"Darum sollt ihr nicht sorgen..." - Nachdenkliches Danken und Loben

Kantaten-Gottesdienst anlässlich der Bezirksvisitation Villingen am 6. Juli 2008 - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Kantate BWV 187 Es wartet alles auf dich (Teil I, Nr. 1-3)

In diesem Visitationsgottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis erklingt eine Kantate Johann Sebastian Bachs, die dieser im Jahr 1726 zu eben jenem Sonntag des Kirchenjahres komponiert hat. Beide Kantatenteile haben einen parallelen Aufbau. Sie beginnen jeweils mit einem Bibelwort, das in den nachfolgenden Rezitativen, Arien und im Schlusschoral ausgelegt wird. Zwischen diese beiden Kantatenteile ist heute die Predigt eingefügt, wie dies wohl schon zu Bachs Zeiten der Fall war.

Grundton: Lob und Dank
Der erste Teil der Kantate wurde eingeleitet durch ein Wort aus dem 104. Psalm. In einem opulenten Chor- und Orchestersatz erklangen die Worte, die uns auch als Tischgebet vertraut sind: „Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Güte gesättigt.“ Damit ist der Grundton dieser Kantate, der Grundton dieses ganzen Gottesdienstes angestimmt: Der Grundton des Lobpreises für Gott, den Schöpfer und Erhalter allen Lebens. In unserer Kantate wird dieser Lobpreis zunächst entfaltet im Rezitativ, das die Vielfalt der Schöpfung in den Blick nimmt, die Kreaturen in den Bergen und Seen, in der Luft und in den Flüssen: Sie alle leben davon, dass Gott ihnen Speise gibt zu seiner Zeit. Ja, Gott ist der Erhalter des Lebens. Das besingt dann lobend und dankend der Alt in seiner Arie. So wird im ersten Teil dieser Kantate im Anschluss an Psalm 104 in wunderbarer Weise das große Lob Gottes, des Schöpfers und Erhalters allen Lebens angestimmt.

"Darum mischt sich in unseren Dank gegen den Schöpfer zugleich auch das Nachdenken über die menschliche Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung..."

Und während wir die Klänge der Musik hören, mag uns bewusst werden, wie wenig die Worte dieses mehr als 2500 Jahre alten Psalms veraltet sind. Was hier vor langer Zeit geschrieben und von J.S.Bach verkündigend in Musik umgesetzt wurde, das hat nichts an Bedeutung verloren. Nicht wir Menschen sind es, die das wirklich Elementare des Lebens selbst sichern. Was wir zum Leben brauchen, verdankt sich nicht - oder nicht vorrangig und ausschließlich - menschlichem Tun, sondern letztlich der Güte Gottes, des Schöpfers dieser Welt. Was wir täglich an Lebensmitteln empfangen, das verdanken wir zwar gewiss auch menschlichem Wirken in unserer Landwirtschaft und in zahlreichen Lebensmittelproduktionsstätten. Hungern müssten wir, wenn Menschen nicht Fähigkeiten entwickelt hätten, aus den Gaben der Schöpfung gesunde Mittel zum Leben zu schaffen. Aber was da täglich zu uns auf den Tisch kommt, geht zwar - wie Matthias Claudius treffend gedichtet hat - durch unsere Hände, kommt aber her von Gott. Letztlich verdanken wir unsere Speise, unser tägliches Brot der Tatsache, dass die von Gott geschaffene Erde Früchte trägt, aus denen Menschen dann Lebensmitteln herstellen. Darum mischt sich in unseren Dank gegen den Schöpfer zugleich auch das Nachdenken über die menschliche Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung durch eine schöpfungsgemäße Produktion von Lebensmitteln. Wie erschrecken wir doch bisweilen über unverantwortliches Tun in diesem Bereich! Und wie dankbar können wir sein für all jene, die für die Herstellung von Lebensmitteln verantwortlich Sorge tragen! Bei alledem dürfen wir nie vergessen: Nichts wäre unser menschliches Tun ohne das, was die Erde dank Gottes schöpferischem Tun bereitstellt.

Eine zweite Nachdenklichkeit stellt sich ein. „Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Güte gesättigt.“ Mit diesem Psalmwort begann die Kantate. Sogleich fallen uns Menschen ein, die allzu oft vergeblich auf Speise zur rechten Zeit warten. Was Hunger wirklich bedeuten kann, das wird uns gerade angesichts der vielen Katastrophenmeldungen aus aller Welt immer wieder deutlich. Und dies nicht nur in der so genannten Dritten Welt, sondern zunehmend auch bei uns. Der Zustrom, den wir in Vesperkirchen und Tafelläden erleben, signalisiert, dass es auch bei uns immer mehr Menschen gibt, für die das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist. Immer klarer wird, dass wir auf der Welt ein massives Verteilungsproblem hinsichtlich der verfügbaren Nahrungsmittel und dadurch bedingt an vielen Orten bereits eine Lebensmittelknappheit haben. Angesichts dessen erscheinen die seit Jahren propagierten Flächenstilllegungsprogramme, die Produktion von Weizen zur Verbrennung in Kraftwerken und auch manche Programme zum verstärkten Einsatz von Biokraftstoffen als höchst problematisch. Darf man mit Weizen heizen, solange Menschen hungern und die Verteilung der produzierten Nahrungsmittel nicht so gelingt, dass aller Hunger gestillt wird? So mischt sich in den Grundton des Dankens und Lobens, der in unserer Kantate angestimmt ist, ein zweiter nachdenklicher Ton, der uns an unsere Verantwortung für eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde erinnert.

