Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Hebr 12+13 und das Motiv des wandernden Gottesvolkes
Liebe Gemeinde, lieber Herr Herion,
den heutigen Gottesdienst feiern wir in einer Schwellensituation. An der Schwelle vom alten zum neuen Schuljahr, an der Schwelle des Wechsels in der Schulleitung und für Sie, lieber Herr Herion, an der Schwelle vom aktiven Dienst in den Ruhestand. An solchen Schwellen des Lebens wird uns besonders bewusst, was es heißt, unterwegs zu sein. Nicht nur unser ganzes Leben ist ein Unterwegssein, nein auch als Kirche sind wir unterwegs. Und für dieses Unterwegssein der Kirche hat der Hebräerbrief das wunderbare und einprägsame Bild vom wandernden Gottesvolk geprägt.
Was hilft gegen die Müdigkeit?
Bei diesem Gottesdienst an einer Schwellensituation wird uns deutlich: Für uns alle ist der Weg unseres Lebens, der Weg unseres Glaubens wie eine lange Wanderung. Nun wissen wir alle aus eigener Erfahrung: Wer einen langen Weg zurücklegt, wird früher oder später müde. In einer Situation um sich greifender Müdigkeit fragt der Verfasser des Hebräerbriefes: Was hilft gegen die Müdigkeit? Und er gibt eine erste Antwort, indem er daran erinnert, wie die Wanderung des Gottesvolkes einst begann: Im Gestern, vor Urzeiten mit einer großen Zahl wegweisender Glaubenszeugen: Abel, Henoch und Noah, Abraham und Sara, Isaak, Jakob und Josef, Mose und die Hure Rahab sind so etwas wie Wanderführer des Gottesvolks. Und wie es bei einer Wanderung sinnvoll ist, demjenigen zu folgen, der mit der Wanderkarte vorangeht – dies ist meist immer noch eine Männerdomäne -, so ist es hilfreich, sich auf der Wanderung des Glaubens an diesen und vielen anderen zu orientieren, die auf dem Weg des Glaubens wegweisend vorangegangen sind.
"Wir wandern als Wandergruppe - umgeben von einer großen „Wolke der Zeuginnen und Zeugen des Glaubens“. Wir sind im wandernden Gottesvolk nicht die ersten; und wir werden nicht die letzten sein."
Zunächst also hilft gegen die Müdigkeit, dass wir nicht allein gelassen sind auf der Wanderung unseres Lebens. Wir wandern als Wandergruppe - umgeben von einer großen „Wolke der Zeuginnen und Zeugen des Glaubens“. Wir sind im wandernden Gottesvolk nicht die ersten; und wir werden nicht die letzten sein. Vor uns sind schon viele gestartet, und nach uns werden noch viele die Wanderschuhe des Glaubens schnüren. Dies zu wissen und immer wieder erfahren zu können, das stärkt die Ausdauer, genauso wie auch beim Wandern das Laufen in der Gruppe leichter fällt, als wenn wir eine Strecke alleine bewältigen müssen. Es kann uns ermutigen und stärken, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir nicht alleine wandern auf den Wanderwegen des Glaubens. In unserer Müdigkeit können wir uns erinnern an unsere Väter und Mütter im Glauben. Wir leben mit unserem Glauben auch in und von dem Glauben jener, die vor uns gelaufen sind, die uns im Glauben vorangegangen sind.
Zur großen „Wolke der Zeugen“, zur großen Schar der Mitwandernden im Volk Gottes gehören die großen Märtyrer der Kirchengeschichte von Stephanus bis Dietrich Bonhoeffer, die mutigen Gestalten des Glaubens von Martin Luther bis Hermann Maas, unsere Mütter im Glauben von Maria bis Elisabeth von Thadden. Ferner wandern mit uns viele Menschen aus unserem nächsten Umfeld, deren Glaubenshaltung uns ermutigt und stärkt, auch Lehrerinnen und Mitschüler. Und schließlich rennen mit uns auch viele Freundinnen und Freunde, viele Schwestern und Brüder in unseren Gemeinden. Die Väter- und Müttererfahrungen des Glaubens sind für uns ebenso lebenswichtig wie die Erfahrungen unserer Glaubensgeschwister. Sie sind Stärkung auf dem Weg unseres Glaubens, und ihre Erfahrungen sind wie ein Notproviant für Zeiten der Müdigkeit.
Wanderführer
Was hilft gegen die Müdigkeit? Eine zweite Antwort: Es läuft sich leichter, wenn wir uns beim Wandern anhängen können an jemanden, in dessen Fußspuren wir laufen. Es läuft sich leichter, wenn wir uns darauf verlassen können, dass der Wanderführer - damit meine ich nun nicht den Schulleiter - das Ziel genau kennt. Als Christenmenschen haben wir den großen Vorteil, dass wir nicht ziellos durch Wälder unseres Lebens laufen müssen. Wir haben einen Vorwanderer im Glauben, an dem wir uns ausrichten können, der das Ziel unserer Wanderung kennt. Mehr noch, der uns als Beispiel standhaften Glaubens Kraft gibt: Jesus, der Anfänger und Vollender des Glaubens. An ihm, der uns vorangeht, können wir uns orientieren.
„Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“, so mahnt der Verfasser des Hebräerbriefes. Der Blick auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, zeigt uns, wohin wir gehen in unserem Glauben. Wie wir beim Wandern jemanden brauchen, in dessen Spuren wir laufen können, um nicht zu ermüden, so brauchen wir auf den Wanderwegen des Glaubens jemanden, in dessen Spuren wir das Ziel ansteuern. Es gilt, den gemeinsamen Bezugspunkt des Glaubens zu bewahren im Blick auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.
