Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Jesaja 6,1-4
Liebe Gemeinde,
in unserem Kirchenjahr liegen nun die vier großen Feste hinter uns: Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes. Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu. Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Trinitatis, das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Von nun an wird es in diesem Kirchenjahr kein großes Fest mehr geben - nur noch 25 Sonntage nach Trinitatis. Zu Beginn dieser festarmen Trinitatiszeit setzen wir einen trinitarischen Akzent, indem wir uns mit dem „Heilig, heilig, heilig“ beschäftigen, dem Sanctus, das seit alters her von der Kirche als Lobpreis des dreieinigen Gottes verstanden wird.
Ähnlich wie viele alte gottesdienstliche Gesänge hat auch das Sanctus biblische Wurzeln. Indem wir uns diese vergegenwärtigen und dann das Dreimalheilig im Kontext der Abendmahlsliturgie betrachten, kann sich uns sein Sinn ein wenig erschließen. Hören wir zunächst auf Worte der Schrift aus dem 6. Kapitel des Jesajabuches:
„In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“
So beginnt der Bericht über die Berufung des Propheten - mit einer Vision, die ihm für einen Moment Einblick gewährt in das Heilige, in Gottes Welt. Gott erscheint in seiner Erhabenheit, unnahbar, faszinierend und erschütternd zugleich. Gott - der Heilige, der ganz andere. Nicht der Bruder, dem wir distanzlos auf die Schulter klopfen können. Nicht der Wohnzimmergott. Hier begegnet Gott als Herr der Geschichte, als Schöpfer des Himmels und der Erde. Die ganze Erde ist voll seiner Ehre. So wird dem Propheten Gott offenbart als der heilige Gott, dessen Ehre größer ist als der himmlische Lobgesang ahnen lässt.
Gottes läßt sich "schmecken"
Der Lobpreis dieses heiligen Gottes steht im Zentrum jedes eucharistischen Gottesdienstes. Wenn wir uns die Abendmahlsliturgie vergegenwärtigen, wird uns der gottesdienstliche „Sitz im Leben“ dieses himmlischen Lobgesangs deutlich. Schon die Tatsache, dass jeder Abendmahlsgottesdienst mit einem Verkündigungsteil beginnt, zeigt an, dass das Miteinander von Wort und Sakrament, von Hören und Schmecken, das gottesdienstliche Feiern mit allen Sinnen das Besondere eines eucharistischen Gottesdienstes darstellt. Das im Verkündigungsteil gesprochene Wort gibt dem Feiern des Abendmahls ein Vorverständnis, das dann in der Abendmahlsliturgie entfaltet wird, wobei schon die Elemente des Abendmahls - Brot und Wein - für sich ganz Wichtiges ankündigen: In diesen elementaren Gaben der Schöpfung will Gottes Heil geschmeckt werden. Bevor also die eigentliche Abendmahlsliturgie einsetzt, werden wir durch den Anblick von Brot und Kelch an das erinnert, was für unser Leben notwendig ist, und an den Schöpfer des Himmels und der Erde, der uns dies Lebensnotwendige bereithält.
"Zu diesem Geschenk des Lebens gehört auch immer wieder neu das Geschenk der unverdienten Zuwendung Gottes. Dieses heil machende Geschenk dürfen wir im Abendmahl schmecken..."