Keine Sorge
Im zweiten Teil unserer Kantate wird ein anderer Ton angeschlagen. Das Lob Gottes, des Schöpfers, wird nun bezogen auf die Existenz des Menschen. Mit einem biblischen Wort wird der zweite Teil der Kantate eröffnet, mit einem Wort Jesu aus der Bergpredigt: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles bedürftet.“

„Darum sollt ihr nicht sorgen!“ Das ruft Jesus uns zu, jedem und jeder von uns ganz persönlich. Wie oft stehen doch Sorgen im Mittelpunkt unseres Lebens! Sorgen um unsere persönliche Zukunft. Sorgen um unsere Kinder. Für viele von uns Sorgen um unsere bedrohte Umwelt. Für nicht wenige in unserem Land Sorgen um zunehmende Verarmung. Oft ist der Druck unserer Sorgen so groß, dass wir über allen Sorgen den Blick für die Alternativen des Lebens verlieren und den Blick für all das, was uns unverdient jeden Tag neu von Gott geschenkt ist.

"Nicht zu verantwortungslosem In-den-Tag-hinein-Leben will Jesus uns auffordern, sondern zu einer Lebensplanung ohne Sorge."

Nun wissen wir, dass ein Leben ohne sorgsame Lebensplanung nicht möglich ist. Was würde aus unserem persönlichen Leben, aus unserer Kirche, aus unserem Land, aus unserer Erde, wenn wir sorglos und ohne Lebensplanung in den Tag hinein lebten? Aber wir hätten Jesus gründlich missverstanden, wenn wir sein Wort als Aufforderung zu einer verantwortungslosen Lebensgestaltung begreifen würden. Nein: Jesu Ruf „Darum sollt ihr nicht sorgen!“ soll uns befreien von der Vorstellung, dass Sorgen alles seien im Leben. Jesus will uns den Horizont öffnen: das Leben, das Gott, der Schöpfer uns geschenkt hat, ist größer, ist weiter, ist reicher, als wir in der Fixierung auf unsere Sorgen meinen. Nicht das, was wir in unserem scheinbaren Realismus für Leben halten, macht den Horizont unserer Sorgen aus, sondern das, was Gott uns verheißen hat. Wo wir unser Leben ausrichten an seinem Reich, da erhalten unsere Sorgen einen neuen Stellenwert. Unter dem Horizont des Reiches Gottes brauchen wir uns nicht auffressen zu lassen vom ängstlichen Sorgen für den nächsten Tag, sondern können uns auf diesen nächsten Tag gelassener einstellen. Unter dem Horizont des Reiches Gottes entdecken wir, dass das uns von Gott geschenkte Leben mit seinen vielen Möglichkeiten nicht sorgenvoll gesichert, sondern nur vertrauensvoll gewagt werden kann. Nicht zu verantwortungslosem In-den-Tag-hinein-Leben will Jesus uns auffordern, sondern zu einer Lebensplanung ohne Sorge. Zu einer Lebensplanung im Vertrauen auf Gott, der uns dieses Lebens mit seinen vielen Möglichkeiten geschenkt hat.

Leben im Vertrauen
Genau diese Bewegung, die das Wort Jesu in uns auslösen will, zeichnet die Kantate Johann Sebastian Bachs in ihrem zweiten Teil nach: „Darum sollt ihr nicht sorgen!“ Dieses Wort Jesu eignet sich in der großen Sopranarie das „gläubige Ich“ des Christenmenschen an. Der Lobpreis Gottes, des Schöpfers wird nun bezogen auf das persönliche Leben. „Gott versorget alles Leben, was hienieden Odem hegt. Sollt er mir allein nicht geben, was er allen zugesagt?“ Der Glaube an Gott den Schöpfer ist kein dogmatischer Lehrsatz ohne Bezug zu unserem Leben. Er ist keine Glaubensaussage, die wir als allgemeine Wahrheit zu verkündigen hätten. Nein: Dieser Glaube kann Kraft entfalten in unserem eigenen Leben. Wenn ich den Glauben an Gott, den Schöpfer, unmittelbar auf mich selbst beziehe, kann ich voller Freude ausrufen: „Weicht, ihr Sorgen!“ Wenn ich mir die Worte Jesu persönlich zusagen lasse, werde ich frei zu einer Absage an ein Leben, das sich von der Sorge bestimmen lässt. Wenn ich die Wahrheit des Glaubens an Gott, den Schöpfer der Welt, für mich selber gelten lasse, kann ich ein Leben im Vertrauen wagen: „Halt ich nur fest an ihm mit kindlichem Vertrauen.“ In solchem Vertrauen findet der Glaube an Gott, den Schöpfer, seine Vollendung in meinem Leben. Dann kann ich mein Leben führen in Dankbarkeit gegen den Gott, der ganz konkret in meinem Leben immer Neues schafft. So kann die Kantate gar nicht anders enden als mit Tönen des Dankes, die im zweistrophigen Schlusschoral erklingen:

Gott hat die Erde zugericht’,
lässt’s an Nahrung mangeln nicht;
Berg und Tal, die macht er naß,
dass dem Vieh auch wächst sein Gras;
aus der Erden Wein und Brot
schaffet Gott und gibt’s uns satt,
dass der Mensch sein Leben hat.

Wir danken sehr und bitten ihn,
dass er uns geb des Geistes Sinn,
dass wir solches recht verstehn,
stets in sein’ Geboten gehen,
seinen Namen machen groß
in Christo ohne Unterlass:
So sing’n wir recht das Gratias.

Amen.