Sehr geehrte Damen und Herren,
gern bin ich heute - im Zusammenhang der Sitzung des Stiftungsrates der Hanna und Paul-Gräb-Stiftung - zu Ihnen nach Schopfheim gekommen, um im Rahmen dieser Vernissage zu Ihnen zu sprechen, ist doch die Ausstellung, unter dem Titel „ICH UND DU UND DU UND ICH“ eine ganz besondere. Schon der Titel verrät Besonderes, denn er soll das Zusammenwirken von geistig behinderten Künstlern mit Profikünstlern ausdrücken und den alten Abzählvers „Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel…“ anklingen lassen. Ich weiß nicht, ob Kinder noch solche Verse kennen. In meiner Kindheit haben wir oft auf der Straße mit diesem Abzählvers Mannschaften zusammengestellt. Das Vertrackte an diesem Abzählvers ist aber immer auch, dass durch ihn Kinder ausgeschlossen wurden, was in unserem Fall nun nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Beim Abzählen wurden wundersamer Weise aus den 10 Anerkennungspreisträgern unter der Hand - besser unter dem Zählen - 11. Es sind dies Claudia Boss, Elmar Ermler, Christine Fredl, Gisela Gassert, Enrico Hirschfeld, Andreas Kretz, Michaela Müller, Sabine Münch, Petra Silvia Piehl, Peter Wagner und Wolfram Wuschek. Keiner von ihnen ist „Müllers Esel“, vielmehr sind alle große Künstler, von denen keiner rausfällt.
Und das ist Programm in dem von Paul Gräb geschaffenen Öflinger Modell: Hier fällt keiner raus. Im Gegenteil: Alle kommen zusammen: die geistig Behinderten, die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die Bevölkerung in Wehr und aus der Umgebung, die gelernt hat, mit geistig Behinderten zu leben, und natürlich die Künstlerinnen und Künstler, die Paul Gräb seit 1961 um sein Öflinger Modell versammelt hat und die gern mit geistig Behinderten zusammenarbeiten.
Von diesem Gedanken ist auch der Lothar Späth-Förderpreis beseelt. Unser ehemaliger Ministerpräsident versteht ihn ausdrücklich als Fortsetzung und Erweiterung des Öflinger Modells, des Lebenswerks von Hanna und Paul Gräb. Dieses begann im Jahr 1961, als sich die Organistin Hanna Gräb für die neue evangelische Kirche in Öflingen eine Orgel wünschte. Paul Gräb, der sich seit seiner Kindheit für Kunst interessierte, hatte die zündende Idee: Er fuhr an den Bodensee und klopfte bei Künstlern wie Erich Heckel, Otto Dix und Max Ackermann an mit der Frage, ob sie ihm Bilder für eine Ausstellung in seiner Kirche zur Verfügung stellen könnten? Aus dem Erlös wollte er eine Orgel kaufen.
Dialog von Kunst und Kirche
Viele Künstler machten mit, auch aus der Hochrheinregion. Alle Bilder wurden bei der ersten Ausstellung des Jahren 1961 verkauft. Nach zwei weiteren Ausstellungen war die Orgel finanziert. Aber die Künstler wollten weitermachen. Aus zwei Gründen: Erstens brauchten sie Geld. Auch die Großen verkauften damals nicht so viel. Zweitens war Unerhörtes geschehen: Otto Dix hatte noch nicht erlebt, dass seine Bilder in einem sakralen Raum ausgestellt wurden. Moderne Kunst, die ihre eigene Botschaft verkündet, neben Altar und Kanzel, von der die Botschaft Gottes verkündet wird?
Paul Gräb erkannte die Chance und leitete auch mit Hilfe der Landeskirche und vieler hervorragender evangelischer Theologen und Kunsthistoriker den Prozess ein, der wenig später als Dialog von Kunst und Kirche in die Kunstgeschichte einging. Die Künstler waren fasziniert, stellten Bilder und Werke zur Verfügung, halfen bei Ausstellungen und Symposien und ermöglichten so in den 1970er Jahren das Öflinger Modell, das ich selbst im Jahr 1969 über Wilhelm Gräb kennen lernte, mit dem zusammen ich in den Jahren 1969 – 1972 in Göttingen und Heidelberg studierte.
Kunst, Kirche und Diakonie - Ein Haus für Menschen mit geistiger Behinderung
Damals wurde viel Kunst verkauft. Wohin mit dem Geld? Paul Gräb hatte wieder eine geniale Idee: Ein Haus für Menschen mit geistiger Behinderung!!!! Die waren auf Hilfe damals dringend angewiesen und so machten alle mit, vor allem weltberühmte Künstler wie Jürgen Brodwolf und Horst Antes sorgten dafür, dass das Öflinger Modell weithin bekannt wurde. Nach anderthalb Jahrzehnten war es dann geschafft: 1985 konnte das Haus der Diakonie in Wehr-Öflingen eingeweiht werden. Die ersten Behinderten zogen ein. Paul Gräb ließ die Bilder bekannter Profikünstler in den Gängen aufhängen als Dank und zur Erinnerung, dass das Haus durch die Kunst ermöglicht wurde.
Und nun geschah etwas Wunderbares: Die geistig Behinderten wurden inspiriert von der Kunst und wurden selbst zu Künstlern. Viele fingen mit dem Kunstschaffen an. Bei der großen Ausstellung „Botschaften“ von 1987 wirkten erstmals in einer Ausstellung Kunstprofis mit geistig Behinderten zusammen. Es gab eine Gruppenausstellung. Künstler wie Horst Antes stellten sich als Juroren zur Verfügung und wählten Bilder geistig Behinderter für die Ausstellung aus, um sie mit ihren eigenen Arbeiten zu zeigen. Und immer mehr Künstler wollten direkt mit geistig Behinderten im Öflinger Haus zusammenarbeiten.
