Zeichen oder: Die Sprache des Lebens lesen

Familiengottesdienst anlässlich der Visitation des Kirchenbezirk Offenburg, Schiltach am 12. Oktober 2008

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe große und kleine Schwestern und Brüder,
wenn ich zu Hause meinen Computer anschalte, dann erscheint auf dem Bildschirm als erstes ein Fisch. Ihr meint, er solle mich daran erinnern, dass ich „Fischer“ heiße? Nein, das weiß ich auch allein. Gewiss ist dieser Fisch auch kein Zeichen für unseren örtlichen Angelverein, der gerade um die Ecke sein Vereinshaus hat. Nein, der Fisch auf meinem Computerbildschirm ist ein Zeichen. Es sagt dasselbe aus wie die zahlreichen Fisch-Aufkleber, die wir häufig am Heck von Autos sehen: Der Fisch ist ein Zeichen für unseren christlichen Glauben: ICHTHYS – das war das älteste christliche Zeichen und es bedeutete gemäß dem griechischen Alphabet: Jesus Christus Sohn Gottes Retter. Der Fisch ist eben mehr als ein Fisch – er ist ein Zeichen, ein Hinweis darauf, dass Menschen an Jesus Christus glauben. Dass sie ihm als Sohn Gottes, als Retter ihres Lebens vertrauen.

Zeichen
Meine Frau und ich wandern gern in den Bergen. Manchmal gehen wir schon ganz früh am Morgen los, um einen Sonnenaufgang miterleben zu können. Und wenn das Wetter ganz besonders günstig ist, dann können wir am Himmel gleichzeitig Sonne, Mond und langsam verglimmende Sterne sehen. Für uns sind Sonne, Mond und Sterne nicht einfach nur Gestirne, die uns Licht spenden. Sie sind uns Zeichen – Zeichen dafür, dass Gott die ganze Welt erschaffen hat und erhält. Zeichen dafür, dass Gott uns diese Erde anvertraut hat, damit wir sie bebauen und bewahren. „Sonnenglanz und Mond und Stern, Widerschein der Ewigkeit, steh’n als Zeichen für den Herrn in unsrer Zeit.“ So haben wir eben im Musical gehört. Ja, Sonne, Mond und Sterne sind Zeichen dafür, dass Gott als Schöpfer des Lebens uns alle in der Hand hält. Dass seine Güte jeden Morgen neu ist.

Wenn ich auf einen Friedhof gehe, dann schaue ich mir gern Gräber an. Und auf manchen Gräbern entdecke ich die Zeichen: Zwei griechische Buchstaben, das Alpha und das Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets. Im Deutschen würden wir sagen: das A und das Z. Und auch diese beiden Buchstaben sind Zeichen, die uns etwas erzählen wollen. In der Bibel sagt der auferstandene Christus einmal von sich: Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ja, der lebendige Christus ist so groß, dass er unser ganzes Leben umfasst, von A bis Z, vom Anfang und bis zum Ende. Sein Heil, das er uns gebracht hat, reicht über die ganze Welt. Und ihm können wir auch unsere Verstorbenen anvertrauen über den Tod hinaus – bis in alle Ewigkeit. Darum das Alpha und das Omega auf den Gräbern als Zeichen für Jesus Christus, der von Ewigkeit zu Ewigkeit bei uns ist.

Zeichen deuten
Zeichen in unserem Leben: Der Fisch, Sonne, Mond und Sterne, Alpha und Omega. (...) Ihr erinnert Euch gewiss auch noch gut daran, wie es war, als Ihr das Schreiben erlerntet. Zuerst habt Ihr nur Buchstaben geschrieben. Einzelne Zeichen, die scheinbar keinen Sinn ergaben. Dann wurden aus diesen Zeichen einzelne Wörter, schließlich ganze Sätze. Ihr lerntet lesen, und wenn Ihr heute zu Hause Harry Potter lest, für die Schule büffelt oder im Internet stöbert, dann merkt Ihr gar nicht mehr, dass das Zusammensetzen der einzelnen Buchstabenzeichen zu Wörtern und Sätzen eigentlich einmal recht kompliziert und schwierig war. (...)

"Auch unser Leben setzt sich aus Zeichen zusammen, von denen jedes für sich oft keinen Sinn ergibt. Die Sprache des Lebens zu lesen ist gar nicht so einfach..."

