheiligten Raum, der erzählt von den Gläubigen vor uns und von der Geschichte Gottes mit ihnen:
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche schon einen Ort der Stille gefunden?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert?
Wie oft haben Menschen in diesem Kirchenraum Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, klagen und weinen dürfen nach erfahrenem Leid, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens?
Wie viele Menschen haben dieses Haus Gottes lieb gewonnen?

"Eine Kirche ist eben kein normales Gebäude. Sie ist ein Haus, bei dessen Betreten wir hinein genommen werden in eine Glaubensfamilie."

Indem wir uns beim Betreten einer Kirche diese Fragen stellen, spüren wir: Mit unseren Fragen, mit unseren Zweifeln, aber auch mit unserem Glauben stehen wir nicht am Anfang, sondern sind Teil des Gottesvolkes, dem Gott seit Tausenden von Jahren seine Treue hält. Sind wir Teil des Gottesvolkes an diesem Ort. Sind wir Teil des Gottesvolkes in der ganzen bewohnten Welt, der ganzen Ökumene. Eine Kirche ist eben kein normales Gebäude. Sie ist ein Haus, bei dessen Betreten wir hinein genommen werden in eine Glaubensfamilie, die viele, viele Generationen vor uns begann und die uns auf eine wunderbare Weise trägt und birgt. Sie ist ein Haus, das vielen Menschen bei aller kirchlichen Heimatlosigkeit doch irgendwie einen heimatlichen Lebensraum bietet.

Tür auf zu einem Raum fürs Leben

Darum „machet die Tore auf!“, damit möglichst viele Menschen, die einen Raum für ihr Leben suchen, die Kirchen betreten. Damit sie während der Woche in einer Kirchen beten, Gott loben, fürbittend Kerzen für andere entzünden oder ganz einfach einen Ort der Stille aufsuchen können. Damit sie eine Kirche erfahren als einen heiligen Raum, von dem sie - wie Jakob - sagen: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.“ Wir Evangelischen haben ja so unsere Mühe mit dem Gedanken, dass es heilige Orte gibt. Aber allmählich setzt sich auch unter uns die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können. An denen wir unsere Sorgen und Verzweiflung, unsere Zweifel und Fragen, unser Erschrecken und unsere Trauer klagend, singend und schweigend zum Ausdruck bringen können - an einem Ort, der etwas ahnen lässt von der Gegenwart und der himmlischen Heiligkeit Gottes. Wir brauchen Orte, die so etwas sind wie heilige Lebensräume. In Kirchenräumen berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott, dem „König der Herrlichkeit“.

"Der Altar wird zum Ort, wo alle Not der Welt abgelegt werden kann. So ist es: Das Innere eines Kirchenraumes darf nicht getrennt werden von den Herausforderungen der Welt."

„Machet die Tore auf!“ Diese Aufforderung will ich schließlich noch in einer dritten Hinsicht auslegen. Aus den Psalmen des Alten Testaments hören wir immer wieder, wie Beter durch die offenen Türen des Heiligtums gehen, um die Not der Welt mit hinein zu nehmen in das Gotteshaus. Manchmal wird der Tempel sogar zum Zufluchtsort, zum Asyl. Persönliche Not wird hinein getragen in den Tempel. Der Altar wird zum Ort, wo alle Not der Welt abgelegt werden kann. So ist es: Das Innere eines Kirchenraumes darf nicht getrennt werden von den Herausforderungen der Welt. Die Not der Gegenwart, die persönliche Not eines jeden Einzelnen und einer jeden Einzelnen, die Not einer Gemeinde und die vielen gesellschaftlichen Nöte unserer Zeit gehören hinein in den Raum der Kirche. Die Verantwortung für unsere Gesellschaft gehört in den Kirchenraum. Die Verantwortung für Menschen, die sich in unserem Land nach Geborgenheit sehnen. Die Verantwortung für verarmte Menschen, die nicht mehr mithalten können mit den Anforderungen unserer Gesellschaft und für die soziale Sicherungen nicht mehr greifen. In unsere Kirchen gehört auch die Verantwortung für alle jene, die gerade in diesen Wochen tiefster Verunsicherung erleben müssen, wie Sicherungen für das Alter wie Kartenhäuser zusammenbrechen.

Die Tür durchschreiten

„Machet die Tore auf!“, damit all diese Not der Welt durch die offenen Kirchentüren hinein getragen wird zum Altar Gottes. Wir dürfen und sollen mit all unserer Not Zuflucht suchen am Altar. Wir dürfen und sollen alle Nöte der Welt ausbreiten auf dem Altar Gottes. Und wir sollen dann für die Zuflucht all jener eintreten, die darauf warten, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Wenn wir die Nöte der Gegenwart hinein nehmen in unsere Kirchen, dann erhält der Gottesdienstraum Bedeutung als Versammlungs-, Feier- und Gebetsort der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten. Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag.

"Die Kirchentüren sollen offen stehen hin zur Welt. Die offenen Kirchentüren symbolisieren, dass Kirche und Welt zueinander in Beziehung stehen."

Darum gehören zum Haus Gottes die offenen Türen, durch welche die Welt Eingang findet in den Kirchenraum und durch die Gottes heilendes Wirken hinausströmt in die Welt. Darum ist es wichtig, die Türen der Kirche hin zur Welt zu öffnen. Und dies eben nicht nur im übertragenen, sondern auch im ganz wörtlichen Sinne. Darum haben wir vor wenigen Wochen für die evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg das Signet „Verlässlich geöffnete Kirchen“ eingeführt, das an Kirchen befestigt werden kann, die über die Woche hindurch regelmäßig geöffnet sind. Deshalb eröffnen wir in diesem Jahr an diesem Ort die „Nacht der offenen Kirche“ Die Kirchentüren sollen offen stehen hin zur Welt. Die offenen Kirchentüren symbolisieren, dass Kirche und Welt zueinander in Beziehung stehen.
Darum: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch.“ Damit Gott als König der Herrlichkeit einzieht. Damit Menschen die geöffneten Kirchen neu entdecken als heilige Orte und als Lebensräume zum Aufatmen. Und damit Kirche sich zur Welt hin öffnet. Denn was wäre eine offene Tür, wenn sie nicht durchschritten würde – von Gott und den Menschen. Amen.