Wie bitter nötig wir Menschen auf Gottes Sich-Schmecken-Lassen angewiesen sind, wird im ausführlichen Beichtteil nach der Predigt ausgesprochen. Sündenbekenntnis, Bekenntnis der Schuld - das meint ein Gewahrwerden der eigenen Bedürftigkeit, ein Erkennen dessen, dass unser Leben eben viel mehr ist als das, was wir aus ihm machen, nämlich gnädiges Geschenk Gottes. Zu diesem Geschenk des Lebens gehört auch immer wieder neu das Geschenk der unverdienten Zuwendung Gottes. Dieses heil machende Geschenk dürfen wir im Abendmahl schmecken, das ist Grund genug, mit der Gemeinde „die Herzen zum Herrn zu erheben“ und „Dank zu sagen dem Herrn, unserm Gott“. Es ist einfach „wahrhaft würdig und recht“, lobpreisend Gott zu danken und zu erinnern an das, was er in Jesus Christus für uns getan hat. Deshalb stimmen wir ihm zu Ehren das Sanctus an. Hinausgehend über die Worte, die der Prophet bei seiner Berufung hörte, entfalten wir im Abendmahl das Dreimalheilig christologisch, indem wir jene Worte hinzufügen, die beim Einzug Jesu in Jerusalem gesungen wurden: „Gelobet sei der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.“ So preisen wir den heiligen Gott, der sich in Jesus Christus auf seine Schöpfung in ganz neuer Weise eingelassen hat.
Weltumspannender Lobgesang
Festlich und fröhlich, lobend und dankend singen wir. Sogar die Engel und Erzengel jubilieren mit! Und ein wenig bekommen wir einen Vorgeschmack auf das Fest, das mit dem endgültigen Kommen des Reiches anbrechen wird. Mit dem „Heilig, heilig, heilig“ stimmen wir als irdische Gemeinde ein in einen himmlischen Lobgesang, in den Lobgesang der Engel, in den Lobgesang der ganzen Schöpfung. Mehr noch: Wir stimmen ein in den Lobgesang aller, die durch die Liebe des heiligen Gottes geheiligt worden sind. Der Sanctusgesang lässt uns eine grenzübergreifende, weltumspannende Gemeinschaft ahnen. Mit uns singen alle, die an anderen Orten dieser Erde ihren Glauben leben: Unsere Geschwister aus Südafrika und Finnland, aus Korea und Griechenland, aus den USA und Kolumbien, aus Frankreich und Russland. Unsere Geschwister aus den evangelischen Kirchen ebenso wie aus der römisch-katholischen Kirche und aus der orthodoxen Glaubensfamilie. All diese Grenzen werden im gemeinsamen Gotteslob des Dreimalheilig überwunden. Sogar die Grenzen des Todes werden im singenden Lobpreis überschritten, denn in die Gemeinschaft des Lobpreises sind auch alle einbezogen, die uns im Glauben vorangegangen sind, also auch unsere Verstorbenen. Gemeinsam mit der ganzen irdischen und überirdischen Welt sind wir vereint. Welch eine großartige Vorstellung, die wir durch unser Singen immer nur unzureichend abbilden können. Selbst das Sanctus in Bachs h-moll-Messe gibt nur einen matten Eindruck von der Größe des heiligen Gottes, die hier weltumspannend, irdisch und zugleich himmlisch besungen wird.
"Bisweilen lässt uns Gott für wenige Augenblicke in aller Klarheit schauen, wer er ist. Dann sendet er uns in eine Welt, in der er dann so oft verwirrend verborgen ist."
So wie in der Berufungsgeschichte des Jesaja der himmlische Lobgesang des „Heilig, heilig, heilig“ einmündet in einen höchst irdischen prophetischen Auftrag, so führt auch im Abendmahl vom himmlischen Lobgesang des „Heilig, heilig, heilig“ der Weg wieder zurück in die Tiefen irdischen Lebens. Bisweilen lässt uns Gott für wenige Augenblicke in aller Klarheit schauen, wer er ist. Dann sendet er uns in eine Welt, in der er dann so oft verwirrend verborgen ist. Eben noch haben wir von Gottes Heiligkeit himmlisch gesungen, und schon hören wir in der eucharistischen Liturgie die Worte der Einsetzung. „In der Nacht, da er verraten ward.“ Diese Zeitangabe erinnert zunächst an jenes Passafest, an dessen Vorabend Jesus das letzte Mahl mit seinen Jüngern feierte. Diese Zeitangabe aber riecht auch nach Tod. In der Nacht vor seinem Tod reicht Jesus seinen Jüngern die Speise des Lebens dar. Das lässt etwas ahnen von einer neuen, einer ganz anderen Qualität seines Todes. Kein Ende, keine Scheitern, kein Aus und Vorbei, sondern in seinem Tod öffnet sich die Pforte zum Leben. „In der Nacht, da er verraten ward“, das ist mehr als eine Zeitangabe, das ist ein Hinweis, dass der Tod dessen, der hier spricht, mehr und anderes ist als das Ende eines Menschen. Hier blitzt das über Jesu Tod hinaus Bleibende auf, ewiges Leben aus dem Tod.
