Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über 1. Petr 2,4-9
Wenn ein Festgottesdienst vorbereitet wird, dann schauen sich die für die Gestaltung des Gottesdienstes Verantwortlichen um, welche Musikbeiträge passend wären. Bei dieser Suche bin ich froh, wenn ich nicht einfach die Qual der Wahl habe, sondern auf den für den jeweiligen Sonntag vorgesehenen Predigttext zurückgreifen kann - noch dazu, wenn er so wunderbar zu dem festlichen Ereignis passt, das wir heute feiern: Ich lese aus dem für den 6. Sonntag nach Trinitatis als Predigttext vorgeschlagenen Wort der Schrift aus dem 2. Kapitel des 1. Petrusbriefes:
„Kommt zu Jesus Christus als dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause. Darum steht in der Schrift: ‚Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht verloren gehen.' Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist der ‚Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses'; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben“.
Liebe Festgemeinde,
als vor 250 Jahren die Kirche an diesem Ort gebaut werden sollte, da kannten die Bauleute die Fragen, die auch sonst jeder Häuslebauer bedenken muss. Sie wussten, dass beim Hausbau grundlegend bedacht werden muss, auf welchem Fundament ein Haus errichtet werden soll. Das Fundament muss sicher gelegt sein. Dann kann ich mich jenen Fragen zuwenden, welche die Zweckmäßigkeit eines Hauses oder seine Einrichtung betreffen. Welche Baustoffe sollen verwendet werden? Welche Farbe wird dem Haus gegeben? Wie durchsichtig soll das Haus sein oder wie kompakt? All das sind Ermessensfragen, Fragen vielleicht auch des Zeitgeschmacks. Beim Bau einer Kirche ist das nicht anders. Auch hier gilt es zu unterscheiden zwischen Fragen zweckmäßiger Gestaltung und Fragen nach dem tragenden Fundament. Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das Haus auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut werden.
Tragendes Fundament
Um ein tragendes Fundament also haben sich jene vor allem bemühen müssen, die diese Kirche erbaut haben. Aber dies eben nicht nur im wörtlichen Sinn. Das Wort aus dem 1. Petrusbrief erinnert sehr schön bildhaft daran, dass das Fundament des Hauses der Kirche Jesus Christus selbst ist. Jesus Christus ist der von den Bauleuten verworfene Stein, der zum Eckstein geworden ist. In diesem einen Satz, der dem 118. Psalm, dem Osterpsalm, entnommen ist, ist ganz anschaulich ausgesprochen, wie unterschiedlich Christus von den Menschen wahrgenommen wird: Den einen gilt er als ein weggeworfener Stein, der unbrauchbar ist für den Bau des Reiches Gottes. Und in der Tat kann sein Tod am Kreuz ja als Verwerfung verstanden werden. Anderen ist er zum Eckstein ihres Lebens geworden, zum alles zusammenhaltenden Schlussstein, zum Maßstab für ein Leben in der Fülle. Den einen ist Christus ein Stolperstein auf ihrem Lebensweg, ein Stein des Anstoßes, ein Fels des Ärgernisses, den sie lieber aus der Welt schaffen würden. Anderen, die aus dem Hören auf sein Wort Kraft, Trost und Weisung schöpfen, ist Christus zum Grundstein geworden, auf dem ihr Leben ruht. Dieser so missverständliche Christus, der Auferstandene, dessen Wirken großen Anstoß erregte, er ist das Fundament der Kirche. Er, dessen Gestalt vielen ein Ärgernis war, er wurde zum tragenden Grund der Kirche. Der auf dem Hügel von Golgatha Verworfene und am Ostermorgen Auferstandene, er ist es, auf dem allein die Kirche gründet.
"Ist dieses Fundament klar, dann kann überlegt werden, wie die Kirche darauf gebaut oder umgebaut werden kann."
Dieses Fundament darf die Kirche niemals antasten, wenn sie wirklich Kirche Jesu Christi bleiben will. Ist dieses Fundament klar, dann kann überlegt werden, wie die Kirche darauf gebaut oder umgebaut werden kann. Was zunächst so plausibel klingt, ist dann doch in seiner Ausgestaltung nicht ganz so leicht umzusetzen. Gewiss, Fundament der Kirche ist Jesus Christus. In ihm hat Gott sein grundlegendes Wort gesprochen. Auf ihn verweist die Heilige Schrift bleibend, deshalb gehört sie mit ins Fundament der Kirche. Nach evangelischem Verständnis sind die altkirchlichen Bekenntnisse sachgemäße und ökumenisch verbindliche Auslegungen des in der Heiligen Schrift bezeugten Wortes Gottes; und die reformatorischen Bekenntnisse weisen ein in ein grundlegendes Verständnis der Heiligen Schrift. Deshalb gehören auch sie mit ins Fundament der Kirche. Das bedeutet: Das Fundament unserer evangelischen Kirche, das Fundament auch dieser Kirche ist zunächst Jesus Christus selbst als der Eckstein. Sodann gehören zum Fundament dieser Kirche das von Jesus Christus zeugende Wort der Heiligen Schrift und die dieses Zeugnis auslegenden Bekenntnisse.
