Liebe Schwestern und Brüder!
Gesundheit - höchstes Gut? Diese Frage steht als Thema über der diesjährigen „Woche für das Leben“, die wir heute eröffnen. An diesem Ort, den viele Menschen aufsuchen, um Gesundheit wieder zu erlangen, und an dem manche erfahren, dass sie mit einer Krankheit werden leben lernen müssen. An einem Ort, an dem Gefährdungen der Gesundheit besonders sensibel wahrgenommen werden; an einem Ort, an dem in besonderer Weise danach gefragt wird, was noch trägt, wenn Gesundheit beschädigt wird.
Höchstes Gut?
Gesundheit - höchstes Gut? Fast müssten wir dies glauben, denn eine hoch entwickelte Medizin verstärkt die Hoffnung unzähliger Menschen, von Krankheiten geheilt zu werden; scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten der Herstellung von Gesundheit scheinen sich aufzutun. Der Fitnesskult unserer Gesellschaft suggeriert, dass nur der gesunde Mensch ein wirklich sinnvolles Leben führen kann, und Anti-Aging-Kampagnen wollen uns glauben machen, es gäbe probate Mittel gegen das Altwerden und damit auch für ein lebenslanges Gesundbleiben.
"Gesundheit ist eine wichtige Rahmenbedingung des Lebens. Aber sie taugt nicht als Lebensinhalt."
Gesundheit - höchstes Gut? Was tun wir, wenn wir dies so sagen? Vergötzen oder vergöttern wir mit dieser Redeweise nicht die Gesundheit? Im Vorfeld der Woche für das Leben hat der katholische Theologe und Psychotherapeut Manfred Lütz ein bemerkenswertes Interview gegeben. In ihm sagt er: „Gesundheit als höchstes Gut zu propagieren, ist eine Anleitung zum Unglücklichsein… Gesundheit ist eine wichtige Rahmenbedingung des Lebens. Aber sie taugt nicht als Lebensinhalt. Wenn Menschen versuchen, sich mit religiöser Inbrunst das ewige Leben durch die Verrichtung guter Gesundheits-Werke… zu verdienen, gehen sie in die Irre… Die Gesundheitsreligion ist völlig egoistisch… Man kann mit wenig Euros in armen Ländern ein Leben retten. Stattdessen lässt man sich bei uns für viel Geld die Haut stramm ziehen.“
Gesundheit - höchstes Gut? Nicht zu schnell sollten wir dies als eine rhetorische Frage abtun. Welch hohes Gut unsere Gesundheit ist, merken wir spätestens dann, wenn es uns an etwas gebricht, wenn unsere Gesundheit beschädigt ist. Wenn sich in unserem Leben eine Wunde auftut, sei es ein körperliches oder ein seelisches Gebrechen. Neigen wir dann nicht dazu, Gesundheit als das höchste Gut zu bezeichnen?
Lebensfülle ist mehr
Gesundheit - höchstes Gut? Der Blick hinein in biblische Texte lehrt uns anderes. Der Blick auf den leidenden Christus lehrt uns, dass Lebensfülle mehr ist als Gesundheit und Unverwundetsein. Der Blick auf den Gekreuzigten, zu dem Gott an Ostern sein Ja gesprochen hat, lässt uns das wirklich höchste Gut erkennen, auf das wir im Leben und im Sterben setzen dürfen: Die Begleitung durch den liebenden Gott in allen Phasen unseres Lebens, auch im Leiden. Oder wie es das Thema ausdrückt, das in den Jahren 2008-2010 der ökumenischen „Woche für das Leben“ seine Grundausrichtung gegeben hat: „Gesund oder krank - von Gott geliebt“. Mit dieser Themenwahl ist die Richtung gewiesen, in die wir als Christenmenschen denken dürfen, wenn wir Gesundheit zwar als hohes, nicht aber als höchstes Gut bezeichnen: Die Erfahrung von Gottes Liebe ist das höchste Gut, das all unser Gesundsein und Kranksein, all unser Heilsein und unsere Wunden umfasst. Gottes Liebe lässt uns hier und da schon erfahren, dass unser Leben heil sein kann – in der Hoffnung auf das Reich Gottes, in dem der ganzen Schöpfung Heilung an Leib und Seele verheißen ist.
Kraft zum Menschsein
Gesundsein, Heilsein ist also mehr – und manchmal anderes - als ein gesunder Körper. Gesundheit, so hat der Theologe Karl Barth formuliert, ist Kraft zum Menschsein. Medizin, Pflege und Seelsorge fördern je auf ihre Weise diese Kraft zum Menschsein. Herzlichen Dank darum allen, die sich dafür hier im Klinikum haupt- und ehrenamtlich engagieren.
"Und mir wurde bewusst, wie ungemein wichtig es angesichts all der offenen Wunden in Kinderseelen und -körpern ist, von der heilenden Liebe Gottes erzählen zu können, die alle Wunden umschließt."
Uns der umfassenden Liebe Gottes und seiner Heilsverheißung zu vergewissern, ohne die Wunden in unserem Leben zu verdrängen, sind wir zu diesem Gottesdienst zusammengekommen.(...)
Zuvor hatte ich die Kinderklinik besucht. Ich wurde dort mit einer Lebensrealität von Menschen konfrontiert, die das hohe Gut Gesundheit nicht erleben, weil sie chronisch krank sind, oder mit chronischer Erkrankung ihrer Kinder umgehen müssen. Und doch habe ich dort auch viel Lebensmut erlebt, vonseiten der Kinder wie ihrer Angehörigen: kleine und große Hoffnungszeichen, kleine und große Erfahrungen des Heilseins inmitten von Krankheit. Ich habe verspürt, wie verletzlich Leben werden kann, aber zugleich auch wie lebenswert. Und mir wurde bewusst, wie ungemein wichtig es angesichts all der offenen Wunden in Kinderseelen und -körpern ist, von der heilenden Liebe Gottes erzählen zu können, die alle Wunden umschließt. Von dieser Liebe Gottes wollen wir in diesem Gottesdienst künden, zu diesem liebenden Gott wollen wir beten.
