Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Apg 6,1-7
Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Der Anlass, der mich zu Ihnen führt, ist hoch erfreulich. Einen Gottesdienst zum 25jährigen Jubiläum einer Sozialstation zu feiern, der durch einen Chor der Mitarbeiterschaft dieser Sozialstation mitgestaltet wird, ist schon etwas Besonderes - auch im Leben eines Bischofs.
Ich will mit Ihnen über jenen Text aus dem 6. Kapitel der Apostelgeschichte nachdenken, der so etwas wie der Basistext der Diakonie ist. Was ist hier geschildert?
Da hatten sich griechisch sprechende Juden zu Christus bekehrt. Es handelte sich um Einwanderer aus dem griechischen Teil des römischen Reiches, die ihren Lebensabend in Jerusalem verbringen wollten, um einmal in der Nähe des Tempels beerdigt zu werden. Sie hatten Zugang zur christlichen Gemeinde gefunden. Unter ihnen gab es besonders viele ältere und verwitwete Menschen, die sich in Jerusalem recht fremd fühlten, weil sie ihre Kinder in der Heimat zurückgelassen hatten. Diese weltmännisch eingestellten, griechisch sprechenden Judenchristen wurden Hellenisten genannt und lebten nicht ohne Spannungen neben den konservativen Judenchristen, die aus Palästina stammten und hebräisch sprachen. Unter diesen beiden Gruppen der christlichen Gemeinde entstand nun ein Konflikt, und dieser Konflikt zwischen den Hellenisten und den Hebräern wurde von der Gemeindeleitung, den Aposteln, zielstrebig angegangen. Eine Gemeindeversammlung wurde einberufen. Dort wurde die Benachteiligung der hellenistischen Witwen diskutiert. Es wurde eine Lösung vorgeschlagen, die darin bestand, die Aufgaben in der Gemeinde neu zu organisieren. Qualifizierte Leute, so genannte Diakone, sollten den Dienst der Witwenversorgung übernehmen. Diese vorgeschlagene Arbeitsteilung setzte seitens der Apostel die Bereitschaft voraus, Aufgaben und damit Macht abzugeben und sich auf die spezifischen Aufgaben des Gebetes und der Verkündigung zu konzentrieren. Es wurden sieben fähige Kandidaten gefunden. Die Apostel erklärten sich mit der Auswahl einverstanden und setzten die Sieben durch Gebet und Handauflegung in ihr diakonisches Amt ein. Damit fand der Konflikt in der Urgemeinde eine organisatorische Lösung, durch welche - wie Lukas vermerkt - die missionarische Ausstrahlungskraft der jungen Gemeinde gestärkt wurde. Das Wort Gottes breitete sich weiter aus.
Arbeitsteilung mit verhängnisvoller Wirkung
Das, was Lukas hier schildert, ist die Geschichte von der Organisation der Nächstenliebe in der christlichen Urgemeinde. Ganz gewiss keine Geschichte, die uns vom Hocker reißt. Eine scheinbar harmlose, spannungslose Geschichte. Aber wenn Lukas eine schlichte organisatorische Maßnahme zur Verbesserung der Gemeindearbeit schildert, indem er den „Dienst am Wort“ vom „Dienst an den Tischen“, also den Verkündigungsdienst vom Dienst der Nächstenliebe unterscheidet, dann steckt in dieser Schilderung ungeheurer Sprengstoff. Mit dieser Unterscheidung sind nämlich wichtige Entscheidungen gefallen: Der Dienst an den Tischen, also die Hilfe für die Armen wurde sieben Diakonen übertragen, der Dienst am Wort dagegen blieb den zwölf Aposteln vorbehalten. Damit wurde einerseits eine sinnvolle Arbeitsteilung in der Kirche etabliert. Mit heutigem Sprachgebrauch könnte man geradezu sagen: Hier wurde ein gabenorientierter Mitarbeitereinsatz praktiziert. Die zur Verkündigung des Wortes Gottes Befähigten sollten weiter verkündigen. Die zum Dienst der Nächstenliebe Befähigten wurden als Diakone eingesetzt. Damit wurden Grundlagen für eine gabenorientierte Differenzierung kirchlicher Ämter gelegt. Das ist aber nur die eine, die glänzende Seite der Medaille. Die andere, die dunkle Seite, die Lukas geflissentlich durch seine Berichterstattung zudeckt, ist aber diese: Mit der Trennung der Dienste der Apostel und der Diakone wurde der Dienst am Wort dem Dienst an den Tischen vor- und übergeordnet. Mit der Schaffung des Diakonenamtes neben dem Apostelamt kam es zu einer Vorordnung des Glaubens vor der Liebe, kam es zu einer Trennung von Wort- und Tischdienst, der sich in der Geschichte der Kirche verhängnisvoll auswirken sollte.