In dem die Einsetzungsworten rahmenden Abendmahlsgebet wird die Nacht, da Jesus ausgeliefert wurde, eingezeichnet in den Kontext der Heilsgeschichte Gottes: Der Danksagung an den Schöpfer der Welt folgt das Gedächtnis der Heilstaten Gottes im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi und die Herabrufung des Heiligen Geistes. Damit ist im Abendmahlsgebet in äußerst verdichteter Form der trinitarische Charakter der Eucharistiefeier ausgedrückt, ehe schließlich der Horizont der Ewigkeit aufgerissen wird. „Sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis dass er kommt.“ Mit diesen Worten, mit denen wir den Gesang von Christus, dem Lamm Gottes, einleiten, wird unser Blick nach vorn gelenkt: Wir sind unterwegs zum Reich Gottes, und das Abendmahl ist uns Wegzehrung auf dem Weg ins verheißene Reich Gottes.
"Was ganz himmlisch begann, will ganz irdisch gelebt werden im Frieden, den wir miteinander schließen."
Aber nicht nur Fest der Hoffnung, auch Mahl des Friedens will das Abendmahl sein. Das findet seinen Ausdruck im Friedensgruß, der zunächst der Gemeinde zugesprochen und dann auch durch eine Geste der Zuwendung von den Gemeindegliedern aufgenommen wird. So entfaltet der Lobgesang des „Heilig, heilig, heilig“ eine ganz irdische Kraft. Das Dreimalheilig des Abendmahls schließt uns mit Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Konfessionen zu einer Gemeinschaft zusammen, verbindet uns zu einem Leib Christi. Es stößt uns an, selbst gegen menschengemachte Abgrenzungen anzugehen und Grenzen zu überwinden, die den Leib Christi zerschneiden und verletzen - seien es Grenzen zwischen den Konfessionen, zwischen Nord und Süd, zwischen arm und reich, zwischen Männern und Frauen. Was ganz himmlisch begann, will ganz irdisch gelebt werden im Frieden, den wir miteinander schließen.
Das Meer in der Muschel
Liebe Gemeinde, über das Sanctus zu predigen war mir an diesem Sonntag aufgetragen. Mehr als Annäherungen an ein Verstehen dieses himmlisch-irdischen Menschen- und Engelsgesangs konnte ich nicht wagen. Denn wenn dieser Gesang den dreieinigen heiligen Gott besingt, dann bleibt vieles geheimnisvoll. Wer dieser Heilige ist, das ahnen wir, mehr nicht. Wenn wir von der Dreifaltigkeit Gottes sprechen, dann geht es uns letztlich so wie dem Kirchenvater Augustin. Einst wandelte er am Strand des Meeres, tief versunken in seine Gedanken über das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes. Er schrieb gerade ein Buch darüber. Er traf auf einen kleinen Jungen, der mit seinem Löffel das Meer in eine Muschel zu schöpfen versuchte. Er blieb stehen: „Was machst du denn da?“ „Ich schöpfe mit meinem Löffel das Meer in diese Muschel“, antwortete der Junge. „Das wird dir nicht gelingen“, meinte Augustin, „das Meer ist viel zu groß und zu tief, als dass du es in eine Muschel schöpfen könntest!“ Darauf der Kleine: „Wenn du das unergründliche Geheimnis Gottes und seiner Dreieinigkeit zwischen zwei Buchdeckel fassen kannst, dann kann ich auch das Meer in meine Muschel schöpfen.“
Wie unerschöpflich ist doch unser Glaube an den dreieinigen Gott. Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll, Hosianna in der Höhe. Amen.
