„Betet ohne Unterlass!“

Ökumenischer Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen, Weinheim am 08.05.2008

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu 1. Thessalonicher 5, 17

Liebe Gemeinde,
den heutigen ökumenischen Gottesdienst feiern wir an einem besonderen denkwürdigen Datum: Am 8. Mai.
An diesem Tag gedenkt der Staat Israel an seine Gründung vor 60 Jahren - Anlass für uns, im Gebet mit den Menschen im Heiligen Land verbunden zu sein, die so sehnlich auf eine dauerhafte Friedenslösung für Israel und Palästina warten.
Am 8. Mai 1945, also heute vor 63 Jahren fand der Zweite Weltkrieg sein Ende, der Millionen Menschen den Tod und Vertreibung aus ihrer Heimat brachte - Anlass für uns, im Gebet für den Frieden in unserem Land, in Europa und in der Welt nicht nachzulassen.
Und schließlich ist der traditionelle Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Woche vor Pfingsten in diesem Jahr ein Jubiläumsgottesdienst, denn in diesem Jahr feiern wir das 100jährige Bestehen dieser ökumenischen Gebetswoche - Anlass für uns, uns in ökumenischer Verbundenheit im Gebet und in der Fürbitte füreinander, für die Kirche und für die Welt zu vereinen.

Beten ist Vertrauen in die Zukunft
Das Leitwort, unter dem die Gebetswoche steht und das so etwas wie das Leitmotiv ihrer 100jährigen Geschichte ist, ist zugleich ein Motiv, das alle drei Gedenktage an diesem 8. Mai zusammenfasst: „Betet ohne Unterlass!“ Entnommen ist dieses Motto dem ältesten Text des Neuen Testaments, dem ersten Brief des Paulus an die Gemeinde von Thessalonich, dem heutigen Saloniki. Paulus beendet seinen Brief an die von ihm gegründete Gemeinde mit Ermahnungen, die in engstem Zusammenhang stehen mit der unmittelbar zuvor formulierten Hoffnung auf die Wiederkunft Christi. Das heißt: Von der Zukunft her mahnt Paulus seine Gemeinde, genauer: von der Gewissheit künftigen Heils her und von der Hoffnung auf den „Tag des Herrn“. Weil Paulus darauf vertraut, dass Jesus Christus die Zukunft gehört, deshalb mahnt er „Betet ohne Unterlass!“ Paulus ermutigt zu einem Vertrauen in den kommenden Herrn. Sich diesem Herrn und seiner Zukunft ganz anzuvertrauen, darum geht es Paulus, wenn er mahnt „Betet ohne Unterlass!“

"Im Beten suche und finde ich Ahnung und Gewissheit der heilvollen Gegenwart Gottes."

Beten ist Ausdruck menschlichen Gottvertrauens. Wenn ich bete, dann öffne ich mich Gott, dann taste ich mich zu ihm vor. Im Beten suche und finde ich Ahnung und Gewissheit der heilvollen Gegenwart Gottes. Im Beten entdecke ich neue Spielräume des Lebens. Indem ich mich betend Gott zuwende, bekomme ich einen neuen Blick für meine Probleme, einen neuen Blick auf mein Leben und auf das Leben meiner Mitmenschen, einen neuen Blick auf diese Welt. Im Beten werde ich mir dessen bewusst, dass ich nicht ein auf mich selbst angewiesenes Individuum bin, sondern ein Mensch, der von Gott her die Kraft geschenkt bekommt zum Tätigsein. Beten also geschieht im Angewiesensein auf Gottes Hilfe. Beten geschieht im Vertrauen darauf, dass der kommende Herr mich in Bewegung setzt auf Menschen zu, auch auf gesellschaftliche Situationen zu, die zu bearbeiten scheinbar unmöglich ist.

Am Beten enstscheidet sich das Christsein
Solch ein Beten hat für viele Menschen unserer Zeit an Plausibilität verloren. Sie fühlen sich auf sich selbst zurückgeworfen und sind darüber in ihrem Tätigsein „Gott los“ („gottlos“) geworden. Damit aber bleiben sie ihren eigenen Depressionen und Ängsten ausgeliefert. Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Gebet, können nicht mehr beten oder haben keine eingeübte Gebetspraxis. Diesen Menschen Angebote eines befreienden Betens zu machen, ist genuiner Auftrag der Kirchen. Denn am Beten entscheidet sich zuerst das wahre Kirchesein. Und was für die Kirchen gilt, gilt in gleicher Weise für den einzelnen Christenmenschen. Am Beten entscheidet sich wahres Christsein. Will ich als Christ meinem Auftrag in dieser Welt gerecht werden, so kann ich dies nur, wenn ich ein betender Mensch bin, wenn mein Tun also aus meinem Beten erwächst. An meinem Beten erkennt die Welt, ob ich Christ bin.

"Beten kann ich aber nur, wenn ich zunächst einmal teilhabe an der Unfähigkeit zum Beten, die vielen Menschen heute zu schaffen macht."

