Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte Sie, die Vertreterinnen und Vertreter der Öffentlichkeit wie die Vertreterinnen und Vertreter der Kirche, ganz herzlich begrüßen zu dieser Begegnung im Rahmen der Visitation im Kirchenbezirk Offenburg. Zum dritten Mal innerhalb sehr kurzer Zeit sind wir visitierend zu Gast in der Ortenau. Manche von Ihnen mögen schon an den Empfängen in den Kirchenbezirken Lahr und Kehl teilgenommen haben. Umso mehr freue ich mich, dass Sie sich Zeit genommen haben zu dieser Begegnung, die Gelegenheit gibt, für einen Augenblick aus dem gewohnten Alltag auszusteigen und uns mit grundsätzlichen Fragen zu beschäftigen.
Die Würde des Menschen hängt nicht von seiner Leistung ab
„Und wo bleibt der Mensch?“ Diese Themenstellung haben Sie für diesen Empfang gewählt und mich damit eingeladen, mit Ihnen über grundlegende unser Menschsein betreffende Fragen nachzudenken. Dies kann ich mit ganz besonderer Aktualität tun. Vor wenigen Tagen nämlich ist die neueste Denkschrift der EKD über die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche erschienen. In dieser Denkschrift unter dem Titel „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ gibt es eine Passage, die wie kaum ein anderer Text geeignet ist, grundsätzlich in unser Thema einzuführen. Unter der Fragestellung, zu welchen Themen die Kirche das Wort zu ergreifen habe, lesen wir Folgendes:
„Unbeschadet der Zeitgemäßheit und Aktualität, an denen kirchlichen Äußerungen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen gelegen sein muss, sind bestimmte Inhalte von unwandelbarer Bedeutung. Hierzu zählt in besonderer Weise die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die als Fundamentalnorm des Grundgesetzes konstitutiv auch für den demokratischen Rechtsstaat und seine Verpflichtung zur Humanität ist.
Allerdings wurde in den letzten Jahren in unterschiedlichen Kontexten des öffentlichen und politischen Diskurses – insbesondere in bio- und medizinethischen Debatten – kontrovers diskutiert, ob und wie sich die Würde des Menschen begründen und verstehen, entdecken und in ihrem Geltungsbereich definieren lässt. Nach christlichem Verständnis verdankt sich die Würde des Menschen nicht einer menschlichen Zuschreibung, sondern sie ist dem Menschen mit seinem Dasein von Gott gegeben, steht darum nie zur Disposition und darf nicht zugunsten anderer Interessen eingeschränkt werden.
Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift, gründet Würde in der Beziehung, in die Gott selbst sich zum Mensch als seinem Geschöpf und Ebenbild setzt. Die Würde des Menschen hängt nicht von seinem Entwicklungsstand ab, nicht von seiner Leistung und Leistungsfähigkeit, nicht von seiner Substanz, nicht von dem Status, den andere Menschen ihm zubilligen, sondern davon, dass Gott ihn will, ihm Leben schenkt, ihn liebt und ihn, auch wenn er von Gott nichts wissen will, dazu bestimmt, gerechtfertigt zu werden. Niemand sonst als Gott selbst ist es, der Menschenwürde zuspricht. Deshalb ist die Würde des Menschen menschlicher Verfügungsgewalt entzogen – sie ist, wie es das Grundgesetz prägnant formuliert, ‚unantastbar’.“
Würde des Menschen im gesellschaftspolitischen Diskurs
Diese theologisch grundlegenden Aussagen gilt es in gesellschaftspolitische Diskurse einzubringen, also in all jene Diskussionen, die uns innerhalb und außerhalb der Kirche derzeit bewegen und von denen ich einige kurz stichwortartig benenne:
- Wie wird die Würde des Menschen gewahrt oder gefährdet am Ende des Lebens, gewahrt etwa in der menschenwürdigen Sterbebegleitung einer Hospizhilfe und gefährdet in der aktiven Sterbehilfe, wie sie zum Beispiel von der Organisation Dignitas propagiert wird?
"Wo muss um der Wahrung menschlicher Würde willen der staatlichen Schutzpflicht des Lebens eine Grenze gezogen werden, wo dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen?"
- Wie wird die Würde des Menschen gewahrt am Ende des Lebens, wenn wir zwischen der ärztlichen Pflicht zur Lebenserhaltung und der staatlichen Schutzpflicht für das Leben einerseits und dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen andererseits abwägen, wie es z.B. in einer Patientenverfügung dokumentiert ist? Wo muss um der Wahrung menschlicher Würde willen der staatlichen Schutzpflicht des Lebens eine Grenze gezogen werden, wo dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen?
