Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Gen 18,20ff i.A.
Liebe Gemeinde,
wie beten Sie eigentlich? Pflegen Sie das regelmäßige Morgen- und Abendgebet? Das Tischgebet? Das Gebet mit Ihren Kindern am Bett oder beim Besuch einer Kirche oder Kapelle? Beten Sie nur in großer Not - vielleicht mit einem kurzen Stoßgebet? Bevorzugen Sie das Schweigen und Meditieren oder das Gespräch mit Gott? Und was erfahren sie beim Beten? Entlastung und Erleichterung? Oder ganz einfach das Geschenk einer ganz großen Offenheit für das, was Gott Ihnen zudenken will? Erleben Sie im Gebet ein Offenwerden für eine Antwort, die Sie sich selbst nicht geben können?
Nicht wahr? Wenn wir beten, dann öffnen wir unsere Hände. Dann empfangen wir in unseren geöffneten Händen die wärmende Gnade Gottes, so wie wir das Brot und den Saft der Trauben beim Abendmahl empfangen als Stärkung für das Leben. Im Beten öffnen wir uns für Gott. Tasten wir uns zu ihm vor. Im Beten tun sich uns Türen auf, die wir bisher für verschlossen hielten. Entdecken wir neue Spielräume des Lebens. Indem wir uns betend Gott zuwenden, bekommen wir einen neuen Blick auf unser Leben, auf das Leben unserer Mitmenschen, auf diese Welt. Im Beten werden wir uns dessen bewusst, dass wir nicht auf uns selbst angewiesen sind, sondern als Menschen von Gott Kraft zur Gestaltung des Lebens geschenkt bekommen.
Dürfen wir Gott auf die Nerven gehen?
Wenn wir darüber nachdenken, wie die Bibel vom Beten redet, dann fällt uns natürlich als erstes das Gebet ein, das Jesus seine Jünger gelehrt hat: das Vaterunser. Die Bibel kann aber auch ganz anders vom Beten reden. Im 1. Buch Mose wird eine ganz eigenartige Gebetsgeschichte erzählt. Da wird berichtet von Abraham, der kurz vor der Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra fürbittend vor Gott tritt, um die beiden Städte, diese Zentren der Gottlosigkeit, vor dem Untergang zu bewahren. Abrahams Gebet ist schon recht ungewöhnlich. Ich könnte es auch als dreist und frech bezeichnen. Abraham bittet Gott, die Städte zu verschonen, wenn sich in ihnen 50 gerechte Menschen finden. Gott lässt sich auf Abrahams Bitte ein und verspricht Schonung und Vergebung für die Städte, in denen sich auch Abrahams Neffe Lot mit seiner Familie aufhält. Als Abraham merkt, dass seine Bitte bei Gott Gehör findet, beginnt er einen richtigen Gebetshandel – wie auf einem orientalischen Basar. Zunächst in Fünferschritten, dann in Zehnerschritten handelt er Gott weitere Zugeständnisse ab. Feilscht um Gottes Gnade. Zunächst sollen es 50 Gerechte sein, um deren willen Sodom und Gomorra verschont bleiben mögen. Dann 45, dann 40, dann 30, dann 20. Immer weiter geht Gottes Zugeständnis der Gnade. Bei 10 Gerechten schließlich, der kleinsten Größe einer gottesdienstlichen Gemeinde in jüdischer Zeit, bei 10 Gerechten findet Abrahams unverschämter Gebetshandel mit Gott sein Ende.
"...in diesem stürmischen Gebet um Gnade findet ein Grundvertrauen seinen Ausdruck, dass Gott letztlich uns und seine Welt retten will."
Dürfen wir wirklich so zu Gott beten? Dürfen wir Gott so in den Ohren liegen mit unserem Gebet. Dürfen wir so unverschämt mit ihm um seine Gnade feilschen? Dürfen wir Gott so auf die Nerven gehen mit unserem Gebet? Die Bibel sagt „Ja“, indem sie uns Abraham als Beispiel des Glaubens vor Augen stellt. Und Jesus bestätigt viele Jahrhunderte später diese Sicht des Betens. Er erzählt das Gleichnis von der Witwe, die mit ihrer bittenden Nörglerei einen Richter so nervt, dass er ihr schließlich Recht gibt, nur um seine Ruhe zu haben. Dann folgert Jesus: „Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen?“ Ja, wir dürfen Gott mit unseren Gebeten bestürmen. Denn unsere stürmischen Gebete zeigen, dass wir unser Ergehen nicht in die eigene Hand nehmen wollen. Dass wir unser Schicksal und das Schicksal der Welt nicht losgelöst von Gottes Willen betrachten wollen. Es ist für einen Christenmenschen richtig, Gott mit dem Gebet um seine Gnade zu bestürmen. Jeden Tag neu. Denn in diesem stürmischen Gebet um Gnade findet ein Grundvertrauen seinen Ausdruck, dass Gott letztlich uns und seine Welt retten will.
