Sprachlos?

Gottesdienst zum 200jährigen Kanzeljubiläum in Bötzingen am 04.05.2008

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über Röm 8,26f

Für die Predigt in diesem Jubiläumsgottesdienst am Sonntag Exaudi, dem Sonntag vor Pfingsten, ist uns als Wort der Schrift ein kurzer Abschnitt aus dem Römerbrief gegeben. Im 8. Kapitel dieses Briefes schreibt der Apostel Paulus: „Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebühret; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.“

Sprachlos
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebühret.“ Liebe Gemeinde, zunächst einmal überrascht diese Feststellung des Apostels sehr. Sonntag für Sonntag feiern wir Gottesdienst, finden uns zusammen zum gemeinsamen Gebet. Wissen wir denn nicht, was wir bei unseren Gottesdiensten beten sollen? Wissen wir denn nicht, wie wir das Vaterunser miteinander beten können? Beten wir nicht auch in Krankenhäusern und an Sterbebetten, in Zeiten großer Not oder in Augenblicken des Glücks? Gewiss: Das Beten hat für viele Menschen unserer Zeit an Plausibilität verloren. Sie fühlen sich auf sich selbst zurückgeworfen und sind darüber „Gott los“ („gottlos“) geworden. Viele Menschen können nicht mehr beten oder haben keine eingeübte Gebetspraxis. Aber kann man wirklich so pauschal wie Paulus sagen „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebühret“?

"Indem wir uns beim Beten ganz auf unsere Beziehung zu Gott konzentrieren, verlieren wir nicht selten die Welt aus dem Blick. Damit aber schotten wir uns in unserem Beten, gerade auch in unserem sonntäglichen gottesdienstlichen Beten, von der Welt ab."

Machen wir uns kurz klar, was bei unserem Beten vor sich geht. Wenn wir ehrlich sind, dann stehen wir oft in der Gefahr, bei unserem Beten den Alltag der Welt zu vergessen. Indem wir uns beim Beten ganz auf unsere Beziehung zu Gott konzentrieren, verlieren wir nicht selten die Welt aus dem Blick. Damit aber schotten wir uns in unserem Beten, gerade auch in unserem sonntäglichen gottesdienstlichen Beten, von der Welt ab. Unser Beten wird egoistisch, ganz allein auf uns bezogen. Damit wird es zugleich kraftlos, weil es isoliert wird von der Fülle des Lebens. Das Beten im Namen des Christus, den wir als Herrn über die ganze Welt bekennen, kann aber nur ein Beten sein, in dem wir uns der ganzen Welt öffnen. Beten, wie es sich gebührt, geschieht im Eintreten für die Welt. Die ganze Welt soll vor Gott ins Gebet genommen werden. Darum gibt es keinen Bereich der Welt, den wir aus unseren Gebeten ausklammern dürfen -
nicht die Feinde, die wir lieber bekämpfen würden,
nicht die Krankheiten, über die wir lieber nicht sprechen,
nicht die Untaten, die Menschen einander antun und die wir am liebsten nicht wahrnehmen wollen,
nicht die Katastrophen, die uns ängstigen und die Luft nehmen.
Wenn wir uns wirklich einlassen auf diese gequälte und unerlöste Welt, dann werden wir sprachlos, unfähig zum rechten Beten.

Solidarität mit der noch nicht erlösten Welt
Nun erschließt sich uns, was Paulus mit seiner grundsätzlichen Feststellung meint „wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt.“ Paulus trifft diese Feststellung im Zusammenhang des 8. Kapitels seines Römerbriefes, das unter der großen Überschrift „Leben aus Gottes Geist“ steht. Dabei rühmt Paulus unsere durch Christus geschenkte Freiheit als die herrliche Freiheit der Kinder Gottes: Weil Christus unser Bruder wurde, können wir voller Vertrauen zu Gott rufen „Abba, lieber Vater.“ Aber Paulus ist ein Realist. Er weiß, dass wir auch als befreite Kinder Gottes eingebunden sind in eine Welt, die der Vergänglichkeit unterworfen ist. Die ganze Schöpfung seufzt unter ihrer Vergänglichkeit und sehnt sich nach Erlösung. Und mit der Schöpfung seufzen und sehnen auch wir uns nach endgültiger Erlösung aus unserem irdischen Leib.

Auf diesem Hintergrund kann für Paulus christliches Beten nur geschehen in Solidarität mit der noch nicht erlösten Welt. Es kann nur geschehen als ein Mitseufzen mit der Schöpfung. In unserer Geschöpflichkeit sind wir Christenmenschen Teil der seufzenden, nicht erlösten Schöpfung. Wir stehen in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Welt. Jedes ehrliche Beten muss deshalb beginnen mit dem Eingeständnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit, mit dem Eingeständnis eigener Schwachheit. In unserer Schwachheit sind all unsere Lebensfähigkeiten verborgen und verschüttet, gebunden oder vergraben unter dem, was zum Seufzen in der Welt Anlass gibt. Deshalb wissen wir nicht, was zu beten sich gebührt. Das Leiden der Schöpfung macht uns sprachlos,
das Leiden zu Tode gequälter Kinder ebenso wie das Leiden missbrauchter Frauen,
das Leiden so unzählig vieler Todkranker und Sterbender ebenso wie das Leiden Hungernder im Sudan oder in Simbabwe,
das Leiden Entrechteter ebenso wie das Leiden der durch unseren üppigen Lebensstil gequälten Natur und Kreatur.
Ehrliches Beten beginnt mit dem Eingeständnis des Eingebundenseins in die Not der Welt. Es setzt das Eingeständnis der eigenen Not voraus, das Eingeständnis des Angewiesenseins auf Gottes Hilfe. Die Bewegung des Betens wirft uns ganz zurück auf uns selbst, auf unsere Hilflosigkeit.

