Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Epheser 4,1-6
„So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Langmut. Ertragt einander in Liebe und seid darauf bedacht, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie es ja auch eine Hoffnung ist, die euch durch eure Berufung zuteil geworden ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“
Liebe Gemeinde, an einem solchen Festtag möchten wir eigentlich keine Ermahnungen hören. Aber so ist es nun einmal. Die Worte der Bibel stehen bisweilen quer zu unseren Bedürfnissen und Emotionen. Also nicht die Emotion des Dankes ist es, die durch dieses Bibelwort in uns angerührt wird, eher schon die Emotion der Nachdenklichkeit und der Ermutigung. Wenn der Verfasser des Epheserbriefes mahnt „lebt würdig der Berufung, mit der ihr berufen seid“, dann meint er natürlich zunächst einmal seine Adressaten in Ephesus. Gemeint aber sind letztlich dann doch wir alle, die wir uns heute zum 100jährigen Jubiläum dieser Kirche eingefunden haben. Ja, wir alle sind angesprochen, denn in der Taufe sind wir berufen worden. Wir alle, die wir getauft sind, sind durch die Taufe zu Priesterinnen und Priestern berufen, wie Martin Luther es immer und immer wieder betont hat. Über Ihre Berufung in der Gestaltung Ihrer Gemeinde hier zu leben, will ich Sie ermutigen.
Protestantisches Chaos und Einheit der Kirche
Von dieser Berufung heißt es, dass sie begründet ist in einer siebenfachen Einheit. Wir Evangelischen haben ja so unsere Mühe mit der Einheit der Kirche. Wir lieben es, in der Kirche unsere eigenen Interessen durchzusetzen. Wir schätzen es, unsere Eigenheiten zu pflegen. Wir sind stolz darauf, dass man in unserer Kirche die Vielfalt ausleben kann. Das wird in Herbolzheim nicht anders sein als in Wertheim oder Hannover, in Leipzig oder Bremen. Wir haben im Protestantismus wahrlich keinen Mangel an Individualismus - das macht ja auch den Charme und die Fröhlichkeit des bisweilen munter sprießenden protestantischen Chaos aus. Nun aber wird uns als Grundlage unserer Berufung die Einigkeit im Geist in Erinnerung gerufen, nein: sie wird uns geradezu eingebläut: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller. Siebenmal dieser Ausruf der Einheit. Wie ein gewaltiger liturgischer Sprechchor. Siebenmal diese Erinnerung an das, was uns vorgegeben ist. Bevor wir als in der Taufe Berufene überhaupt etwas tun, bevor wir irgendeine Initiative in der Gemeinde starten, ist diese siebenfache Einheit schon vorhanden. In ihr stehen wir, in ihr bewegen wir uns. Diese Einheit hat uns Gott geschenkt, von dieser Einheit werden wir getragen. Diese Einheit ist nicht das Ergebnis unseres Wirkens in der Kirche. Nein: Diese siebenfache Einheit ist Grundlage unserer Berufung und unserer Arbeit in der Kirche. Auf der Grundlage dieser Einheit können und sollen wir unseren Auftrag als Berufene in der Gemeinde individuell gestalten.
"Demut, Sanftmut und Langmut sind nicht zu verwechseln mit Schwäche und Immer-Nachgeben. Dieser dreifache von der Liebe getragene Mut hat die Kraft, Menschen zu verändern..."
Aber wie nun? Dafür gibt der Text aus dem Epheserbrief einen dreifachen Impuls: Aus der Wirklichkeit der Einheit sollen wir dreifachen Mut schöpfen: De-mut, Sanft-mut und Lang-mut. Dieser dreifache Mut ist nicht zu verwechseln mit jenem Mut, der sich als Übermut der Macht und der Rücksichtslosigkeit darstellt. Nein: Getragen ist dieser dreifache Mut von der Liebe. „Ertragt einander in Liebe“ mit dreifachem Mut! Wenn ihr dies tut, dann lebt ihr würdig eurer Berufung. Ja, christlicher Mut hat sich zu orientieren an jenem Mut, den Jesus Christus bewiesen hat: Langmütig ist er den Menschen begegnet. Sanftmütig hat er den Anfeindungen seiner Gegner widerstanden. Demütig ist er den Weg zum Kreuz gegangen. Und dies alles aus Liebe zu den Menschen und aus Liebe zu Gott. Und in seiner Auferstehung wurde deutlich, welch eine Kraft dieser dreifache Mut freisetzt. Demut, Sanftmut und Langmut sind nicht zu verwechseln mit Schwäche und Immer-Nachgeben. Dieser dreifache von der Liebe getragene Mut hat die Kraft, Menschen zu verändern, hat die Kraft, Leben zu gestalten und neues Leben hervorzubringen. Mit diesem dreifachen, von der Liebe getragenen Mut leben wir unserer Berufung würdig.
