Zu 1 Mose 2,4-9.15
Liebe Gemeinde,
welche Weisheit liegt doch darin, dass ich als Gastprediger am Berliner Dom den Predigttext vorgegeben bekomme. Denn so bin ich aufgefordert, heute mit Ihnen über einen ganz zentralen Text der Bibel nachzudenken, über Worte aus dem 2. Kapitel des 1. Mosebuches:
„Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen, denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber Quellwasser stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub vom Acker und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. Und so war der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“
Viele werden es wissen: Die eben gehörten Worte bilden den Beginn des so genannten „zweiten Schöpfungsberichts“, der in der Bibel unmittelbar hinter dem noch bekannteren Bericht von den sieben Schöpfungswerken Gottes steht. Eigentlich ist die Bezeichnung „zweiter Schöpfungsbericht“ irreführend,
denn zum einen ist dieser Text aus dem 2. Kapitel des Buches Genesis in Wahrheit einige Jahrhunderte älter als jener sog. erste Schöpfungsbericht, mit dem die Bibel beginnt, zum anderen kommt in diesem Text die ganze Weltschöpfung gar nicht in den Blick, und schließlich ist unser Text gar kein Bericht, sondern eine Erzählung.
Während es dem ersten Schöpfungsbericht um eine möglichst präzise Darstellung der von Gott gewirkten Entstehung der Lebensräume und Lebewesen geht, wird in unserem Text ganz aus der Perspektive des Menschen erzählt. Der Mensch erscheint nicht wie die Krone des gesamten Schöpfungswerks, sondern wie der Mittelpunkt eines Kreises, um den sich alles dreht. Tiere gibt es noch nicht, auch Pflanzen nicht. Die Schöpfung wird dargestellt wie ein großer Acker oder Garten, in den der Mensch von Gott gesetzt wird. Hätte ich noch weiter gelesen, dann wäre die bildhafte, lustvolle Art dieses Erzählens noch deutlicher geworden. Aber hier wird keine Geschichte aus grauer Vorzeit erzählt. Nein: Fast märchenhaft wird etwas erzählt, das bedeutsam ist für das Heute wie für die Zukunft der Menschheit. Grundlegende Aussagen werden getroffen über den Menschen, seinen Ort in der Schöpfung, sein Verhältnis zur Welt und zu Gott. Statt uns allzu lange an dem Bildhaften dieser Erzählung aufzuhalten, wollen wir uns diesen zentralen Aussagen über den Menschen zuwenden. Ich nenne zwei:
1. Der Mensch ist nicht Gott.
Er ist Gottes Geschöpf. „Gott machte den Menschen aus Staub vom Acker und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. So war der Mensch ein atmendes Wesen.“ Der Mensch ist ein vergängliches, irdisches Wesen. „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden.“ So sagen wir es, wenn wir Menschen zu Grabe tragen. Und diese Erfahrung der Vergänglichkeit des Menschen gehört zum Grundlegenden, mit dem Menschen sich gestern, heute und morgen auseinandersetzen müssen. Zwar weiß auch der Verfasser unserer Erzählung, dass der Mensch nicht einfach eine leblose, aus Erde geformte Masse, ein totes Gebilde aus der Hand seines Schöpfers ist, sondern ein Lebewesen voller Geist und Lebendigkeit. Ein Geschöpf Gottes, mit ihm verbunden durch den ihm eingehauchten Atem Gottes. Ein Kuss Gottes ruft den Menschen ins Leben, und seine letzte Bestimmung ist es, das Leben auszuhauchen und wieder zu Erde zu werden. Nichts und niemand kann diese Hinfälligkeit des Menschen aufheben.
"In unserer irdischen Vergänglichkeit, in unserem Angewiesensein auf den Lebensatem Gottes sind wir bezogen auf Gott, aber um Ewigkeiten unterschieden von ihm."
