Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Jakobus 5,7+8.10+11
Liebe Synodalgemeinde,
manchmal ist es gut, sich von der Musik zum Predigen animieren zu lassen. Als mir Landeskantor Michaelis mitteilte, welche Motetten der Chor in diesem Gottesdienst singen könnte, hat mich sofort die Musik von Johannes Brahms und der in dieser Motette vertonte Bibeltext gefesselt. Dieser Text ließ mich darüber nachdenken, mit welcher Ungeduld wohl etliche vor allem der neuen Synodalen zu ihrer ersten Synodaltagung nach Herrenalb anreisen würden. Ich könnte mir vorstellen, dass manche heute als Eingangslied am liebsten gesungen hätten „Jetzt wird kräftig in die Hände gespuckt.“ Aber dies Lied fehlt nicht nur im EG, nein: Falsche synodale Ungeduld ist zu Beginn einer neuen Synodalperiode auch fehl am Platze. Und so soll die Einübung in die Geduld einen prominenten Ort in diesem Gottesdienst einnehmen.
In der Tat sind sechs Jahre, die in der Synodalarbeit vor uns liegen, keine kleine Zeitspanne. Übertriebene Ungeduld, die alles gleich in den ersten Sitzungen meint erledigen zu müssen, bedarf der Zügelung. Rechte Geduld will eingeübt werden. Und so lag es nahe, auf jenen Text aus dem Jakobusbrief zurückzugreifen, aus dem Johannes Brahms in seiner Motette einen Vers aufgenommen hat. Mit seinem Kontext im 5. Kapitel des Jakobusbriefes passt dieser Vers wunderbar hinein in die Herbstzeit dieses Jahres. Ein herbstlicher Text von der Geduld am Beginn der ersten Tagung der neuen Landessynode. Hören wir:
„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Nehmt, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.“
Lachhafte Ungeduld
Liebe Schwestern und Brüder, in China erzählt man sich die Geschichte von einem Mann, der seinen Acker gut vorbereitet hatte. Er wunderte sich, dass die Saat so langsam aufging. Von Tag zu Tag wurde seine Geduld geringer. Schließlich hatte er eine Idee. Er lief zu seinem Feld und begann, die kleinen zarten Halme etwas in die Höhe zu ziehen. Das tat er jeden Morgen neu. Eines Tages traf er seinen Nachbarn und erzählt ihm, dass er seinem Korn beim Wachsen geholfen habe. Neugierig begleitete ihn der Nachbar zu seinem Feld. Und was sahen sie? Alles war zerstört und verwelkt. Die kaum herangereiften Ähren hingen zu Boden. Und noch lange lachte man im Dorf über den Mann, der nicht warten konnte.
Auch wir lachen über diesen törichten Mann, weil wir wissen, wie ein kluger Bauer handeln würde. Er würde seine Saat aufs Feld ausbringen und in Ruhe das weitere Wachstum der Saat abwarten. Der kluge Bauer nämlich weiß, dass sein Tun auf Langfristigkeit angelegt ist. Er würde vielleicht um genügend Regen zur rechten Zeit bitten. Aber er würde warten mit langem Atem. Das Warten des Bauern ist kein untätiges Warten. Vielmehr bereitet der Bauer in der Zeit des Wartens alles sorgfältig vor für den Tag der Ernte. Aber er zwingt den Tag der Ernte nicht herbei. Denn sein Warten ist ein Warten auf etwas, das seinem Zugriff entzogen ist.
"Alles rechnen wir unter dem Gesichtspunkt der Effizienz, auch den Einsatz unserer Zeit. Das größtmögliche Fortkommen in der kürzestmöglichen Zeit erscheint uns als unsere Bestimmung."
