Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Liebe Schwestern, liebe wenige Brüder,
Abschied und Neubeginn prägen diesen Gottesdienst, in dem wir die ausscheidenden Mitglieder des Landesausschusses der Frauenarbeit verabschieden und die neuen in ihr Amt einführen. Wenn dies mit „Herz und Mund“ geschehen soll, so will ich dies zunächst ganz wörtlich nehmen; denn von ganzem Herzen will ich all jenen danken, die die Arbeit im Landesausschuss bis heute getragen haben und aus ihrem Amt scheiden und mit meinem Mund werde ich jenen den Segen Gottes zusprechen, die diese verantwortungsvolle Aufgabe von heute an weiterführen. „Mit Herz und Mund“ dieses von Ihnen gewählte Motto kennzeichnet aber darüber hinaus treffend die Arbeit des Landesausschusses wie die Frauenarbeit unserer Landeskirche insgesamt; denn wie viel Arbeit wird hier aus ganzem Herzen geleistet und wie viel wird hier besprochen und erörtert, wie viel Worte werden gewechselt, um Arbeit zu planen und auszurichten.
Bei der Wahl eines zu Ihrem Motto passenden Bibelwortes für meine Predigt stieß ich auf Worte aus dem 3. Kapitel des Kolosserbriefes:
„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“
Kann ein Wort wohnen?
„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, in all seiner Fülle.“ Welch eine eigenartige Mahnung, die so in der ganzen Bibel einzigartig ist. Kann denn ein Wort wohnen? Und ob. Es kann sich einnisten in unserem Kopf. Es kann sich festsetzen in unserem Herzen. Wir kennen dies, wenn uns ein bestimmtes Wort nicht mehr loslässt. Wie viele Worte haben sich bei uns in Kopf und Herz eingenistet! Wie viele Worte begleiten uns von Kindheit an und sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, so dass sie - bewusst oder unbewusst - unser Denken und Fühlen, Sprechen und Handeln beeinflussen! Wie gut, wenn das nicht nur Ermahnungen und Verbote sind, die sich bei uns einmieten. Wie gut, wenn auch tröstende und stärkende, motivierende und wegweisende Worte in uns und unter uns wohnen - wie damals bei Maria, die alle Worte der Hirten im Stall von Bethlehem behielt und in ihrem Herzen bewegte.
"Was in unserem Herzen wohnt, das will hinaus in Wort und Tat."
Mit dem Hören eines Wortes fängt es oft an, auch das Engagement von Menschen in der Kirche, auch die Mitarbeit in der Frauenarbeit. Wenn ein Wort unser Herz erfüllt, dann bleibt es nicht bei einer Herzenssache. Schon der Volksmund sagt es: „Wes’ das Herz voll ist, des’ geht der Mund über.“ Worte, die in unserem Herzen wohnen, die wollen auch raus. Sie wollen aus vollem Herzen gesprochen werden mit unserem Mund, lehrend, mahnend und singend. Und auch das andere kennen wir: Wenn unser Herz voll ist, dann wollen unsere Hände nicht untätig sein. Genau so ist es mit dem Wort Christi. Wenn wir es hören in seiner Fülle, dann wohnt es nicht nur in unserem Herzen. Nein: Herzen, Mund und Hände werden von diesem Wort bewegt und erfüllt. Was in unserem Herzen wohnt, das will hinaus in Wort und Tat. Darum folgert der Verfasser des Kolosserbriefes: „Lehrt und mahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus.“
Wort des Lebens, der Versöhnung, des Friedens
Das Wort Christi, das Herzen, Mund und Hände bewegt, das ist zunächst und vor allem das Wort des Lebens, das uns in der Jahreslosung so eindrucksvoll und stärkend zugesprochen wird: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
Das Wort Christi, das Herzen, Mund und Hände bewegt, das ist sodann das Wort der Versöhnung. Wir geben es weiter, wenn wir an Christi Statt bitten: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“
Das Wort Christi, das in seiner ganzen Fülle unter uns wohnt, das ist schließlich das Wort des Friedens, das der Auferstandene zu seinen Jüngern spricht, wenn er zu ihnen tritt: „Friede sei mit euch!“
Immer wieder habe ich die Frauenarbeit so erlebt, dass in ihr Worte des Lebens, der Versöhnung und des Friedens Wohnstatt gefunden haben. Wenn ich nur an die Frauen denke, die auch in diesem Jahr wieder unentwegt und beharrlich „unterwegs für das Leben“ waren. Wenn ich nur an all das denke, was die Frauenarbeit in ihrer langen Geschichte geleistet hat, um Frauen mit einer ehemals ausschließlich Männer dominierten Kirche zu versöhnen. Wenn ich nur an den Anteil der Frauenarbeit in der Friedensbewegung der 80er Jahre denke. Dann wird klar, dass Christi Wort reichlich Wohnung gefunden hat in Programmen und Schwerpunkten der Frauenarbeit. Mit ihren Initiativen und Bildungsangeboten, mit ihrer konzeptionellen Arbeit auf Landesebene wie mit ihrer praktischen Arbeit vor Ort erinnert die Frauenarbeit daran, dass Christi Wort des Lebens, der Versöhnung und des Friedens unter uns und in uns wohnen will. Dass es darauf drängt, sich reichlich unter uns zu entfalten. Sich zu entfalten in unserem Reden und in unserem Tun, in unserem sonntäglichen Gottesdienst ebenso wie im Alltag der Welt. „Herz, Mund und Hände“ - das ist der Dreiklang, in dem das Wort Christi im Leben eines Christenmenschen erklingt.