"Von nun an waren in alle Aktionen des Öflinger Modells bzw. des Vereins Kunst + Diakonie Menschen mit geistiger Behinderung einbezogen – ganz selbstverständlich, ganz menschlich..."
Das brachte Paul Gräb auf die Idee, Kunstaktionstage durchzuführen, bei denen Profis Workshops zusammen mit geistig behinderten Bewohnern des Hauses durchführen. Von nun an waren in alle Aktionen des Öflinger Modells bzw. des Vereins Kunst + Diakonie Menschen mit geistiger Behinderung einbezogen – ganz selbstverständlich, ganz menschlich, als gäbe es keinen Unterschied.
Miteinander auf Augenhöhe zwischen geistig Behinderten und Profi-Kunstschaffenden
Dies hätte die letzte Entwicklungsstufe von Kunst, Kirche und Diakonie sein können. Weil ja nun alle Elemente beisammen waren: die Kunst, die Kirche und ihre Diakonie. Aber Paul Gräbs Öflinger Modell zeigte seine innere Kraft und Dynamik, als es zur Gründung der Hanna und Paul Gräb-Stiftung im Jahr 2005 kam. Durch die großzügige Spende des Unternehmers Stephan Denk und dank der Hilfe von Anne-Sophie Mutter und Lothar Späth konnte die Stiftung gegründet werden, in deren Stiftungsrat ich gern mitarbeite.
"Bilder der Profis treten in einen Dialog mit den Künstlern der behinderten Preisträger, sie gestalten eine gemeinsame Ausstellung, sie begegnen sich, tauschen sich aus."
Lothar Späth wollte nicht nur als Stiftungsrat und durch eine Versteigerung helfen, sondern das Öflinger Modell durch eine beispielhafte Aktion noch bekannter machen. Diese Aktion sollte paradigmatisch das Miteinander auf Augenhöhe zwischen geistig Behinderten und hervorragenden Profi-Kunstschaffenden beinhalten. Die Lösung brachte der Lothar Späth-Förderpreis für Künstler mit geistiger Behinderung. Er wird bundesweit ausgeschrieben in Einrichtungen, die verantwortlich mit geistig Behinderten auf künstlerischer Ebene arbeiten. Die Juroren sind anerkannte Künstler. Jeweils drei Künstler wählen sich drei Preisträger aus und – dies ist die eigentliche Belohnung – gestalten eine gemeinsame Ausstellung, in der sie sich in der Galerie im Alten Schloss von Wehr künstlerisch begegnen. Die Bilder der Profis treten in einen Dialog mit den Künstlern der behinderten Preisträger, sie gestalten eine gemeinsame Ausstellung, sie begegnen sich, tauschen sich aus. Ein wunderbarer Gedanke, der den Integrationsgedanken des Öflinger Modells fortführt, das Paul Gräb – wie er immer wieder sagt – zugefallen ist: Zufall als das, was Gott uns zufallen lässt.
So wurde der Späth-Preis in den Jahren 2006 und 2007 gehandhabt. Dank der Anregung von Heidrun Meyer, einer Behinderten aus dem Haus der Diakonie, im Rahmen der Preisverleihung 2007 stockte Lothar Späth den Förderpreis um 10 Anerkennungspreise auf. Heidrun Meyer hatte gesagt, dass eigentlich alle geistig Behinderten einen ersten Platz haben müssten, weil alle ganz kreativ sind und das Leistungsprinzip der „Normalgesellschaft“ bei ihnen nicht ziehen würde (1. Platz, 2. Platz, 3. Platz usw.). Das hat Lothar Späth „elektrisiert“. Spontan sagte er die Schaffung von 10 Anerkennungspreisen zu, um noch mehr Behinderte einzubeziehen.
Gruppenausstellung der Anerkennungspreisträger
Hatten bisher die drei Träger des Hauptpreises eine Ausstellung mit ihren Juroren im Alten Schloss von Wehr, so gab es nun das Problem, für die Anerkennungspreisträger auch eine Gruppenausstellung zu organisieren. Denn alle 10 Preisträgerinnen und Preisträger sollten ja Profikünstlerinnen und -künstlern begegnen und mit ihnen zusammen eine Ausstellung haben. In dieser Situation kam die Stadt Schopfheim und die Kulturkooperation der Städte Schopfheim und Wehr zur Hilfe: Für die Gruppenausstellung der Anerkennungspreisträger kann künftig die städtische Galerie in der Kulturfabrik genutzt werden.
Dass den geistig behinderten Annerkennungs-Preisträgern 14 Künstler aus dem Württembergischen beigesellt werden, ist eine kleine Verneigung vor Lothar Späth. Lothar Späth ist ja Schwabe und lebt in Württemberg. Da lag es nahe, ihm Künstler aus dem Stuttgarter Raum beizugesellen. Lothar Späth war am 1. Juni zur Preisverleihung in Wehr. Über 300 Besucher waren gekommen, um gemeinsam mit den 3 Trägerinnen des Hauptpreises und den 10 Trägern des Anerkennungspreises ein großes Fest zu feiern. Das geht nun in Schopfheim weiter mit der Ausstellung „DU UND ICH UND ICH UND DU“, die ich hiermit gern eröffne.