Was so für das Lesen und Schreiben gilt, das gilt in gleicher Weise für das ganze Leben. Auch unser Leben setzt sich aus Zeichen zusammen, von denen jedes für sich oft keinen Sinn ergibt. Die Sprache des Lebens zu lesen ist gar nicht so einfach, denn oft begreifen wir nicht, wie die verschiedenen Zeichen einander zugeordnet werden können. Sicherlich erinnert Ihr Euch noch an Matthias Steiner, der vor wenigen Wochen in Peking eine Goldmedaille im Gewichtheben gewann. Einige Monate vor seinem großen Erfolg von Peking war seine Freundin in der Nähe von Heidelberg bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ganz unverschuldet. Ein Zeichen, das für Matthias Steiner furchtbar und unverständlich war. Und dann kam der große Erfolg von Peking. Er konnte sein Glück kaum fassen. Wie ein Tanzbär tobte er durch die Sporthalle. Unfassbar! Und dann bei der Siegerehrung hielt Matthias Steiner in der einen Hand seine Goldmedaille, in der anderen das Bild seiner toten Freundin. Zwei Zeichen. Zeichen des Lebens und des Todes. Zwei Zeichen für das, was Gott ihm zugemutet und geschenkt hat.

Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts gelesen
Als Kinder sind wir nicht in der Lage, die Zeichen unseres Lebens zu verstehen. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass ich versuche, die vielen Zeichen in meinem Leben zu einer Sprache zusammenzufügen und diese Sprache zu verstehen. So ist es eben: Leben will vorwärts gelebt und rückwärts gelesen werden. Und bei diesem Lesen der verschiedenen Zeichen in meinem Leben mache ich dann wunderbare Entdeckungen:
Meine Jugendzeit, in der ich schwere Krankheiten in meiner Familie miterleben musste – damals für mich unverständlich, heute Zeichen für Gottes Begleitung in dunklen Tälern des Lebens.
Die Geburt unserer drei gesunden Töchter und die Freude an ihrem Heranwachsen - Zeichen der liebenden Schöpferkraft Gottes.
Das Zusammenleben mit unserer Tochter, unserem Schwiegersohn und unseren drei Enkelkindern – Zeichen der Liebe Gottes, die mich trägt.
Meine Gesundheit, die mich während meiner über 30jährigen Berufstätigkeit noch niemals im Stich gelassen hat – Zeichen der Güte Gottes, die jeden Morgen neu ist.
Die vielen bunten und schönen Gottesdienste, die ich unserer Landeskirche an so vielen Orten feiern kann – wie heute Morgen mit Euch – Zeichen der Gemeinschaft mit Jesus Christus.
Dass ich eine Landeskirche leiten darf, in der so vieles geschieht, das Zeugnis ablegt von Jesus Christus und dem, was er zu unserem Heil getan hat – Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk.

"Signale unseres Lebens wollen verstanden, die vielen unverständlichen Zeichen zu einer Sprache zusammengeführt werden. Zu einer Sprache des Lebens, die etwas erzählt von Gottes Wirken in unserem Leben."

Ja, unser Leben wartet darauf, von uns gelesen zu werden. Die vielen Zeichen, die wir in unserem Leben entdecken, wollen entschlüsselt, erfasst, erkannt, entdeckt werden. Signale unseres Lebens wollen verstanden, die vielen unverständlichen Zeichen zu einer Sprache zusammengeführt werden. Zu einer Sprache des Lebens, die etwas erzählt von Gottes Wirken in unserem Leben. Dazu kann uns die biblische Botschaft von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, helfen. Sie hilft uns, die Zeichen in unserem Leben zu deuten. Sie hilft uns zu erkennen, dass Gott nicht nur in Stunden des Glücks bei uns ist, sondern auch in den Dunkelheiten und Tiefen unseres Lebens. Jesus Christus hilft uns zu entdecken, dass Gott auch auf den krummen Linien unseres Lebens gerade schreibt, wie es einer mal schön gesagt hat. Der gekreuzigte und auferstandene Christus hilft uns, auch jene Zeichen des Lebens zu verstehen, die uns in Abgründe und Tiefen führt. Und er hilft uns, in diesen Tiefen auf seine Begleitung zu vertrauen. Denn er ist das A und das O, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende auch unseres Lebens. Er umfasst es mit seiner Liebe. Die Zeichen unseres Lebens fügen sich zusammen unter seinem Wort „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Amen