"Beides gehört zusammen, die Worte von Jesus Christus und die Werke, die in seinem Namen geschehen. Durch beides danken wir Gott."
Dass es einen ganz unmittelbaren Zusammenhang gibt zwischen dem Singen und Sagen von dem in Christus geschenkten neuen Leben, von Gottes Frieden und unseren Taten der Versöhnung, dass es diesen Zusammenhang gibt, daran erinnert in jedem Jahr ganz besonders der Frauensonntag. In ihm kommt – wie eigentlich in jedem guten Gottesdienst – jene Grundstruktur unseres christlichen Glaubens in den Blick, welche die Worte des Kolosserbriefes anmahnen: Mit unserem Singen fließt unser Mund über von dem, wovon unser Herz voll ist. Dankbar antworten wir auf das, was Gott gesagt und getan hat. Und wes` das Herz voll ist, des` fließt nicht nur der Mund über, sondern auch dessen Hände werden rege. Indem wir mit unserem Mund von dem neuen Leben in Christus singen und mit unseren Händen Frieden schaffen und Versöhnung stiften, antworten wir dankbar auf Gottes Tun und lassen das Wort Christi in aller Fülle unter uns wohnen. Deshalb gehören das Singen und das Tun des Gerechten so untrennbar zusammen, wie es Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt gebracht hat: „Nur wer für die Juden schreit, hat das Recht gregorianisch zu singen.“ Das Wort Christi mit dem Mund lehrend und mahnend weiterzugeben und davon zu singen ist das eine. Dem Wort Christi mit den Händen Gestalt zu geben und durch Taten des Friedens und der Versöhnung zu bezeugen ist das andere. Beides gehört zusammen, die Worte von Jesus Christus und die Werke, die in seinem Namen geschehen. Durch beides danken wir Gott - mit Herzen, Mund und Händen.
Leben als dankbarer Gottesdienst
„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, indem ihr Herzen, Mund und Hände von diesem Wort bewegen lasst. Singt dankbar von dem neuen Leben, das der auferstandene Christus verbürgt, von dem Frieden, den Gott mit euch geschlossen, von der Versöhnung, die Gott durch Jesus Christus gewirkt hat. Hört nicht auf, das Wort des Lebens, der Versöhnung und des Friedens lehrend und mahnend weiterzusagen. Richtet mit euren Händen Zeichen der Versöhnung und des Friedens auf.“ So höre ich die Worte aus dem Kolosserbrief als eine große Einladung an Sie, die Sie sich in der Frauenarbeit engagieren, als Einladung zu einem christlichen Leben, das sich als dankbarer Gottesdienst gestaltet mit Herzen, Mund und Händen - im sonntäglichen Singen ebenso wie in einem Lebensalltag, der dem Frieden und der Versöhnung dient.
"Hier gewinnt im Namen des Herrn Jesus Leben Gestalt in der alltäglichen Arbeit der zahllosen Frauenkreise..."
So möchte ich die Frauenarbeit unserer Landeskirche verstehen - als einen Ort, Gottesdienst im Alltag der Welt zu begehen:
Hier gewinnt im Namen des Herrn Jesus Leben Gestalt in der alltäglichen Arbeit der zahllosen Frauenkreise, wenn in Gemeinden und Bezirken so vieles erstickt unter Streit, Neid und Konkurrenz.
Hier werden im Namen des Herrn Jesus Zeichen der Versöhnung aufgerichtet durch die Förderung interkultureller und interreligiöser Kontakte, die wir dringend brauchen im Miteinander mit Menschen anderen Glaubens, anderer Religion oder anderer Kultur in unserem Land.
Hier werden im Namen des Herrn Jesus Schritte des Friedens gegangen in der Weltgebetstagsarbeit; Schritte, die so bitter nötig sind in vielen Ländern der Erde, auf dem Balkan ebenso wie in Tibet und China, im Heiligen Land ebenso wie in Simbabwe.
„Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus.“ Belasst es nicht beim dankbaren Bewegen des Wortes Christi in euren Herzen. Belasst es nicht beim mahnenden und lehrenden Reden oder dankbaren Singen von Versöhnung und Frieden. Lasst das Wort Christi in aller Fülle unter euch wohnen. Dies Wort des Lebens, dies Wort der Versöhnung, dies Wort des Friedens will bewegt werden in euren Herzen, will gesungen und gelehrt sein mit eurem Mund, will bezeugt sein mit euren Händen. Dazu schenke euch Gott euch seinen Segen. Amen.