- Wie wird die Würde des Menschen gewahrt angesichts der demographischen Entwicklung, wenn leichtfertig von einer „Überalterung“ oder gar „Vergreisung“ unserer Gesellschaft gesprochen wird? Wie einseitig diese Begriffe sind, wurde mir deutlich, als ich kürzlich jemanden von der „Unterjüngung“ der Gesellschaft reden hörte. Überalterung oder Unterjüngung? Müssten wir in jedem Fall nicht viel mehr von den Chancen des Alters reden und diese entdecken, wie es etwa vorbildlich in diesem Kirchenbezirk in Bereichen der Seniorenarbeit geschieht, aber auch in etlichen Programmen unserer landeskirchlichen Erwachsenenbildung?
- Wie wird die Würde des Menschen gewahrt am Anfang des Lebens, wenn Spätabtreibungen bis wenige Wochen vor der Geburt in unserem Lande möglich sind oder wenn die Forschung an embryonalen Stammzellen fortgesetzt und ausgedehnt wird um den Preis der massenhaften Tötung werdenden menschlichen Lebens? Was bedeutet es konkret, dass menschliches Leben zur Wahrung seiner Würde niemals als Mittel zu einem scheinbar höheren Zweck behandelt werden darf?
- Wie wird die Würde des Menschen gewahrt in den wirtschaftlichen Zwängen, unter denen unser Gesundheitswesen leidet, wenn gefährliche Entwicklungen hin auf eine Zwei-Klassen-Medizin zunehmen. Oder wenn – wie am 1. Mai beim Offenburger Fernsehgottesdienst von einer Mitarbeiterin gesagt – in vielen Einrichtungen der Sparzwang die Sorge um den Menschen an den Rand zu drängen droht? Wo bleibt der Mensch, wenn wirtschaftliche Zwänge eine optimale ärztliche Versorgung nicht mehr möglich machen?
Und wo bleibt der Mensch?
Aktive oder passive Sterbehilfe, Grenzen menschlicher Selbstbestimmung am Ende des Lebens, Bewertung des Alters als Übel oder Chance, Inkaufnahme der Tötung werdenden menschlichen Lebens, Spar- und Sachzwänge im Gesundheitswesen – bei allen Fragestellungen, die derzeit gesellschaftlich diskutiert werden, geht es um die Frage, die Sie als Thema über diesen Empfang gesetzt haben: „Und wo bleibt der Mensch?“ Immer geht es um die Frage, ob und unter welchen Umständen die Menschenwürde auf der Strecke bleibt. Und weil es um den Menschen und seine Würde geht, müssen wir uns als Kirche in den gesellschaftlichen Diskurs öffentlich einmischen. Müssen wir betonen, dass die Würde eines Menschen nicht abhängt von Leistung oder Leistungsfähigkeit, von seiner Substanz oder seinem Status, sondern allein davon, dass Gott ihn will, ihm Leben schenkt, ihn liebt und ihn dazu bestimmt, gerechtfertigt zu werden. Um der Unantastbarkeit der menschlichen Würde willen, hat sich Kirche öffentlich zu Wort zu melden. Und wenn sie dieses tut, ist sie bei ihrer ureigensten Sache.
"...der Fitnesskult unserer Gesellschaft suggeriert, dass nur ein solcher Mensch ein wirklich sinnvolles Leben führen kann. Welch eine Verkürzung des Menschseins bedeutet dies!"
Und wo bleibt der Mensch? Nach meiner Wahrnehmung stellt sich die Frage besonders eindringlich dort, wo ein bestimmtes Bild des Menschen in unserer Gesellschaft produziert oder propagiert wird. Der ewig jugendliche und fitte, stets gut gestylte und schlanke, ein bestimmtes Schönheitsideal verwirklichende und leistungsstarke Mensch – der Fitnesskult unserer Gesellschaft suggeriert, dass nur ein solcher Mensch ein wirklich sinnvolles Leben führen kann. Welch eine Verkürzung des Menschseins bedeutet dies! Anti-Ageing-Kampagnen wollen glauben machen, es gäbe probate Mittel gegen das Altwerden und damit auch für ein lebenslanges Gesundbleiben. Wo dieses Ideal propagiert wird, da erscheint alles Unschöne und Hässliche, alles Zerbrechliche und Defekte als etwas dem Menschen Fremdes. Als etwas, das seine Würde beschädigt.
"Vergötzen oder vergöttern wir mit dieser Redeweise nicht die Gesundheit und verlieren damit den Menschen in seiner Gebrochenheit aus dem Blick?"
