Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Kol 3,12-17
Liebe Gemeinde,
Wie hieß es noch gleich im 3. Kapitel des Kolosserbriefes: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“
Mit dem Hören fängt es an
„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, in all seiner Fülle.“ Welch eine eigenartige Mahnung, die so im ganzen Neuen Testament einzigartig ist. Kann denn ein Wort wohnen? Und ob. Es kann sich einnisten in unserem Kopf. Es kann sich festsetzen in unserem Herzen. Wir kennen dies, wenn uns ein bestimmtes Wort nicht mehr loslässt. Wie viele Worte haben sich bei uns in Kopf und Herz eingenistet! Wie viele Worte begleiten uns von Kindheit an und sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, so dass sie - bewusst oder unbewusst - unser Denken und Fühlen, Sprechen und Handeln beeinflussen! Wie gut, wenn das nicht nur Ermahnungen und Verbote sind, die sich bei uns einmieten. Wie gut, wenn auch tröstende und stärkende, motivierende und wegweisende Worte in uns und unter uns wohnen - wie damals bei Maria, die alle Worte der Hirten im Stall von Bethlehem behielt und in ihrem Herzen bewegte.
"Wenn unser Herz voll ist, dann wollen unsere Hände nicht untätig sein. Genau so ist es mit dem Wort Christi. Wenn wir es hören in seiner Fülle, dann wohnt es nicht nur in unserem Herzen."
Mit dem Hören eines Wortes fängt es oft an. Und wenn ein Wort unser Herz erfüllt, dann bleibt es nicht bei einer Herzenssache. Schon der Volksmund sagt es: „Wes’ das Herz voll ist, des’ geht der Mund über.“ Worte, die in unserem Herzen wohnen, die wollen auch raus. Sie wollen aus vollem Herzen gesprochen werden mit unserem Mund, lehrend, mahnend und singend. Und auch das andere kennen wir: Wenn unser Herz voll ist, dann wollen unsere Hände nicht untätig sein. Genau so ist es mit dem Wort Christi. Wenn wir es hören in seiner Fülle, dann wohnt es nicht nur in unserem Herzen. Nein: Herzen, Mund und Hände werden von diesem Wort bewegt und erfüllt. Was in unserem Herzen wohnt, das will hinaus in Wort und Tat. Darum folgert der Verfasser des Kolosserbriefes: „Lehrt und mahnt einander in aller Weisheit und singt mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus.“
Herz, Mund und Hände
Das Wort Christi, das Herzen, Mund und Hände bewegt, das ist zum einen das Wort der Versöhnung. Wir geben es weiter, wenn wir an Christi Statt bitten: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Das Wort Christi, das in seiner ganzen Fülle unter uns wohnt, das ist zum andern das Wort des Friedens, das der Auferstandene zu seinen Jüngern spricht, wenn er zu ihnen tritt: „Friede sei mit euch!“ Christi Wort der Versöhnung und des Friedens will unter uns und in uns wohnen. Es drängt darauf, sich reichlich unter uns zu entfalten. Die Fülle des Wortes Christi entfaltet sich in unserem Reden und in unserem Tun, in unserem sonntäglichen Gottesdienst ebenso wie im Alltag der Welt. „Herz, Mund und Hände“ - das ist der Dreiklang, in dem das Wort Christi im Leben eines Christenmenschen erklingt.
"Mit unserem Singen fließt unser Mund über von dem, wovon unser Herz voll ist."
Es gibt also einen ganz unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Singen und Sagen von Gottes Frieden und unseren Taten der Versöhnung. Mit unserem Singen fließt unser Mund über von dem, wovon unser Herz voll ist. Dankbar antworten wir auf das, was Gott gesagt und getan hat. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Und wes` das Herz voll ist, des` fließt nicht nur der Mund über, sondern auch dessen Hände werden rege. Indem wir mit unserem Mund von Gottes Frieden singen und mit unseren Händen Versöhnung stiften, antworten wir dankbar auf Gottes Tun und lassen das Wort Christi in aller Fülle unter uns wohnen. Deshalb gehören das Singen und das Tun des Gerechten so untrennbar zusammen, wie es Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt gebracht hat: „Nur wer für die Juden schreit, hat das Recht gregorianisch zu singen.“ Deshalb passt zum Sonntag Kantate auch so wunderbar die Geburtstagsfeier für eine Organisation, für die Taten der Versöhnung und des Friedens von Anfang an im Mittelpunkt standen. Das Wort Christi mit dem Mund weiterzugeben und davon zu singen ist das eine. Dem Wort Christi mit den Händen Gestalt zu geben und durch Taten der Versöhnung zu bezeugen ist das andere. Beides gehört zusammen, die Worte von Jesus Christus und die Werke, die in seinem Namen geschehen. Durch beides danken wir Gott - mit Herzen, Mund und Händen.
