Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer: „…und deine Seele blüht auf“ (Jer 17,14)
Liebe Gemeinde auf der Landesgartenschau,
in diesen Tagen erwacht die Natur zu neuem Leben. Ungemütliche Wochen mit wenig frühlingshaften Temperaturen liegen hinter uns. Erst in dieser Woche - gerade rechtzeitig zum Start dieser Landesgartenschau - kam öfter die Sonne heraus, und schon blüht alles auf: die Bäume und Büsche, die Blumen und Pflanzen… und auch unsere Seele blüht auf. Ja, wenn das Frühjahr kommt, wenn die Sonne wärmend scheint, wenn Pflanzen aus dem Winterschlaf erwachen, dann tut das Aufblühen der Natur auch unserer Seele gut. Mit dem Frühling stellen sich in ihr Frühlingsgefühle ein: Unsere Seele blüht auf.
Schon in biblischen Zeiten wussten die Menschen um den engen Zusammenhang des Aufblühens der Natur und des Blühens der Seele. Wie herrlich kann der Psalmist die Schönheit der Natur besingen, und er beginnt seinen Lobgesang mit den jubelnden Worten „Lobe, den Herrn, meine Seele!“ Er singt, als wäre die Seele direkt infiziert von der Lebendigkeit der Schöpfung Gottes. Beim Betrachten all dessen, was blüht, blüht auch seine Seele auf zum Lobgesang Gottes. Nicht anders wird es vielen gehen, die in den kommenden Monaten die Landesgartenschau besuchen werden: Beim Betrachten der Blütenpracht wird so manche Seele aufblühen - irgendwie ahnend, dass es eine tiefe Beziehung zwischen der außermenschlichen Natur und der menschlichen Seele gibt.
Natur und Seele
Wie tief diese Beziehung im biblischen Denken reicht, merken wir beim Beten des 1. Psalms. „Wohl dem Mann, der Freude hat an der Weisung des Herrn. Er ist wie in Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeiten seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken.“
Und damit haben wir uns auf etwas sehr Grundsätzliches besonnen: All das, was wir bei dieser Landesgartenschau an Pflanzen sehen, all das ist Sinnbild auch menschlichen Lebens. Denn so ist es doch: Wenn wir in unserem Leben keine Wurzeln haben, dann verdorren wir. Wie ein Baum nur grünen kann, wenn seine Wurzeln hinabreichen bis ans Wasser, so verkümmert auch unsere Seele, wenn sie keine Quelle hat, aus der sie schöpfen kann. Eine Seele, die sich ausrichtet an Gottes guten Weisungen für das Leben, die blüht auf und bringt Frucht. Die Weisungen, das Wort Gottes sind für sie wie eine nie versiegende Lebensquelle. Unsere Seele, unser Leben gleicht blühenden Pflanzen und Bäumen. Wie die Bäume und Pflanzen bezieht auch unsere Seele ihre Kraft aus einem tiefen Grund, aus Quellen, die nicht versiegen. So predigen all die Pflanzen, die wir hier betrachten und bestaunen, nicht nur von Gott, dem Schöpfer allen Lebens, sie predigen auch von dem, was unserem Leben im letzten Halt gibt und was unsere Seelen aufblühen lässt.
"An Gottes Wort ausgerichtete Menschen sind lustvolle Menschen, sind Menschen, deren Seelen blühen und grünen, so dass andere neugierig werden auf Gottes Wort."
Wie unsere Seele Kraft schöpfen kann aus dem Wort Gottes, das beschreibt der Beter des 1. Psalms sehr anschaulich, wenn er sagt: „Glücklich der Mensch, der Lust hat an Gottes Weisung!“ Lust an der Weisung Gottes, welch sinnliche Vorstellung! Wer dächte nicht an die Lust Evas, mit der sie zur Frucht am Baum der Erkenntnis griff! Wer dächte nicht an die Lust, die Motor mancher Liebesbeziehung ist! Lust an der Weisung Gottes, das ist mehr als intellektuelles, kluges Erfassen biblischer Texte. Das hat etwas zu tun mit Emotion, mit Affekten. Das geht nicht ab, ohne dass uns Gottes Weisung erquickt und erfrischt, delektiert (lat. Übersetzung). Was Gott uns in den Worten der Bibel an gnädiger Zuwendung zukommen lässt, das können wir nicht mit unserem Verstand erfassen. Das ist etwas, was unser Herz anrührt. Das hat etwas zu tun mit Gefühl, mit Sinn und Geschmack. Wer sich an der gnädigen Willensbekundung Gottes delektiert, ist wahrhaft glücklich zu nennen. Wer an den Weisungen Gottes seine Lust hat, mit Lust und Liebe auf sie hört und sie sich zu Herzen, zu Kopf und Magen nimmt, dessen Seele blüht auf. An Gottes Wort ausgerichtete Menschen sind lustvolle Menschen, sind Menschen, deren Seelen blühen und grünen, so dass andere neugierig werden auf Gottes Wort.