Kein Spaziergang
Allerdings ist das Wandern in den Spuren Jesu kein Spaziergang. Denken wir nur an seinen Weg durch das Leiden hinauf zum Hügel von Golgatha. Weiter an seinen Weg durch den Tod hin zum Leben. Wenn wir in den Spuren Jesu laufen wollen, wenn wir uns auf seinen Weg einlassen wollen, dann müssen wir uns freimachen von der sündigen Wahnvorstellung, dass geglücktes Leben nur schöne Seiten habe, dass wir dies Leben schon selbst in den Griff bekommen können. Wenn wir hinter Jesus hergehen wollen, dann müssen wir schon die Augen offen halten für ihn und seinen Weg, offen damit auch für das Leiden in dieser Welt und in unserem eigenen Leben. Wenn wir hinter Jesus hergehen wollen, dann werden wir aufblicken zu ihm und aus dem Blick auf diesen leidenden Gottessohn Kraft und Ausdauer schöpfen im Leiden, so wie Jesus mit ausdauernder Geduld das Kreuz auf sich nahm.
Bei solch einer Wanderung auf den Spuren Jesu können uns die Knie bisweilen schon weich werden, etwa wenn wir Durststrecken des Zweifels durchstehen müssen. Aber wir wissen: Jesu Weg war ein Weg durch Leiden zum Leben. An Ostern ging der Gekreuzigte ins Leben ein, und damit hat er das Ziel unserer Wanderung vorgegeben. So ist das Wandern auf seinen Spuren ein Wandern, das uns ermöglicht, die ganze Tiefe menschlichen Lebens zu erfahren. Eines Lebens, das erst dann wahres und ewiges Leben wird, wenn das Leiden als Teil dieses Lebens angenommen wurde. Das verheißene Ziel des Glaubens erreichen wir jedenfalls nur, wenn wir nicht ängstlich auf uns selbst starren, auf unsere Leistung, auf das, was wir durchsetzen wollen, sondern wenn wir unseren Kopf heben und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. In seinen Fußstapfen werden wir hinein genommen in den Sog der Verheißung Gottes, die sein wanderndes Volk begleitet und leitet durch alle Zeiten.
Trainingsprogramm
Schließlich hilft als drittes gegen unsere Müdigkeit ein gewisses Trainingsprogramm. Ganz ohne Training schaffen wir lange Wanderungen nicht, wie viel weniger können wir den Wanderweg des Glaubens ohne Training bewältigen. „Lasst uns ablegen, was uns beschwert.“ So lautet eine der Trainingsregeln des Hebräerbriefes für den Glauben. Diese und andere Trainingsregeln haben wir bitter nötig: „Lasst, wenn ihr einmal müde werdet, den Mut nicht sinken, sondern ermutigt euch gegenseitig. Legt euch nicht noch gegenseitig Stolpersteine in den Weg, sondern achtet darauf, dass alle mitkommen. Es kommt nicht darauf an, als erster durchs Ziel zu gehen. Sondern es ist wichtig, dass ihr gemeinsam zum Ziel kommt.“
"Nicht Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer sind gefragt, sondern Mannschaftsspielerinnen und -spieler."
Der Wettkampf des Glaubens ist keine Einzeldisziplin, es ist ein Mannschaftssport. Nicht Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer sind gefragt, sondern Mannschaftsspielerinnen und -spieler. Wir sind als Glaubende Teil des wandernden Gottesvolkes, das zum gemeinsamen Training antritt. Nun gibt es verschiedene Trainingsplätze für das Mannschaftstraining im Glauben, auch an einer Schule wie der hiesigen. Im Unterricht, in der Art des Umgangs von Lehrkräften mit ihren Schülerinnen und Schülern, in den besonderen musisch-kulturellen Angeboten ebenso wie im Diakoniepraktikum kann Stärkung für die Wanderung des Glaubens geschehen, ganz besonders auch in den Andachten und Gottesdiensten der Schulgemeinde. Der Gottesdienst ist wichtiger Trainingsort des Glaubens.
Wegzehrung
Wie viele von Ihnen wissen, hat sich unsere evangelische Landeskirche in Baden vor einiger Zeit Leitbilder gegeben, unter anderem hat sie im Leitbild vom wandernden Gottesvolk Folgendes formuliert: „Die Evangelische Landeskirche in Baden weiß sich als Teil des wandernden Gottesvolkes von Gott berufen. Auf dem Weg durch die Zeiten hin zum Ziel des Reiches Gottes steht sie unter der Verheißung der Gegenwart Christi bis ans Ende der Welt. Sie weiß sich als eucharistische Gemeinschaft gestärkt durch die Wegzehrung, die Gott ihr schenkt.“ Was wir hier formuliert haben, das feiern wir heute in diesem Gottesdienst. Denn das Abendmahl ist nichts anderes als die Wegzehrung des Volkes Gottes auf seiner Wanderung durch die Zeiten. Wegzehrung, nicht Doping wie bei mancher Sportveranstaltung, die derzeit öffentliches Interesse findet. Wegzehrung, tägliches Brot für den Weg durch die Zeiten hin zum verheißenen Reich Gottes.
Das Leben der Christenmenschen, das Leben an einer Schule, das Leben der Kirche, das Leben des Volkes Gottes ist eine einzige Wanderung mit vielen Stationen. Und keine dieser Stationen ist schon das Ziel, sondern nur eine Durchgangsstation zum Ziel des Reiches Gottes. Denn was verheißt der Hebräerbrief am Ende seinem Gottesvolk, zu dem auch wir gehören: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Amen.