Band des Friedens
Liebe Gemeinde, eine siebenfache Einheit liegt unserer Berufung zugrunde - das ist die große Verheißung, unter der wir alle leben. Und in dreifachem Mut sollen wir würdig unserer Berufung leben - das ist der große Auftrag für unser Leben. Und beides - die siebenfache Einheit und den dreifachen Mut - fasst der Epheserbrief zusammen in der Mahnung: „Seid darauf bedacht, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens.“ Auch diese zusammenfassende Mahnung gilt uns allen.
Was hielt und was hält unsere Gemeinde im Innersten zusammen? Und bei der Beantwortung dieser Frage kann Ihnen helfen, was der Verfasser des Epheserbriefes als Grund der Einheit der Kirche siebenfach ausruft. Dies darf ja nicht bloße Proklamation sein, dies verlangt ja nach „Fleischwerdung“ im Gemeindeleben. Spalterische Gruppeninteressen müssen überwunden, Egoismen abgewehrt werden. Gemeinsame Traditionen müssen vergegenwärtigt, gemeinsame Hoffnung formuliert werden. Jeder und jede hat in einer Gemeinde das Recht, eigene Positionen zu vertreten. Aber alle müssen ihre eigene Position sanftmütig und langmütig in Liebe anderen vermitteln, und die eigene Identität demütig in Liebe einbringen in das Gespräch der Gemeinde. Natürlich sollen Interessen einzelner Gruppen in einer Gemeinde beherzt vertreten werden, aber sie sind immer zurück zu beziehen auf das, was Einheit stiftend in der Kirche vorgegeben ist: „ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“. Und die Vertretung eigener Interessen hat immer zu geschehen in jenem dreifachen Mut, der getragen ist von der Liebe, in De-mut, Sanft-mut und Lang-mut.
Berufen zum Zeugnis
Natürlich muss in einer Gemeinde auch einmal das Wort ergriffen werden zugunsten bestimmter Gruppierungen in unserer Gesellschaft, etwa für jene, die Opfer einer oft gnadenlosen Asylpraxis sind.
Natürlich muss eingetreten werden für das Lebensrecht aller Menschen, der ungeborenen Kinder ebenso wie der Behinderten oder all jener, die alt und gebrechlich sind.
Natürlich müssen Menschen in einer Gemeinde ihre Stimme erheben, wenn das politische Wirken um nachhaltigen Schutz der Lebensräume auf dieser Erde nachlässt.
Natürlich müssen sich andere einmischen, wenn der Schutz des Sonntags durch fortschreitende Kommerzialisierung des Lebens gefährdet wird.
An all solchen Streitpunkten ist die Stimme jener gefragt, die in ihrer Taufe zu Zeugnis und Dienst in der Welt berufen sind. Unsere Berufung in der Taufe, unser Glaube an den einen Gott, unsere Hoffnung auf das Reich Gottes - sie nötigen uns zu einem Zeugnis für Gott, den Vater aller Menschen. Und dieses Zeugnis kann und muss dann alle Lebensbereiche umfassen, nicht nur das interne Leben einer Gemeinde.
"Einheit in der Gemeinde ist nicht dann erreicht, wenn alle die Meinung des Pfarrers teilen..."
Aber genau an dieser Stelle wird es dann wichtig, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens. Einheit in der Gemeinde ist nicht dann erreicht, wenn alle die Meinung des Pfarrers teilen, sondern dann, wenn in einem offenen Klärungsprozess eine angstfreie Atmosphäre geschaffen ist, die das gemeinsame Suchen nach tragfähigen Antworten des Glaubens möglich macht. Wissend um die siebenfache Einheit, die uns allen vorgegeben ist, können und sollen Sie an der Einheit Ihrer Gemeinde arbeiten, aber auch an der Einheit der Kirche in dieser Welt - würdig Ihrer Berufung im dreifach mutigen Wirken in der Liebe. Welch ein wunderbarer Auftrag für die Zukunft Ihrer Gemeinde! Amen.
