Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu 1 Petr 4,10
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie,
kennen Sie das? Da sitzen Sie in der Straßenbahn oder in einem Restaurant, auf einer Bank im Schlosspark oder im Wartezimmer einer Arztpraxis. Ihre Laune ist nicht besonders gut. Da kommt ein Kind auf Sie zu und lacht Sie unvermittelt an. Das Lachen des Kindes zaubert ein Lächeln auf Ihr Gesicht und Sie spüren in Ihrem Herzen irgendwie eine freudige Erregung. Ja, das Lachen eines Kindes lehrt uns Erwachsene das Lachen. Bereichert unser Leben. Obwohl das Kind noch nicht viel kann, noch vieles lernen muss, hat es von seinem Schöpfer eine Gabe geschenkt bekommen, die Gabe des Lachens.
Wir alle sind "Charismatiker"
Was am Beispiel des Kindes so anschaulich und klar ist, das gilt für unser menschliches Miteinander insgesamt: Alle Menschen haben von ihrer Geburt an Begabungen mit auf den Lebensweg bekommen, manche mehr, manche weniger. Aber alle sind sie Begabte. Ihre natürlichen Begabungen können sie zur Gestaltung und Bewältigung des Lebens einsetzen. Als Christenmenschen, die wir an Gott, den Schöpfer des Lebens, glauben, sehen wir in diesen Begabungen Gaben Gottes. Im Glauben an Gott, den Schöpfer des Lebens, sehen wir diese Gaben als Geschenke des gnädigen Gottes, als Spiegelbilder der Gnade, der charis Gottes, als Charismen. Alle Menschen sind Charismatiker, mit Gaben Gottes ausgestattete Menschen. Diese Begabungen, diese Charismen sollen sie nicht für sich behalten, sondern zum Besten des menschlichen Miteinanders, zum Besten der Gemeinde Jesu Christi einsetzen. Genau dies meint der Verfasser des 1. Petrusbriefes, wenn er schreibt: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.“ Also indem wir unsere Begabungen zum Nutzen anderer Menschen einsetzen, dienen wir einander. Solches Dienen ist nicht etwa ein Selbstzweck. Sondern indem wir dienen, geben wir redend und handelnd, verkündigend und helfend, die Liebe Gottes weiter an andere; lassen wir andere teilhaben an Gottes vielfältiger, bunter Gnade. Und indem wir so unsere natürlichen Begabungen als Gaben Gottes, als Charismen einsetzen, erweisen wir uns als gute Haushalter Gottes, oder - wie der griechische Text es nahe legt zu sagen: als gute Ökonomen Gottes.
"Bei dem Erlernen der Ökonomie der Gnade Gottes sind wir weithin noch Analphabeten."
Wir haben in den letzten Jahren in unserer Kirche sehr viel über das Geld geredet und uns dabei als mehr oder weniger gute Ökonomen erwiesen. Wir reden aber sehr viel weniger über die in unseren Kirchen vorhandenen Gaben, Charismen und über die Möglichkeiten, mit diesen Charismen einander zu bereichern und zu helfen. Bei dem Erlernen der Ökonomie der Gnade Gottes sind wir weithin noch Analphabeten. Statt voneinander zu profitieren, schließen wir uns oft voneinander ab. Spielen Gemeinden gegeneinander aus. Igeln uns im Kreis der gleich Begabten ein. Welch eine Fülle des Lebens in unserer Kirche wäre noch möglich, wenn wir mit unseren Charismen unbefangener einander dienen würden. Stattdessen bestimmt weithin Ängstlichkeit und nicht selten auch Neid unser Miteinander. Wäre dies nicht unsere wichtigste Aufgabe in der Kirche, die Ökonomie der Gnade Gottes zu erlernen? Müssten wir nicht miteinander wetteifern in Ideen für ein besseres Teilhaben und Anteilgeben an den Gaben, die Gott den Menschen in unserer Kirche geschenkt hat? Allein in Karlsruhe leben hunderttausende begabter Menschen, fast 100 000 evangelische Christenmenschen, und sehr viele, viel mehr gewiss als wir denken, haben ihre Begabungen als Gaben Gottes entdeckt. Sie alle gehören - nach dem Verständnis unseres Bibelwortes - zu den Charismatikern in dieser Stadt. Eine entscheidende Frage für die Zukunft der Kirche wird es sein, wie es uns gelingen kann, einander an den Charismen Anteil zu geben und Anteil nehmen zu lassen.
Was bringt es mir?
Nun wissen wir alle, dass es heute nicht leichter geworden ist, Menschen dafür zu gewinnen, ihre Gaben zum Dienst zur Verfügung zu stellen. „Was bringt es mir, wenn ich diene?“, so fragen viele - und sie fragen zu Recht so. In der Antike war der Haushalter jener Mensch, der die Aufgabe hatte, als Sklave seinen Herrn im Hause angemessen zur Geltung zu bringen. Als Ökonomen der Gnade Gottes haben wir Christenmenschen genau diese Aufgabe, Gott zur Geltung zu bringen. Und das soll lohnend sein?
"Ja, es bringt mir etwas, wenn ich nicht gefangen bleibe in der Fixierung auf mich selbst."