Zeichen der Sühne und des Friedens
„Lasst das Wort Christi, das Wort von der Versöhnung und vom Frieden, reichlich unter euch wohnen.“ Genau daran orientiert sich die Aktion Sühnezeichen seit ihren Anfängen vor genau 50 Jahren. Im Jahr 1958, manche der Älteren unter uns mögen sich noch erinnern, war in beiden deutschen Staaten die Wiederbewaffnung angelaufen, und in Westdeutschland wurde im April jenes Jahres um die Atomrüstung der Bundeswehr debattiert - und dies nur 13 Jahre nach einem verheerenden Krieg, der von deutschem Boden ausgegangen war. In dieser Situation war es die Erkenntnis einiger Weniger, dass die Fülle des Versöhnungswortes Christi in Wort und Tat aller Welt bezeugt werden müsse. Es waren Männer wie der Magdeburger Synodalpräses Lothar Kreyssig und der Berliner Pfarrer Franz von Hammerstein, die im Jahr 1958 Christi Wort des Friedens eigene Taten der Versöhnung folgen ließen. Während der Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Berlin verlas Lothar Kreyssig seinen Aufruf mit dem Titel „Wir bitten um Frieden“. In ihm heißt es: „Wir Deutschen haben den zweiten Weltkrieg begonnen und schon damit mehr als andere unermessbares Leiden der Menschheit verschuldet: Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden umgebracht… Wir haben vornehmlich darum noch immer keinen Frieden, weil zu wenig Versöhnung ist… Wir bitten die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen… in ihrem Land etwas Gutes zu tun; ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnütziges wollen, als Sühnezeichen zu errichten.“
Mit den eigenen Händen Zeichen der Sühne errichten und damit dem Frieden Wurzeln zu geben, dem Wort Christi von der Versöhnung mit Wort und Tat zu antworten, darum ging es Lothar Kreyssig. Seinem Aufruf folgten damals 79 Synodale. Dennoch war diese Aktion ein großes Wagnis, denn der Ruf zur Sühne wurde damals nicht von allen Deutschen gern gehört. Auch fand er in vielen Ländern kein Gehör. Die Regierungen der UdSSR, von Polen und Israel lehnten die Initiative ab. Der Idee der Aktion Sühnezeichen öffneten sich jedoch Holland und Norwegen. So wurden im Jahr 1959 durch Freiwillige im niederländischen Ouddorp ein Ferienhaus für Arbeiter und im norwegischen Trastad ein Wirtschaftsgebäude in einem Heim für behinderte Kinder errichtet, ein - wie Kreyssig es nannte - „bescheidenes Werk der Nächstenliebe und des Friedens“. Im Jahr 1961 kamen weitere Projekte in Griechenland, England und Frankreich hinzu, so vor allem der Bau der Versöhnungskirche in Taizé, ehe dann im Oktober 1961 die erste Gruppe in einem israelischen Kibbuz ihre Versöhnungsarbeit aufnehmen konnte. Seitdem haben mehr als 10.000 Menschen an Arbeitseinsätzen im In- und Ausland teilgenommen. Bis heute arbeiten Freiwillige in Gedenkstätten und betreuen Holocaust-Überlebende - inzwischen in 13 Ländern weltweit. Gegründet wurde die Aktion Sühnzeichen als eine gesamtdeutsche Organisation. Durch die deutsche Teilung aber war den ostdeutschen Freiwilligen eine Teilnahme an den Arbeitseinsätzen im Ausland nicht möglich. So entwickelte sich im Osten Deutschlands die Tradition der Sommerlager, die bis heute mit zahlreichen Sommerlagern in vielen Ländern der Erde weitergeführt wird.
Dankbarer Gottesdienst im Alltag der Welt
„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, indem ihr Herzen, Mund und Hände von diesem Wort bewegen lasst. Singt dankbar von Gottes Frieden, sagt das Wort von der Versöhnung weiter und errichtet mit euren Händen Zeichen der Sühne, Zeichen der Versöhnung.“ So höre ich die Worte aus dem Kolosserbrief als eine große Einladung an uns, als Einladung zu einem christlichen Leben, das sich als dankbarer Gottesdienst gestaltet mit Herzen, Mund und Händen - im sonntäglichen Singen ebenso wie in alltäglichen Schritten der Versöhnung,
seien es nun Taten der Versöhnung an Orten, wo wir zerstritten sind mit Menschen,
seien es Taten der Versöhnung, die wir dringend brauchen im Miteinander mit Menschen anderen Glaubens, anderer Religion oder anderer Kultur in unserem Land,
seien es Taten der Versöhnung, die so bitter nötig sind in vielen Ländern der Erde, auf dem Balkan ebenso wie in Tibet und China, im Heiligen Land ebenso wie in Simbabwe oder Kenia.
"Der 50. Geburtstag der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste erinnert uns daran, dass wir es nicht beim dankbaren Singen von Gottes Versöhnung belassen können, wenn das Wort Christi in aller Fülle unter uns wohnen will."
Dankbarer Gottesdienst im Alltag der Welt wird gelebt, wo Zeichen der Versöhnung aufgerichtet werden, ebenso in Ländern, die ehemals mit uns verfeindet waren, wie auch in unserem eigenen Land. Gerade erst wurde mir bei der Visitation des Kirchenbezirks Kehl bewusst, wie sehr heute - 63 Jahre nach Kriegsende - Ehen zwischen ehemals Verfeindeten, Ehen zwischen Franzosen und Deutschen den Lebensalltag in dieser Grenzregion zwischen Baden und Elsass prägen. Oder machen wir uns nur klar, wie viele katholisch-evangelische Ehen heute zur Normalität unseres Zusammenlebens gehören, was vor gar nicht langer Zeit noch nahezu undenkbar war. Auch das sind Zeichen der Versöhnung, die wir dringend brauchen in unserer oftmals zerrissenen Welt.
Der 50. Geburtstag der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste erinnert uns daran, dass wir es nicht beim dankbaren Singen von Gottes Versöhnung belassen können, wenn das Wort Christi in aller Fülle unter uns wohnen will. Es will bewegt werden in unserem Herzen, gesungen und gelehrt mit unserem Mund und bezeugt mit unseren Händen.
Und der Friede Christ, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen.
Amen.
