Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schwestern und Brüder,
von Jahr zu Jahr nimmt bei mir die Freude auf den Tag badischer Pfarrerinnen und Pfarrer zu. Das Vertrautsein miteinander wächst, und in diesem Jahr werde ich erstmals als Landesbischof die Ehrung von Jubilarinnen und Jubilaren miterleben, die bereits vor 10 Jahren ein Ordinationsjubiläum begehen konnten. Immer stärker empfinde ich diesen Tag wie ein großes Familientreffen, ein Treffen in der großen familia Dei, wie sie auch in der badischen Pfarrerschaft Gestalt gewinnt. Für mich, wie für viele ist dieser Tag ein Tag des Wiedersehens, der sich mit vielen Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes, manchmal auch an gemeinsam Durchlittenes verbindet. Für mich besonders ist dies ein Tag, der mir Gelegenheit gibt, von Herzen Danke zu sagen für all die vielen Dienste, die Sie in unserer Landeskirche und für unsere Kirche an verschiedenen Orten tun - in Gemeinden und Schulen, in Werken und diakonischen Einrichtungen, auf so genannten Funktionspfarrstellen und neuerdings oft auch auf befristeten Projektstellen, die eine besondere Chance und Herausforderung darstellen. Danken möchte ich auch all jenen, die bereits offiziell im „Stand der Ruhe“ sind, aber dennoch an vielen Stellen Vertretungen übernehmen, Kollegen und Kolleginnen entlasten und Gemeinden und Bezirke mit ihren Diensten und Ideen bereichern. Ich freue mich immer wieder über die Verbundenheit der Ruheständler mit unserer Kirche, wie sie mir auch in vielen Briefen signalisiert wird.
Prinzip Menschlichkeit
Warum ich mich in diesem Jahr besonders auf diesen Tag gefreut habe, liegt an der Wahl des Referenten und des von ihm gewählten Themas. Im Urlaub des Jahres 2007 las ich das Buch von Joachim Bauer „Prinzip Menschlichkeit“, und es hat mich ungemein in seinen Bann gezogen. Keine Angst, ich werde nun nicht aus diesem Buch referieren, das wird der Referent selbst viel kompetenter und eindrucksvoller tun. Ich will aber in einer besonderen Weise an den Titel des Buches anknüpfen: „Prinzip Menschlichkeit“. Ich werde nicht auf die Forschungsergebnisse von Prof. Bauer eingehen, sondern unseren Pfarrberuf unter diesem Titel in den Blick nehmen. Wenn wir Menschen befragen würden, was ihnen an der Person ihres Pfarrers oder ihrer Pfarrerin am meisten gefällt, was ihnen deren Berufsausübung besonders sympathisch macht, was diesem Beruf besondere Ausstrahlung verleiht, dann würde ganz gewiss vor der Benennung der theologischen Kompetenz genannt werden: „Wir schätzen an unserem Pfarrer, an unserer Pfarrerin, dass sie so menschlich sind.“
Mit dem Attribut „menschlich“ wäre dann sehr Verschiedenartiges gemeint. Menschlichkeit erwarten viele zunächst von uns in der Kommunikation mit Gemeindegliedern oder Schülerinnen, mit Mitarbeiterinnern oder Patienten. Unter menschlicher Kommunikation würde wohl vor allem eine Kommunikation auf Augenhöhe verstanden werden, die das Gegenüber wert schätzt und ernst nimmt. Es muss ja nicht gleich jene - oft anbiedernde - Kommunikation sein, die meint, auf ein „Du“ mit möglichst vielen nicht verzichten zu können.
Menschlichkeit im Pfarrberuf zeichnet sich im Weiteren dadurch aus, dass Menschen in diesem Beruf auch wirklich als Menschen erfahren werden – auch mit manchen Emotionen und Stimmungen, denen wir oft ausgeliefert sind, mit all den Gaben und Nichtbegabungen, die uns von Gott geschenkt oder verwehrt wurden, aber auch mit all den Stärken und Schwächen, die unser Menschsein in seiner Gebrochenheit auszeichnen. Einen ehrlichen Umgang mit eigenen Schwächen in der Pfarrerschaft achten die Menschen mit Recht höher als die Stilisierung scheinbarer Unfehlbarkeit. Allerdings wünschte ich mir manchmal, dass so manche Schwäche nicht nur eingestanden oder gar kultiviert, sondern auch einmal bearbeitet würde.
"Wenn wir Anteil nehmen am Leben der Menschen in unseren Gemeinden und Schulen, in unseren Einrichtungen und Werken, dann werden wir als menschlich erlebt."
Menschlichkeit im Pfarrberuf wird sicher ferner dann erlebt, wenn wir in unserem Pfarrberuf Anteil nehmen an dem Leben, das die Menschen in ihrem Alltag gestalten. Der Pfarrer auf dem Sportplatz oder beim Fest des Gesangvereins, die Pfarrerin beim Open-Air-Konzert oder beim Stadtmarathon (wenn er nicht am Sonntag gestartet wird), der Pfarrer im Opernhaus oder in der Disco, die Pfarrerin beim Literaturtreff in der Volkshochschule oder bei der Besichtigung einer Solarfabrik - beliebig könnte ich die Beispiele vermehren, die zeigen sollen: Wenn wir Anteil nehmen am Leben der Menschen in unseren Gemeinden und Schulen, in unseren Einrichtungen und Werken, dann werden wir als menschlich erlebt. Dann wird deutlich, dass unser Beruf etwas mit dem Leben der Menschen zu tun hat.
