Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Psalm 36, 8.10
Liebe Gemeinde,
wir sind getauft. „Na und?“, werden manche sagen, das ist doch selbstverständlich. Mag sein. Aber das Selbstverständliche im Leben ist oft das, worüber wir nicht näher nachdenken. Wann haben wir das letzte Mal gründlich bedacht, was es für uns bedeutet, getauft zu sein?
Das wunderbarste Geschenk
Dabei werden wir in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn an unsere Taufe auf den dreieinigen Gott erinnert, wenn der Gottesdienst „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ beginnt. Katholische Schwestern und Brüder erinnern sich bei jedem Betreten eines Kirchenraumes ihrer Taufe, indem sie ihre Finger mit Weihwasser benetzen und sich bekreuzigen. Mir ist die Erinnerung an meine Taufe im Laufe meines Lebens wichtig geworden, und so taufe ich Kinder im Gemeindegottesdienst, um mich gemeinsam mit der Gemeinde der eigenen Taufe zu erinnern. Manche Gemeinden haben Tauferinnerungsgottesdienste für heranwachsende Kinder eingeführt. Beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin haben wir Tauferinnerungsrituale neu entdeckt und von Martin Luther wird erzählt, dass auf seinem Schreibtisch die Worte geschrieben standen „baptizatus sum = Ich bin getauft“: Immer, wenn er von Verzweiflung gequält war, hat er sich diese Worte laut vorgesagt. Ja, die Erinnerung an unsere Taufe kann uns Lebenskraft schenken, denn die Taufe ist wohl das wunderbarste Geschenk, das Gott uns macht. Was dieses Geschenk für uns bedeutet, will ich in fünf Schritten beleuchten:
1. Unser Leben ist ein gefährdetes Leben ist. Es ist bedroht durch Krankheit und Not, durch Gewalt und Sterblichkeit. Dieses gefährdete Leben bedarf einer Gnadengabe. Die Gnadengabe der Taufe besteht darin, dass Gott uns in der Taufe öffentlich sichtbar in eine Lebensgemeinschaft hinein nimmt, die unser vielfältig gefährdetes Leben übersteigt. Gott nimmt uns in der Taufe hinein in eine ewige Lebensgemeinschaft mit ihm. Und so werden wir als Getaufte befreit von zerstörerischen Mächten, die unser Leben gefährden. Uns wird in der Taufe ewige Gnade geschenkt.
2. Wir Menschen wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen. Das führt oft in Vereinsamung und Egoismus, in Gleichgültigkeit gegenüber uns selbst, anderen Menschen und unserer geschöpflichen Mitwelt. Von dieser Neigung, unser Leben ausschließlich in eigener Regie und also ohne Gott zu führen, von dieser Neigung, die die Bibel „Sünde“ nennt, werden wir in der Taufe befreit. So wie sich in der Taufe Jesu der Himmel öffnete und die Kraft Gottes auf Jesus herabkam, so werden auch wir in der Taufe hineingestellt in den Machtbereich Gottes. Wir erhalten die Kraft, uns gegen die Macht der Sünde zu behaupten. Mit der Taufe kommt es in unserem Leben zu einem Herrschaftswechsel: Nicht irgendeine Weltmacht soll uns beherrschen, sondern die Ausrichtung an Gott allein soll unser Denken und Handeln prägen.
3. Wir werden getauft in die Nachfolge Jesu Christi hinein. Mit der Taufe werden wir mitgenommen auf seinen Weg und bekommen Anteil an Kreuz und Auferstehung Christi. Mit der Taufe lassen wir uns von den rettenden Kräften Gottes erfüllen, die aus dem Tod neues Leben schaffen. Mit der Taufe werden wir hinein genommen in eine unzerstörbare Lebensgemeinschaft mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen: Jesus Christus ist im Leiden und Sterben unser Bruder und Begleiter. Er führt uns durch den Tod zum ewigen Leben. So kommt es in der Taufe zu einer „frohen Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“.
4. Wir werden nicht nur getauft mit Wasser. Nein: In der Taufe wird uns der Heilige Geist geschenkt. Keine magische Angelegenheit ist dies, sondern indem uns der Heilige Geist, der Tröster, geschenkt wird, werden wir durch die Taufe fähig, unser eigenes Leben in der Gewissheit der Gegenwart Gottes und im Gehorsam gegenüber Gott zu gestalten. Natürlich bleiben wir auch als Getaufte Zweifelnde und Suchende. Aber die Kraft des Geistes richtet unser Denken und Handeln auf Jesus aus. Und so werden wir durch die Taufe lebenstüchtiger und gemeinschaftstauglicher. Natürlich bleiben wir nicht vor Gefahren und Anfechtungen bewahrt. Aber wir wissen uns in allen Gefahren und Anfechtungen bewahrt. So erhalten wir in der Taufe die Kraft zum missionarischen Zeugnis für Jesus Christus in dieser Welt.
"Alle Christenmenschen sind durch die Taufe radikal gleichgestellt. Sie werden zu Gliedern am Leib Christi."