Aus dem Wort Gottes schöpfen
Genau diese Grundaussage über uns Menschen hatte auch der Prophet Jeremia im Kopf, als er - in Anlehnung an Psalm 1 - die Worte schrieb, die wir als Schriftlesung gehört haben: „Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt, seine Blätter bleiben grün.“ Diese Worte hat Jeremia nicht nachgeplappert oder wie eine Allerweltsweisheit dahergesagt. Nein, diese Worte hatten für ihn eine ganz persönliche, ganz existentielle Bedeutung. Jeremia erlebte in seinem Dienst als Prophet schlimmste Anfechtungen. Oft genug hatte er Grund, an Gott zu zweifeln. Allzu vieles sprach gegen ihn. Seine Prophezeiungen schienen nicht einzutreffen. Schwer wurde er misshandelt und gedemütigt. Und als es ihm besonders schlecht erging, rief er zu Gott: „Heile du mich, Herr, so bin ich heil. Hilf mir, so ist mir geholfen.“ So spricht einer, der sich ganz ausrichtet an Gottes Wort. Der sein Vertrauen ganz richtet auf Gott und seine Verheißungen. So spricht einer, der durstig giert nach der Quelle des tröstlichen Gotteswortes und der weiß: Meine Seele kann nur aufblühen, wenn Gott mir hilft und meine Wunden heilt.
"An Jeremia können wir sehen, wie durch solch unbedingtes Vertrauen in Gottes Wort die Seele stark wird und zu blühen beginnt."
Jeremia weiß, dass er ganz auf Gottes helfendes Wort angewiesen ist, wenn er wirklich Hilfe in seinem schweren Dienst erfahren will. Jeremia weiß, dass er Gottes Wort der Vergebung und des Trostes braucht, wenn er wirklich heil werden soll an Leib und Seele. Von Jeremia können wir lernen, was es heißt, auch in schweren Lebenssituationen die Lust an Gottes Wort zu bewahren. An Jeremia können wir sehen, wie durch solch unbedingtes Vertrauen in Gottes Wort die Seele stark wird und zu blühen beginnt. Denn aus der Hinwendung zu Gott empfängt Jeremia neu die Kraft, seinen schweren Dienst als Prophet zu tun.
Jeder Baum, den wir auf dieser Landesgartenschau sehen, mag uns erinnern an das Vertrauen, mit dem Jeremia aus dem Wort Gottes schöpfte. Jeder Baum, den wir hier sehen, mag uns hinweisen auf die Lebensquelle, die uns mit Gottes Wort der Hilfe und der Heilung geschenkt ist. Jeder Baum, den wir hier sehen, mag uns darin gewiss machen, dass wir aus Gottes Wort Hoffnung schöpfen können für unser Leben, auf dass unsere Seele aufblühe.
Kirche auf der Landesgartenschau
Genau deshalb sind wir als Kirchen auf dieser Landesgartenschau präsent. Wir wollen den Besucherinnen und Besuchern Sehhilfen zum Heil geben. Wir wollen sie ermuntern und ermutigen, jene Quellen wahrzunehmen, die sie brauchen, damit ihre Seele aufblüht:
Die einzigartige Zeltkirche soll nicht nur ein Ort der Begegnung sein. Nein, in den täglichen Mittagsandachten soll das Wort Gottes so verkündigt werden, dass Menschen Lust an diesem Wort bekommen, sozusagen „Appetit auf mehr“, auf dass ihre Seele aufblühe.
Im Paradiesgarten, diesem „Garten der Stille“, soll die Betrachtung biblischer Pflanzen erinnern an die Wurzeln, in denen unser menschliches Leben gründet und ohne welche unsere Seele nicht aufblühen kann.
Die zehn Wasserstationen im umgestalteten Kurpark sollen hinweisen auf die Quellen, auf denen wir Menschen schöpfen können, auf dass unsere Seele aufblühe.
Und indem wir all dies in enger ökumenischer Gemeinsamkeit darbieten, dürfen wir auch hoffen, dass die Ökumene auf dieser Landesgartenschau neu beseelt wird und aufblüht.
Liebe Gemeinde, viele Bäume auf dieser Landesgartenschau strecken ihre Wurzeln am Bach. Sie werden nichts zu fürchten haben, wenn Hitze kommt. Ihre Blätter werden grün bleiben. Gebe Gott seinen Geist, damit viele Menschen, die diese Landesgartenschau besuchen, leben lernen wie diese Bäume - fest gegründet im Vertrauen auf Gott, voller Hoffnung ausgestreckt auf seine Hilfe und sein Heil. Dann werden nicht nur Pflanzen und Blumen, Bäume und Sträucher erblühen, sondern dann wird sich erfüllen, was verheißen ist: Deine Seele blüht auf! Amen.