Denn Beten ist die spezifische Form christlichen Glaubens, in der ich mich Gott öffne. Beten kann ich aber nur, wenn ich zunächst einmal teilhabe an der Unfähigkeit zum Beten, die vielen Menschen heute zu schaffen macht. Nicht nur in unserer Welt gibt es eine große Gebetsnot, auch in unseren Kirchen erleben wir eine Unfähigkeit zum Beten, die nicht selten überspielt wird durch kunstvolle Gebetsformulierungen. Ehrliches Beten beginnt mit dem Eingeständnis der eigenen Gebetsnot. Beginnt damit, dass wir ehrlich Anteil nehmen an der Gebetsnot unserer Welt. Zum Beten gehört die erschütternde Erfahrung der Gebetsnot, von der Paulus schon wusste: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt“ (Röm 8,26). Aber Paulus weiß dann eben auch darum, dass der Geist unserer Schwachheit aufhilft. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft zum rechten Beten, zum Nach-oben-Tasten hinauf zu Gott. Dieses geistgewirkte, auf den Geist vertrauende Beten ist es, aus dem heraus Kirche entsteht. Dieses Beten ist es auch, das uns über alle Grenzen der Konfessionen hinweg verbindet, das uns auch verbindet mit dem Bundesvolk Gottes, mit Israel.

Beten macht stark und führt zum Handeln
Das gemeinsame Teilhaben an der Gebetsnot der Welt, das gemeinsame Kraftschöpfen in der Hinwendung zu Gott - das ist es, was Beten in der Gemeinschaft des Glaubens ausmacht. Wo wir mit der Gemeinde, mit dem Volk Gottes um Gottes heilvolle Gegenwart ringen, wo wir uns betend der Zukunft vergewissern, die der kommende Christus uns eröffnet - dort erhalten wir die Kraft, für die Welt Verantwortung zu übernehmen. Indem wir beten, gelangen wir zum Tun des Gerechten. So ist das Beten, das Ausschauen auf Gott und die durch Christus eröffnete Zukunft die Kraftquelle für unsere gegenwärtige Hinwendung zur Welt. So ist Gebet Grundlage und Voraussetzung einer kraftvoll wahrgenommenen Weltverantwortung. Beten führt nicht zum Untätigsein, es führt zum Handeln. „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat.“ dichtet Jochen Klepper. Beten macht stark - zur Bewahrung der Schöpfung, zur Friedensstiftung in Europa wie im Nahen Osten, zum Engagement für die Einheit der Kirchen in unserem Land, zum Heilen und zum Trösten. So geschieht unser Beitrag zur Gestaltung einer menschlichen Welt nicht nur durch unser Tätigsein, sondern auch durch das Beten.

Mit dem Motto „Betet ohne Unterlass“ erinnert uns die Gebetswoche für die Einheit der Christen an unseren Auftrag, die Welt nicht nur zu gestalten, sondern auch fürbittend für sie vor Gott einzutreten. In der Fürbitte wird in besonderer Weise die Zukunft in den Blick genommen, aus der unser Herr uns entgegenkommt. In der Fürbitte wird die Zukunft anderer Menschen in den Blick genommen, die Zukunft eines Gemeinwesens, die Zukunft der Welt. Wenn wir jemanden auffordern, für einen anderen Menschen zu beten, dann legen wir ihm ein Anliegen ans Herz. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, leben auch die Kirchen in ihrem ökumenischen Miteinander.

"In der Fürbitte öffne ich mich zu anderen Menschen hin. Meine Fürbitte verändert die Perspektive, aus der ich diese Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehe."

Was mir ans Herz gelegt ist, betrifft mich im Innersten, das bringe ich vor Gott. In der Fürbitte bitte ich Gott für alle, die mir ans Herz gelegt sind. In der Fürbitte öffne ich mich zu anderen Menschen hin. Meine Fürbitte verändert die Perspektive, aus der ich diese Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehe. Und meine Fürbitte verändert mein Verhältnis zu anderen. Wo mir jemand ans Herz gelegt wurde und ich ihn Gott ans Herz gelegt habe, da werde ich auch im Alltag sorgsamer mit ihm umgehen. Einem Feind, für den ich gebetet habe, kann ich anders ins Gesicht sehen und kann ich nicht mehr ins Gesicht schlagen. Und wenn ich für andere Kirchen bete, dann lerne ich die Mitglieder dieser anderen Kirche mit den Augen Gottes als meine Schwestern und Brüder zu sehen.

Anteilnehmen und Anteilgeben
So geschieht in der Fürbitte ein Anteilnehmen und Anteilgeben, das für die Zukunft neue Perspektiven eröffnet. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Zukunftsperspektiven zu gewinnen. Natürlich gibt es auch bei der Fürbitte keinen Gebetsautomatismus. Durch unser Gebet bekommen wir Gott nicht in den Griff. Gott bleibt Herr allen Geschehens. Aber so wie uns das Beten immer neue Räume erschließt zu bisher nicht Gedachtem, nicht Erprobtem, nicht Erfahrenem, so dürfen wir auch daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet und dass in solchem Öffnen Gott selbst handelnd am Werke ist.

Deshalb: „Betet ohne Unterlass!“ - gerade an diesem 8. Mai. Betet für den Frieden in aller Welt, besonders im Heiligen Land und im Nahen Osten. Dann wird der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, Herzen und Sinne erfüllen, so dass Frieden gewirkt wird.
Betet für die Einheit der Kirchen in unserem Land und weltweit. Dann lernt Ihr Euch in unseren noch getrennten Kirchen mit neuen Augen sehen und dann wird Gott das Werk der Einheit vollenden, auf dass die Welt glaube. Amen.