Liebe Gemeinde, einen Verabschiedungs- und Begrüßungsgottesdienst feiern wir heute. Nicht so, wie Sie jetzt denken. Nein: Wir verabschieden heute die Kirchenbezirke Wiesloch und Schwetzingen und begrüßen den neuen Kirchenbezirk mit dem wunderbaren Namen „Südliche Kurpfalz“. Wir begrüßen zugleich die erste Dekanin des neuen Kirchenbezirks Pfarrerin Annemarie Steinebrunner und führen sie in ihr Amt ein. Nicht dagegen verabschieden wir Susanne Schneider-Riede aus ihrem Dienst hier in Wiesloch. Wir entpflichten sie lediglich von ihren Aufgaben als Dekanin des nun verabschiedeten Kirchenbezirks Wiesloch. Als Pfarrerin an der Johannesgemeinde, als Pfarrerin an dieser Kirche wird sie ihren Dienst fortsetzen, worüber sich mit ihr viele Menschen in diesem Kirchenbezirk und in dieser Gemeinde freuen.
An diesem „Sonntag des guten Hirten“, wie der Volksmund den Sonntag Misericordias Domini nennt, an diesem Sonntag werden wir in der Predigt von Christus, dem großen Hirten seiner Gemeinde, hören.
Und von diesem Hirtenamt nun heißt es im 1. Petrusbrief ermahnend:
„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist…nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.“
Ganz gewiss ist dies nun nicht vorrangig oder ausschließlich moralisch zu verstehen, wenngleich es gewiss nicht von Schaden ist, wenn eine Dekanin auch in ihrem Lebenswandel möglichst wenig Anstoß gibt. Auch ist wohl nicht erwartet, dass eine Dekanin in dem Sinn ein Vorbild darstellen soll, dass sie in ihrem Glauben unangefochten sei, eine Glaubensheldin sozusagen. Nein, ich möchte das Wort aus dem 1. Petrusbrief nicht verstehen als Ermahnung zu moralischer Vollkommenheit oder als Aufforderung zu unangefochtenem Glauben. Das Vorbildliche des Wirkens als Hirtin soll der Verzicht auf Herrschaft sein. Im griechischen Urtext steht hier ein Wort, das wir am besten mit „gewalttätig über jemanden herrschen“ übersetzen sollten. Darin also sollen Sie Vorbild in Ihrem Hirtenamt sein, dass Sie nicht gewalttätig über andere Macht ausüben. Mit dem Dekansamt ist Ihnen Macht übertragen. Der angemessene Umgang mit dieser Macht, das ist es, was das Vorbildliche am Hirtendienst im Dekansamt ausmacht.
Dazu gehört vor allem das Teilhabenlassen vieler an Entscheidungsprozessen und Informationsabläufen, das Einbeziehen anderer mit ihren Gaben und Fähigkeiten in den gemeinsamen Dienst, das Ernstnehmen der Interessen anderer und das Wahrnehmen ihrer Befindlichkeiten. Nicht die Machtlosigkeit macht das Besondere eines kirchlichen Leitungsamtes aus - auch wenn manche das gerne so hätten -, sondern die Orientierung der Machtausübung an dem „Erzhirten der Kirche“, wie der 1. Petrusbrief Jesus Christus nennt. Darin genau unterscheidet sich die in der Kirche übertragene Macht von der in vielen weltlichen Bereichen, dass sie eine durch die Orientierung an Jesus Christus beschränkte Macht ist. Er, der gute Hirte, er, das wahre Vorbild seiner Herde, verzichtete auf Herrschaft, so vollkommen, dass er sein Leben ließ für die Schafe. An diesem Erzhirten sich zu orientieren, das ist allen aufgetragen, die ein Hirtenamt in der Kirche bekleiden. Bei ihm muss jeder Pfarrer, jede Pfarrerin im Gemeinde-, im Dekans- oder im Bischofsamt in die Schule gehen, wenn er oder sie den Hirtendienst als Vorbild der Gemeinde ausüben will.
Liebe Frau Steinebrunner, auch wenn es nicht Ihrem Naturell entspricht, so werden Sie dennoch als Dekanin immer wieder auch die Verführung spüren, Macht zur Herrschaft zu gebrauchen. Und sollten Sie wirklich einmal dieser Verführung in Ihrem Dienst als Oberhirtin des Bezirks erliegen, dann dürfen Sie um die Chance der Vergebung durch Jesus Christus unseren guten Hirten, wissen. Auf solche Vergebung sind alle angewiesen, die einen Hirtendienst ausüben. Ohne solche erfahrene Vergebung, die wir als Pastorinnen und Pfarrer anderen zusprechen, könnten wir unseren Hirtendienst in der Kirche nicht wahrnehmen. Darum ist es so wichtig, dass wir am Tag Ihrer Einführung heute das Abendmahl miteinander feiern. Hier dürfen wir schmecken, wie freundlich unser guter Hirte ist und wie er uns immer neu zum rechten Hirtendienst in seiner großen Herde zurüstet.
Ermahnt von unserem Erzhirten zum rechten Hirtendienst und seiner liebenden Vergebung vergewissert wollen wir nun Susanne Schneider-Riede von ihrem Hirtendienst als Dekanin des Kirchenbezirks Wiesloch entpflichten, und Annemarie Steinebrunner in ihr Amt als Dekanin des Kirchenbezirks Südliche Kurpfalz einführen. Dazu gebe uns Jesus Christus, unser Erzhirte, seinen Segen. Amen.