In unserem Bibeltext wird diese irdische Bestimmung des Menschen durch ein Wortspiel nachhaltig ausgedrückt. Der Mensch heißt auf Hebräisch „adam“, der Ackerstaub „adama“. Menschsein bedeutet also: Ackerstaub sein. Ins Deutsche übertragen könnten wir sagen: Der von der Erde genommene und zur Erde zurückkehrende Mensch ist nichts anderes als ein „Erdling“. Eine provozierende und doch so wichtige Aussage angesichts des Hochmuts, den wir Menschen entwickelt haben, wenn wir uns gern an die Stelle Gottes setzen. Wir, die wir meinen, alles in der Hand zu haben, wir werden wieder auf den Boden der Wirklichkeit geholt: Wir sind nicht Gott. In unserer irdischen Vergänglichkeit, in unserem Angewiesensein auf den Lebensatem Gottes sind wir bezogen auf Gott, aber um Ewigkeiten unterschieden von ihm.
Daran gilt es zu erinnern, wenn Menschen meinen, sich am Lebensanfang wie am Lebensende zu Herren über das Leben aufschwingen zu können. Wenn sie menschliches Leben am Lebensanfang meinen manipulieren zu dürfen. Wenn sie sich an Experimente mit embryonalen Stammzellen wagen. Wenn sie gar Klonversuche nicht mehr ausschließen. Wenn sie in menschliche Eizellen tierisches Erbgut einpflanzen. Wenn sie eigenmächtig werdendes Leben töten. Wenn sie Menschen nicht in Würde sterben lassen. Wenn sie Beihilfe zur Selbsttötung als menschliches Recht einfordern. Überall, wo dies geschieht, wird vergessen, dass wir nicht selbst Gott sind, sondern irdische Geschöpfe Gottes - von Erde genommen und dazu bestimmt, wieder zu Erde zu werden.
"Nimmt Gott seinen Lebensodem von ihm, muss der Mensch sein Leben aushauchen."
Der Mensch ist nicht Gott. Daran gilt es auch zu erinnern, wenn wir schier Übermenschliches vergötzen. Nicht selten ist dies in den Tagen der Olympischen Spiele in Peking geschehen, wenn wir nur an den Trubel über die übermenschlichen Leistungen eines Michael Phelps, seine sieben sagenhaften Weltrekorde und seine acht Goldmedaillen denken. Von welch anderer Qualität war dann jene olympische Szene, die mich - wie sicherlich auch viele von Ihnen - besonders berührt hat. Der deutsch-österreichische Gewichtheber Matthias Steiner erstieg den Olymp, indem er im Gewichtheben die Goldmedaille errang. Als er als stärkster Mann der Welt gefeiert wurde, erinnerte Matthias Steiner uns alle an die Vergänglichkeit des Menschen. Denn während bei der Siegerehrung die deutsche Nationalhymne seinen Ruhm über die Welt trug, hielt er in der einen Hand die Goldmedaille, dieses Dokument des Übermenschlichen, in der anderen Hand das Foto seiner vor einem Jahr nahe bei Heidelberg tödlich verunglückten Frau. In dem Moment, in dem unsterblicher Ruhm in Peking aufleuchtete, wurden wir erinnert an die Sterblichkeit und Hinfälligkeit unseres Menschseins. Der Mensch ist nicht Gott. Nimmt Gott seinen Lebensodem von ihm, muss der Mensch sein Leben aushauchen.
2. Aus dem Staub der Erde
Das hebräische Wortspiel von adam und adama führt zur zweiten zentralen Aussage über den Menschen in unserer biblischen Erzählung: Wenn der Mensch aus dem Staub der Erde geformt wurde und wieder zu Staub wird, dann gibt es eine schöpfungsgemäße Verbundenheit des Menschen mit der Erde. Der Mensch, der adam, ist nicht nur von der Erde, der adama, genommen, er hat auch einen Auftrag an ihr. Die Erde ist für den Menschen da, und der Mensch ist dazu bestimmt, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch ist in seinem Leben, ganz besonders in seiner Arbeit, an die Erde gewiesen und die Erde ist auf die Arbeit des Menschen angewiesen. Ohne all das, was die Erde an Früchten oder Rohstoffen hervorbringt, wäre menschliches Leben nicht möglich. Aber auch das andere gilt: Eine vom Menschen nicht kultivierte Erde wäre kein Lebensraum für den Menschen.