Und damit komme ich zum letzten und wohl entscheidenden Kennzeichen, an dem Menschen spüren, ob das Prinzip Menschlichkeit uns in unserem Beruf prägt: Wenn unsere Verkündigung des Evangeliums vom Mensch gewordenen und menschenfreundlichen Gott als für die Menschen heilsam erfahren wird, dann nimmt diese Verkündigung jenes auf, was ich in den ersten drei Punkten benannt habe:
Sie geschieht menschlich kommunikativ,
sie lässt erkennen, wie wir selbst als Menschen von dem Evangelium Angerührte, Befreite und Geforderte sind -
und wie dies Evangelium Relevanz für alle Bereiche menschlichen Lebens hat.
Nicht den Menschen nach dem Mund reden
Solche menschliche Verkündigung des Evangeliums wird aber - davon bin ich je länger desto mehr überzeugt - nicht gelingen, wenn wir uns in der Verkündigung ausschließlich an unseren menschlichen Adressaten und ihren Glaubensvorstellungen orientieren. Das wäre der Ausverkauf des Evangeliums, wie er etwa von Klaus-Peter Jörns in seinem Buch „Notwendige Abschiede“ über weite Strecken propagiert wird. Gewiss: Das Evangelium von Jesus Christus ist ein Evangelium, in dem das Prinzip Menschlichkeit leitend ist - nun aber gerade nicht so, dass es menschliche Erwartungen und Bedürfnisse einfach befriedigt, menschliche Glaubensvorstellungen und Lebensverhältnisse einfach stabilisiert.
"Es ist Gottes großes Ja zu uns, aber es kommt uns auch immer wieder als Nein Gottes in die Quere."
Das Evangelium, das den Menschen Heil zuspricht, steht auch immer wieder quer zu menschlichen Erfahrungen und Vorstellungen. Es ist Gottes großes Ja zu uns, aber es kommt uns auch immer wieder als Nein Gottes in die Quere. Das Wort vom Kreuz durchkreuzt so manche menschlichen Hoffnungen und Pläne. Oder um es mit den Worten der 2. These der Barmer Theologischen Erklärung zu sagen: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben.“ Menschlich wird unsere Verkündigung des Evangeliums nicht dadurch, dass wir den Menschen nach dem Mund reden. Aber eben so wenig, wenn die von uns verkündigte Botschaft des Evangeliums allzu abständig vom Leben der Menschen erfahren wird. In der Spannung zwischen diesen beiden Polen steht unsere ganze Verkündigung immer wieder, das werden Sie selbst oft genug in Ihrem Dienst erfahren. Wir sind herausgefordert, das Evangelium von Jesus Christus so in das Leben der uns anvertrauten Menschen hinein zu sprechen, dass es von ihnen als relevant erfahren wird - bestätigend und korrigierend, entlastend und zurecht bringend, zusprechend und fordernd.
Auslegung der Bibel und die Auslegung des Lebens
Um dem Auftrag einer wirklich menschlichen Verkündigung des Evangeliums genügen zu können, hilft ungemein - das erlebe ich nach nun über 30jähriger Predigttätigkeit immer wieder - eine intensive Beschäftigung mit den bibischen Texten. Hilft gute Exegese und intensive Predigtvorbereitung. Eine Predigt aus dem Internet kann Impulse geben, aber das bloße Herunterladen und Vortragen einer fertigen Predigt ist für mich nicht nur ein geistloser Vorgang; er ist gewiss auch nicht geeignet, unser Predigen menschlich ansprechend zu gestalten. Wir dürfen nicht aufhören, die Texte der Bibel wirklich zu lesen – auch und zuerst für uns selbst, um ihre Botschaft menschlich zu vermitteln.
"Je näher wir am biblischen Text sind, desto näher sind wir auch bei den Menschen."
Natürlich sind die „Texte“, die wir zu lesen haben, nicht nur die Texte der Bibel, sondern auch die Texte des menschlichen Lebens, eben auch des eigenen. Die Auslegung der Bibel und die Auslegung des Lebens gehören untrennbar zusammen. Es kann nicht gut gehen, wenn wir meinen, uns in der Deutung des Lebens verausgaben zu können, ohne uns zurück zu beziehen auf das von Gott gesprochene Wort. Es kann aber auch nicht gut gehen, wenn wir uns ausschließlich der Bibelauslegung zuwenden und dabei die Lebenswirklichkeit der heute lebenden Menschen aus dem Blick verlieren. Weltzugewandtheit und Bibelzugewandtheit bedingen einander. Je näher wir am biblischen Text sind, desto näher sind wir auch bei den Menschen. Wollen wir den Menschen helfen, ihren Lebenstext zu lesen, müssen wir uns um ein wirkliches Verstehen biblischer Texte bemühen. Und solches Bemühen hat sehr viel mit Lebenserfahrung zu tun. Denn die biblischen Texte reden von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Wenn wir die Lebenserfahrungen der uns anvertrauten Menschen ebenso wahrnehmen und deuten wie auch die Lebenserfahrungen, die in den Texten der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben, dann werden wir in unserer Verkündigung als menschlich erlebt, weil in dieser Verkündigung der Gott zu Wort kommen kann, dem es an uns Menschen gelegen ist. All dies ist Ihnen nicht neu, ich denke aber, es ist gut, wenn wir – mich selbst eingeschlossen – uns dies immer wieder in Erinnerung rufen.
„Prinzip Menschlichkeit“ - wie wir dieses Prinzip in unserem Beruf verwirklichen können, darüber wollte ich heute Morgen mit Ihnen nachdenken. Ich danke Herrn Professor Bauer, der mir zu diesem Nachdenken den Anstoß gegeben hat. Ich danke aber vor allem Ihnen allen, die Sie in Ihrem Dienst als Pfarrerin und Pfarrer die Botschaft vom Mensch gewordenen und menschenfreundlichen Gott den Menschen so nahe bringen, dass sie daraus Heilsames für ihr Leben gewinnen.