Über den törichten Mann aus China lachen wir, weil er nicht warten konnte. Doch Achtung! Uns bleibt das Lachen schnell im Halse stecken, wenn wir entdecken, dass wir uns in unserem Leben weit öfter an diesem ungeduldigen Mann orientieren als an dem klugen Bauern, der auf den Frühregen und Spätregen wartet. Ist es nicht so, dass in unserem heutigen Lebensgefühl das geduldige Warten eigentlich keinen Platz mehr hat? Alles rechnen wir unter dem Gesichtspunkt der Effizienz, auch den Einsatz unserer Zeit. Das größtmögliche Fortkommen in der kürzestmöglichen Zeit erscheint uns als unsere Bestimmung. Entfernungen und Dauer sind nur noch Hindernisse in dem Bemühen zu werden, was wir werden können. Verzögerungen erleben wir als Hemmnisse. Unser ganzes Leben ist ein einziges Tempo-Limit, das wir zu überschreiten versuchen: Das Warten an der Schlange des Supermarktes - es wird durch nervöses Handy-Telefonieren überbrückt. Das Ausheilen einer Krankheit - es wird durch unvernünftige Einnahme von Medikamenten verkürzt. Das Heranwachsen von Pflanzen und Tieren - es wird durch Hormone beschleunigt. Lebensmittel müssen zu jeder Jahreszeit verfügbar sein, jetzt und sofort. Immer schneller werden technologische Entwicklungen. Durchs Internet werden riesige Entfernungen in Sekundenschnelle überbrückt, durch den ICE große Entfernungen in wenigen Stunden. Und wehe, wir müssen einmal auf einen verspäteten Zug warten! Warten ist nicht „in“, Geduld keine Tugend unserer schnelllebigen Zeit. Und wenn wir über den törichten Mann aus China lachen, dann müssten wir wohl oft über uns selber lachen.
Einladung zur Gelassenheit
„So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Seid geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ Diese Mahnung des Jakobusbriefes lese ich deshalb zu aller erst wie einen Protest gegen die Schnelllebigkeit, die für die Geduld keinen Raum mehr lässt. Und ich lese ihn wie eine Einladung zu einer Haltung, welche die Geduld neu einüben lehrt, wie eine Einladung zur Gelassenheit und Entschleunigung. „Die Entdeckung der Gelassenheit“ - so lasen wir vor einigen Jahren auf Schildern am Rande unserer Autobahnen. Das sind zwar keine Synodenhinweisschilder, doch passen Sie gut zu dem, was uns in der Synode zusammenführt. Vielleicht brauchen wir manchmal sogar „die Entdeckung der Langsamkeit“, die ein Romantitel vor einigen Jahren propagiert hat. Natürlich sollen wir nicht untätig sein im synodalen Beraten oder gar trödeln. Aber so manche Beschleunigung in Beratungsprozessen erweist sich bald schon als Bumerang. Natürlich muss ein landeskirchlicher Haushalt pünktlich verabschiedet werden, aber - und das haben wir beim Kirchenkompassprozess erlebt - manche Verzögerung in Beratungen muss sein, wenn Ergebnisse erzielt und alle in Entscheidungsprozessen wirklich mitgenommen werden sollen.
Nun aber ist die Geduld, von der der Jakobusbrief spricht, doch noch von anderer Qualität als jene Geduld, die wir im synodalen Arbeiten einüben müssen. Die in der Synode einzuübende Geduld ist nur Abbild einer viel größeren Geduld, denn christliche Geduld hat einen viel weiteren Horizont. Sie zielt nicht ab auf unsere Planungen im Monats-, Jahres- oder Sechs-Jahres-Rhythmus. Sie zielt ab auf die Zukunft Gottes, die mit der Wiederkunft Christi anbricht. Geduld im christlichen Sinn hat ihren Zielpunkt beim endgültigen Kommen Christi am Ende aller Zeiten. Nun glaubte man schon zur Zeit des Jakobus-Briefes nicht mehr an ein baldiges Wiederkommen Christi. Aber die Gemeinde lebte in der Gewissheit, dass der Herr kommt - wann auch immer. Bis heute ist diese gelassene Erwartung für uns Christenmenschen die wichtigste Gegenkraft gegen jede krankmachende Schnelllebigkeit, die zur Ungeduld treibt."Sie lassen sich nicht niederdrücken von all dem, was gegenwärtig den Blick verstellt...Sie lernen im Umgang miteinander jene Geduld, die Lebensräume eröffnet."