Mit seiner Erschaffung aus der Erde hat der Mensch sogleich von Gott einen Auftrag an der Erde, ein Mandat zum Bebauen und Bewahren übernommen. Auch wenn in unserer Erzählung die Schöpfung wie ein Garten dargestellt ist, so darf dieser Auftrag des Menschen an der Schöpfung nicht reduziert werden auf landwirtschaftliches Tun. Schon gar nicht darf die als Garten Eden bezeichnete Schöpfung als ein Paradiesgarten missverstanden werden. Nein: Die Erde war nie und ist nicht für den Menschen ein Paradies, sondern sie ist der Bewährungsort seines tätigen irdischen Menschseins. Indem wir Menschen bebauend und bewahrend an der Erde arbeiten, erfüllen wir den Schöpfungsauftrag Gottes. Erfüllen wir die Grundbestimmung unseres Lebens.
"Kultur und Zivilisation erhalten von daher ihre Würde, dass sie auf dem Auftrag Gottes an den Menschen beruhen."
Jede menschliche Arbeit kann Anteil haben am Bebauen und Bewahren der Schöpfung. Die Arbeit des Menschen in all ihren Möglichkeiten entspricht dem Schöpfungswillen Gottes. Die Arbeit - natürlich nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern auch die Familienarbeit und alle ehrenamtliche Arbeit, ja: jedes menschliche Tun - die Arbeit ist ein Mandat Gottes. Die Arbeit gehört zum Menschsein, weil der Lebensraum der Erde diese Arbeit erfordert. So gehört Arbeit zur Bestimmung des Menschen, wie ihn Gott geschaffen hat. Kultur und Zivilisation erhalten von daher ihre Würde, dass sie auf dem Auftrag Gottes an den Menschen beruhen.
Daran gilt es zu erinnern, wenn Menschen einem falschen Fortschrittsglauben verfallen oder sich in Technikbesessenheit verrennen. Wenn sie einen maßlosen Lebensstil pflegen, der verheerende Auswirkungen auf das Klima hat. Wenn sie nicht bereit sind, den Energieverbrauch drastisch einzuschränken und den CO²-Ausstoß deutlich zu reduzieren. Wenn sie nicht bedingungslos die Möglichkeiten regenierbarer Energien erforschen und stattdessen weiterhin auf Atomenergie oder auf die Ausbeutung fossiler Brennstoffe setzen. Wenn sie weiter besinnungslos Regenwälder abholzen oder Kinderarbeit tolerieren, um Produktionskosten zu senken. Wenn sie sich nicht beschränken auf die Veredelung von Pflanzen, sondern massiv ihr genetisches Material verändern. Wenn sie meinen, die Erde ausbeuten zu können, statt die wechselseitige Abhängigkeit des adam und der adama bewusst zu halten.
Mandat für die Schöpfug
So führt uns das Nachdenken über jene altertümliche Erzählung von der Erschaffung des Menschen vor eine ganz entscheidende Frage. Nämlich vor die Frage, was wir - jeder an seinem, jede an ihrem Ort - tun können, unserer schöpfungsgemäßen Verbundenheit mit der Erde gerecht zu werden. Wie können wir als irdische Menschen das Leben mit der Erde gestalten und das Überleben gemeinsam mit ihr sichern? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es nicht zuerst um politische Entscheidungen - das auch -, Maßnahmen, sondern vor allem um die Ernsthaftigkeit unseres Glaubens an Gott den Schöpfer. Wenn wir wirklich glauben, dass Gott uns ein Mandat für seine Schöpfung gegeben hat, dann werden wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir dieses Mandat wahrnehmen können. Und wir können diese Möglichkeiten wahrnehmen in der tröstlichen Gewissheit, dass Gottes Leben schaffender Geist uns immer wieder neu beatmen wird, damit wir Kraft bekommen, den Garten seiner Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Amen.