Ganz deutlich wurde mir dies, als ich in diesem Jahr in Heidelberg die „Woche für das Leben“ eröffnete. Sie stand unter dem Titel „Gesundheit - höchstes Gut?“ Spontan möchten wir dieser Frage zustimmen. Denn wer von uns wollte nicht gesund sein! Und in der Tat verstärkt eine hoch entwickelte Medizin die Hoffnung unzähliger Menschen, von Krankheiten geheilt zu werden; scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten der Herstellung von Gesundheit scheinen sich aufzutun. Aber wenn wir das so sagen „Gesundheit - höchstes Gut“, was tun wir dann? Vergötzen oder vergöttern wir mit dieser Redeweise nicht die Gesundheit und verlieren damit den Menschen in seiner Gebrochenheit aus dem Blick? Der katholische Theologe und Psychotherapeut Manfred Lütz hat kürzlich gesagt: „Gesundheit als höchstes Gut zu propagieren, ist eine Anleitung zum Unglücklichsein… Gesundheit ist eine wichtige Rahmenbedingung des Lebens. Aber sie taugt nicht als Lebensinhalt. Wenn Menschen versuchen, sich mit religiöser Inbrunst das ewige Leben durch die Verrichtung guter Gesundheits-Werke… zu verdienen, gehen sie in die Irre… Die Gesundheitsreligion ist völlig egoistisch… Man kann mit wenig Euros in armen Ländern ein Leben retten. Stattdessen lässt man sich bei uns für viel Geld die Haut stramm ziehen.“
Heilsein ist mehr
Der Blick hinein in biblische Texte lehrt uns anderes. Der Blick auf den leidenden Christus lehrt uns, dass Lebensfülle mehr ist als Gesundheit und Unverwundetsein. Der Blick auf den Gekreuzigten lässt uns das wirklich höchste Gut erkennen, auf das wir im Leben und im Sterben setzen dürfen: das Ja Gottes zu uns in allen Phasen unseres Lebens, auch im Leiden. Gesundsein, Heilsein ist mehr – und manchmal anderes - als ein gesunder Körper. Gesundheit ist Kraft zum Menschsein. Um des Menschen und seiner Würde willen dürfen wir gerade das Gebrochene, dürfen wir die Wunden in unserem Leben nicht verdrängen.
"Wo diese Götzen angebetet werden, wird der Mensch verzweckt, wird seine Würde beschädigt."
„Und wo bleibt der Mensch?“ Vielleicht wird deutlich: Es ist eine durchaus reale Gefahr, dass wir das Menschsein auf dem Altar verschiedener Götzen opfern: der Gesundheitskult gehört zu jenen Götzen ebenso wie etwa die Gewinnmaximierung oder Leistung und Selbstbestimmung um jeden Preis. Wo diese Götzen angebetet werden, wird der Mensch verzweckt, wird seine Würde beschädigt. Gegen jede Verzweckung des Menschen, ob sie nun im Namen medizinischer Forschung oder ökonomischer Zielsetzungen, im Namen einer Wohlfühlideologie oder eines absolut gesetzten Selbstbestimmungswillens, im Namen wahnhafter Ideale oder auch religiöser Verblendungen geschieht, gegen jede solche Verzweckung des Menschen haben wir zu betonen: Die Würde des Menschen hängt nicht von seinem Entwicklungsstand oder seiner Leistungsfähigkeit ab, nicht von seiner Substanz oder seinem Status, nicht davon, dass andere sie ihm zuschreiben. Die Würde des Menschen hängt allein davon ab, dass Gott ihm Leben schenkt und ihn liebt. Hier bleibt der Mensch. Er bleibt ein gottgewollter und geliebter, mit Würde beschenkter Mensch - vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende. Nicht einmal mit dem Tod geben wir unsere Würde ab. Noch das Ende wird bei Gott zu einem Neuanfang, so hoffen wir es.
Ich danke Ihnen allen, die Sie sich in Verwaltungen und Behörden, in Einrichtungen des Bildungs- und des Gesundheitswesens, in Parlamenten und Justizbehörden, in der Kirche und ihrer Diakonie, im öffentlichen und kirchlichen Leben dafür einsetzen, dass der Mensch und seine Würde im Mittelpunkt allen Planens, Denkens und Handeln stehen. Und ich bitte Sie, auch weiterhin jeder Verzweckung des Menschen zu wehren – um der Humanität unserer Gesellschaft willen und um der Menschen willen, die uns anvertraut sind.