Geist gewirktes Beten
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt.“ Bei dieser resignierenden Erkenntnis bleibt Paulus aber nun nicht stehen. Vielmehr ist es gerade unsere Schwachheit, die uns ganz offen macht für den Gott, der uns und unserer Welt eine neue Perspektive geschenkt hat, indem er uns den Tröster, den Heiligen Geist sandte. Erst wenn uns das unsagbare Leid der Welt den Mund verschließt, sind wir an dem Punkt, wo wir wirklich offen werden für den Heiligen Geist, der unserer Schwachheit aufhilft. Als Teil der noch nicht erlösten Schöpfung sind wir ganz angewiesen auf den Beistand des Heiligen Geistes. Beten ist ein Sich-Aussetzen der Kraft des Heiligen Geistes. Beten ist ein Sich-Verlassen auf den Beistand des Heiligen Geistes. Wo unsere Kraft zum Beten nicht reicht, da gibt uns der Heilige Geist die Kraft zum rechten Beten. Wir sind eben als glaubende Menschen nicht nur solche, die sich in Solidarität mit der Welt nach Erlösung sehnen, wir sind zugleich auch solche, die das Geschenk des Heiligen Geistes von Gott empfangen haben. Der Geist kennt unsere ganze Not und tritt deshalb vor Gott für uns ein. Er kommt uns zur Hilfe. Stellvertretend für uns schreit er unsere Not mit unaussprechlichen Seufzern Gott entgegen. Wie ein Anwalt, der um die Not seines Mandanten weiß und öffentlich für ihn und seine Not eintritt, so tritt der Heilige Geist für uns vor Gott ein. In unserer Schwäche seufzt Gottes Geist in uns, mit uns, für uns und über uns. Er hilft uns mit seinen Seufzern bei unserm Seufzen.

"Jesus Christus hat uns den Tröster, den Heiligen Geist verheißen, damit er uns zum rechten Beten verhilft. Dieser Geist hilft uns, stellvertretend für die leidende Welt vor Gott zu treten und im Gebet nach Rettung für diese Welt zu schreien."

Dieses Geist gewirkte Beten, das zunächst von der Unfähigkeit zum Beten ausgeht, aber im Vertrauen auf den Heiligen Geist Kraft gewinnt, dieses Beten ist es, aus dem heraus Kirche entsteht. Jesus Christus hat uns den Tröster, den Heiligen Geist verheißen, damit er uns zum rechten Beten verhilft. Dieser Geist hilft uns, stellvertretend für die leidende Welt vor Gott zu treten und im Gebet nach Rettung für diese Welt zu schreien. Indem Gottes Geist uns zu solch stellvertretendem Beten befreit, werden wir als Christenmenschen zu Hoffnungsträgerinnen und -trägern für die noch unerlöste Welt.

Beten und Tun des Gerechten
Das werden wir aber nur, wenn unser Beten dann auch einmündet in einen Alltag, der diesem Beten entspricht. Unser Beten für diese Welt will seine Fortsetzung finden in vielen Hoffnungsschritten, die wir für diese Welt tun -
mag dies nun ein Besuch bei einer kranken Nachbarin sein
oder die Aussöhnung mit einem uns schon lange Verfeindeten,
ein tröstendes Gespräch mit einem an seiner Schuld zerbrechenden Menschen
oder ein kommunalpolitisches Engagement vor Ort,
die Einübung umweltgerechten Verhaltens mit dem Ziel wirksamer Reduzierung des Energieverbrauchs
oder das Eintreten für die Wahrung der Menschenrechte während der Olympiade in Peking.
Das durch Gottes Geist gewirkte Beten will seine Fortsetzung finden im Tun des Gerechten, das dem Beten im Alltag der Welt zur Seite tritt. Im Beten und im Tun des Gerechten bewährt sich die Freiheit der Kinder Gottes. Zum rechten Beten will Gottes Geist uns verhelfen, indem er uns mit unaussprechlichen Seufzern vertritt. Und zum Tun des Gerechten, will Gottes Geist uns befähigen, denn er will in uns wirken als Geist, der uns in alle Wahrheit führt.

Schenke Gott, dass auf dieser Kanzel weiterhin um die Hilfe seines Geistes gebetet wird Und wirke Gott, dass von dieser Kanzel aus die Hoffnung auf den Beistand seines Geistes gestärkt wird, auf dass viele in dieser Gemeinde erfahren: „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf.“ Amen.