5. Zumeist feiern wir die Taufe im Rahmen eines Gemeindegottesdienstes. Und das ist richtig so, denn durch die Taufe werden wir aufgenommen in die Gemeinschaft aller Glaubenden. Alle Christenmenschen sind durch die Taufe radikal gleichgestellt. Sie werden zu Gliedern am Leib Christi. Durch die Taufe werden Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse unter Menschen relativiert und in die Einheit einer Gemeinschaft aufgehoben. Gewiss: Jeder Mensch wird als Einzelner getauft, aber er bleibt in der Taufe eben nicht allein. Und dieses Gnadengeschenk einer weltweiten Gemeinde, die nicht beschränkt ist auf eine bestimmte Konfession, ist unverlierbar. Sie geht auch nicht verloren bei einem Übertritt in eine andere Kirche oder bei einem Kirchenaustritt. Denn nicht auf eine bestimmte Konfession werden wir getauft, sondern auf den Namen des dreieinigen Gottes, dessen Treue ewig ist.
Alles umsonst und gratis
Das also bedeutet unsere Taufe: Gnadengabe Gottes, Herrschaftswechsel, Hineinnahme in Sterben und Auferstehen Christi, Begabung mit dem Heiligen Geist und Geschenk weltweiter Glaubensgemeinschaft. All dies empfangen wir in der Taufe – umsonst, gratis, allein aus Gnaden. All dies wird heute Ihrer kleinen Katharina geschenkt. Und wie sehr die Taufe Ihrer Tochter ein Gnadengeschenk Gottes ist, das haben Sie sehr schön zum Ausdruck gebracht durch die Wahl Ihres Taufspruchs aus dem 36. Psalm. „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“
Im Kontext der Taufe erinnert dieses Wort daran, dass Taufe so etwas ist wie ein Zufluchtsort der Gnade Gottes. Etwas, aus dem wir zeitlebens schöpfen können wie aus einer ewigen Quelle. Auch als Getaufte bleiben wir ja durstige Menschen. Menschen, die eine verlässliche, nie versiegende Quelle brauchen, um den Lebensdurst zu stillen. Damit sich etwas in unserem Leben entwickelt, muss uns etwas zufließen: Etwas, das uns alte Menschen neu und frisch macht und uns Kraft gibt zum Leben und Glauben. Manchmal fühlen wir uns ja eher, als ob wir von allen Lebensquellen abgeschnitten wären. Ganz drastisch erleben dies Menschen in Tauersituationen, in einer Depression oder bei einem Burn-out-Syndrom. Aber auch im Arbeitstalltag wollen die Lebensquellen manchmal einfach nicht fließen. Wenn uns Kraft von außen zufließt, dann können auch die eigenen Quellen wieder fließen. Dann wird Kreativität freigesetzt und Tatendrang.
Das ist die Botschaft des Psalmworts: Gott ist schon da als Quelle für unser Leben. Wenn wir Anschluss finden an ihn, dann werden wir innerlich verwandelt und unsere inneren Quellen beginnen wieder zu sprudeln. Zu ihm können wir Zuflucht nehmen wie zu einer Quelle. Diese Quelle bringt keine Macht der Welt zum Versiegen. Wir können den Brunnen göttlicher Güte zwar verschütten. Wir können ihn leugnen. Aber Gottes Güte versickert nicht unter dem Schutt und Geröll unserer Sünde. Aus der Quelle des Lebens trinken wir täglich neu die Güte Gottes. Ein Zufluchtsort der Gnade Gottes mit einer unerschöpflichen Quelle des Lebens, das ist unsere Taufe. Um diese Quelle der Güte Gottes immer wieder zu finden, müssen wir aber einen Blick behalten für das Quellwunder der Taufe. Deshalb brauchen wir ab und an und immer wieder die Erinnerung an unsere Taufe.
Durstig bleiben
Möge es uns allen anders ergehen als jenem Menschen, von dem eine Parabel erzählt: Er verirrte sich in einer Wüste. Tage- und nächtelang irrte er umher. Die unbarmherzige Sonnenglut ließ ihn durstig werden. In den Stunden des Schlafes träumte er von Wasser. Als er erwachte, sah er in einiger Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er. Er näherte sich der Oase. Er sah die Dattelpalmen, das Gras und den Felsen, aus dem eine Quelle entsprang. Er hörte das Wasser sprudeln. Aber er hielt dies für Durstphantasien. Er brach zusammen. Er starb entkräftet unweit der Oase. Eine Stunde später fanden ihn zwei Beduinen. „Kannst du so etwas verstehen?“ sagte der eine zum andern. „Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund. Dicht neben einer Quelle liegt er - und doch ist der verdurstet und verhungert. Wie ist das möglich?“ Da antwortet der andere: „Er war halt ein moderner Mensch. Er hat nicht daran geglaubt.“
"Menschen, die Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen die beste Predigt."
Uns allen wünsche ich, dass Sie durstige Menschen bleiben, die an Gott, die Quelle des Lebens, glauben können. Menschen, die Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen die beste Predigt. Mit ihrem Durst, mit ihrem Blick auf Gott, die Quelle des Lebens, laden sie andere ein, sich Gottes Güte anzuvertrauen und sein Gnadengeschenk der Taufe anzunehmen. Dass wir solche unmodernen Menschen sein mögen, dazu schenke uns Gott seinen Heiligen Geist. Amen.
