Sehr geehrte Frau Lehmann, sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, dass die Evangelische Stadtkirchengemeinde Durlach gemeinsam mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Karlsruhe und Durlach und dem Freundeskreis Pfinzgaumuseum/Historischer Verein Durlach des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht mit einer außerordentlich eindrucksvollen Veranstaltungsreihe gedenkt. Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe bin ich gern heute zu Ihnen nach Durlach gekommen. Dies gibt mir die Gelegenheit, öffentlich und im Namen unserer Evangelischen Landeskirche in Baden zu jener schweren Schuld zu stehen, die unsere Kirche in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft auf sich geladen hat. Darum ist es mir ein besonderes und persönliches Anliegen, Ihnen, verehrte Frau Lehmann, die Grüße unserer Kirchenleitung zu überbringen und Sie in ihrem Namen um Vergebung zu bitten für das, was die badische Kirchenleitung Ihrem Vater an schwerem Unrecht zugefügt hat.
Ohne Erinnerung ist keine Vergebung möglich
Nur über den mühsamen Prozess der Erinnerung ist der Weg zur Vergebung möglich. Wir haben uns in den zurückliegenden Jahren in der Kirchenleitung bemüht, die schuldhafte Geschichte unserer Landeskirche im 20. Jahrhundert genauer in den Blick zu nehmen:
Vor allem haben wir - durch Initiative des Vereins für badische Kirchengeschichte - die Studienarbeit zur Geschichte unserer Landeskirche intensiviert. Die Dokumente über die Jahre 1933-1945 sind vollständig ediert, Lebensbilder aus jener Zeit werden derzeit verfasst; biographische Skizzen zwischen ängstlichem Versagen und mutigem Bekennen, zwischen schuldhafter Verstrickung und bewundernswertem Glaubenszeugnis. Daneben stehen freilich immer unzählige andere Lebensbilder von Menschen, die – auch in unserer Kirche – Opfer nationalsozialistischer Gewalt und Tyrannei wurden. Ihre Geschichte dem Vergessen zu entreißen, dazu muss der mühsame Prozess der Erinnerung als Erstes dienen. Vor einigen Jahren haben wir uns einem solchen traurigen Kapitel des Verstricktseins unserer Kirche in das Unrecht des Naziregimes gestellt. Der Besuch der noch lebenden französischen Männer, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges bei der Evangelischen Pflege Schönau als Zwangsarbeiter verpflichtet waren, gehörte für mich zum Eindrücklichsten, was ich in den 10 Jahren meines bischöflichen Dienstes erlebt habe.
"... dass niemand von uns sich dafür verbürgen könne, dass er den Herausforderungen jener Zeit besser standgehalten hätte."
Das Gedenken an die Reichspogromnacht heute verbindet sich für mich persönlich besonders mit der Erinnerung an Hermann Maas, der bis 1943 als Pfarrer in Heidelberg wirkte und als „stadtbekannter Judenfreund“ von den Nationalsozialisten verfolgt und mit Berufsverboten belegt wurde. Durch die Verleihung der Hermann-Maas-Medaille und des Hermann-Maas-Preises, die alternierend im Rhythmus von zwei Jahren in Gengenbach bzw. Heidelberg verliehen werden, haben wir ein neues Forum des Gedenkens geschaffen. Zugleich sind diese Preisverleihungen Zeichen der Hoffnung, dass sich ähnliches Unrecht nicht wiederholt, wie es seitens der Kirche besonders halbarischen Pfarrern und ihren Familien angetan wurde.
Ein besonders wichtiges Datum möchte ich heute in Erinnerung rufen. Am 22. April 1999 habe ich gemeinsam mit der Präsidentin der Landessynode, Frau Fleckenstein und dem Geschäftsleitenden Oberkirchenrat, Dr. Beatus Fischer, vor der Landessynode eine gemeinsame Erklärung zu Pfarrer Erwin Eckert abgegeben. In Aufnahme eines Wortes meines Vorgängers Bischof Klaus Engelhardt haben wir erklärt, dass die Kirchenleitung in den 30er Jahren hinsichtlich ihres Agierens gegen politisierende Pfarrer „auf einem Auge blind gewesen ist“ und ihrer Pflicht zur Überparteilichkeit nicht genügt hat. Das prophetische Zeugnis, das Erwin Eckert insbesondere durch seine Haltung gegenüber der Anwendung der Nürnberger Rassegesetze auf die Pfarrerschaft abgelegt hat, wurde von der badischen Kirchenleitung jener Zeit unterdrückt. Ferner haben wir in unserer Erklärung von 1999 selbstkritisch eingestanden, dass niemand von uns sich dafür verbürgen könne, dass er den Herausforderungen jener Zeit besser standgehalten hätte. Diese Einsicht verbietet jedes selbstgerechte Urteil über unsere Vorgänger und jede moralisierende Anklage. Sie fordert aber unser geschärftes Bewusstsein für unsere Verantwortung, der wir heute nachzukommen haben. Mit der Erinnerung an Erwin Eckert ist bereits die Brücke zu Pfarrer Kurt Lehmann geschlagen, dessen wir heute gedenken.
Kurt Lehmann, der Pfarrer „halbarischer“ Herkunft, gehörte zu jenen, für die Erwin Eckert seine Stimme erhoben hat. Erwin Eckert wurde bereits 1931 unehrenhaft aus dem Pfarrdienst entlassen, Kurt Lehmann 1935 zwangspensioniert. Was aber noch schwerer wiegt: Auch nach 1945 wurde Kurt Lehmann, über dessen Schicksal wir gleich im Vortrag von Eckhart Marggraf vieles hören werden, nicht vollständig rehabilitiert. Möge unser Gedenken an Kurt Lehmann geleitet sein durch jene Haltung, die aus den Worten des Hebräerbriefes spricht: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt habe; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach (Hebr 13,7).“