In der Tat: Wer Gott zur Geltung bringen will, der lernt, sich von der Fixierung auf die eigene Geltung zu befreien. Der lernt, von sich selbst weg zu weisen. Ja, und liegt nicht in der Fixierung auf uns selbst heute eines der größten Probleme, durch welches das Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft so schwer gelingen will? Ja, es bringt mir etwas, wenn ich nicht gefangen bleibe in der Fixierung auf mich selbst. Das Beispiel des Kindes, das meinen Blick von mir selbst weglenkt, das mich anlacht und mir ein Lächeln abringt, lehrt dies deutlich. Kinder haben die Gabe der Fröhlichkeit, der Unbefangenheit. Kinder haben das Charisma der Dankbarkeit. Mit ihrer Dankbarkeit weisen sie uns hin auf Gott, dem wir uns verdanken. Von den Kindern vor allem können wir lernen, wie sehr es sich lohnt, anderen mit den eigenen Begabungen zu dienen. Ja, es bringt mir etwas, wenn ich in unserer scheinbar so säkularen Wirklichkeit meinen Blick und den Blick anderer Menschen auf Gott lenke. Es bringt mir etwas, wenn ich diene und dadurch dazu beitrage, dass Gott zur Geltung kommt.
"Dem Spiel von Macht und Ohnmacht, der Durchsetzung des eigenen Vorteils, der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Besitzende und Habenichtse hat Kirche als Gemeinschaft der Dienenden etwas entgegenzusetzen."
Es bringt mir etwas! Sind wir nicht in der Kirche etwas kleinmütig geworden, wenn wir von dem sprechen sollen, was uns das Dienen in der Kirche bringt? Haben wir die großen Verheißungen der Propheten vergessen? Haben wir die Bilder vergessen, die Jesus in seinen Gleichnissen malte, wenn er vom Reich Gottes sprach? Haben wir vergessen, dass alles kirchliche Handeln und Reden von der Ausrichtung auf dieses Reich Gottes her seine Kraft und Gewissheit empfängt? Haben wir vergessen, dass uns eine Gemeinschaft der Fülle verheißen ist, in der alle einander das reichen, was sie zum Leben brauchen? Und haben wir vergessen, dass von diesem Zielpunkt her das „Dienen“ in der Kirche immer in einem kritischen Gegenüber zur Welt ausgestaltet werden muss? Dem Spiel von Macht und Ohnmacht, der Durchsetzung des eigenen Vorteils, der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Besitzende und Habenichtse hat Kirche als Gemeinschaft der Dienenden etwas entgegenzusetzen. Die Ökonomie der Gnade Gottes ist ein Gegenbild zur Ökonomie der Welt. Und auch wenn es nicht immer gelingt, dieses Gegenbild zur Welt rein zu leben, so gibt Kirche sich selbst auf, wenn sie aufhört, sich an diesem Bild des verheißenen Reiches Gottes zu orientieren.
Ein bärenstarker Traum
Ich möchte das Gesagte mit einem Gleichnis illustrieren: Der Bär dachte nach: Warum jammern die Tiere nur immer über das Leben? Dem einen sind die Tage zu kurz, der nächst klagt über das Wetter, einem anderen wieder reicht der Lohnstreifen nicht. Irgendwie kam es ihm vor, als hätten die meisten Tiere viel oder alles am Leben auszusetzen, ohne je glücklich einschlafen zu können.
Da ging der Bär zum Reh und sagte: „Hast du schon einmal bedacht, wie schön dein Fell ist?“
Zum Hasen meinte er: „Kaum jemand kann so herrlich laufen wie du. Es muss schön sein, wenn einem der Wind um die Löffel fegt.“
Als er das Schaf traf, sprach er mit ihm über die besondere Gabe der Geduld: „Weißt du, von dir geht so viel Ruhe aus. Das tut gut in unserer hektischen Zeit.“
Am Bach begegnete er der Forelle und rief ihr zu: „Es macht Spaß, dir zuzusehen; du bist wunderbar, und deine Bewegungen spiegeln so viel Leben!“
Als er am Lager des schwerkranken Eichhörnchens vorbeikam, blieb er stehen, sah hinein und flüsterte: „Ich wollte dir mal richtig danken, weil du immer so gut zuhören kannst und zu schweigen verstehst. Das ist eine Gabe, die man selten antrifft.“
Und zu den Ameisen, auf die er beinahe getreten wäre, sagte er: „Hört mal, ihr Kleinen, toll finde ich euch, weil ihr zusammenhaltet.“
Nach diesen kleinen Gesprächen machte er eine Pause, legte sich unter einen Baum und sah, wie die Wolken dahin trieben. „Schön!“ dacht er. Und er bemerkte, wie ein gelber Schmetterling vorübergaukelte. Dann schlief er ein und träumte von einer Tierwelt, wo jeder den anderen anerkannte in dem, was er selber so nicht hatte. Der Traum tat gut, und so erlebte er für sich eine kleine Zeit der Begeisterung und stellte sich vor, dass sich die Tiere eigentlich untereinander mehr bestätigen sollten, ansprechen auf das, was schön ist und wohl tut.
„Seht euch den Faulpelz an!“ Das war eine harte Stimme, die den Bären so unsanft weckte. Der Eichelhäher schimpfte laut über den trägen Zeitgenossen. Da trollte sich der Bär traurig von dannen. „Ich habe doch so Wichtiges geträumt!“, brummte er.
Bärenhafte Träume und bärenhaftes Reden und Handeln wünsche ich uns allen. Vielleicht bieten die bevorstehenden Urlaubswochen besondere Gelegenheit zu einem solchen bärenhaften Verhalten, das hilft, die Gnadengaben anderer neu zu entdecken und zu verstärken: „Dienet einander ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.“ Amen.