Menschen, die im Glauben leben, sind Menschen, die dem Kommen Christi geduldig entgegensehen. Sie haben einen langen Atem und ein starkes Herz des Glaubens. Sie lassen sich nicht niederdrücken von all dem, was gegenwärtig den Blick verstellt. Sie lassen sich nicht ersticken von der Kurzatmigkeit politischer Schnellschüsse oder rasanter Entwicklungen am Börsenmarkt, nicht von der Kurzatmigkeit kultureller Events oder synodaler Hektik. Sie lernen im Umgang miteinander jene Geduld, die Lebensräume eröffnet. Dann werden etwa Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht das bringen, was man von ihnen erwartet, nicht sogleich aufgegeben. Dann nehmen Eheleute nicht gleich bei der ersten Krise den Weg zum Scheidungsanwalt. Dann befriedigen Eltern nicht sofort jeden Wunsch ihrer Kinder nach neuestem elektronischem Spielzeug oder aktueller Designermode. Dann lernen Kranke zu akzeptieren, wenn Heilungsprozesse nicht in dem Tempo ablaufen, wie sie es erwartet hätten.
Einüben von Geduld
Leben als Christenmensch, das hat etwas zu tun mit Einübung einer Geduld mit langem Atem und starkem Herzen: gelassen und kraftvoll Geduld einüben, darum geht es in unserem Leben. Eine solche Haltung ist weit entfernt von der Bitte, die ich auf einer Karikatur in einem Büro entdeckte: „Herr, gib mir Geduld, und zwar sofort!“ Geduld will eingeübt werden. Dann kann sie eine große Kraft entwickeln, wie wir von den Propheten lernen können. Solche kraftvolle Geduld ist eine Gabe Gottes. Die Vollendung unseres Lebens verdankt sich nicht unseren rastlosen Aktivitäten, sondern verdankt sich Gottes Tun. Er wird als der Erbarmer kommen, um alles Leben zurecht zu bringen. Das Vertrauen, dass Gott am Ende die Welt vollenden wird, die Gewissheit, dass er den Schlusspunkt in der Geschichte setzen wird, dieses Vertrauen befreit zu gelassener und kraftvoller Geduld. So gewinnen Menschen einerseits aus ihrer Geduld die Kraft zu ändern, was zu ändern ist, andrerseits aber auch die Gelassenheit hinzunehmen, was nicht zu ändern ist.
"Die Geduld entbindet nicht von diesen Widersprüchen. Aber sie befähigt zu einer heilsamen Klugheit, das Unabänderliche und das Veränderbare voneinander zu unterscheiden und beides Gott anzuvertrauen."
Doch am Ende ist nicht jede Geduld kraftvoll. Wie wir es an der Geduld Hiobs sehen können, wird manche Geduld auch zum Erdulden. Für einen Todkranken wird Geduld irgendwann in Ergebung münden müssen, wenn er Frieden finden will. Es wird immer auch eine Geduld geben, die eher als Erduldung von Unabänderlichem denn als Gestaltungskraft in Erscheinung tritt. Aber vergessen wir nicht. Ob nun kraftvoll gestaltend oder sich ergebend – nie sind geduldige Menschen den Widersprüchen des Lebens entzogen. Den Widersprüchen etwa zwischen unseren menschlichen Zukunftsprognosen und Gottes Verheißungen für diese Welt. Dem Widerspruch zwischen dem eigenen Leistungsanspruch und dem Wartenkönnen. Dem Widerspruch zwischen der Angst, die viele Zustände in unserer Welt erzeugen, und dem glaubenden Wissen um die gute Zukunft im Erbarmen Gottes. Die Geduld entbindet nicht von diesen Widersprüchen. Aber sie befähigt zu einer heilsamen Klugheit, das Unabänderliche und das Veränderbare voneinander zu unterscheiden und beides Gott anzuvertrauen. Geduld befähigt zu einer Klugheit, von welcher jener törichte Mann aus China ebenso wenig wusste wie manch andere, die Geduld nie gelernt haben. Darum lasst euch, liebe Schwestern und Brüder, einladen zu geduldigem Warten mit langem Atem und starkem Herzen. Seid geduldig bis zum Kommen des Herrn. Amen.