"Wie können wir Liebe und Glaube in der Kirche so einander zuordnen, dass ihre Einheit erkennbar und lebbar ist?"
Ist es eigentlich verkehrt, wenn man heutige Spannungen zwischen Kirche und Diakonie genau auf diesem Hintergrund sieht? Ist es nicht so, dass diakonisches Handeln sich aus dem Dienst des Pfarramtes, ja auch aus unseren Gemeinden langsam verabschiedet hat? Große diakonische Einrichtungen werden geschaffen, auch Sozialstationen, die kaum noch einen Bezug zur Gemeinde haben. Besteht nicht die Gefahr, dass mit dieser Auswanderung des Diakonischen aus dem Gemeindealltag die ursprüngliche Einheit von Wortdienst und Tischdienst, von Glaube und Liebe, von Verkündigung und Nächstenliebe zu zerbrechen droht? Ist nicht dies kennzeichnend für das Erscheinungsbild von Kirche, dass wir auf der einen Seite eine gut, z.T. perfekt organisierte Nächstenliebe im Bereich der Diakonie haben und auf der anderen Seite eine Verkündigung des Wortes Gottes, die nur allzu oft lieblos und damit leblos geworden ist? Wie können wir Liebe und Glaube in der Kirche so einander zuordnen, dass ihre Einheit erkennbar und lebbar ist? Wie können wir diakonische Gemeinde sein, indem wir in unsere Verkündigung die Hilfe für den Nächsten einbeziehen und in der Hilfe für den Nächsten Gottes Wort verkündigen?
Wort und Dienst sind untrennbar verbunden
Es darf in einer Kirche keine Trennung zwischen dem Zeugnis des Wortes und dem Dienst am Nächsten geben. Es darf die zum Glauben einladende Verkündigung nicht ausgespielt werden gegen das soziale Engagement der Kirche, der Gottesdienst nicht gegen die Diakonie. Vielmehr müssen beide Handlungsformen als sich ergänzende Gestaltungen der missionarischen Grunddimension von Kirche verstanden werden. „Unser Glaube hat Hand und Fuß.“ So haben wir einmal in den Leitsätzen unserer Landeskirche formuliert. „Unser Glaube hat Hand und Fuß.“ Weil dies so ist, weil das Wort- und das Tatzeugnis untrennbar zusammengehören, müssen Gemeinden ihre diakonischen Aufgaben als unverzichtbaren Teil ihres Auftrags wahrnehmen und müssen andererseits diakonische Einrichtungen und die dort Mitarbeitenden für die missionarische Dimension ihrer Arbeit offen sein. In den letzten Jahren war die diakonische Arbeit stark geprägt vom Hang zur Spezialisierung und Professionalisierung einzelner Arbeitsfelder. Dies hat dazu geführt, dass viele Gemeinden ihre diakonische Verantwortung an Spezialisten delegiert haben. Jetzt gilt es, die diakonische Kompetenz der Gemeinden neu zu stärken und die missionarische Qualität diakonischen Handelns wieder bewusst zu machen.
"Was mit den Lippen bekannt wird, muss mit Taten der Liebe bezeugt werden."
Ich bitte Sie: Zeigen Sie täglich durch Ihre Arbeit, dass unser Glaube „Hand und Fuß“ hat. Es gibt keinen Glauben ohne diakonische Verantwortung und keine rechte Diakonie ohne Verankerung im Wort Gottes. Was mit den Lippen bekannt wird, muss mit Taten der Liebe bezeugt werden. Die Einheit von Diakonischem und Geistlichem ist das Spezifikum kirchlicher Arbeit, sozusagen der Markenkern der Kirche. Geistliches Leben und Dienst am Nächsten sind untrennbar verbunden. Um dieser Erinnerung willen bin ich gern zu Ihnen nach Helmstadt gekommen. Amen.