Lebendige Steine
Aber das ist noch nicht genug! Zum Fundament dieser Kirche gehört auch, dass Menschen durch die Taufe hinein genommen werden in eine ewige Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, dem Eckstein, dem Fundament der Kirche. Die Gemeinde hier vor Ort wie die Gemeinschaft der ganzen Christenheit ist eine Gemeinschaft „lebendiger Steine“, die durch die Taufe dem Grundstein Jesus Christus zugeordnet wurden. Durch die Taufe werden wir als lebendige Steine in das geistliche Haus der Gemeinde Christi eingefügt. Als Getaufte sind wir nicht auf uns selbst gestellt, sondern von Anfang an anderen zugewiesen, die mit uns zusammen auf dem Fundament Christi Gemeinde bauen wollen. Als Menschen dieser Gemeinde, wie als Christenmenschen an anderen Orten, sind wir kein Haufen Zusammengeworfener ohne Beziehung zueinander. Wir sind vielmehr durch die Taufe zu einem Ganzen zusammengefügt, zu einem Haus, das gegründet ist auf Christus und zusammengehalten ist durch ihn als den Eckstein. Als Glieder der Gemeinde Jesu Christi sind wir nicht totes Gestein ohne Nutzen für andere, sondern wir sind eingefügt in einen großen Organismus als lebendige Zeuginnen und Zeugen Christi.
"Durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu ist der Grundstein für das Haus der Gemeinde längst gelegt."
„Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause.“ Das ruft uns der Verfasser des 1. Petrusbriefes zu. Das ist kein bloßer Appell. Nein: Das ist eine kräftigende und stärkende Tauferinnerung. Ihr seid getauft auf den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen. Durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu ist der Grundstein für das Haus der Gemeinde längst gelegt. Der verworfene Stein wurde zum Eckstein. Und ihr habt euch durch die Taufe einfügen lassen in sein „Haus der lebendigen Steine“. Sich daran zu erinnern gehört auch zum Fundamentalen der Kirche.
Liebe Gemeinde, nun habe ich im Nachdenken über das Fundament der Kirche gar nicht mehr über dieses Gotteshaus aus Stein gesprochen, sondern über das „Haus der lebendigen Steine“, das immer neu auf dem Fundament Jesu Christi erbaut werden muss. Und das ist richtig so, denn was nützte uns das prächtigste Gotteshaus aus Stein, wenn es nicht Heimat wäre für die „lebendigen Steine“ dieser Gemeinde! Und Sie sollen wissen: Sie sind als „Haus der lebendigen Steine“ an diesem Ort nicht allein. Sie sind Teil dieses wunderbaren Kirchenbezirks. Sie sind Teil dieser schönen badischen Landeskirche. Sie sind Teil des weltweiten Volkes Gottes. Und so will ich schließen mit einem kleinen Blick über den Tellerrand Ihrer Gemeinde hinaus. Das Wort aus dem Petrusbrief vom „Haus der lebendigen Steine“ hat nämlich seit einiger Zeit große Bedeutung erlangt für unsere Landeskirche. Seit etwa zwei Jahren wird es landauf landab häufig zitiert. Und dies ist kein Zufall. Denn wir haben für die Zukunft unserer Landeskirche auf die Bibel gegründete Leitbilder formuliert. Und im zweiten Leitbild heißt es über unsere Landeskirche: „Als Haus der lebendigen Steine sieht sie sich als eine Kirche lebendiger geistlicher Orte. In ihren Ortsgemeinden leistet sie in Stadt und Land den wichtigen und heilsamen Dienst der Begleitung von Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens. Daneben treten zahlreiche nichtparochiale Gemeindeformen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Von ihnen gehen spirituelle und diakonische, politische und gesellschaftliche Impulse aus. Orte, an denen vielfältige kirchliche Arbeit regional gebündelt wird, strahlen wie „Leuchttürme“ weithin aus und motivieren zu Dienstgemeinschaften auf allen kirchlichen Ebenen.“
Ja, das soll unsere Landeskirche sein: Ein „Haus der lebendigen Steine“ mit vielen lebendigen geistlichen Orten. Ein „Haus der lebendigen Steine“, in der jede Gemeinde, auch Ihre Gemeinde ihren Ort hat. Verlässlich sollen an diesem Ort Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens begleitet werden. Hier, in dieser Kirche und in dieser Gemeinde, soll ihnen geholfen werden, ihr Leben auf Jesus Christus, den Eckstein und das Fundament der Kirche zu gründen. Aber nie darf vergessen werden, dass diese Gemeinde und ihre Kirche wiederum nur ein kleiner lebendiger Stein im großen Haus der Kirche ist. Nur ein Zimmer in einem großen, Heimat bietenden Haus. So sehr wir die Kirche auf dem Dorf brauchen, so sehr brauchen wir die Leuchttürme in den Zentren und Städten, die Menschen anziehen, die der Kirche lange schon entfremdet sind. Nur gemeinsam können wir ein „Haus der lebendigen Steine“ bauen - in der Gemeinschaft unserer Landeskirche, in der Dienstgemeinschaft aller Mitarbeitenden, in der ökumenischen weltweiten Gemeinschaft der Christenheit. Aber gemeinsam sind wir dies seit unserer Taufe auch wirklich schon, ein „Haus der lebendigen Steine“, das gegründet ist auf Jesus Christus, dem Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist. Amen.