" So feilschen wir mit Gott um Zeiten der Gnade. Aber wir dürfen dabei nicht meinen, mit unserem Gebet Gott in den Griff bekommen zu können."
Viele von uns werden schon in Situationen gewesen sein, in denen sie zu solch einem stürmischen Beten Zuflucht nahmen. Wer hätte nicht in Zeiten schwerer Erkrankung gebetet: „Gnädiger Gott, lass mich noch diesen Sommer erleben, noch dieses große Familienfest, noch die Geburt meines Enkels, noch seine Taufe, noch seine Einschulung.“ So feilschen wir mit Gott um Zeiten der Gnade. Und das ist nicht nur verständlich, das ist auch keineswegs verwerflich. Aber wir dürfen dabei nicht meinen, mit unserem Gebet Gott in den Griff bekommen zu können. Auch Abrahams nutzte sein stürmischer Gebetshandel letztlich nichts. In Sodom und Gomorra fanden sich nicht einmal 10 Gerechte. So wurden beide Städte zerstört. Also nicht meinen: Je intensiver wir in unseren Gebeten mit Gott verhandeln, desto eher wird er schon unsere Wünsche erfüllen. Gott erfüllt nicht unsere Wünsche, er erfüllt seine Verheißungen. Und darum bedeutet Beten oft einfach Warten. Oft bleibt Gottes Antwort lange aus. Manchmal erfolgt sie ganz anders als erwartet. Aber wir dürfen Gott mit unseren Gebeten bestürmen und mit ihm feilschen, weil wir wissen: Im Letzten will seine Gnade zum Zuge kommen – freilich oft anders, als wir meinen.
Liebe Taufeltern, darauf wird es ankommen, wenn Sie Ihre Kinder das Beten lehren: Sie hinzuführen zu einem unermüdlichen Vertrauen auf Gottes Heilswillen und Güte, zu einem Vertrauen, das niemals aufgibt.
Im Gebet Verantwortung wahrnehmen
Noch einmal lenke ich unseren Blick auf Abraham. Er betet ja nicht für sich. Er betet für die Menschen von Sodom und Gomorra. Er betet für die Gottlosen und die Sünder. Er tritt mit seiner flehentlichen Bitte vor Gott, um andere Menschen zu retten. Ja, es lohnt sich, um das Leben eines jeden Menschenkindes mit Gott zu feilschen. Es lohnt sich, Fürbitte zu tun auch für die Schlimmsten unter unseren Mitmenschen. Es lohnt sich, mit Gott zu verhandeln um das Leben eines jeden scheinbar noch so nichtswürdigen Menschen. Es lohnt sich, Gott mit unseren Gebeten zu bestürmen, weil Gott das Heil und das Leben für diese Welt will. Es lohnt sich, den Dienst der priesterlichen Fürbitte für Menschen zu tun, die sonst wahrhaft zum Teufel gehen. Es lohnt sich, für unsere Welt zu beten, wenn es auf ihr noch wenige Gerechte gibt, damit sie nicht untergeht im Wahn des Gierens nach immer Mehr und im Elend der Zerstörung aller Grundlagen des Lebens.
"In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, übernehmen Verantwortung für sie. Wir machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern."
Es lohnt sich. Denn in der Fürbitte öffnen sich neue Spielräume des Lebens. Wenn wir für andere Menschen beten, dann nehmen wir ihre Zukunft in den Blick. Unsere Fürbitte verändert die Perspektive, aus der wir die Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehen. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, übernehmen Verantwortung für sie. Wir machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern und dadurch Zukunftsperspektiven zu gewinnen. Wir dürfen daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet und dass in solchem Öffnen Gott selbst handelnd am Werke ist.
In seiner stürmischen Fürbitte übernimmt Abraham Verantwortung für die Menschen von Sodom und Gomorra – fast wie ein Pate für seine Patenstädte. Abrahams betender Patendienst kann uns ein Beispiel sein: Viele Situationen gibt es im Leben, in denen wir für die uns anvertrauten Menschen Verantwortung nur wahrnehmen können, indem wir für sie beten. Etwa, wenn wir weit entfernt von ihnen leben. Wenn sie zu einer großen Reise aufbrechen. Wenn die Kinder das Haus verlassen. Dann müssen sie ihre Wege selbst gehen. Aber wir können und sollen sie begleiten, indem wir für sie beten im Vertrauen, dass Gott ihnen Spielräume des Lebens eröffnet. Unsere Fürbitte kann sich wie ein schützender Mantel um jene legen, für die wir beten. Und solche heilsame Fürbitte kann in verschiedenster Weise geschehen – im regelmäßigen Morgen- und Abendgebet, im Gebet beim Besuch einer Kirche oder Kapelle, im Stoßgebet oder im Schweigen, im Meditieren oder auch unverschämten Gespräch mit Gott. Es muss ja nicht immer beim Beten zugehen wie auf einem orientalischen Basar. Wenn unser Beten für andere nur geschieht im Vertrauen auf Gottes Gnade, dann wird es gesegnet sein. Amen.
